2. Bundesliga 20/21: Der Team-Check – Teil 4

Es geht wieder los – Die 2. Bundesliga startet am 17. September. Zeit also sich die einzelnen Teams etwas genauer anzuschauen und eine leichte Prognose abzugeben (sofern dies bei offenem Transfer-Fenster bis in den Oktober überhaupt möglich ist). Der MillernTon tut dies mit einer 5-teiligen Artikel-Serie, die Stück für Stück in den nächsten Tagen erscheinen wird. Heute werfen wir einen Blick auf die beiden Aufsteiger und zwei Teams, die oben mitspielen können.
(Titelbild: Stefan Groenveld)
Teil 1 des Team-Checks findet ihr hier, den zweiten Teil hier und Teil 3 ist hier auffindbar.

Holstein Kiel

Zugänge:
Ahmet Arslan (OM, 26, VfB Lübeck), Simon Lorenz (IV, 23, VfL Bochum), Marco Komenda (IV, 23, SV Meppen), Thomas Dähne (TW, 26, Wisla Plock), Fin Bartels (HS, 33, Werder Bremen), Niklas Hauptmann (ZM, 24, 1. FC Köln (Leihe)), Jonas Sterner (ZM, 18, eigene U19), Benjamin Girth (MS, 28, VfL Osnabrück (Leih-Ende)), Noah Awuku (RA, 20, Chemnitzer FC (Leih-Ende)), Daniel Hanslik (MS, 23, Hansa Rostock (Leih-Ende))
Abgänge:

Young-jae Seo (LV, 25, Daejeon Hana), Dominik Schmidt (IV, 33, MSV Duisburg), Timon Weiner (TW, 21, 1. FC Magdeburg (Leihe)), Tobias Fleckstein (IV, 21, MSV Duisburg), Timon Weiner (TW; 21, 1. FC Magdeburg (Leihe)), Philipp Sander (ZM, 22, SC Verl (Leihe)), Emmanuel Iyoha (MS, 22, Fortuna Düsseldorf (Leih-Ende)), Darko Todorovic (RV, 23, RB Salzburg (Leih-Ende)), Salim Khelifi (RA, 26, FC Zürich (Leih-Ende)), Salih Özcan (ZM, 22, 1. FC Köln (Leih-Ende))

Vergangenheit
Es haben sich inzwischen viele an ihm versucht: Der SC Paderborn, Borussia Mönchengladbach, Eintracht Braunschweig und auch der FC St. Pauli. Von außen betrachtet scheiterte die Arbeit von Andre Schubert nie an den Ergebnissen, sondern eher an Disharmonien im zwischenmenschlichen Bereich. So passierte es auch bei Holstein Kiel kurz nach Beginn der Saison 19/20, wo ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass die Ergebnisse „nicht ausschlaggebend“ waren. Eine deutliche Spitze in Richtung der hinlänglich bekannten zwischenmenschlichen Probleme, die Schubert auf seinen Stationen immer wieder begleiteten. Da half es auch nicht, dass mit der Verpflichtung von Schubert zu Saisonbeginn auch Fabian Boll als Co-Trainer an die Seitenlinie in Kiel wechselte. Es kam noch doller: Nur knapp einen Monat nach der Entlassung Schuberts wurde auch Sportchef Fabian Wohlgemuth entlassen. Für ihn kehrte ein alter Bekannter nach Kiel zurück: Uwe Stöver.
An der Seitenlinie stand in der Zwischenzeit mit Ole Werner der vormalige U23-Trainer Kiels. Dieser machte seine Sache gut, sodass im Winter entschieden wurde, dass die Arbeit mit ihm fortgesetzt wird.
Und Kiel macht seine Sache wirklich gut, trotz aller Widrigkeiten. Denn wie auch schon nach der Saison 17/18, als nach dem verpassten Aufstieg in der Relegation mit Dominick Drexler, Marvin Ducksch und Rafael Czichos elementare Spieler und auch Trainer Markus Anfang den Klub verließen, gab es im Sommer 2019 wieder einen heftigen Umbruch im Kader: David Kinsombi, Kingsley Schindler und Atakan Karazor verließen den Klub. Auch Trainer Tim Walter zog es weg (zum VfB Stuttgart).
Trotzdem machte Kiel seine Hausaufgaben und holte einmal mehr mit kluger Transferpolitik Spieler in den hohen Norden, die dem Klub zu einer Saison im gesicherten Mittelfeld verhalfen und weiterhin, wie die Jahre zuvor, trotz wechselnder Trainer für einen mutigen und aufregenden Offensivfußball standen. Zwischenzeitlich, nach 23 Spieltagen, hatte Kiel sogar Kontakt zu den Spitzenrängen – und hätte der Klub mehr aus seinen Chancen gemacht, dann wäre auch weit mehr möglich gewesen. Aber mit nur zwei Siegen aus den letzten zwölf Spielen wurde eine bessere Platzierung verspielt.

Gegenwart
Holstein Kiel bleibt also auch in der Saison 20/21 der zweiten Liga erhalten. Allerdings sind die Vorzeichen diese Saison etwas anders. Denn Ole Werner ist auch weiterhin Trainer in Kiel und der Kader wurde wieder mal auf den ersten Blick klug verstärkt: Mit Simon Lorenz und Marco Komenda wurden zwei Innenverteidiger geholt. Gerade diese Position ist in Kiel von enormer Wichtigkeit, da sie für den Spielaufbau hauptverantwortlich sind (der Text bezieht sich zwar auf die Spielweise unter Tim Walter, aber ist auch letzte Saison in Kiel, wenngleich nicht mehr so extrem, gespielt worden). Wir sollten uns merken: Hauke Wahl ist vermutlich der beste Spielmacher der zweiten Liga. Im zentralen Mittelfeld agieren Jonas Meffert und Alexander Mühling inzwischen routiniert und noch weiter vorne spielt mit Jae-sung Lee ein Spieler, den nicht umsonst viele höherklassige Teams auf dem Zettel haben. Noch dazu dürfte der Angriff mit den beiden talentierten Spielern Fabian Reese und Janni Serra auch nächste Saison für einige Tore verantwortlich sein.
Doch auch in den vorderen Bereichen wurde Verstärkung geholt. Etwas Brisanz bringt womöglich der Wechsel von Stürmer Ahmet Arslan, der den direkten Weg von Lübeck nach Kiel gewählt hat. Leihgabe Niklas Hauptmann hat es bereits vor einigen Jahren in die Top11 einiger Taktik-Blogger geschafft (außer von mir, da ich damals Benatelli in Dresden besser fand…). Mit der Rückkehr von Fin Bartels bekommt Kiel viel mehr Unberechenbarkeit in der Offensive. Bemerkenswert: Diesen Sommer gibt es bis auf die Enden der Leihen von Salih Öczan und Emmanuel Iyoha keine nennenswerten Abgänge. Der Kader wurde zusammengehalten.
Auch abseits des Platzes setzt der Klub seinen Weg fort und hat in der vergangenen Saison den Ausbau des Stadions vorangetrieben.
Doch so richtig rund läuft die Vorbereitung nicht: Nach einem Sieg gegen den FCSP setzte es drei Niederlagen in Folge und Trainer Ole Werner machte schon auch deutlich, dass er sich da mehr von seinem Team erwartet. Zudem werden Lee und Serra Wechselabsichten nachgesagt, da sich beide im letzten Vertragsjahr befinden.

Uwe Stöver, Sportdirektor von Hosltein Kiel hatte einen ereignisreichen Sommer.
(c) Peter Boehmer

Zukunft
Ich will ganz ehrlich sein und mache es kurz: Wenn ich mich auf nur einen Klub festlegen müsste, der nächste Saison aufsteigt, dann wäre es Holstein Kiel. Denn bleibt der Kader so zusammen und schlagen die Neuzugänge Bartels und Hauptmann so ein, wie es möglich erscheint (und zünden die Außenspieler Atanga und Baku eine komplette Saison), dann sehe ich keinen anderen Klub, der Kiel das Wasser reichen kann.
Aber es ist Ende August während ich diese Zeilen schreibe und die Gerüchte um die Angänge von Lee und Serra nehmen nicht ab. Vor allem Lee ist einer dieser Unterschied-Spieler, die ein Team zum Aufstieg zwingend braucht. Trotzdem: Sollte der Kader zum Saisonauftakt und nach Schließen des Transferfensters noch so beisammen sein, dann ist Holstein Kiel mein persönlicher Tipp auf den Aufstieg.

1. FC Nürnberg

Zugänge:
Manuel Schäffler (MS, 31, SV Wehen Wiesbaden), Tom Krauß (DM, 19, RB Leipzig (Leihe)), Christian Früchtl (TW, 20, Bayern München (Leihe)), Sarpreet Singh (OM, 21, Bayern München U23 (Leihe)), Noel Knothe (IV, 21, eigene U23), Benas Satkus (IV, 19, eigene U19), Simon Rhein (DM, 22, Würzburger Kickers (Leih-Ende)), Kevin Goden (RV, 21, Eintracht Braunschweig (Leih-Ende)), Pascal Köpke (MS, 24, Hertha BSC)
Abgänge:

Törles Knöll (MS, 22, Slaven Belupo), Mikael Ishak (MS, 27, Lech Posen), Patrick Erras (DM, 25, Werder Bremen), Ondrej Petrak (DM, 28, Slovan Bratislava), Sebastian Kerk (LA, 26, VfL Osnabrück), Felix Dornebusch (TW, 26, Eintracht Braunschweig), Iuri Medeiros (RA, 26, SC Braga (Leihe)), Michael Frey (MS, 25, Fenerbahce (Leih-Ende)), Philip Heise (LV, 29, Norwich City (Leih-Ende)), Adam Gnedza Cerin (ZM, 21, HNK Rijeka (Leihe))

Vergangenheit
90 Minuten sind rum, der 1. FC Nürnberg liegt in der Relegation in Ingolstadt zurück. Nur ein Tor hilft ihnen um ein weiteres Jahr in der 2.Liga zu verbringen und nicht durchgereicht zu werden. Nach dem Hinspiel, welches sie 2-0 gewannen, hätte wohl niemand geglaubt, dass der Glubb noch einmal ernsthaft zittern müsste. Aber das hier, das ist jetzt kein Zittern mehr, es ist ein Erdbeben. Die reguläre Spielzeit ist rum und weiterhin braucht der FCN ein Tor.
Dabei waren sie mit ganz anderen Vorzeichen in die Saison gestartet. Der direkte Wiederaufstieg war zwar nicht als absolutes „Muss“ benannt worden. Aber es wurde schon damit gerechnet, dass Nürnberg ein gehöriges Wörtchen darum mitreden würde. So war der Saisonstart dann auch ganz ordentlich. Zwar setzte es eine krachende 0-4 Niederlage gegen den HSV, aber nach neun Spieltagen lag der Club auf Platz 6.
Doch an diesem 9.Spieltag ging irgendwas kaputt – im wörtlichen und im übertragenden Sinn. Denn mit dem Kniescheibenbruch den sich Torwart Christian Mathenia in diesem Spiel (gegen den FCSP) zuzog, ging auch eine fast unglaubliche Torwartmisere los. Der 1. FC Nürnberg sollte bis zum Ende der Hinrunde kein einziges Spiel mehr gewinnen.
Das kostete Trainer Daniel Canadi Anfang November den Job an der Seitenlinie. Jens Keller übernahm und führte den Club bis zur Corona-bedingten Unterbrechung zumindest raus aus der direkten Gefahrenzone. Danach folgte jedoch in neun Spielen nur noch ein einziger Sieg. Die Relegation war die Folge. Hierfür wurde dann ein neues Trainer-Gespann installiert: Michael Wiesinger und Marek Mintal.
Die standen also an der Seitenlinie in Ingolstadt und lagen auch in der 95.Minute noch 0-3 hinten. Noch ein langer Ball nach vorne, zurückgeköpft, nochmal ne Kerze rein in den FCI-Strafraum. Urplötzlich taucht Fabian Schleusener frei im Strafraum auf… der FCN spielt auch 20/21 in der 2.Bundesliga.

Zukünftig Sturmspitze in Nürnberg: Manuel Schäffler (hier im Duell mit Luca Zander)
(c) Peter Boehmer

Gegenwart
Doch mit dem Wechsel auf das Duo Wiesinger/Mintal war es nicht getan: Nach der Saison holte der FCN Dieter Hecking als Sportvorstand und Robert Klauß als Chef-Coach. Der war vorher als Co-Trainer unter Julian Nagelsmann und davor als Jugendtrainer bei RB Leipzig aktiv und ist so ziemlich das eigengewächsigste Eigengewächs, dass es in dem Konstrukt RBL überhaupt geben kann. Denn Klauß hat nicht nur als Trainer lange Jahre in Leipzig gearbeitet, nein, er war auch als Spieler dort aktiv. Sogar als Spieler der ersten Stunde und noch davor, als er für den SSV Markranstädt die Stiefel schnürte und dann 09/10 ohne Vereinswechsel Spieler von RB Leipzig wurde.
Robert Klauß hat sicher in der Bewerbung beim FCN das Wort „Aufstieg“ nicht nur einmal verwendet. Das ist nach einer Saison, die erst in der 6.Minute der Nachspielzeit des Relegationsspiels den Klassenerhalt brachte, wohl sehr ambitioniert, daher werden die Club-Verantwortlichen medial auch schön den Ball flach halten bei dem Thema. Aber hinter den Kulissen wurde für dieses Ziel nicht nur ein neuer Trainer an die Seitenlinie geholt, es wurde auch massiv in den Kader investiert. Auf der Torwartposition wurde Christian Früchtl von Bayern München ausgeliehen. Möge er eine Saison unverletzt überstehen, denn aktuell sind bereits wieder zwei der vier Keeper im Kader verletzt. Im defensiven Mittelfeld ersetzt Tom Krauß (übrigens nicht verwandt mit dem neuen Trainer, aber sein Vater war Trainer in Markranstädt.) den zu Werder Bremen abgewanderten Patrick Erras (neben dem Leih-Ende von Michael Frey aus meiner Sicht der (bisher) einzig nennenswerte Abgang). Zusätzlich ist der junge Simon Rhein, der eine bemerkenswerte Saison in Würzburg auf der Sechs spielte, nach Nürnberg zurückgekehrt.
Weiter vorne hat der FCN seine Königs-Transfers gemacht: Manuel Schäffler, der letzte Saison satte 19 Treffer für Wehen Wiesbaden erzielte, wird zukünftig der Tank vorne drin sein. Diese Position war toremäßig auch wirklich ein wunder Punkt letzte Saison, da die drei Mittelstürmer Knöll, Ishak und Frey zusammen nur sieben magere Tore zustande brachten. Zusätzlich wurde noch Pascal Köpke aus Berlin nach Nürnberg gelotst, der 16/17 und 17/18 jeweils zweistellig für Aue in der 2.Liga getroffen hat und ja auch Sohn der Glubb-Legende Andreas Köpke ist.
Wenn man sich für einen Königstransfer entscheiden müsste, dann würde ich auf Sarpreet Singh setzen, der leihweise von Bayern München kommt. Der erst 21-jährige hat sich nach seinem Wechsel aus der A-League überraschend schnell an den Fußball in der 3.Liga angepasst und mit 14 Torbeteiligungen in nur 26 Spielen aufhorchen lassen. So sehr, dass er das Ende der Saison bei den Profis des FCB verbrachte. Die Leihe in die 2.Liga ist also der logische nächste Zwischenschritt.
Wie alt dieser Text bereits ist, könnt ihr daran erkennen, dass ich nun ein paar Zeilen zu Robin Hack schreibe, der vermutlich bei der Veröffentlichung gar nicht mehr Spieler des FCN sondern des effzeh sein wird (ich habe sie nun gelöscht).
Doch auch der restliche Kader gibt einiges her. Da wäre zum Beispiel Lukas Mühl, der sicher zu den besten Innenverteidigern der 2.Liga zu zählen ist oder Tim Handwerker und Fabian Nürnberger, die ebenfalls bereits „gehobenes Zweitliga-Niveau“ haben, aber erst Anfang 20 sind. Zusammen mit den erfahrenen Hanno Behrens, Georg Margreitter und Johannes Geis ist das auf dem Papier eine vielversprechende Mischung

Zukunft
Ihr merkt, ich kann meine Begeisterung ob der Nürnberger Kader-Zusammensetzung nur schwer zurückhalten. Ich schätze den Kader sogar noch stärker ein als letzte Saison. Wenn der Plan mit Robert Klauß dann auch noch aufgeht, dann ist sicher kein Abstiegskampf in Nürnberg angesagt. Und wenn die Saison nicht wieder so außergewöhnlich von Pleiten, Pech und Pannen begleitet wird, dann ist der FCN, selbst ohne Robin Hack, ein Aufstiegskandidat.

Würzburger Kickers

Zugänge:
Fabian Giefer (TW, 30, FC Augsburg), Tobias Kraulich (IV, 21, 1. FC Nürnberg U23), Arne Feick (LV, 32, 1. FC Heidenheim), Robert Herrmann (LM, 27, Erzgebirge Aue), Keanu Staude (LA, 23, Arminia Bielefeld), Florian Flecker (RA, 24, Union Berlin), Patrick Sontheimer (ZM, 22, Greuther Fürth), David Kopacz (OM, 21, VfB Stuttgart), Umut Ünlü (LV, 17, eigene U19), Douglas (IV, 32, vereinslos), Nico Purtscher (TW, 19, TSV Aubstadt (Leih-Ende)), Lion Schweers (IV, 24, SV Elversberg (Leih-Ende))
Abgänge:

Leon Bätge (TW, 22, VSG Altglienicke), Dominik Widemann (LA, 24, Sonnenhof-Großaspach), Johannes Kraus (LV, 21, FC Homburg), Nico Stephan (TW, 19, 1. FC Geesdorf), Yassin Ibrahim (LA, 20, SV Rödinghausen), Fabio Kaufmann (RA, 27, Eintracht Braunschweig), Niklas Zulciak (OM, 26, FC Concordia Buckow/Waldsieversdorf 03), Dave Gnaase (ZM, 23, KFC Uerdingen), Sebastian Schuppan (IV, 33, Karriere-Ende), Kevin Frisorger (IV, 20, FK Pirmasens), Albion Vrenezi (LA, 26, Jahn Regensburg (Leih-Ende)), Simon Rhein (DM, 22, 1. FC Nürnberg (Leih-Ende)), Jonas David (IV, 20, Hamburger SV (Leih-Ende))

Vergangenheit
Was ein letzter Arbeitstag im Fußballer-Leben von Sebastian Schuppan! Es läuft die 93. Minute im Spiel gegen den Halleschen FC. Sein Team, die Würzburger Kickers, lagen im letzten Saisonspiel mit 1-2 hinten und nur mindestens ein Unentschieden hätte den direkten Aufstieg bedeutet. Dann wird Würzburg ein Elfmeter zugesprochen und Schuppan nimmt sich der Sache an. Nerven aus Stahl nennt man das wohl. Schuppan verwandelt sicher und die Würzburger Kickers steigen somit direkt in die 2.Liga auf. Und Schuppan zieht damit einen Schlussstrich unter seine Spieler-Karriere, die unter anderem fünf Aufstiege beinhaltete.
Dass die Würzburger Kickers die Saison 19/20 als Tabellenzweiter beenden würden, war vier Monate vorher nicht einmal ansatzweise absehbar. Denn nach 21 Spieltagen stand der Klub auf Platz 14 und musste ernsthaft nach unten schielen. Doch dann gab es in den folgenden 15 Spielen insgesamt 11 Siege bei nur einer Niederlage und zwei Spieltage vor Ende der Saison fanden sich die Würzburger Kickers urplötzlich auf einem Aufstiegsplatz wieder. Am vorletzten Spieltag setzte es dann ein krachendes 1-5 gegen Viktoria Köln. Die Story vom letzten Spieltag kennt ihr ja bereits.
So wurde auch der Vertrag mit Aufstiegstrainer Michael Schiele verlängert. Und das, obwohl dieser entsprechend der sportlichen Talfahrt im Winter durchaus in der Kritik stand (allerdings nicht innerhalb des Teams). Nach dem Aufstieg ging es dann eher in die andere Richtung: Gerüchte um einen Wechsel nach Braunschweig und Hoffenheim machten die Runde.
Vielleicht hängt der sportliche Aufstieg aber auch ein wenig mit den Veränderungen im Hintergrund zusammen. Das Unternehmen Flyeralarm versucht sich jetzt als Investor und das Modell ist durchaus ähnlich zu einem Brause-Konstrukt. Die Fäden dieses Konstrukts um die Würzburger Kickers und Admira Wacker zieht ein alter Bekannter: Felix Magath. Man darf gespannt sein, wie sich die Würzburger Kickers mit einem solchen Investor im Hintergrund entwickeln. Gute Meme-Vorlagen lieferten sie bereits.

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Gegenwart
Michael Schiele war begehrt, bleibt dem Klub aber erhalten. Sebastian Schuppan hat seine Karriere beendet. Damit standen zwei wichtige Personalentscheidungen frühzeitig fest. Und auch sonst konnte der Kader weitgehend zusammengehalten werden. Einzig der Abgang von Fabio Kaufmann, letzte Saison mit 14 Ligatoren zweitbester Schütze in Würzburg, zum direkten Konkurrenten Eintracht Braunschweig schmerzt den Klub. Ebenfalls Stammspieler letzte Saison waren die Leihgaben Albion Vrenezi und Simon Rhein. Somit sind diese Abgänge sicher schmerzvoll, aber eben auch hinlänglich bekannt.
Ansonsten sind alle wichtigen Säulen der letzten Saison noch am Start. Im Angriff ist Luca Pfeiffer (15 Tore letzte Saison) gesetzt. Für die Position neben ihm (die favorisierte Formation letzte Saison war ein 4-4-2) kommen Dominic Baumannn, Saliou Sanè und der blutjunge Maximilian Breunig in Frage. Ein Loch im Kader prangt lediglich noch auf der Rechtsaußen-Position, wo eben Fabio Kaufmann als Stammspieler agierte. Denn ob Florian Flecker, Neuzugang von Union Berlin, wirklich direkt eine Verstärkung ist verbleibt völlig unklar, da er letzte Saison genau null Spiele machte.
Im Mittelfeld wurden die beiden bisherigen Leihgaben Robert Herrmann und Patrick Sontheimer nun fest verpflichtet. Zusammen mit Dave Gnaase und dem auf St. Pauli nicht unbekannten Niklas Hoffmann ist das ein eingespieltes Konstrukt. Ob die Stuttgarter Leihgabe David Kopacz eine Soforthilfe im offensiven Mittelfeld ist, muss sich erst noch zeigen.
Defensiv wurden Tobias Kraulich und Routinier Arne Feick geholt. Prunkstück ist sicher die rechte Seite mit Frank Ronstadt und Luke Hemmerich. Aber so richtig prunkig ist das auf den ersten Blick nicht: 60 Gegentore in der letzten Saison hat außer Würzburg von den ersten 11 Teams in der Tabelle nur noch die U23 des FCB gefangen.

Zukunft
Einiges ist anders als beim letzten Intermezzo der Würzburger anno 16/17 in der 2.Liga. Die damals von Bernd Hollerbach trainerten Kickers fingen sich im Aufstiegsjahr 15/16 in 38 Spielen nur 25 Gegentore und konnten dann in der Hinrunde 16/17 in der 2.Liga ganze achtmal zu-Null spielen. Es folgte aber ein gandenloser Absturz mit nur sieben Punkten und keinem Sieg in der Rückrunde an dessen Ende der Abstieg stand.
Alleine schon aufgrund der unterschiedlichen, weit offensiveren Ausrichtung (43 Tore aus 15/16 werden von den 71 Toren 19/20 geradezu pulverisiert) werden die Würzburger Kickers die Saison 16/17 nicht wiederholen. Vermutlich werden sie, wie es Aufsteiger immer tun, den Schwung aus dem Aufstiegsjahr mitnehmen können. Möglich ist aber auch, dass die Defensive, die in der 3.Liga bereits das Problemkind war, in der 2.Liga schlicht überfordert sein wird. Entsprechend kommt es auf die ersten Spiele an, wie die Saison verlaufen wird. Wenn Würzburg sich da etwas freischwimmen kann, dann, aber nur dann ist der Klassenerhalt ein nicht unrealistisches Ziel.

Eintracht Braunschweig

Zugänge:
Dominik Wydra (IV, 26, Erzgebirge Aue), Michael Schultz (IV, 27, Waldhof Mannheim), Yassin Ben Balla (DM, 24, MSV Duisburg), Nico Klaß (IV, 23, RW Oberhausen), Fabio Kaufmann (RA, 27, Würzburger Kickers), Felix Dornebusch (TW, 26, 1. FC Nürnberg), Jannis Nikolaou (DM, 26, Dynamo Dresden), Suleiman Abdullahi (MS, 23, Union Berlin (Leihe)), Iba Mey (DM, 22, VfL Wolfsburg U23), Matthias Heiland (ZM, 18, eigene U19), Felix Kroos (ZM, 29, Union Berlin)
Abgänge:

Stephan Fürstner (DM, 32, FSV Mainz 05 U23), Robin Becker (RV, 23, Dynamo Dresden), Roman Biryukov (TW, 21, LSK Hansa), Mike Feigenspan (LA, 25, KFC Uerdingen), Nick Otto (IV, 21, SSV Jeddeloh II), Steffen Nkansah (IV, 24, vereinslos), Marc Pfitzner (DM, 35, vereinslos), Alfons Amade (RV, 20, TSG Hoffenheim U23 (Leih-Ende)), Kevin Goden (RV, 21, 1. FC Nürnberg (Leih-Ende)), Marvin Pouriè (MS, 29, Karlsruher SC (Leih-Ende)), Merveille Biankadi (LA, 25, 1. FC Heidenheim (Leih-Ende)), Orhan Ademi (MS, 28, MSV Duisburg), Bernd Nehrig (DM, 33, Viktoria Berlin)

Vergangenheit
Trainerwechsel zum Start der Saison, mitten in der Saison und noch einmal nach der Saison. Was das ist? Ganz klar die Vita eines Aufsteigers. So zumindest geschehen beim Aufsteiger Eintracht Braunschweig. Die sind nämlich mit dem ehemaligen Co-Trainer Christian Flüthmann in die Saison gestartet, nachdem Andrè Schubert nach Saisonende 18/19 zu Holstein Kiel gewechselt ist. Eine mutige und interessante Personalie, die anfangs Erfolg versprach. Nach gutem Saisonstart (sieben Siege aus acht Spielen bedeuteten die Tabellenführung) wurde es jedoch ein ungemütlicher Herbst: In den folgenden acht Spielen war es genau umgekeht: es gab nur einen Sieg. In der Folge musste Christian Flüthmann weichen. Aus seiner Enttäuschung und dem Unverständnis darüber, machte er später kein Geheimnis.
Auf Flüthmann folgte Marco Antwerpen, der bis Ende der Saison 18/19 die Geschicke von Preußen Münster lenkte. Mit ihm kam anfangs eher die Mittelprächtigkeit, sodass die Braunschweiger vor der Corona-bedingten Unterbrechung auf dem 9. Tabellenplatz lagen. Doch eine starke Serie danach (sieben Siege aus den elf Spielen bis Saisonende) führten noch zum dritten Platz und damit zum direkten Aufstieg (da die FCB U23 bekanntlich trotz Tabellenführung nicht aufsteigen durfte).
Eigentlich alles gut. sollte man meinen. Doch anscheinend gab es unterschiedliche Auffassungen darüber wie der Kader entwickelt, aber auch, wie die Leistung der Saison 19/20 bewertet werden soll. Es folgte die Trennung von Antwerpen nur sieben Tage nach dem Aufstieg. Bemerkenswert.

Gegenwart
Neuer Trainer in Braunschweig ist Daniel Meyer. Der war sicherlich auch ein Thema beim FCSP und bei allen anderen Klubs, die diesen Sommer einen Trainer suchten. Meyer war erst Anfang der Saison 19/20 völlig überraschend bei Erzgebirge Aue entlassen worden. Die Hintergründe dieser Entlassung werfen einmal mehr ein schlechtes Bild auf Aue-Boss Helge Leonhardt, der sich wohl in die Trainingsgestaltung einmischte, sich aber dabei mit Meyer völlig überwarf. Somit hat Eintracht Braunschweig einen Trainer, der bereits mit limitierten Mitteln in Aue gezeigt hat, dass er die Klasse in der 2.Liga halten kann.
Wenn ihr nur einen Spieler bei Braunschweig kennen solltet, dann ist es Martin Kobylanski. Noch müsst ihr euch den Namen des offensiven Mittelfeldspielers merken. Ich vermute aber, dass in wenigen Wochen alle in der 2.Liga wissen werden, was das für ein Spieler ist. Satte 27 Torbeteiligungen hat er aus der letzten Saison vorzuweisen und damit seine 19 aus der Vorsaison (bei Preußen Münster) noch einmal weit übertroffen.
Kobylanski ist sicher das Herzstück der Offensive, die ansonsten eher Fragezeichen aufwirft. Zwei Stützen der letztjährigen Offensive, Merveille Biankadi und Marvin Pouriè, kehrten nach Leihende zu ihren Stamm-Klubs zurück. Mike Feigenspan, acht Torbeteiligungen letzte Saison, kickt jetzt in Krefeld. Somit bleiben in der Offensive nennenswert Marcel Bär (gute 15 Torbeteiligungen) und Nick Proschwitz, der damit zum ersten Mal nach dem „Penis-Gate“ wieder in der 2.Liga aktiv ist. Neu hinzugekommen sind Fabio Kaufmann vom Mitaufsteiger aus Würzburg und Suleiman Abdullahi, der auf Leihbasis von Union Berlin zurückgekehrt ist.
Verstärkt wurde auch das zentrale Mittelfeld: Mit Yassin Ben Balla, Jannis Nikolaou und Iba May nämlich. Das ist auch nötig, da mit Marc Pfitzner, Stephan Fürstner und nicht zuletzt Bernd Nehrig, der auch Kapitän des Teams war, drei Routiniers den Klub verlassen haben. Kurz vor Redaktionsschluss wurde dann auch noch die Verpflichtung von Felix Kroos bekannt, der sicher sofort eine gewichtige Rolle im zentralen Mittelfeld übernehmen kann.
Auch noch weiter hinten gab es einige Veränderungen, vor allem zentral. Zuerst einer neuer Torwart in Person von Felix Dornebusch. Dann sind auch drei Innenverteidiger neu in Braunschweig: Mit Michael Schultz wurde einer der stabilsten Verteidiger der 3.Liga der letzten Saison geholt. Nico Klaß aus Oberhausen hat in den Testspielen überzeugen können. Und Dominik Wydra kennt Daniel Meyer bereits bestens aus seiner Zeit bei Erzgebirge Aue.
Gut möglich, dass diese drei Neuzugänge auch die Dreierkette in Braunschweig bilden. Die liebt Daniel Meyer nämlich und hat dabei immer eine sehr mutige Spielweise im Aufbau favorisiert.

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Zukunft
Der Umbruch des Aufstiegskaders ist nicht zuletzt aufgrund des Trainerwechsels enorm. Viel wird davon abhängen, ob die Spieler mit dem anspruchsvollen Denken von Daniel Meyer zurechtkommen und die Spielweise schnell verinnerlichen. Fraglich bleibt auch, ob die Offensive Zweitliga-Niveau erreichen kann. Hier hängt viel an Martin Kobylanski und den Neuzugängen. Entsprechend schwierig ist eine Prognose. Ich lehne mich aber aus dem Fenster und meine, dass die Trainerposition so gut besetzt ist, dass Eintracht Braunschweig den Klassenerhalt schaffen wird.

// Tim

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