Buchrezension: Futopia

Buchrezension: Futopia

Profifußball ist scheiße, alle Verbände sind korrupt, die Funktionäre sind sogar scheiße und korrupt – und trotzdem gehen wir weiter alle hin. Warum eigentlich? Und wird es irgendwie wieder besser? Vielleicht mit diesem Buch?

Tja nun, zaubern kann ein Buch natürlich auch nicht.
Was aber „Futopia“ von Alina Schwermer weitaus konstruktiver macht als der „normale“ unzufriedene Fußballfan am Tresen, ist das Weiterdenken der Szenarien. Auch und gerade um Ecken herum – oder durch sie hindurch.

Es ist natürlich einfach „Alles doof!“ zu rufen (oder ins Internet zu schreiben), wenn man die Konsequenzen der angedachten Handlungen nicht austragen muss, weil die eigene Forderung eben sowieso nicht umgesetzt wird oder eben „utopisch“ ist. Und hier setzt das Buch an und schafft seine eigene Utopie – und versucht zumindest, diese dann auch auf Praxistauglichkeit hin zu überprüfen.

Die Autorin

Alina Schwermer ist freie Journalistin, u.a. für die taz, Jungle World und die Deutsche Welle und vielleicht habt Ihr schon „Wir sind der Verein“ von Ihr aus dem Werktstatt-Verlag gelesen.
Zumindest in der Vergangenheit war der FC Bayern ihr Verein – ob das immer noch so ist, hat sie zumindest in den Texten und Interviews, die ich gelesen habe, nicht mehr bestätigt. Eine Entfremdung vom Profifußball gibt sie zu, sagt aber auch, dass es ihr sicher nie gelingen wird, ein Fußballspiel komplett neutral zu verfolgen.

Die Utopie

Vorab: Es wird sich wahrscheinlich nichts ändern.
Zumindest, wenn wir Kritik und Reformideen weiter so äußern und denken wie bisher. Selbst Reformvorschläge wie es sie ab und an gibt (beispielsweise bei Zukunft Profifußball) gehen absolut nicht weit genug, denn sie orientieren sich am aktuellen System – und dies müsste stattdessen komplett neu gebaut werden. So zumindest der Eindruck, der sich aus dem Buch ergibt.

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Dieses „komplett neu bauen“ muss anfangen an der Basis, gedacht inklusive dem Amateurbereich. Und selbstverständlich nicht getrennt in Fußball von Männern und Fußball von Frauen, sondern gemeinsam. Es braucht also nicht die aktuell oft geäußerte, oberflächliche Kritik, mit dem Schrauben an einzelnen Details – sondern eben eine echte Utopie.

Anders formuliert: Es gibt gute Ideen, sie bekommen aber kaum eine Plattform. Und zwar weil die Medien (und wir alle mit) auf die Gegenwart statt auf die Zukunft fixiert sind. Oder auch bei uns Fans, wie Jan Tölva es formuliert: „Kommerzkritik ist oft eine Worthülse mit wenig bis keinem Inhalt“.

Alina Schwermer baut Ihr Buch in vier Teile auf:

  1. Ideen zur Gegenwart
  2. Ideen für eine bessere Zukunft im selben System
  3. Ideen für ein besseres System
  4. Ideen zum Selbermachen

Jeder der Punkte hat natürlich diverse Unterpunkte und blickt auf verschiedene Aspekte. Neben den eigenen, komplexen Gedanken von Schwermer, die sie sehr gut und nachvollziehbar ausbreitet und erklärt, gibt es auch viele Interviews mit beteiligten Personen.

Die Ideen kommen aus anderen Ländern und Kontinenten, sie kommen aus anderen Sportarten – und sie versucht insbesondere im dritten Teil, diese Ideen auch komplett neu auf den Profifußball zu übertragen bzw. diesen neu zu entwickeln.

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Das System ist kaputt. Diese Aussage ist zwar eingängig, aber keine Utopie für Besseres. Alles abzureißen und ganz anders zu machen, überfordert Menschen. Es braucht Konzepte, die schrittweise erklären, was passieren kann – und wie. Die umfassend sind, völlig anders funktionieren. Und doch keine bequem plakative Umsturzfantasie, sondern Stück für Stück umsetzbar sind und manches stehen lassen. Eine Revolution als Langzeitprojekt.

Abschluss der Einleitung zu Teil 3 von „Futopia“

Und ja, natürlich lautet ein Unterpunkt in Teil 3 „Auflösung des DFB“.
Während ich hier zwar ständig dachte „Tolle Idee… wird aber dann doch wohl eh nicht umgesetzt“ und damit mit meinem begrenzten Horizont und meinem Akzeptieren der festgefahrenen Strukturen wahrscheinlich auch Teil des Problems bin, wie wir alle, hat mir Teil 4 besonders gut gefallen. Habt Ihr schon mal vom „Dreiseiten-Fußball“ oder „Überraschungsfußball“ gehört? Oder Infinite Football?
Klar, das wäre dann eher nicht mehr im Profifußball umsetzbar – aber schön wäre es schon.

Fazit

Hat das Buch die alles umfassende Lösung für alle Probleme?
Vielleicht… wahrscheinlich eher nicht. Und wenn doch, wäre sie eben zu radikal, um im Milliardenbusiness Profifußball umgesetzt werden zu können. Lesenswert ist das Buch aber allemal, alleine schon, um den eigenen Horizont zu erweitern und vielleicht eben doch Schritt für Schritt zu einem besseren Fußball beizutragen. Und wenn der im Profifußball eventuell nicht mehr möglich sein sollte, dann doch zumindest im Kleinen.

Ich schließe daher mit dem abschließenden Teil des Vorworts:
„Ist ein besserer Fußball möglich?
Nicht alles wird besser. Aber alles kann besser werden.“

Links:

Infos: Alina Schwermer / „Futopia – Ideen für eine bessere Fußballwelt“ / 448 Seiten / 13,9 x 21,2cm / Hardcover 26€ / eBook 19,99€ / ISBN 978-3-7307-0492-9

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// Maik

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