FC St. Pauli – Würzburger Kickers 4:0 – Klassenunterschied 4.0

FC St. Pauli – Würzburger Kickers 4:0 – Klassenunterschied 4.0

Du meine Güte, mir gehen die Superlative aus! Der FC St. Pauli zerlegt die Würzburger Kickers innerhalb von nichtmal 25 Minuten in alle seine Einzelteile. Es folgte ein Maximum an Spielkontrolle und auch wenn der FCSP etwas Kräfte sparte, brannte es das gesamte Spiel über immer wieder lichterloh im Würzburger Strafraum. Dieser Leistungsunterschied, diese Spielstärke des FC St. Pauli, sind fast schon beängstigend, aber sie sind die logische Konsequenz der Entwicklung der letzten Spiele. In dieser Form ist der FCSP nicht viel weniger als das beste Team der 2.Bundesliga.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Aufstellung

Im Vergleich zum bereits überzeugenden Sieg im Erzgebirge wechselte der FC St. Pauli auf zwei Positionen: Maximilian Dittgen ersetzte Guido Burgstaller, der aus privaten Gründen passen musste. In der Innenverteidigung kehrte James Lawrence nach seiner Erkrankung zurück, sodass Adam Dźwigała weichen musste.

Auf der anderen Seite gab es gleich fünf Veränderungen: Im Tor ersetzte Fabian Giefer Stammtorhüter Hendrik Bonmann. Auf der linken Abwehrseite musste Arne Feick für Rolf Feltscher weichen und weiter vorne ersetzten Marvin Pieringer und Martin Hašek Dominic Baumann und Mitja Lotric. Und dann fehlte im defensiven Mittelfeld Patrick Sontheimer gelbgesperrt. Er wurde durch Daniel Hägele ersetzt.

Es war nicht wirklich überraschend, dass Max Dittgen als nomineller Stürmer starten würde. Er hatte bereits im Test gegen Bielefeld auf dieser Position gespielt und auch zuletzt als Einwechselspieler dort agiert. Zusammen mit Omar Marmoush dürfte es sich um das schnellste Sturm-Duo der Liga handeln. Und dieses Tempo ist im Vergleich zu dem was die Defensive von Würzburg zu bieten hat ein ziemliches Mismatch aus Würzburger Sicht. Der FC St. Pauli spielte diese Tempo-Vorteile überragend aus.

Nominell stellten sich die Würzburger Kickers in einem 4-2-3-1 auf. War der FCSP im Ballbesitz rückte Pieringer mit vorne auf und die offensiven Außen fielen auf Höhe der beiden defensiven Mittelfeldspieler. So bildete sich ein 4-4-2. Zeitweise roch das ganze eher nach einer Dreierkette hinten, weil Frank Ronstadt als rechter Außenverteidiger zu Beginn auf Rodrigo Zalazar orientiert agierte und diesen anlief. Das wurde jedoch ganz schnell abgestellt, da der FC St. Pauli es im Spiel unter anderem genau auf die Räume hinter den Außenverteidigern abgesehen hatte.

Fünf Stürmer?

Das Sturm-Duo hieß zwar offiziell Dittgen und Marmoush, aber eigentlich waren beide eher Außenstürmer und es waren Daniel-Kofi Kyereh oder sogar Finn Ole Becker und Rodrigo Zalazar, die zentral einliefen. Die Offensiv-Formation des FC St. Pauli muss in diesem Spiel fast als 2-3-5 bezeichnet werden.
Denn so ordnete sich der FCSP bei Ballbesitz in der eigenen Defensive an. Aus dieser hohen Positionierung ließen sich dann immer zwei bis drei Spieler etwas tiefer in die eigenen Reihen fallen. Bestenfalls passierte das simultan zu einer tiefen Bewegung eines Mitspielers. Wenn sich also Omar Marmoush aus der hohen Position fallen ließ, dann startete Becker in eben jene Lücke ganz vorne rein. Ziemlich gut, nein richtig gut, ich würde sogar sagen überragend hat das Maximilian Dittgen gemacht. Der war für seine Gegenspieler eigentlich zu keinem Zeitpunkt zu fassen, besetzte auch gerne die Außenbahn und schuf so den Raum für Kyereh, der im Zentrum einlief. In vielen Momenten waren es auch diagonale Bälle, die Räume öffneten. Wenn man beim Spielaufbau des FCSP die Augen mal etwas vom Ball wegnimmt und auf die ballferne Seite achtet, dann fällt schnell auf, wie genau da auf offene Räume geachtet wird und wie schnell da der Laufweg in die Tiefe gesucht wird. Zusätzlich tauschten Marmoush und Dittgen ziemlich rege ihre Positionen und sie waren auch nicht dauerhaft nur für tiefe Läufe auf der Außenbahn und kurze Anspiele aus der Defensive zu haben. Auch sie suchten immer wieder den Weg in die Tiefe.
Die Beschreibung des Offensivspiels des FCSP liest sich bereits chaotisch. Aufgemalt sehen die ganzen Bewegungen nicht viel aufgeräumter aus:

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Wenn diese vielfältigen Bewegungen und Positionswechsel der FCSP-Offensive nichtmal in Ruhe verschriftlicht und verbildlicht werden können, wie zum Teufel soll die gegnerische Defensive im Spiel damit umgehen? Eintracht Braunschweig versuchte es mit starker Mannorientierung im Mittelfeld und scheiterte z.B. an der Dribbelstärke der FCSP-Spieler. Erzgebirge Aue versuchte das ganze eher im Raum zu verteidigen und scheiterte besonders an den Überzahlsituationen, die der FCSP auf den Außenbahnen schaffte. Die Würzburger Kickers schienen sich gar nicht mal so sicher, wie genau sie arbeiten wollten. Die anfängliche Mannorientierung (siehe Ronstadt auf Zalazar) war aufgrund der vielen Positionswechsel eher kontraproduktiv. Ehe da ein wirkungsvolles Konzept entwickelt werden konnte stand es bereits 0-3 aus Würzburger Sicht.

Aber mir fällt da auch momentan nichts zu ein, wie man den FCSP klug verteidigen kann. Daran scheitert aktuell Woche für Woche mindestens ein Team. Der FC St. Pauli ist in der Offensive einfach das wohl stärkste Team der Liga (diese Ansicht teilt auch FWK-Torhüter Fabian Giefer) und schlicht nicht vollumfänglich zu verteidigen. Auch in diesem Spielbericht kann ich es nur wieder erneut betonen: Diese Entwicklung ist großartig.

What. A. Team.
(c) Peter Böhmer

Gegenpressing? – Sogar noch besser!

Das Aufbauspiel gegen einen tiefstehenden Gegner hat sich im Saisonverlauf also stark verbessert. Die eigentlich stärkste Waffe wurde aber auch noch weiter verbessert: Die Würzburger Kickers brachten erst in der 17.Minute zum ersten Mal einen Pass im gegnerischen Drittel an den Mitspieler. Die meisten Bälle hat der FC St. Pauli vorher in einem brutalen Gegenpressing gewinnen können.
So entstand auch das 1-0 als Finn Ole Becker einen Querpass im Mittelfeld abfing und Marmoush damit auf die Reise schickte. Es sollte bei weitem nicht der einzige gute Ballgewinn durch gelungenes Gegenpressing sein. Ich bin mir manchmal nicht mal so sicher, ob der FCSP selbst am liebsten den Ball in der gegnerischen Hälfte hat oder ob er lieber zur Treibjagd nach Ballverlust rufen möchte. Es funktioniert auch einfach zu gut. Die beste Phase des Gegenpressing gab es als das Spiel schon längst entschieden war: Als beim Stand von 4-0 Daschner und Viet das Feld betraten, kam noch einmal richtig viel Tempo ins Spiel und die Würzburger Kickers dürfen sich bei der Ineffizienz des FCSP bedanken, dass sie nach 65 Minuten nicht sechs oder sieben Gegentore zu beklagen hatten.

In der Defensivarbeit waren beim FC St. Pauli noch weitere Veränderungen auffällig: Bisher wurden die gegnerischen Außenverteidiger immer direkt unter Druck gesetzt von den Halbpositionen des FCSP. Das war auch gestern so. Den Würzburger Außenverteidigern wurde aber häufig auch viel Zeit gelassen. Und dabei wurde ihnen meist genau eine einzige Passoption angeboten:

Der FC St. Pauli bot den Würzburgern einen Pass in den offensiven Halbraum an. Allerdings nur, um genau diesen Raum in Folge des Passes maximal zu verknappen und den Spieler dort direkt mit mehreren Spielern zu attackieren. Eine klassische Pressingsfalle, die gegen Würzburg einige Male zuschnappte.

Das 1-0 wurde also durch eine Umschaltaktion erzielt. Das zweite Tor entstand aus einer Ecke. Und ich möchte die Behauptung aufstellen, dass der FCSP in der Hinrunde so ein Tor wie Benatelli es zum 2-0 erzielte, nicht selbst gemacht sondern eher gefangen hätte. Die Raumaufteilung bei der Ecke passt natürlich ziemlich gut, aber dem FCSP fällt gleich zweimal ein offener Ball direkt vor die Füße.

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Nur wenige Minuten später erzielt Leart Paqarada das 3-0 per ansehnlichem Fernschuss. Auch in dieser Situation passierte wohl nichts zufällig. Bereits die Bewegungen beim Einwurf sind einstudiert und glaubt mal ja nicht, dass Paqarada von selbst auf die Idee kommt sich bei einem eigenen Einwurf auf der gegenüberliegenden Seite zentral 25m vor dem gegnerischen Tor zu positionieren.

Mit dem 3-0 nach 22 Minuten war das Spiel entschieden. Ich habe keine Ahnung, ob ich schonmal zu so einem frühen Zeitpunkt ein für den FCSP entschiedenes Spiel gesehen habe (Erinnerungen dürfen in den Kommentaren gerne geteilt werden). In der Folge ließ der FCSP etwas nach und entfachte, wohl auch bewusst, nicht mehr ganz den großen Druck, sondern dominierte das Spiel aufgrund von viel Ballbesitz, ohne offensiv zu sehr ins Risiko zu gehen.
Die Würzburger Kickers hatten in der 36.Minute ihren ersten und einzigen Torschuss im gesamten Spiel. Dieser hatte einen xG-Wert von 0.03. Dem gegenüber stehen 2.16 vom FC St. Pauli und noch einige Situationen in denen sich der FCSP richtig gut bis vor das gegnerische Gehäuse kombinierte, aber nicht zum Torabschluss kam.

Richtig stark gegen Würzburg: Maximilian Dittgen.
(c) Peter Böhmer

Statistisches

Die unfassbare Dominanz, die der FC St. Pauli das gesamte Spiel ausstrahlte, ist natürlich auch anhand einiger Statistiken zu erkennen:
Der FC St. Pauli toppte seine bereits hervorragenden Werte aus dem Spiel gegen Aue noch einmal, die ja bereits die Werte aus dem Braunschweig-Spiel toppten, und spielte 615 Pässe (530 erfolgreich – beides Saisonrekord).
Die 42 Positionsangriffe in 90 Minuten, zehn Torschüsse resultierten daraus, bedeuten ebenfalls einen Saisonrekord. Und zum ersten mal in dieser Saison verlor der FC St. Pauli weniger als 100x den Ball in einem Spiel (die 101 Ballverluste gegen Aue waren zuvor Saisonrekord).

Einen besonderen Fokus, der bei diesem Offensiv-Spektakel etwas kurz kommt, möchte ich noch setzen: Die Innenverteidigung des FC St. Pauli (Ziereis, Lawrence/Reginiussen) hat insgesamt nur einen einzigen Zweikampf verloren. Nur einen. Zusätzlich sind es eben jene Innenverteidiger gewesen, die den initialen Pass für die Angriffsaktionen des FCSP spielten (Reginiussen und Lawrence brachten alle ihre Pässe ins Angriffsdrittel an die Mitspieler). Vergleicht das mal mit 2020…

Wohin geht diese Reise?

Ganz ehrlich: Keine Ahnung. Könnte der FC St. Pauli die Leistungen aus den letzten Spielen konservieren, so wäre die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass sie auch die restlichen fünf Spiele gewinnen. Aber das ist ja bekanntlich nicht mal eben so möglich. Das Spiel nächsten Mittwoch gegen Düsseldorf dürfte aber in vielerlei Hinsicht für Klarheit sorgen. Die eigene Spielweise dürfte gegen Düsseldorf auf eine echte Bewährungsprobe gestellt werden. Denn das was Braunschweig, Osnabrück, Aue und Würzburg spielen wollen, aus einer tiefen Defensive heraus in Umschaltmomenten zu Torerfolgen zu kommen, spielt Düsseldorf in dieser Saison ziemlich erfolgreich. Und es dürfte nur mit einem Sieg weiter das Thema Aufstieg beim FCSP geben, vermutlich sogar stärker als zuvor. Auch deshalb, da am nächsten Wochenende Greuther Fürth ans Millerntor kommt.

Immer weiter vor!
// Tim

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(Sofern nicht anderweitig markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout)

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