Vorbericht: FC St. Pauli – SV Werder Bremen (29. Spieltag, 21/22)

Vorbericht: FC St. Pauli – SV Werder Bremen (29. Spieltag, 21/22)

Samstag, 13:30 Uhr, Millerntor – Wenn das Top-Spiel der 2. Bundesliga am 29. Spieltag steigt, dann ist der FC St. Pauli mittendrin. Ein gutes Gefühl. Mit Werder Bremen kommt aber niemand Geringeres als das beste Team der Rückrunde, welches sich inzwischen zum größten Favoriten auf den Aufstieg gemausert hat und völlig zurecht ganz oben in der Tabelle steht. Der Vorbericht eines Spitzenspiels.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Hört auch gerne zur Vorbereitung in das „Vor dem Spiel“-Gespräch rein, bei dem sich Yannick mit Lennart vom Weserfunk unterhalten hat.

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

Vier langzeitverletzte Spieler gibt es im Kader: Eric Smith, Jannes Wieckhoff, Sebastian Ohlsson und Christopher Avevor. Diese vier Spieler werden für das Spiel am Wochenende ausfallen. Alle anderen Spieler sind, wie Timo Schultz auf der Pressekonferenz vor dem Spiel sagte „grundsätzlich eine Option„. Das bedeutet, dass neben Philipp Ziereis und James Lawrence, die bereits letzte Woche wieder zum Kader zählten, auch in der Offensive wieder deutlich mehr Spieler zur Verfügung stehen: Jackson Irvine, Etienne Amenyido und Maximilian Dittgen sind wieder einsatzbereit. Beim Letztgenannten machte Schultz aber noch den Abstrich, dass dieser erst seit dieser Woche wieder voll im Training ist. Entsprechend ist davon auszugehen, dass eher Amenyido als Dittgen im Kader am Samstag zu finden sein wird.

Pünktlich zum Saisonfinale meldet sich damit wieder eine ganze Reihe an Spielern fit zurück. Das ist schon richtig gut und enorm wichtig, denn besonders offensiv fehlte es zuletzt an Spielern, die nochmal Druck von der Bank bringen konnten.

Deutschland, Darmstadt, 20.11.2021, Fussball 2. Bundesliga 14. Spieltag, SV Darmstadt 98 - FC St. Pauli im Merck-Stadion am Boellenfalltor Trainer Timo Schultz (FC St. Pauli)
Timo Schultz hat endlich wieder mehr Auswahl in der Offensive.
(c) Peter Böhmer

SV Werder Bremen: Wer kann spielen, wer fehlt?

Auch beim SV Werder Bremen lichten sich die Reihen im Lazarett. Nachdem es in den letzten Wochen vor allem in der Defensive viele Ausfälle gab, werden für das Spiel gegen den FCSP wieder einige Spieler zurückkehren in den Kader. Mitchell Weiser (Muskelverletzung), Milos Veljkovic (Wadenprobleme), Ömer Toprak (Wadenverletzung) und Marco Friedl (Bauchmuskelverletzung) sind unter der Woche allesamt wieder ins Training eingestiegen, wie SVW-Trainer Ole Werner auf der Pressekonferenz vor dem Spiel sagte (was ich von der Deichstube weiß, da Werder der einzige Club der Liga ist, bei dem die PK’s vor dem Spiel nicht frei zugänglich sind – kurzzeitig war das gestern auch beim FC St. Pauli der Fall).

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Das sind schon echt fette News, die es da aus Bremen gab und sie zerstörten ziemlich jäh meine Motivations-Punchline, bei der ich eben jene ausgedünnte Defensive als große Schwachstelle darstellen wollte.
Allerdings lösen sich die Personalsorgen in der Defensive damit nicht in Luft auf. Denn ob die vier genannten Spieler, die allesamt länger mit dem Training aussetzen mussten, auch wirklich wieder spielfit sind, muss sich erst noch zeigen. Sicher fehlen wird Anthony Jung, der gelbgesperrt ist und auch hinter Nicolai Rapp steht zumindest ein Fragezeichen, da er aktuell erkältet ist. Ebenso ist der Einsatz von Flügelverteidiger Felix Agu fraglich, da er Muskelprobleme aus dem letzten Spiel mitgebracht hat. Macht sechs Fragezeichen und ein Ausrufezeichen allein in der Defensive von Werder Bremen in Sachen Einsatzfähigkeit. Die Situation ist da sicher weiter angespannt.

Was hat Werder zu bieten?

Es wird niemanden überraschen, wenn ich hier jetzt „viel“ schreibe. Seit Ole Werner die Geschicke in Bremen übernommen hat, ist allein die Punkteausbeute fast beängstigend gut. Werder Bremen stand auf dem 10. Tabellenplatz als er Anfang Dezember Chef-Trainer wurde. Zehn Siege aus 13 Spielen folgten, nur gegen Heidenheim verlor das Team. Inzwischen ist das Team Spitzenreiter und wenn es einen Aufstiegsfavoriten in der 2. Bundesliga gibt, dann ist es Werder Bremen. Schauen wir uns die Kern-Statistiken mal etwas genauer an:

Pizza-Grafik der Kern-Statistiken von Werder Bremen nach 28 Spieltagen der Saison 21/22
Kern-Statistiken von Werder Bremen nach 28 Spieltagen der Saison 21/22.

Das sind schon richtig beeindruckende Statistiken. Aber zusätzlich muss noch beachtet werden, dass diese die gesamte Saison abbilden. Seit Ole Werner Trainer ist, haben sich diese Daten noch einmal stark verbessert. So sind zum Beispiel die xG-Werte in der Defensive von 1.4 auf 1.2 pro Spiel gesunken, während die offensiven xG-Werte von 1.8 auf 2.1 stiegen. Diese Rechnung könnte man problemlos auf fast alle weiteren Statistiken anwenden und würde zu einem ähnlichen Ergebnis kommen. Würde man also nur die letzten 13 Spiele berücksichtigen, dann stellt Werder Bremen mit gehörigem Abstand das beste Team der 2. Bundesliga.

Und wo ein gutes und spielstarkes Team ist, da sind auch teils überragende Einzelspieler. Es ist wirklich bemerkenswert, wie sich der Kader auch in Bezug auf die individuelle Qualität in den letzten Monaten entwickelt hat. Denn zum Hinspiel tat ich mich eher schwer damit einzelne Spieler als besonders stark hervorzuheben. Nun ist die Liste aber ziemlich lang.
Da wäre die Abwehr um Ömer Toprak und Marco Friedl, die die wenigsten Torschüsse der Liga zulässt und auch offensiv enorm viel beiträgt durch gutes Aufbauspiel. Da wäre ein sehr kreatives und spielstarkes Mittelfeld mit Niklas Schmidt und Romano Schmid. Und ganz vorne sind mit Marvin Ducksch und vor allem Niclas Füllkrug zwei wirklich starke Stürmer a.k.a. die „hässlichen Vögel„, die zusammen 31 Saisontore erzielt haben und damit das beste Sturm-Duo der Liga sind.
Wisst ihr, ich lasse das jetzt mal hier mit der Gegner-Analyse. Da kommt sowieso nur bei rum, wie gut Werder ist. Da muss ich jetzt nicht noch mehr Fakten zusammensuchen.

BREMEN, GERMANY - OCTOBER 30: Marvin Ducksch of Bremen celebrates scoring his goal with Niclas Füllkrug during the Second Bundesliga match between SV Werder Bremen and FC St. Pauli at Wohninvest Weserstadion on October 30, 2021 in Bremen, Germany.
31 Saisontore sind auf diesem Bild vereint – und laut eigener Aussage handelt es sich bei diesen beiden um keine Schönheiten.
(Stuart Franklin/Getty Images/via OneFootball)

Mögliche Aufstellung

Auch dieser Abschnitt beginnt leider mit einer nicht so guten Nachricht: Werder Bremen spielt in einer Formation, die dem FC St. Pauli nicht besonders gut liegt (die verflixte Dreierkette): Einem 3-1-4-2. Das klingt nach einer eher ungewöhnlichen Zahlenkombination, aber die beiden Flügelverteidiger agieren bei Werder so hoch, dass sie eben eher als offensive Außenbahnspieler bezeichnet werden müssen.
Diese Formation sorgt dafür, dass Werder in der Offensive sowohl das Zentrum, aber auch die Außenbahnen immer sehr gut besetzt hat. Das ist dann auch der Grund, warum das Team die Gegner regelmäßig in der Defensive „einschnüren“ kann, wenn der Ball erstmal weiter vorne ist.
Zwei Probleme hat das Team aber: Erstens muss der Ball erst einmal nach vorne gelangen, was nicht immer zuverlässig gelingt (vor allem dann, wenn die aufbaustarken Verteidiger nicht auf dem Platz stehen) und zweitens offenbarte Werder das ein oder andere Problem mit der Rückverteidigung.

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Personell gibt es viele Fragezeichen beim SVW. Es ist nicht davon auszugehen, dass sämtliche Spieler, die zuletzt aufgrund von Verletzungen ausfielen, direkt wieder einsatzfähig sind. Trotzdem müssen mit Jung und evtl. auch Agu und Rapp drei Spieler in der Defensive ersetzt werden. Hier könnte es ziemlich eng werden. Offensiv sind aber keine Änderungen im Vergleich zum letzten Spiel gegen Sandhausen zu erwarten. Ein Knackpunkt ist sicher die Sechser-Position. Hier gibt es nach den Worten von Schultz eine „offensive Option“ (Ilja Gruev) und eine „defensive Option“ (Christian Groß). Ich gehe da mal von der offensiven Variante aus, tue das aber eher aus der Hoffnung heraus, dass Kyereh dann richtig heißläuft.

Erwartete Aufstellung im Spiel FC St. Pauli gegen SV Werder Bremen
Gehen wir mal davon aus, dass Werder alle zuletzt verletzten Defensivkräfte zu Verfügung stehen. Dann sähe die Aufstellung vermutlich so aus.

Wir halten uns ein, zwei Optionen offen“ – So ließ Timo Schultz die Fragen nach der Aufstellung mehr oder minder abperlen auf der Pressekonferenz. Es ist aber davon auszugehen, dass Jackson Irvine in das Team zurückkehren wird. Fragt sich nur auf welcher Position. Er könnte sowohl Finn Ole Becker auf der Achter-Position ersetzen oder aber für Afeez Aremu auf der Sechs starten. Ich tendiere eigentlich zur Achter-Position, aber im Hinspiel zeigte Becker eine seiner besten Leistungen im FCSP-Trikot und mit Schmidt, Schmid, aber auch Mbom und wohl Agu auf den Außenbahnen hat der SVW Spieler im Kader, die nicht primär über die Physis kommen, was Becker entgegenkommt. Ein Startelfeinsatz von Becker und Irvine halte ich daher für möglich. Auf der anderen Seite dürfte der FCSP die Defensivstärke von Aremu benötigen und die dominante Bremer Spielweise könnte auch dafür sorgen, dass der Fokus nicht so sehr wie zuletzt auf dem ausbaufähigen Spiel mit dem Ball von Aremu liegt. Daher halte ich beide Varianten für denkbar.

Auch in der Innenverteidigung könnte es personelle Wechsel geben, wenn Timo Schultz und sein Trainer-Team der Ansicht sind, dass Philipp Ziereis oder James Lawrence etwas besser gegen das Sturm-Duo von Werder verteidigen können. Marcel Beifus und Jakov Medić zeigten zwar gemeinsam immer stabile, aber nicht überragende Leistungen. Ich tippe trotzdem darauf, dass es hier keine Änderungen geben wird.

Auch in der Offensivreihe ist nicht von Veränderungen auszugehen. Denn im Hinspiel waren es lange Bälle auf Simon Makienok, die so etwas wie die entscheidende Wende im Spiel brachten (hier die Analyse). Diese sollten auch im Rückspiel erstmal den Gegner vor Probleme stellen. Sollte sich dann aber ergeben, dass mehr Tempo in der Offensive gefragt ist (z.B., weil die Angriffsreihe eher breitziehen soll), dann dürfte Etienne Amenyido auf dem Platz gefragt sein.

Etienne Amenyido vom FC St. Pauli feiert nach seinem Tor gegen Borussia Dortmund.
Etienne Amenyido könnte endlich wieder auf dem Platz eine Rolle spielen.
(c) Peter Böhmer

Wer auf dem Platz immer gefragt ist, aber zuletzt etwas Probleme hatte, ist Guido Burgstaller. Und da es immer mal wieder einen Zusammenhang zwischen meinen schlechten Worten zu Guidos Statistiken und seinen folgenden Leistungen auf dem Platz gibt, sei es hier laut und deutlich gesagt: Guido Burgstaller hat noch nie gegen Werder Bremen getroffen! Das kann er nicht.

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Ja, Werder Bremen ist das beste Team der Liga. Ja, der FC St. Pauli ist nicht mehr so stabil, wie noch in der Hinrunde. Ja, Bremen spielt mit einer Dreierkette und das liegt dem FCSP überhaupt nicht. Ja, Füllkrug und Ducksch sind Extra-Klasse und wichtige Defensiv-Spieler kehren zurück. Das ist alles richtig und kann nicht wegdiskutiert werden. Der FC St. Pauli ist bei diesem Spiel zum ersten Mal seit längerer Zeit in der Liga eher Außenseiter. Aber genau das könnte dem Team gut tun. Mal nicht gegen ein Team spielen, welches nur auf die Zerstörung des eigenen Spiels aus ist, dürfte enorme Kräfte freisetzen.

Ich brenne auf dieses Spiel. Ich freue mich auf ein ausverkauftes Millerntor, auf Support von der Süd und auch einen pickepackevollen Gästeblock mit ebenfalls einigen freundlichen Menschen. Wie es schon das Hinspiel war, dürfte es auch dieses Mal wieder ein großes Fußballfest werden.
Mich muss hier jedenfalls niemand mehr motivieren. Es ist der 29. Spieltag, der FC St. Pauli empfängt Werder Bremen und kann mit einem Sieg zumindest vorübergehend wieder Spitzenreiter werden. Wer hätte das vor der Saison für möglich gehalten? Das ist nicht viel weniger als elektrisierend.

Forza St. Pauli!
// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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4 thoughts on “Vorbericht: FC St. Pauli – SV Werder Bremen (29. Spieltag, 21/22)

  1. Setze auch darauf, dass Werder mit uns spielen will 😉 – und auf unsere Heimstärke!
    Was die Aufstellung angeht, bin ich allerdings nicht ganz bei dir: Sowohl Lawrence als auch (und vor allem) Ziereis dürften realistische Optionen für Beifus sein und sind (in fittem Zustand) diesem sicher noch voraus.
    Irvine auf der 6 könnte ich mir auch gut vorstellen, jedoch frage ich mich, warum du Benatelli ganz außen vor läßt. Bremens System sorgt ja dafür, dass sie grundsätzlich im MF mit einem Mann weniger unterwegs sind als wir – einen spielstarken Ballverteiler, der auch mal das Risiko aus dem Aufbauspiel raus nimmt, könnte da eine gute Option sein. Womöglich zusammen mit einer etwas defensiveren Interpretation der Halbpositionen durch Hartel und Irvine, um ihre Gegenspieler zu ziehen und damit Räume hinter der MF-Viererkette zu schaffen.
    Mit Aremu ginge das auch, nur müssten dann konsequenter die Positionen verlassen werden: Hartel oder Irvine könnten den Raum hinter den Flügelverteidigern besetzen, wenn Aremu auf den jeweiligen 8er schiebt. So hätte man die numerische Überzahl im MF situativ in eine Flügelüberladung umgewandelt. Ich glaube, dass zu beiden Optionen ein weiterer wendiger und schneller Spieler wie Amenyido besser passt als Makeniok, obwohl ich ihn grundsätzlich gerne in der Mannschaft sehe.

    1. Benatelli spreche ich defensive Stärke ab und ich habe ihn deshalb nicht auf dem Zettel. Aber vielleicht werde ich ihm damit auch nicht gerecht.
      Grundsätzlich finde ich den Ansatz mit Amenyido auch gut. Im Hinspiel war es aber Makienok, der enorm geholfen hat. Auch deshalb, da er klare Großenvorteile gegen Werders Verteidiger hat.

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