Wer ist Fabian Hürzeler? – Ein Trainerprofil

Das Trainer-Team des FC St. Pauli wurde zur neuen Saison fast komplett erneuert. Neben Chef-Trainer Timo Schultz haben mit Loïc Favé und Fabian Hürzeler zwei neue Co-Trainer ihre Arbeit beim FCSP aufgenommen. Beide möchten wir gerne genauer vorstellen (entsprechend folgt auch in den nächsten Tagen ein solcher Artikel zu Loïc Favé). Und während Loïc Favé vielen, die es mit dem Hamburger Fußball zu tun haben bereits bekannt gewesen sein dürfte, musste der Werdegang des zweiten Co-Trainers von den meisten wohl erst einmal nachvollzogen werden. Bitteschön:
(Titelbild: Peter Boehmer)

Fabian Hürzeler ist erst 27 Jahre alt und damit eigentlich im besten Fußballer-Alter. Seine Spielerkarriere endete auch tatsächlich erst mit Ablauf der vergangenen Saison. Er war nämlich in den letzten Jahren als Spielertrainer des FC Pipinsried aktiv (und hat in drei Jahren bombastische 45 gelbe Karten gesammelt!).
Sehr viel früher, nämlich in der Jugend hat Hürzeler die Schuhe für den FC Bayern München geschnürt. Dort galt er zwar als großes Talent, aber merkte auch schon (hinter dem Link verbirgt sich ein wirklich spannendes Interview), dass es nicht für eine internationale Karriere als Profifußballer reichen würde. Von dort ging es erst nach Hoffenheim und später zurück nach München, allerdings zu 1860. Es folgte die endgültige Entscheidung, dass es nicht als Spieler, sondern als Trainer weitergehen soll. Das schaffte er aber nur so halb als Spieltrainer beim FC Pipinsried, mit dem er erst sensationell in die Regionalliga aufstieg, die Klasse hielt, dann doch wieder abstieg, den Klub aber in der letzten Saison wieder zum Aufstieg führte (zumindest ganz nah dran – die Saison ist noch nicht vorbei).

Um Fabian Hürzeler etwas besser kennenzulernen, habe ich ein paar Fragen an Hubert „Fred“ Fesl stellen dürfen, seines Zeichens Pressesprecher beim Hürzelers Ex-Klub FC Pipinsried:

Moin Fred, Fabian Hürzeler ist neuer Co-Trainer beim FC St. Pauli. Du hast ihn in seiner Zeit beim FC Pipinsried begleitet. Passt der Wechsel aus Deiner Sicht?
Absolut. Fabi ist in meinen Augen ein Trainer, der trotz seines jungen Alters bereits über jede Menge Fähigkeiten in taktischer Hinsicht verfügt. Ich denke in seiner Position als Co-Trainer kann er viel lernen. Es ist für ihn ein Entwicklungsschritt vorwärts und ich wage die Prognose, dass man ihn bald als verantwortlichen Trainer einer Profimannschaft sehen wird.

Fabian Hürzeler hat den FC Pipinsried mit gerade einmal 24 Jahren als Spielertrainer zum Aufstieg in die Regionalliga geführt. Wie kam es dazu, dass ein so junger Trainer einen ambitionierten Fußballklub führte?
Unser damaliger (Kult-)Präsident Conny Höß war auf der Suche nach einem neuen Spieler-Trainer. Seine Philosophie war ja immer, dass er einem Mann zwei Positionen anbietet …. dann spart er sich ein Gehalt!!!
Spaß beiseite. Fabi wurde ja in jungen Jahren als Fußballer bei Bayern München und 1860 München hervorragend ausgebildet. Von daher konnte man sich sicher sein, dass er dem Spiel Qualität verleiht. Als Trainer hat er bis dahin noch nicht gearbeitet, was ein gewisses Wagnis bedeutete. Aber er hat sich von seinen vielen guten Trainern viel abgeschaut und es hat schließlich auch funktioniert.

Hürzeler hat als zentraler Mittelfeldspieler bei Euch agiert. In seiner letzten Saison, ihr seid mit 20 Siegen aus 23 Spielen und keiner Niederlage aufgestiegen, hat er jedoch in nur drei Spielen auf dem Platz gestanden. Warum?
Er hat sich beim Spiel gegen 1860 München II am 3. Spieltag schwer am Knie verletzt und konnte längere Zeit nicht spielen. Als er wieder fit war, funktionierte die Mannschaft bestens und er hat es seinerzeit in etwa so kommentiert: Wenn die Jungs so gut spielen, will ich ja keinem anderen den Platz im Team wegnehmen.

Auffällig ist seine Karten-Statistik: Fabian Hürzeler hat in seinen 87 Spielen für Pipinsried sagenhafte 45 Gelbe, 5 Gelb-Rote und eine Rote Karte gesehen. Was ist da los?
Bei Fabi ist das in etwas so: Beim Anpfiff ist er total fokussiert und hat nur das Spiel im Sinn. Er will jeden Ball haben, da kommts schon mal vor, dass ein Allerweltsfoul passiert. Zuviele davon ergeben dann halt mal eine Gelbe und Gelb/Rote. Was er in seiner Zeit bei uns nie gelernt hat, ist seine Meckerei zu zügeln. Immer wenn er sich oder sein Team durch die Unparteiischen benachteiligt gesehen hat, wurde mit den Schiris diskutiert… dabei weiß man doch, dass noch nie ein Schiri gesagt hat: „Ach so siehst Du das… na dann ändere ich meine Entscheidung“
DAS sollte Fabi dringend lernen. Da gibt’s eine bayerische Weisheit, die besagt: „bevor i mi aufreg, iss mia liaba wurscht!!!“ Nach dem Schlusspfiff senkt sich Puls und Blutdruck schlagartig und er ist wieder der ruhige, besonnene Fabi.

Motivator, General, Animateur, Moderator – Was für ein Trainertyp ist Fabian Hürzeler?
Bis auf den General ist er in meinen Augen alles. Vor allem aber ist er sehr lernfähig.

Und welchen Fußball hat er auf dem Feld spielen lassen?
Das war vom Gegner abhängig. Vermeintlich überlegene Teams wollte er mit Disziplin kontrollieren.
Wenn er bei seinem Team Vorteile gesehen hat, war Ballbesitz die Devise. Das schaute manchmal von draussen etwas behäbig aus, aber es war erfolgreich – meistens zumindest. Zuletzt mit dem Mega-Team in der Bayernliga war stets Attacke angesagt. Da war ein 3:0 oder 4:0 noch nicht genug. DAS hat Spaß gemacht !!!!

Was zeichnet ihn als Trainer aus? Was sind seine Stärken?
Was ich als Nichtspieler beobachten konnte, ist, dass er ein akribischer Analyst ist. Egal ob vor dem Spiel den Gegner zu studieren, oder sich Videos vom eigenen Team anzuschauen. Also genau das, wofür ihn der FC St. Pauli geholt hat. Was ich beim Training beobachten konnte, ist, dass seine Spieler mit Freude mitgezogen haben und seine Worte regelrecht aufgesaugt haben. Beim geselligen Beisammensein – ja, auch das hat’s gegeben – war er (nach meinen Informationen) auch immer vorn dabei. Weiter will ich mich aber dazu nicht auslassen.

Und woran sollte Fabian Hürzeler Deiner Meinung nach noch arbeiten?
Viel fällt mir da nicht ein. Oben habe ich ja die Thematik schon angesprochen. Was er in den Jahren bei uns jedenfalls gelernt hat, ist Selbstkritik. Wenn er Fehler macht, erkennt er sie und arbeitet daran.

Wie geht es nun bei Euch weiter?
Unser Team ist auf einigen Positionen erneuert worden, das Grundgerüst ist aber stehengeblieben. Wie sich der Teamgeist entwickelt, bleibt abzuwarten. Mein Ziel, das ich auch an die Mannschaft weitergeben habe, ist, dass diese hervorragende Ausgangsposition, die mit Fabi erarbeitet worden ist, nicht verschenkt wird, sondern vielmehr gehalten wird und die Saison ohne Niederlage mit einem Rekordergebnis abgeschlossen werden soll. Ich habe da von den Jungs keinen Widerspruch gehört – wahrscheinlich hat ihnen das Fabi beigebracht.
(Anm. Tim: Die Saison 19/20 soll ab 01.09. in Bayern forgesetzt werden – Neuer Trainer beim FCP ist Andreas Thomas)

Fred, vielen Dank für Deine Antworten und viel Erfolg mit dem FC Pipinsried im Aufstiegsrennen!

Aus den Antworten von Fred, aber auch den Interviews mit ihm selbst, habe ich mitgenommen, dass Fabian Hürzeler im Raum Bayern so ungefähr genau das ist, was Loïc Favé im Raum Hamburg ist: Das größte Trainertalent weit und breit. Und es ist nicht negativ gemeint, wenn ich nun schreibe, dass Fabian Hürzeler wie ein vom Fußball Besessener zu sein scheint. Jemand, der ein Spiel am liebsten komplett in alle Einzelteile zerlegen möchte und auch den letzten Laufweg bis ins letzte Detail analysiert zu haben. Und genau das wird auch sein Hauptarbeitsbereich beim FCSP sein: Die Gegneranalyse, aber auch die Analyse des eigenen Spiels, wie ihr aus diesem Bericht erfahren könnt.
Und ganz vielleicht, wenn alle Muskelfasern, Kreuzbänder und Sehnen im Kader reißen, gibt es ja im Trainerteam jemanden im besten Fußballer-Alter, der auf sicher gelbe Karten sammeln kann…

Herzlich Willkommen am Millerntor, Fabian Hürzeler!

// Tim

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