FC St. Pauli statt SARS-CoV2 im Herzen

FC St. Pauli statt SARS-CoV2 im Herzen

Was passiert eigentlich mit dem Körper während einer Infektion mit dem Corona-Virus und wie beeinflusst das die Leistungsfähigkeit besonders bei Profisportlern? Ein ziemlich komplexes Thema, welches Lorenz Adlung aus wissenschaftlicher Sicht für uns angeht.

Am 16.03.2022 wurde Timo Schultz auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Heidenheim auf Afeez Aremu angesprochen. Er erklärte, dass der 22-jährige Mittelfeldmann nach seiner SARS-CoV2-Infektion erst wieder langsam an das Spielgeschehen herangeführt werden soll. Schultz betonte: „Nur, dass er negativ ist, heißt nicht, dass er auch spielfähig ist.“ [1] Dieser Satz ist bemerkenswert, denn er belegt, wie reflektiert der Cheftrainer des FCSP mit der Covid19-Thematik umgeht.

Ist diese Vorsicht gerechtfertigt, gerade in Anbetracht dessen, dass St. Pauli um den Aufstieg in die 1. Bundesliga der Herren spielt und Aremus Position vor der Abwehr ein neuralgischer Punkt vor allem für das immens wichtige Spiel gegen den Ball ist? Die kurze Antwort lautet schlichtweg: Ja – die Gesundheit der Sportler:innen sollte stets höchste Priorität genießen. Zusätzlich unterfüttert wird diese Haltung von den wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Corona-Virus und die Folgen einer Infektion für Profifußballer:innen.

Covid19 – Eine Ganzkörperverletzung

Muskel- bzw. Bänder-Verletzungen und Knochen-Blessuren sind lokal beschränkt, wenngleich sie natürlich den Bewegungsapparat beeinflussen. Eine Infektion mit dem Corona-Virus hat jedoch systemische Auswirkungen auf den gesamten Körper, auch abseits von Lungen und Rachenraum. Belegt sind Anti-Virus-Reaktionen u.a. im Herz-Kreislauf- und Nerven-System, sowie in Niere und Darm (doi.org/10.1152/physiolgenomics.00087.2020). Entzündungs- und Wundheilungsreaktionen gehören zum Repertoire unseres Immunsystems. Covid19 ist somit eine Art Ganzkörperverletzung mit vielfältigen und individuellen Auswirkungen auf einen sportlich aktiven Körper selbst nach Genesung.

In Anbetracht der aktuellen Regularien ist es allerdings schwierig, Verständnis für langfristige Pausen nach Infektionen zu erhalten. Denn aufgrund von Covid19 abgesagte Spiele werden wegen des engen Terminkalenders zumeist bereits sieben Tage später erneut angesetzt. In dieser Zeit kann es zu keiner vollständigen Genesung SARS-CoV2-positiver Sportler:innen kommen. Der Herzspezialist Professor Dr. Martin Halle drückt diesen Widerspruch wie folgt aus: „Wenn ein Sportler einen Muskelfaserriss hat, sagen alle, jetzt dauert es aber mehrere Wochen. Wenn jemand Corona hat, soll er am Samstag darauf wieder auf dem Spielfeld stehen.“ [2]

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Das ist höchst gefährlich. Zwar gesteht auch Halle ein, dass es nur bei ein bis zwei Prozent der Covid19-Erkrankungen von Athlet:innen zu Veränderungen des Herzens kommt. Um dies zu überprüfen, bräuchte es allerdings Kernspin-Untersuchungen, und nicht bloß einen negativen PCR-Test. Selbst ein Belastungs-Elektrokardiogramm (EKG) ist mitunter nicht ausreichend, weil selbst dann Flüssigkeitseinlagerungen und Entzündungen im Herzgewebe nicht zweifelsfrei erkannt werden können. Es braucht folglich ein besseres Verständnis immunologischer Prozesse und deren Auswirkungen auf den gesamten Körper.

Mit Herz, Hirn und Muskelkraft

In meinem Labor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf beschäftige ich mich mit Systemimmunologie, was genau diese Problematik umfasst: Wie das Immunsystem auf alle Prozesse im menschlichen Körper Einfluss nimmt – von der Verdauung bis hin zu Herz- und Hirn-Funktionen. Tatsächlich hat mein Team kürzlich ein Projekt gestartet, in dem wir untersuchen, ob das Fett am Herzen eventuell entzündungslindernde Immunzellen und Moleküle enthält, die wir zur klinischen Behandlung von Herzmuskelverletzungen nutzen können.

Eine berechtigte Frage lautet, wie relevant eine Herzmuskelentzündung infolge einer SARS-CoV2-Infektion sein kann, wenn sie nicht einmal in einem Belastungs-EKG sichtbar ist, also die körperliche Leistungsfähigkeit nicht merklich beeinflusst wird?

Hier kommt uns die privilegierte Situation des Profifußballs zugute. Denn kurz nach Beginn der Covid19-Pandemie wurde bereits wieder professionell Fußball gespielt – entsprechend fundiert ist die Datenlage. Wie The Economist im Januar 2022 berichtete (€€), spielen Profi-Fußballer selbst Monate nach ihrer SARS-CoV2-Infektion signifikant weniger Minuten und weniger Pässe. Ein durchschnittlicher Spieler vor Infektion zählt nach durchgemachter Infektion was diese Parameter betrifft nur noch zum schlechtesten Drittel. Diese paar Prozente können mitunter den Ausschlag geben über Sieg, Unentschieden oder Niederlage. Die Ursachen für den Leistungsabfall nach Genesung von einer Covid19-Erkrankung sind vielfältig. Die vorangegangene Entzündung und damit einhergehende Flüssigkeitseinlagerung im Herzen verringert dessen Leistungsfähigkeit und kann zu Herzrhythmusstörungen führen. Im British Journal of Sports Medicine wird zudem spekuliert, inwieweit das Atmen an sich nach einer durchgemachten SARS-CoV2-Infektion schwerer fällt. Außerdem werden psychologische Aspekte aufgegriffen. Das Stigma einer Infektion sowie die körperliche Isolation kann demnach das mentale Leistungsvermögen verringern. Allerdings wird in der Fachzeitschrift The Physician and Sportsmedicine (€€) argumentiert, dass die sportliche Gemeinschaft von Athlet:innen eine gesunde Psyche stärkt, womit den negativen mentalen Folgen einer SARS-CoV2-Infektion nach Genesung im Team aktiv entgegengewirkt werden kann. Ein Vorteil eingehender Herzuntersuchungen nach SARS-CoV2-Infektion von Athlet:innen besteht darin, dass vorrangegangene, unbemerkt gebliebene Herzmuskelverletzungen diagnostiziert werden können, wie in der Fachzeitschrift JAMA Cardiology berichtet wurde.

Wir wissen so viel – wir verstehen so wenig

Der Profifußball zeigt in diesem Fall ein biomedizinisches Paradoxon: Viele Daten sind gesammelt worden. Mit diesen Informationen alleine ist jedoch noch niemandem geholfen. Selbst mit dem erkannten Zusammenhang zwischen Infektion und Passspiel an sich kann man noch nichts anfangen, wenn man daraus keine adäquaten Schlussfolgerungen zieht. Das wissen wir nicht zuletzt, wenn Tim gewohnt exzellent Interpretationshilfen zu Statistiken der Spiele liefert, denn bspw. Ballbesitz alleine führt noch nicht zwingend zu höheren xG-Werten, und diese sind ja auch nur erwartet und nicht erzielt etc. Somit verhält es sich mit Big Data im Fußball ähnlich wie in der biomedizinischen Forschung: Mittlerweile können wir so viel messen, aber Korrelation ist noch keine Kausalität. Was ist ursächlich für individuelles fußballerisches Leistungsvermögen und wie lässt es sich – auch abseits des Platzes – verbessern? Das verstehen wir noch nicht in Gänze.

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In der 11Freunde Ausgabe #241 (€€) sagte Timo Schultz: „Wir wollen in den Bereichen, die wir immer ‚talentfrei‘ nennen, die Nummer Eins sein.“ Ähnlich argumentiert er in Being Timo Schultz. Er meint damit, dass man bspw. im mentalen Bereich noch Einiges verbessern könne, ebenso bei Ernährung und Schlaf, (dazu vielleicht in einem zukünftigen Beitrag mehr, falls euch dieser hier gefällt). Für Herzmuskelentzündungen könnte in der Regeneration ein entscheidender Lösungsansatz liegen: Fachgesellschaften und Sportverbände empfehlen nach Herzmuskelentzündungen infolge einer akuten Corona-Infektion eine dreimonatige Wettkampfpause. Glücklicherweise verlief die SARS-CoV2-Infektion bei Afeez Aremu eher glimpflich. Doch eine Herzmuskelverletzung kann nicht ausgeschlossen werden. Deshalb ist ein „stufenweiser Wiederbeginn nach einer Sportpause“ immens wichtig, so der Herzspezialist PD Dr. Florian Straube im Kicker.[3]  Geben wir Afeez Aremu und allen anderen Spieler:innen, die sich aktuell infizieren oder infiziert haben also die nötige Zeit, um wieder völlig gesund zu werden, damit sie nur den FC St. Pauli und kein SARS-CoV2 im Herzen tragen.

// Lorenz

[1] https://www.kicker.de/schultz-vor-heidenheim-aber-erklaeren-kann-ich-es-auch-nicht-894325/artikel, zuletzt geöffnet 20.03.2022

[2] https://www.kicker.de/sportkardiologe-ueber-dfl-spielordnung-das-macht-natuerlich-keinen-sinn-893738/artikel, zuletzt geöffnet 20.03.2022

[3] https://www.kicker.de/warum-herzprobleme-nach-corona-infektion-verstaerkt-ein-thema-sind-887544/artikel, zuletzt geöffnet 20.03.2022

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17 thoughts on “FC St. Pauli statt SARS-CoV2 im Herzen

  1. Danke für den interessanten Beitrag! Das ist auch mit ein Grund, warum ich auch selbst so Bedenken vor einer Infektion habe, auch wenn ich nur Hobby-Jogger bin. Aber generell die Folgen geben einem schon zu denken. Wie muss das erst im Profialltag sein. Welche Folgen das anrichtet, wird man noch sehen. Post- und Long-Covid wird hier sicher auch noch eine Rolle spielen.

    1. Juuhuu, vielen Dank für den Zuspruch. In Antizipation dessen lese ich mich bereits fleißig durch die Fachliteratur zur Ernährung bei Profifußballer:innen!

  2. Yes, gerne mehr davon!
    Gibt es eigentlich Hinweise zu Unterschieden bei Kids und Erwachsenen? Gerade bei den kleinen Kindern ohne Impfmöglichkeit sind die Schleusen ja gerade weit offen und großartig untersucht wird nüscht.

    1. Hi, vielen Dank. Berechtigte Frage, ich habe mich bei meiner Recherche allerdings auf Leistungssport konzentriert, da waren die Jüngsten im College-Alter. Müsste man folglich nochmals nachschauen.

  3. Hallo Lorenz,
    auch von mir grossen Respekt und Dankbarkeit fuer diesen informativen und trotzdem
    gut lesbaren Artikel. Fuer mich als Wissenschaftler sind solche Zusammenfassungen
    von einem Experten Gold wert. Die Kommunikation in die breite Gesellschaft ist ein
    Hauptproblem unserer „Zunft“. Ehrlich gesagt denke ich, dass Deine Ausfuehrungen
    einem groesstmoeglichen Publikum zugaenglich gemacht werden sollten. Danke!
    Gruss Michael

  4. Moin,
    wirklich interessanter Artikel. Vielen Dank, Lorenz!
    Die von Dir angemerkten Punkte „Ernährung“ und „Schlaf“ finde ich spannend und würde mich über einen ähnlichen Beitrag zu diesen Themen freuen. Denn -mal losgelöst vom Leistungssport- das sind Themen, die uns alle betreffen und wahrscheinlich schon jeden beschäftigt haben.

    Sunny „Walk On“ an Alle!

  5. Danke für den Artikel! Gerne mehr.

    Ich war vor ca. 2 Monaten auch krank mit schwerer Erkältung… alle Schnell- und ein PCR-Test waren zwar negativ, aber danach hatte ich 4 Wochen lang immer mal wieder „Herzstolpern“. Einfach so beim ruhigen auf dem Sofa rumliegen. Da hatte ich echt Schiss, was das mit mir gemacht hat. Inzwischen ist das Herzstolpern zwar weg, aber so richtig wohl fühlen beim Sport (in meinem Fall Basketball und Joggen) tu ich mich noch nicht, ganz davon abgesehen, dass die Kondition einfach nicht mehr vorhanden ist. Mal schauen, wie lange ich brauche, um wieder zu alter Form zurückzufinden.

  6. Ein sehr guter, sensibler Beitrag dazu, dass mit einem Negativtest noch längst nicht alles paletti ist. Aus Zeiten, wo ich noch der „Apotheker des FC St. Pauli“ war, weiß ich, dass die Kommunikation Sportarzt – Trainerteam lange nicht rund lief. Scheint jetzt besser zu sein. Selten habe ich den Eindruck, dass ein Spieler nach der Methode „Versuch-Und-Irrtum“ auf dem Platz steht.
    Neben der bei Millernton beeindruckenden Fußballexpertise (Danke Tim, Danke Maik!) freue ich mich ab und an auf so gut zusammengefasste Draufsicht von außen, wie bei Lorenz. Mehr davon!

    1. Das ehrt mich sehr, vielen, vielen Dank! An den Apotheker des FC St. Pauli hätte ich auch ein paar Fragen, vielleicht für einen zukünftigen Beitrag (:

  7. 👍
    DANKE!
    Gerne mehr davon!!!
    Und auch ein großes Dankeschön an die Macher:innen dieses tollen Blogs!
    DAS „Leitmedium“, wenn es um den FCSP geht!
    Ein Aspekt für die Statistikauswertung könnte auch die Entwicklung derjenigen Spieler sein, die wegen einer Corona-Infektion pausieren mussten? 🤔

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