FC Ingolstadt – FC St. Pauli 1:3 – in der Mitte liegt die Kraft

FC Ingolstadt – FC St. Pauli 1:3 – in der Mitte liegt die Kraft

Mit 3:1 gewinnt der FC St. Pauli beim FC Ingolstadt. Mit einer konzentrierten Defensiv-Leistung verdiente sich das Team die drei Punkte. Zudem waren ein paar Umstellungen in Formation und Spielphilosophie zu erkennen, die zwar nicht optimal klappten, aber für mehr Stabilität sorgten.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Die Aufstellung

…war wie erwartet anders als beim Heimspiel gegen Hannover 96. Das hatte sicher teils leistungs- und spieltaktische Gründe (Simon Makienok, Jackson Irvine), aber auch verletzungsbedingt musste der FC St. Pauli sein Team umbauen.
Philipp Ziereis kehrte wieder zurück (zumindest für eine Halbzeit), sodass Adam Dźwigała aus der Innenverteidigung auf die rechte Abwehrseite wechseln konnte, da dort Luca Zander angeschlagen erst einmal draußen Platz nahm. Auf der Sechs startete Afeez Aremu. Er ersetzte Eric Smith, der nicht im Kader stand.
Vier personelle Wechsel gab es also insgesamt. Leider liegt die Vermutung nahe, dass es beim kommenden Spiel am Dienstag wieder zu Veränderungen kommen wird. Später mehr dazu.

Der FC Ingolstadt veränderte seine Startelf auf zwei Positionen: Auf der Sechser-Position kam für Denis Linsmayer der wieder fitte Hans Nuuno Sarpei ins Spiel. Zudem ersetzte Dominik Franke auf der linken Abwehrseite Andreas Poulsen.
Wie erwartet agierte der FCI in einem flachen 4-4-2. Beim FC St. Pauli war die Basis auch weiterhin eine Mittelfeldraute. Doch sowohl defensiv, aber vor allem offensiv wurde sie ganz anders gespielt, als zuletzt.

Formation beim Spiel FC Ingolstadt gegen FC St. Pauli
Personelle Aufstellung bei der Partie FC Ingolstadt gegen FC St. Pauli

Aremu fällt und Ingolstadt fällt nichts ein

In den Spielen dieser Saison sind die Sechser beim FC St. Pauli immer mal wieder situativ zwischen die beiden Innenverteidiger im Spielaufbau gefallen. Hierdurch ermöglichen sie es, den beiden Innenverteidigern weiter nach außen zu schieben, wodurch die Außenverteidiger weiter hoch schieben können. Beim Spiel gegen den FCI wurde dies dauerhaft so umgesetzt. Sobald der Gegner dem FCSP im Aufbau etwas Zeit gönnte (was mit zunehmender Spieldauer immer weniger wurde), bildete Aremu mit Ziereis und Medić eine Dreierkette.
Dieses Positionsspiel führte dazu, dass vornehmlich Jackson Irvine in den Sechserraum im Aufbau fiel. Marcel Hartel hingegen bildete eine Linie zusammen mit Kyereh und den beiden Außenverteidigern. Es war dann also ein 3-1-4-2, welches wir auf dem Feld sehen konnten.

Noch auffälliger war, dass der FC St. Pauli offensiv vor allem zu Spielbeginn sehr pragmatisch spielte: Wurde der Druck zu groß, folgte der lange Ball auf Simon Makienok. Die „Exit-Strategie“ wurde also recht konsequent bedient. Es war spürbar, dass der FCSP erst einmal weniger Risiko im Spielaufbau gehen wollte. Das passte zu dem, was Timo Schultz auf der Pressekonferenz vor dem Spiel sagte, als er darauf verwies, dass man dem FCI wenig Möglichkeiten für Umschaltmomente geben wolle. Das ist dem FC St. Pauli, mit ein paar Abstrichen in der 2. Halbzeit, gelungen.

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Der FC Ingolstadt war zu Spielbeginn sehr passiv. Das Team zog sich in den ersten zehn Minuten konsequent zu einem tiefen 4-4-2 zusammen. Von dem aggressiven Pressing, welches z.B. den 1. FC Nürnberg einige schwere Schläge versetzte, war anfangs nichts zu sehen. Der FCSP tappte mit seinem sehr vorsichtigen Spiel vorerst nicht in die Falle von Ingolstadt.
Auch bei eigenem Ballbesitz zeigte sich anfangs ein ähnliches, aber umgekehrtes Bild: Der FC St. Pauli presste nur partiell hoch und schaute sich erstmal an, was der FCI im Aufbau zustande brachte. Auch Ingolstadts Sechser fiel häufiger zwischen die beiden Innenverteidiger (aber nicht so konsequent wie auf der Gegenseite). Dadurch formierte sich der FC St. Pauli defensiv zu einem 4-3-3, da Kyereh auf eine Linie zu Makienok und Burgstaller vorrückte, die dann beide etwas weiter in die Breite ziehen konnten.

For
Formation des FC St. Pauli im Spiel gegen den FC Ingolstadt (links: defensiv, rechts: offensiv)

Low risk, low gain

Da weder der FC St. Pauli, noch der FC Ingolstadt zu sehr ins Risiko gehen wollten, entwickelte sich eine äußerst zähe Anfangsphase. Der FCSP ging mit gebotener Vorsicht vor, setzte erst einmal auf eine sehr kontrollierte Spielweise, bei der ziemlich gut die Stärken des FCI im Pressing abgefedert wurden. Das führte aber dazu, dass das eigene Offensivspiel trotz viel Ballbesitz erst einmal zum Erliegen kam.
Denn mit der veränderten Positionierung zog sich das Team offensiv selbst den Zahn. Es ging eher darum, mehr Spieler hinter dem Ball zu haben, um in defensiven Umschaltmomenten eine bessere Positionierung als zuletzt zu garantieren.

Aufgrund der letzten Ergebnisse ist das nachvollziehbar. Etwas weniger Risiko in der Offensive, etwas weniger Personal vorne drin, dafür aber eine bessere Absicherung und erst einmal mit angezogener Handbremse unterwegs sein.
Da auch der FCI sehr vorsichtig agierte, bestand die erste halbe Stunde Highlight-mäßig aus zwei vereltzungsbedingten Wechseln und zwei Chancen nach Standards, je eine auf beiden Seiten. Das schöne daran: Der eine Standard des FC St. Pauli, ein traumhaft getretener Freistoß von Kyereh, brachte die Führung!

In der Folge wurde das Spiel etwas offener. Der FC St. Pauli war aber nicht ursächlich dafür, sondern der FCI presste nun viel konsequenter weiter vorne. Das lässt sich sehr gut an den PPDA-Werten des FCI erkennen (erlaubte Pässe, bis es zu einer Defensivaktion kam): Der Wert lag in den ersten 30 Minuten bei 23, also sehr hoch. Noch vor dem Seitenwechsel sank er aber auf 13, der FCI griff also sehr viel früher an. Am Ende des Spiels lag der Wert dann bei sechs, also so etwa bei „keine Luft zum Atmen“ für den FC St. Pauli.

hland, Ingolstadt, 26.02.2022, Fussball 2. Bundesliga 24. Spieltag, FC Ingolstadt 04 - FC St. Pauli im Audi-Sportpark Daniel Kofi Kyereh (FC St. Pauli) im Zweikampf mit Dominik Franke (Ingolstadt)
Ein Hammer-Freistoßtor, ansonsten anfangs eher abgemeldet: Daniel-Kofi Kyereh
(c) Peter Böhmer

Nicht nur keine Luft zum Atmen, sondern direkt im Keim erstickt wurde aber auch jede Umschaltsituation für den FC Ingolstadt. Es war spürbar, dass der FC St. Pauli auf diese Situationen einen extremen Fokus hatte, sehr gut im Gegenpressing war (Jackson Irvine möchte ich da mal hervorheben) und das Team allgemein in der Defensivarbeit zulegte. Mit Erfolg, wie zum Beispiel die Quote der Defensivduelle zeigt: Der FCSP gewann knapp 59%. Das ist zwar etwas unterdurchschnittlich für FCSP-Verhältnisse (Schnitt bei knapp über 60%, was oberes Drittel in der Liga bedeutet), aber es stellt eine massive Änderung im Vergleich zu den letzten Spielen dar. Denn in Regensburg waren es nur 49%, gegen Hannover waren es indiskutable 44%.

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Sinnbildlich für das Auftreten des FC St. Pauli war Afeez Aremu, der erstaunlicherweise die 90 Minuten durchgehalten hat. Aremu zeigte sofort wieder, warum er für dieses Team so wichtig ist, aber auch in welchem Bereich er noch mächtig Luft nach oben hat. Drei-Viertel seiner Zweikämpfe konnte er gewinnen, fing zudem ein halbes Dutzend Pässe des FCI ab. Aremu ist sicher einer der Faktoren, warum das Team defensiv stabiler war.
Aber er zeigte auch wieder, dass er mit dem Ball am Fuß noch einiges besser machen kann. Mehr als einmal war ein Ballverlust von ihm Ausgangspunkt einer nicht ungefährlichen Kontersituation des FCI. Es scheint mir aber mehr eigene Schludrigkeit zu sein und keine Limitierung. Der Raum, um sich zu verbessern ist also vorhanden. Afeez Aremu machte gestern sicher da weiter, wo er in der Hinrunde aufgehört hat: Er ist die personifizierte Endhaltestelle für gegnerische Angriffe.

Gegen den FC Ingolstadt war das also mal wieder ein Schritt in die richtige Richtung. Nach den vielen Gegentoren und den bedenklichen Auftritten in der Defensive zuletzt, konnte das Team mal wieder die enorme Flut an gegnerischen Chancen in Schach halten. Einen xG-Wert von 0.6 hatte der FCI am Spielende (FCSP bei 1.6). Einen niedrigeren Werten hatte zuletzt der SV Sandhausen gegen den FCSP, ist also schon eine Weile her.
Trotzdem stand es nach etwas mehr als einer halben Stunde 1:1. Weil das Team einen langen Einwurf nicht verteidigt bekam. Das ist sehr ärgerlich und gegnerische Einwürfe waren nicht das erste Mal ein Gefahrenherd für das Team, sind aber eben auch nicht immer zu verhindern. Wichtiger war die Antwort.

Mehr Risiko, mehr Party

Dadurch, dass der FCI nun höher presste und damit auch mehr ins Risiko ging, konnte der FC St. Pauli sein kontrolliertes und ruhiges Aufbauspiel nicht mehr so richtig durchziehen. Aber das Team hatte nun mehr Räume, wenn es die erste Linie des FCI überspielen konnte. Das passierte immer noch mit der gebotenen Vorsicht, lange Bälle auf Makienok waren weiterhin keine Seltenheit. Doch das Team konnte nun besser seine Stärken entfalten. Der erste gelungene Angriff saß dann auch direkt. Es war die direkte Antwort auf den Ausgleich. Guido Burgstaller erzielte sein 17. Saisontor – BÄM!

Mit einem 2:1 ging es also in die Kabinen und auch wenn der FCI recht druckvoll aus eben jener herauskam, waren die ersten 30 Minuten der 2. Halbzeit das beste, was der FCSP an diesem Nachmittag zeigte. Das Team kam offensiv wieder ins, ich nenne es mal „Zocken“. Sobald die erste Pressinglinie überspielt oder wenn der Ball im Gegenpressing gewonnen wurde, waren da wieder die vielen Rotationen der Spieler und eine Kombinationssicherheit, die für jeden Gegner schwer zu verteidigen ist. Nur folgerichtig, dass Simon Makienok in dieser Phase das 3:1 erzielte. Im Anschluss hätten auch noch weitere Tore für den FCSP fallen können.

Deutschland, Ingolstadt, 26.02.2022, Fussball 2. Bundesliga 24. Spieltag, FC Ingolstadt 04 - FC St. Pauli im Audi-Sportpark Jubel bei Simon Makienok (FC St. Pauli) zusammen mit Guido Burgstaller und Daniel-Kofi Kyereh nach seinem Tor zum 1:3
Is it a new version of the „Magisches Dreieck“? – Simon Makienok, Guido Burgstaller und Daniel-Kofi Kyereh trafen gestern gegen Ingolstadt.
(c) Peter Böhmer

Was aber auch in der 2. Halbzeit deutlich wurde: Der FC St. Pauli bekam Probleme mit dem hohen Pressing des FCI. Die „Exit-Strategie“ wurde für mein Empfinden nun zu selten gewählt und stattdessen ergaben sich einige haarsträubende Fehlpässe, die durchaus noch zum Anschlusstreffer hätten führen können. Es ist einfach ein schmaler Grat, ein Mittelweg zwischen Risiko und Vorsicht, den das Team da finden und gehen muss, um erfolgreich zu sein. Die viel zitierte Leichtigkeit, die große Selbstsicherheit ist noch nicht wieder vorhanden. Der Erfolg gegen den FC Ingolstadt war ein ganz hartes Stück Arbeit. Aber gerade dieses hohe Maß an konzentrierter Maloche tut dem Team gut. Und ausgerechnet damit könnte die Leichtigkeit wiederkommen.

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Aber wir sollten auch nicht erwarten, dass alles so einfach geht. Zwar spielte gestern ein Aufstiegs- gegen einen Abstiegskandidaten, aber was bedeutet das schon in der 2. Liga? Der FC Ingolstadt hatte in den letzten Wochen erst den engen Verfolger Nürnberg deutlich mit 5:0 in die Schranken gewiesen und letzte Woche einen nicht unverdienten Punkt gegen den zuvor siebenmal siegreichen SV Werder Bremen geholt. Es gibt diese einfachen Duelle in der 2. Liga nicht. Die Floskel, dass jeder jeden schlagen kann ist in dieser Liga einfach die Tagesordnung. Den Flow, den der FC St. Pauli in der Hinrunde zweifelsohne hatte, bekommt man nicht einfach so zurückgezaubert. Denn die dafür nötige Selbstsicherheit muss erst einmal erarbeitet werden. Dafür war das Spiel in Ingolstadt perfekt. Ein hartes Stück Arbeit, bei dem der FC St. Pauli mal einen Schritt zurückgegangen ist. Mal etwas weniger den Fokus auf das eigene Spiel legte und stattdessen genau schaute, wie man diesen Gegner am besten knacken könnte. Das ist dann vielleicht gar nicht unbedingt „ein Schritt zurück“, sondern einer nach vorne, jetzt wo ich darüber nachdenke. Ein Schritt hin zu mehr Flexibilität, Stabilität und einer reiferen Spielanlage.

Deutschland, Ingolstadt, 26.02.2022, Fussball 2. Bundesliga 24. Spieltag, FC Ingolstadt 04 - FC St. Pauli im Audi-Sportpark Der verletzte Leart Paqarada (FC St. Pauli) nach dem Spiel
Ein dicker Beutel mit Eis reicht hoffentlich, damit Leart Paqarada zumindest nicht langfristig ausfällt.
(c) Peter Böhmer

Zweite Reihe wird zur ersten Wahl

„Nach vorne“ geht es sowieso, denn das Team hat nun drei Punkte mehr auf dem Konto. Und da am heutigen Sonntag zwei Konkurrenten im direkten Duell aufeinander treffen, bedeuten diese drei Punkte auch tabellarisch wieder einen Schritt nach oben.
Allerdings könnte sich dieser Sieg im Nachhinein als ziemlich teuer heraustellen. Denn mit Philipp Ziereis, Marcel Hartel und Leart Paqarada mussten gleich drei Spieler verletzungsbedingt ausgewechselt werden. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel sagte Schultz, dass Ziereis seine Blessur zwar nicht mehr im Training, aber unter Vollbelastung im Spiel gespürt habe. Marcel Hartel habe sich „nicht wohlgefühlt“ und habe auch keinen „fitten, spritzigen Eindruck“ mehr gemacht. Das ist für einen Spieler, der sonst regelmäßig die meisten Kilometer für sein Team abspult ungewöhnlich. Leart Paqarada habe eine Verletzung im „Waden-, Knöchelbereich“ Eine genaue Untersuchung dürfte da aufschlussreicher sein. Es sah jetzt aber nicht danach aus, dass Paqarada direkt am Dienstag wieder einsatzbereit ist. Zudem berichtete Schultz noch, dass Adam Dźwigała bereits vor dem Spiel Probleme im Adduktorenbereich hatte.

Damit ist das Lazarett voll, die Zeitkasse aber leer. Es bleibt zu hoffen, dass sich einige der Blessuren als nicht so schwerwiegend herausstellen und der FC St. Pauli am Dienstag beim Pokalspiel in Berlin nicht noch weitere Ausfälle zu beklagen hat, sondern vielleicht sogar eher Spieler zurückkehren (ja, ich weiß, diese Hoffnung könnte sich als etwas zu positiv herausstellen).
Zurückgekehrt ist aber definitiv die Erfolgsspur. Ich verspreche, dass ich mir jetzt schon einmal überlegen werde, was Guido Burgstaller alles nicht kann in so einem Pokal-Viertelfinale, nachdem mein erneutes Anzählen erfolgreich war. Zweiter Auswärtssieg in Folge. Ein Glück spielen wir nicht am Millerntor gegen Union Berlin…

Immer weiter vor!
//Tim

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4 thoughts on “FC Ingolstadt – FC St. Pauli 1:3 – in der Mitte liegt die Kraft

  1. Offensichtlich funktioniert Deine umgekehrte Psychologie -das „Anzählen“- ja, versuchs doch mal mit: „diese Abwehr kann nicht zu Null spielen“!

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