„Macht Euren Scheiß doch selbst!“ – FCSP und die Frage nach einem neuen Ausrüster

Nach der Saison 2020/21 läuft der Deal mit Under Armour aus. „Endlich“, möchte man sagen. Seit 2016 wird der FCSP von der US-Firma mit dem schwierigen Image ausgestattet.

Während in grauer Vorzeit der Fokus eines Ausstattervertrages tatsächlich auf der Ausstattung der Teams lag, bildet dies mittlerweile für die meisten Vereine eine feste und große Einnahmequelle und ist aus der Etatplanung nicht wegzudenken. Dabei gilt, wie auch bei der Fernsehgeldverteilung, dass die Schere zwischen Groß und Klein riesig ist und sich damit selbst weiter öffnet. Der FC Bayern München hat einen Vertrag mit Adidas, welcher bis 2030 ca. 60 Millionen € pro Jahr einbringt. Das sind dann immer noch 20 Millionen € pro Jahr weniger als der Liverpool FC von Nike ab sofort bekommt. Dies dürfte mindestens das 40-fache von dem sein, was der Under Armour-Deal dem FCSP bringt. Und das obwohl dieser Deal auf so viel berechtigte Kritik stößt. Immerhin ist diese seit einiger Zeit eher fröstelnde Ehe des FCSP mit dem amerikanischen Unternehmen bald Geschichte.
Doch was kommt dann?

Kurze Geschichte der Ausstatter des FC St. Pauli

Der FC St. Pauli hatte selbstverständlich in der langen Vereinsgeschichte schon viele verschiedene Ausstatter. Dabei waren auch schon Marktriesen wie Adidas und Puma vertreten. Alleine seit dem Jahr 2000 gab es fünf verschiedene Ausrüster. Mit „Kappa“ wurde in die 1. Liga auf- und wieder abgestiegen und nebenbei ein Klassiker durch aufgedruckte Astra-Werbung im Bereich der FCSP-Trikots geschaffen. Üble Regionalliga-Jahre erkennt man insbesondere an Trikots mit einem „Stanno“-Logo. Mit „Do you Football“ wurden ab der Saison 2005/06 dann jährlich Trikots hergestellt, an denen sich die Geschmacksgeister schieden.
Immerhin kann das mittlerweile insolvente Unternehmen von sich behaupten mit dem FCSP durch die ersten drei Profiligen gegangen zu sein. Ganze neun Jahre hielt der Vertrag mit dem FCSP, bevor „Hummel“ übernahm und damit auch erstmals die Regenbogenfahne auf den Trikots Platz fand. Geschmacklich waren die Trikots und Trainingsklamotten sicher auch streitbar. Zumindest bis 2015 der aktuelle Vertrag verkündet wurde. Im Vergleich zu den Quälereien, die uns seit Bekanntwerden der Zusammenarbeit mit Under Armour im Vereinsumfeld beschäftigen, sind Streitgespräche über die Trikotoptik ein echter Luxus.

Was soll der neue Ausstatter können?

Wenn wir schon dabei sind dem aktuellen Ausstatter mit einem breiten Grinsen die Tür zu zeigen, kann geprüft werden, wer als Nächstes reinkommt. Bei diesem Blick nach vorne lohnt es sich ein paar Anforderungen an den zukünftigen Ausstatter zu formulieren.
(Hinweis: Diese Punkte sind nicht nach Wichtigkeit sortiert.)

Fair. Ein Punkt, der vor einiger Zeit auf der Mitgliederversammlung beantragt wurde und seit 2019 für Merchandise-Artikel des Vereins Standard sein soll.
Fair (und das ist jetzt meine eigene Definition) ist Kleidung dann, wenn diese z.B. ohne Kinderarbeit, unter fairen Arbeitsbedingungen (in Bezug auf Arbeitszeit und ohne Diskriminierung) sowie bei fairer Entlohnung für ArbeiterInnen in der gesamten Produktionskette, hergestellt wurde.

Nachhaltigkeit. Bezieht sich auf die Nachhaltigkeit bei der Herstellung des Materials. Das schließt die (Nicht)Verwendung von Chemikalien in dem Herstellungsprozess sowie einen kontrollierten biologischen Anbau (das klingt wie aus der Werbung) der nötigen Stoffe mit ein. Gleichzeitig ist die Verwendung von recyceltem Material an dieser Stelle ein Pluspunkt. Fußballtrikots aus Hanf eignen sich leider eher schlecht, aber wenn wir ohnehin bald wie der Liverpool FC spielen, dann können wir ja durchaus schon mal Trikots tragen die unter anderem aus Stoffen hergestellt sind, die mal in deren Trikots waren. Oder so.

Selbstverständnis Unternehmen. Der größte Dollpunkt bei dem aktuellen Deal, dieser wird von den Verantwortlichen des Vereins (hoffentlich) beim nächsten Deal vorher eingehend geprüft. Es wäre schon mal ganz hilfreich, wenn der nächste Ausstatter nicht durch sexistische (in diesem Fall Adidas) oder diskriminierende (Astra. Na klar.) Werbung auffällt oder einen dicken Vertrag mit der US Army und Navy hat (das verlinke ich mal nicht). Ich zitiere dazu aus den Leitlinien des FC St. Pauli: „(…) Sponsoren und Wirtschaftspartner des FC St. Pauli und deren Produkte sollen im Einklang mit der gesellschaftlichen und vereinspolitischen Verantwortung des Clubs stehen. (…)„ Punkt.

Soziales Engagement Unternehmen. Auch hier können die Leitlinien zitiert werden. Soziales Engagement und Awareness sind natürlich idealerweise vor Zusammenarbeit mit dem FCSP ein Anker in der jeweiligen Unternehmensphilosophie. In der Vergangenheit wurde dies allerdings häufig erst im Rahmen eines Sponsorings profiliert (auch gerade noch so ok).

Funktionalität/Qualität des Materials. Sicherlich einer der wichtigsten Punkte in dieser Aufzählung. Wenn Dir die Hose zum x-ten Mal runterrutscht, während Du gerade das Derbysiegtor schießen willst, dann ist das sicher hinderlich. Gleiches gilt für Training bei Minusgraden und Stoff am Körper, der weder wärmt, noch Schweiß vernünftig abtransportiert. Machen wir es kurz: Für einen Profifußball-Klub ist dieser Punkt ein Ausschlusskriterium.

Was für Ausrüster gibt es überhaupt?

Achtung! Es folgt eine erschöpfende Liste von Herstellern:

  • Adidas, Puma, Nike, Jako, Joma, Umbro, Kappa, Uhlsport, Macron, Hummel

DAS war nur die 1. Bundesliga. Die Auswahl (sofern man als Verein überhaupt eine hat) ist riesig. Dabei gehen zumindest einige Hersteller auch neue Wege. Das neue Trikot der Hoffenheimer vom Hersteller Joma ist angeblich komplett recycelt. Einen ähnlichen Ansatz hatte Adidas für die Bayern und Real Madrid im Jahr 2018. Die Mannschaften liefen direkt in Ozeanmüll auf. Es zeigt sich; Nachhaltigkeit geht, bisher aber offensichtlich nur zu PR-Zwecken.

Blickt man in die zweite Bundesliga und andere Ligen, finden sich noch weitere Namen wie:

  • Erima, New Balance, Under Armour, Kelme, Capelli, Craft, Le Coq Sportif, Patrick, Lonsdale

Da wir in unseren Gedanken ja in einer kunterbunten Welt aus fairgetradetem Zuckerguss leben, gehen wir mal davon aus, dass es Ausrüster gibt, die bereit sind, viel Geld an den FCSP zu zahlen, noch mehr Geld in soziale Projekte stecken und sowieso alle genannten Punkte mit 1+ und extra Sternchen übererfüllen. Mittlerweile haben nahezu alle größeren Sportmarken eigene soziale Projekte oder beteiligen sich zumindest an Projekten der jeweiligen Vereine. Das kann mal mit mehr oder weniger Engagement verbunden sein; bei uns sollte es natürlich mehr sein und im Idealfall aus eigenem Antrieb. Dabei gibt es Marken, deren Unternehmensphilosophie sich mehr an die Werte des FCSP anlehen lässt (Beispiel eins und zwei), als die von Under Armour. Eine Überprüfung, ob diesen Worten auch tatsächlich Taten folgen, ist vom Rechner aus nicht möglich.

Nach einer Sache sucht man dabei allerdings vergeblich: Hinweise, ob die Materialien „fair“ sind. Ein schlechtes Zeichen. Wie oben aufgeführt ist es mit „fair“ sowieso so eine Sache. Nicht nur, dass große Marken häufig per se billlig im Ausland produzieren (zu unfairen Arbeitsbedingungen) und hier teuer verkaufen, sondern sich gleichzeitig im großen Stil aus der (Steuer)Verantwortung stehlen. Die drei Links in dem vorherigen Satz sind das Ergebnis einer Recherche von 1:36 Minuten. Ich nehme frecherweise, ohne weitere Nachforschungen zu tätigen, alle weiteren o.g. Marken in Sippenhaft.

Foto: A. B. Gezogen von der Box-Abteilung

Ein Ausstatter mag an dieser Stelle ein wenig mehr unter die Lupe genommen werden; „Londsdale“ ist zum einen durch Statement-Werbung im Stadion und Sponsoring der Abteilung Boxen des Vereins bekannt. Manche erinnern sich sicherlich auch noch an die Jacke des Fanladens, auch wenn die schnell ausverkauft war. In der FCSP-Fanszene auch gut bekannt ist, dass Londsdale den SV Babelsberg ausstattete. Soziales Engagement stimmt auf jeden Fall mehr als bei anderen Marken. Fraglich sind natürlich die anderen Punkte, wie zum Beispiel die Funktionalität der Klamotten, und eine Kernfrage: Was springt für den FC St. Pauli dabei heraus? Denn neben Klamotten zum Fußball spielen und trainieren, nach Möglichkeit fair, nachhaltig und sozial korrekt, wäre es für eine Profifußballmannschaft nicht verkehrt, wenn am Ende des Tages Geld den Besitzer wechselt.

Ganz schön viele Anforderungen an einen Ausstatter. Diese kann man stellen, aber muss sich dann auch die Frage gefallen lassen: „Warum macht Ihr den Scheiß nicht einfach selbst?“

Jo. Wieso eigentlich nicht?

Natürlich braucht es dazu einiges: Produktionsstätten, Lieferanten, Vertriebswege, Know-How und den Willen finanzielles Risiko einzugehen, wenn man doch bei Abschluss eines Vertrages mit den genannten Marken einfach Geld bekommt und (hoffenlich) keinen Ärger mit der Fanszene. Mit den meisten der aufgeführten Notwendigkeiten sollte der Verein seit Rückkauf der Markenrechte eng vertraut sein. Der FCSP wäre sogar nicht der erste Verein mit einer Eigenmarke auf dem Trikot.

Seit 2017 stattet sich der Linzer Athletik-Sport-Klub (kurz: LASK) mit der Eigenmarke „FORZA ASK“ aus. Passend zum Aufstieg in die Österreichische Fußball-Bundesliga wurden neue Trikots der Eigenmarke präsentiert. Diese wurden in Tschechien produziert und waren deutlich günstiger zu erwerben als bei anderen Vereinen. Auch aktuell kostet das Heimtrikot regulär 49,00 € (momentan sogar noch günstiger, weil im Sale). Zum Vergleich: Das Heimtrikot des FCSP kostet momentan 73,06 €. Präsident Siegmund Gruber begründete die Entscheidung damals mit Problemen von Lieferung und Design der Ausrüstung sowie dem möglichen Nutzen des eigenen Wertes der Marke. Leider war es nicht möglich Auskünfte vom LASK zu dem Konzept der Eigenmarke zu bekommen, da diese sich aktuell intern in einem Kreativprozess befinden. Interessant wäre insbesondere welche finanziellen Risiken ein Verein eingehen muss, um die Produktion selbst zu stemmen und ob die Einhaltung der hier gesteckten Ziele (insbesondere die Ziele „fair“ und „nachhaltig“) dabei überhaupt realistisch sind. Denn fair und nachhaltig sind häufig auch mit teuer verbunden.

Da wir aber in der besagten fairgetradeten Zuckergusswelt leben, möchten wir den Kreativprozess des FCSP schon einmal anstoßen und präsentieren zwei mögliche Logos der zukünftigen Eigenmarken mit angeschlossener Fußballabteilung:

1910“ steht für Funktionalität und Tradition. Neben sportlicher Eleganz, soll seit 1910 ein komischer Haken Agilität und Dynamik darstellen.
Derbysieger„. Die Marke für Gewinner von Stadtmeisterschaften.

Es steht ohnehin eine komische Saison vor dem FCSP und es stellt sich natürlich die Frage, ob es momentan überhaupt angebracht ist ein finanzielles Risiko einzugehen. Gleichzeitig halte ich es durchaus für möglich, dass der FCSP einen Ausrüster findet, mit dem neue Wege gegangen werden. Dies können wir der Vereinsspitze zutrauen. Eine eingehende Prüfung, ob der Ausstatter „besser“ geeignet ist als Under Armour (sollte fast bei allen der Fall sein) dürfen wir erwarten.

// flippa

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