Zwischen Potenzial und Sicherheit

Zwischen Potenzial und Sicherheit

In weniger als zwei Wochen startet die neue Zweitligasaison für den FC St. Pauli. Der Vergleich zur Vorsaison zeigt, dass es dem Team an mehreren Ecken an Personal mangeln könnte. Dabei geht es nicht nur um die nackten Zahlen, sondern auch um die Erfahrung.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Diese Sommerpause ist besonders. Besonders kurz nämlich. Vor wenigen Wochen wurden noch eine ganze Reihe an Spielern verabschiedet und nun steht bereits in einigen Tagen der Saisonauftakt ins Haus. Die Weltmeisterschaft im Winter sorgt für einen enorm engen Zeitplan diesen Sommer, sodass nur zwei Monate nach dem letzten Spiel der Saison 21/22 schon der Auftakt in die neue Spielzeit ansteht.

Dieses Auftaktspiel gegen den 1. FC Nürnberg kommt für den FC St. Pauli zu früh, finden nicht wenige. Denn der Kader hat sich in den letzten Wochen massiv verändert und ist an einigen Stellen noch enorm dünn besetzt. Zehn Spieler haben den Club verlassen, bisher sind sechs Neuzugänge vermeldet worden. Damit ist auch klar, dass an der ein oder anderen Stelle noch etwas passieren wird. Die Frage ist aber wann – und vor allem: Wer?

Innenverteidigung – Zwei weg, Einer dazu, Einer weit weg

Wenn es das Ziel in der Kaderplanung ist, dass sämtliche Positionen doppelt besetzt sind, dann sollte es in der Innenverteidigung eigentlich keine Probleme geben. Denn mit Jakov Medić, Adam Dźwigała, Marcel Beifus und Neuzugang David Nemeth befinden sich vier Spieler für zwei Positionen im Kader.

Allerdings, und das ist ein großes „allerdings“, würden die Kader der Proficlubs bei einer solchen Doppelbesetzung dann auch nur insgesamt 22 Spieler groß sein. Meist sind es eher 27-30 Spieler, die dabei sind, die Doppelbesetzung der Positionen ist eher so etwas wie das Mindestmaß. In dieser Aufzählung fehlt Christopher Avevor, der eigentlich der fünfte Innenverteidiger im Kader ist. Da er aber seit rund 20 Monaten kein Spiel mehr bestreiten konnte, dürfte es sich hier nur um eine theoretische Option im Kader handeln.

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Deutschland, Hamburg, 12.06.2022, Training FC St. Pauli auf den Trainingsplaetzen an der Kollaustrasse Christian Viet (FC St. Pauli) im Zweikampf mit Adam Dzwigala (FC St. Pauli)
Wird er rechtzeitig fit? Adam Dźwigała befindet sich zumindest wieder im Team-Training.
(c) Peter Böhmer

Wer spielt beim Auftakt?

Wie schnell aus vier Spielern nur noch einer wird, konnte letzte Woche beim FC St. Pauli beobachtet werden. Denn Nemeth und Dźwigała zogen sich Muskelverletzungen zu und im Fall von Nemeth erscheint ein Einsatz zum Saisonauftakt ausgeschlossen. Ausgeschlossen ist auch der Einsatz von Marcel Beifus am 1. Spieltag, da er noch eine Rotsperre aus der Vorsaison absitzen muss.

Somit stand plötzlich ein dickes Fragezeichen, wer beim Spiel gegen Nürnberg neben Jakov Medić verteidigen soll. Zwar stellt sich die Verletzung von Dźwigała als nicht ganz so gravierend dar (er trainiert bereits wieder mit dem Team), aber die jetzige Situation ist sicher alles andere als gewünscht und so kamen auch die sportlich Verantwortlichen ins Grübeln: „Der Ausfall von Nemeth hat dem Vernehmen nach dennoch dafür gesorgt, sich inten­sivere Gedanken über eine weitere Verpflichtung in der Defensive zu machen.“ (aus Abendblatt (€))

Offensive – Vier weg, Zwei dazu

Im Angriff haben gleich vier Spieler den FC St. Pauli verlassen: Simon Makienok, Guido Burgstaller, Maximilian Dittgen und Daniel-Kofi Kyereh. Mit Johannes Eggestein und David Otto wurden zwei neue Spieler für die Offensive verpflichtet. Auch Neuzugang Carlo Boukhalfa hat in den Testspielen in offensiverer Rolle gespielt, ist aus meiner Sicht aber langfristig eher für die Achter-Position eingeplant.

Offensive aktuell unterbesetzt

Entsprechend fehlen dem FC St. Pauli zahlenmäßig aktuell zwei Spieler in der Offensive im Vergleich zur Vorsaison. Nachdem bekannt wurde, dass Etienne Amenyido aufgrund einer Muskelverletzung den Saisonauftakt verpassen wird, stellte sich der Angriff des FCSP kurzfristig von alleine auf. Denn mit Igor Matanović, Lukas Daschner und Johannes Eggestein gab es nur noch drei Spieler im Kader für ebenso viele Positionen.

Daenemark, Tondern, 01.07.2022, Fussball Testspiel, Silkeborg IF - FC St. Pauli im BankParken Igor Matanovic (FC St. Pauli)
Igor Matanović ist wirklich alles zuzutrauen – aber kann er seine Top-Leistungen auch konstant abrufen?
(c) Peter Boehmer

Mit der Verpflichtung von David Otto hat der FC St. Pauli auf diesen personellen Engpass reagiert. Es darf aber mindestens angezweifelt werden, dass die Transferaktivitäten damit abgeschlossen sind. Aktuell befinden sich im Kader (ohne Boukhalfa) fünf Spieler für die drei Offensivpositionen. Sollte jede Position doppelt besetzt sein, dann muss hier noch was passieren.

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Roggow vor dem Durchbruch?

Alle anderen Positionen beim FCSP erscheinen aktuell ausreichend besetzt. Sofern also nicht noch Spieler den Verein verlassen werden, dürften die Aktivitäten auf der Außenverteidiger-, Torwart-, Sechser- und Achter-Position abgeschlossen sein.

Im Mittelfeld hat nur scheinbar eine Verschlankung stattgefunden. Denn mit Rico Benatelli, Christopher Buchtmann und Finn Ole Becker sind drei Spieler weg, während mit Connor Metcalfe und Carlo Boukhalfa nur zwei neue Spieler hinzugekommen sind. Trotzdem könnten die Planungen auf diesen Positionen abgeschlossen sein.

Denn es erscheint möglich, dass mit Franz Roggow ein Eigengewächs langfristig eine ernsthafte Alternative auf den Mittelfeldpositionen wird. Vor allem im Testspiel gegen Silkeborg hinterließ Roggow einen starken Eindruck und konnte auch endlich mal im Herrenbereich zeigen, was er in der U19 regelmäßig nachwies. Nach seiner schweren Verletzung in der Sommer-Vorbereitung des letzten Jahres, wäre ein Durchbruch von Roggow für den gesamten Verein ein großer Erfolg. Und sollte nebenbei ein äußerst wichtiges Element in der Kaderplanung sein.

Daenemark, Tondern, 01.07.2022, Fussball Testspiel, Silkeborg IF - FC St. Pauli im BankParken Franz Roggow (FC St. Pauli) im Zweikampf mit Nicolai Vallys
Franz Roggow überzeugte zuletzt im defensiven Mittelfeld und nährt damit Hoffnungen, dass er sich auch langfristig durchsetzen könnte.
(c) Peter Boehmer

Es fehlt (Tor-)Erfahrung

Durch die Abschiede von Benatelli und Buchtmann hat der FC St. Pauli erheblich viel Erfahrung verloren. Gleiches gilt in der Innenverteidigung durch Ziereis und Lawrence, sowie in der Offensive mit Makienok und Burgstaller. Aktuell scheint es nicht nur ein rein personeller Engpass, sondern auch ein Fehlen an Erfahrung zu sein beim FC St. Pauli.

In der Innenverteidigung ist Adam Dźwigała mit 26 Jahren der älteste und zeitgleich auch dienstälteste Profi. Seit knapp 18 Monaten ist er beim FCSP und hat in dieser Zeit überschaubare 1.400 Einsatzminuten gesammelt. Jakov Medić ist mit 23 Jahren einsatzmäßig schon etwas weiter. Die Rückrunde 21/22 (als Lawrence und Ziereis verletzt ausfielen) zeigte aber wie wichtig ein erfahrener Innenverteidiger neben ihm gewesen wäre. Marcel Beifus (19) und David Nemeth (21) sind zwar hochtalentiert, aber der Nachweis, dass sie eine echte Stütze für den FCSP werden können, fehlt beiden noch.

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Das jüngste Team der Liga

Ähnlich stellt sich die Situation in der Offensive dar. Mit Makienok, Dittgen, Burgstaller und Kyereh haben den FCSP die Top4 in Sachen Einsatzzeit verlassen. Zudem sind es alleine in der Liga 40 Saisontore, die dem Team abhanden gekommen sind. Diesen Verlust an Erfahrung und Torejagd aufzufangen dürfte enorm schwierig werden.

Auch die Offensive ist extrem jung: Mit 24 Jahren sind Etienne Amenyido und Johannes Eggestein so etwas wie die Dinos. Der älteste Spieler im Kader ist Christopher Avevor mit 30 Jahren, der aktuell in den Planungen überhaupt keine Rolle spielt. Das ist schon liga-untypisch, wie sich zeigt: Denn mit einem Durchschnittsalter von 23,4 Jahren hat der FC St. Pauli aktuell das jüngste Team der 2. Bundesliga.

Potenzial ja, Konstanz nein?

Allerdings muss hier deutlich herausgestellt werden, dass es sich aus meiner Sicht bei den Abgängen nicht um einen Qualitätsverlust handelt, wenn man Daniel-Kofi Kyereh einmal ausklammert. Es ist den jetzigen Spielern im Kader voll und ganz zuzutrauen, dass sie die frei gewordenen Plätze im Kader qualitativ gut ausfüllen, vielleicht sogar das Level noch einmal anheben können. Was fehlt ist ein Maß an Sicherheit. Die Gewissheit, dass die Spieler im Kader konstant ihre Leistungen abrufen können.

Beim Blick auf den aktuellen Kader des FC St. Pauli und die Neuverpflichtungen wird deutlich, dass es diese Sicherheit bisher in Abwehr und Angriff (noch) nicht gibt. Zwar verfügt der Kader zweifelsohne über enorm hohes Potenzial in der Offensive, aber noch hat keiner der Spieler nachgewiesen, dass er das Level dauerhaft halten bzw. das Team in der Offensive qualitativ voranbringen kann. Gleiches gilt für die Innenverteidigung.

Deutschland, Hamburg, 12.06.2022, Training FC St. Pauli auf den Trainingsplaetzen an der Kollaustrasse Co-Trainer Loic Fave (FC St. Pauli) - Trainer Timo Schultz (FC St. Pauli) - Co-Trainer Fabian Huerzeler (FC St. Pauli)
„Reicht das?“ dürfte sich das Trainerteam aktuell in Bezug auf den Kader fragen.
(c) Peter Boehmer

Fehlende Erfahrung als Chance?

Wir wollen mutig sein.“ – das ist das, was Timo Schultz immer wieder voranstellt in der Spielweise seines Teams. Vielleicht ist es auch genau das, was den Kader des FC St. Pauli nun beschreibt: Ein Kader, der Mut verlangt. Der über enormes Potenzial verfügt, welches bei mutiger Herangehensweise zu neuen Höchstleistungen führen kann. Denn sicher ist auch, dass sich talentierte Spieler erst dann zu neuen Höchstleistungen bewegen können, wenn sie auch regelmäßig auf dem Platz stehen.

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Trotzdem dürfte es sich um eine Frage nach Maß und Mitte handeln. Es ist davon auszugehen, dass der Verein weiterhin nach Spielern sucht, die schon einige Erfahrung haben und diese auch gewinnbringend in eine talentierte Truppe einbringen können. Und da richtet sich der Fokus unweigerlich gen Innenverteidigung und Offensive, da es gerade dort an Erfahrung fehlt.

„Alter“ Mann zum Mitreisen gesucht

Auch wenn ich einen solchen Weg, mit einem Käfig voller Potenzial, sehr mutig und grundsätzlich auch richtig finde, dürfte allen daran gelegen sein, dass eine stabile Achse im Team geschaffen wird. Eine Achse, die dafür sorgt, dass junge Spieler ihr Talent entfalten und an der sie sich auch orientieren und ggf. hochziehen können. Das würde bedeuten, dass der FC St. Pauli auf dem Transfermarkt höchstwahrscheinlich noch nach einem Innenverteidiger und einem Offensivspieler mit Erfahrung sucht.
// Tim

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7 thoughts on “Zwischen Potenzial und Sicherheit

  1. Zunächst mal ein grosses Lob für eure Arbeit. Eure Analysen sind fantastisch, präzise und klar. Vielen Dank dafür. Zum aktuellen Kader. Ich bin skeptisch, ob der junge Kader in dieser extrem kampfbetonten Liga bestehen wird. Zumal in der Summe „40 Tore“ abgewandert sind. Es kann gut passieren, dass der FCSP weiterhin in grossen Sinuskurven durch die Tabelle wandert. Zwischen dem 5. und 15. Platz. Meine Prognose: eine schwierige Hinrunde. Und hoffentlich die Kehrtwende nach der WM.

    1. Ja, ich denke, dass gewisse Zweifel am Kader angebracht sind. Ich hoffe, dass wir uns dann aber alle nach den ersten drei-vier Spieltagen freudig die Augen reiben, weil aus Potenzial auf einmal Höchstleistung geworden ist.

  2. Also Erfahrung braucht es definitiv!! Einen Leitwolf sehe ich derzeit nämlich nicht.
    Ich weiss nicht, warum man bei Sobiech beispielsweise direkt einen Riegel vorgeschoben hat (laut Mopo) … der wäre doch perfekt!!
    Schauen wir mal, ich bin tatsächlich etwas pessimistischer aber hoffe natürlich 😄

  3. Ich glaube nicht, dass es zwingend noch mehr Erfahrung – also alte Spieler – braucht. Die Jungs, die wir verpflichtet haben sind wirklich gut, haben alle das Niveau der 2. Liga und haben auch teilweise schön höher gespielt, bzw. waren eigentlich für größere Aufgaben vorgesehen. Das Trainerteam insbesondere Loic und Timo hat viel Übung mit jungen Spielern. Loic hat es beim ETV echt bewiesen, dass er aus dem was der HSV und St. Pauli im Nachwuchsbereich übrig lassen eine richtig gute Mannschaft formen kann. Unter Timo war unsere U19 so erfolgreich wie selten. Und dieses Prinzip der Entwicklung von jungen Spielern wurde genau so bei unseren Profis fortgeführt. Klar, ein Burgstaller hilft und nimmt Druck von den anderen, wenn es mal nicht so läuft. Wir haben allerdings auch keine Mannschaft aus lauter 18-Jährigen. Eggestein ist 24, Medic ist 23 und hat eine richtig gute Saison gespielt. Auch Nemeth hat Erfahrung auf hohem Niveau und das trotz seiner „erst“ 21 Jahre. Ich glaube das was wir definitiv brauchen ist Vertrauen in die Entwicklung der Mannschaft und vom Profil her einen weiteren Neuner, der das Zentrum hält und kopfballstark ist. Einen weiteren IV könnte man mit Sicherheit auch gebrauchen aber ich glaube wirklich nicht, dass wir jetzt wieder jemanden wie Tore Reginiussen holen, nur weil er die „nötige Erfahrung“ hat. Die Jungs die da sind, sind gut und müssen spielen. Wenn sich bis Ende August noch Lücken auftun kann man ja noch reagieren. Denn wie Otto Rehagel mal sagte: „Es gibt keine jungen und alten Spieler. Es gibt nur Gute und Schlechte.“

  4. Denke nicht dass Bornemann zwingend nach Erfahrung sucht.
    In der IV würde ein Transfer wie letztes Jahr Beifus Sinn machen – einer, den man vor allem entwickeln muss, der aber falls mal Not am Mann ist auch mal aushelfen kann. Denn das Ziel sollte schon sein, dass Medic und Nemeth zusammen die IV bilden und sich weiter entwickeln können. Und dazu gehört auch Verantwortung zu übernehmen.

    Im Sturm brauchen wir einen 9er mit Klasse, der uns 12+ Tore schießt. Ob der jetzt 24 (wie Daferner),29 (Ishak),33 (Burgstaller) oder 21 (Haaland (man wird ja wohl noch träumen dürfen)) ist, ist eher zweitrangig. Vielleicht haben wir den ja aber auch mit Matanovic, Otto oder Eggestein bereits im Kader. zuzutrauen ist es allen dreien,

    Wenn es Bornemann um Erfahrung ginge hätte er auch Ziereis, Lawrence oder Makienok behalten können.

  5. Ich sehe es auch so, dass von der Veranlagung alle Neuzukaeufe im Laufe der Saison, die Lücken schließen koennen. Das einzige Fragezeichen ist der Druck, der kommt, wenn es 5 Spiele und Null Punkte geben sollte, was ich nicht glaube. Ohne Praxis keine Entwicklung. Die 6er und 8 er sind in der Raute mitentscheidend. Da ist Konstanz. Insofern… ABWARTEN

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