FCSP vs. HDH – Zahlen und Einzelkritik (10.Spieltag, 22/23)

FCSP vs. HDH – Zahlen und Einzelkritik (10.Spieltag, 22/23)

Mal wieder zeigte der FC St Pauli, dass er richtig gut Fußball spielen kann. Doch erneut passte das Verhältnis von Aufwand und Ertrag nicht – das Spiel gegen Heidenheim in der Einzelkritik.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Ihr lest hier gerade den Artikel zur Einzelkritik. Bereits am Sonntag haben wir die Spielanalyse veröffentlicht.

Statistiken

Hätte es eine Blaupause benötigt für das, was den FC St. Pauli in dieser Saison auszeichnet, dann wurde diese auf jeden Fall geliefert. Denn das Spiel des FCSP gegen Heidenheim hatte so ziemlich alle markanten Komponenten zusammen. Abgesehen von einer: Den eklatanten Fehlern in der Defensive. Und die Abwesenheit dieser führte dazu, dass das Team endlich mal wieder die Null halten konnte.

FC St. Pauli1. FC Heidenheim
1.36 / 1.31 / 1.7expected Goals
(Wyscout / DFL / 538)
0.54 / 0.43 / 0.5
11 (3)Torschüsse (auf’s Tor)8 (1)
10Fouls16
56.1%Ballbesitz43.9%
509 (85.3%)Pässe (erfolgreich)368 (79.4%)
50 (72%)…ins letzte Drittel (erfolgreich)34 (55.9%)
62 (58.1%)…davon lange Pässe (erfolgreich)51 (68.6%)
77 (33.8 %)Offensivduelle (erfolgreich)64 (31.3 %)
64 (68.8 %)Defensivduelle (erfolgreich)77 (66.2 %)
62 (40.3 %)Kopfballduelle (erfolgreich)62 (41.9%)
8.31PPDA11.72
6.62 / 6.88whoscored / sofascore (Durchschnitt)6.62 / 6.89

So lesen sich dann auch die Statistiken sehr ähnlich, wie in den letzten Spielen: Der FC St. Pauli hatte mehr Ballbesitz als der Gegner (in acht von zehn Ligaspielen diese Saison der Fall), spielte mehr Pässe (acht von zehn). Das Team hat mehr direkte Duelle gewonnen (sieben von zehn) und presste wesentlich früher (acht von zehn). Zudem hatte der FC St. Pauli mehr Torschüsse (neun von zehn) und auch der xG-Wert war höher (sieben von zehn).

Aber, und das darf bei der Beschreibung des Spiels und der bisherigen Spielzeit nicht fehlen, einmal mehr gelang es dem Team nicht, mehr als ein Drittel seiner Abschlüsse auch auf das Tor der Gegner zu bringen. Drei von elf Versuchen gingen auf das Heidenheimer Gehäuse, das ist wieder sehr wenig. Die Quote des FCSP von 30% aller Abschlüsse, die auf das Tor gehen, bedeuten Platz 17 in der Liga.
Und so kommt es dann, dass der FC St. Pauli bei aller statistischen Überlegenheit eben in der wichtigsten Statistik diese Saison nur zweimal besser war als der Gegner – nur zwei Siege in zehn Spielen, dazu fünf Unentschieden und drei Niederlagen sind allenfalls Mittelmaß.

Einzelkritik

Nikola Vasilj – Ausstrahlung als Stärke
(whoscored: 6.8; sofascore: 7.4)

Einen einzigen Torschuss musste Nikola Vasilj wirklich abwehren. Und der war mit einem xG-Wert von 0.07 nicht wirklich der Rede wert. Überzeugt hat mich diese Leistung trotzdem. Denn mehr als einmal war Vasilj auf richtiger Position und bei vielen Abschlüssen der Heidenheimer hätte er eingreifen können, wenn es nötig gewesen wäre. Das ist kein großer, aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Interessant finde ich die Rolle von Vasilj für das eigene Aufbauspiel. Denn in diesem Bereich scheint er eher einen größeren Schritt nach vorne gemacht zu haben. In einer Szene in der zweiten Halbzeit war es mal ein wenig wackelig, aber Vasilj ist immer für seine Vorderleute anspielbar, geht angenehmerweise kein Risiko in seinem Spiel ein (= wenn es zu eng wird, dann gibt es einen langen Ball), trifft aber, subjektiv empfunden, eigentlich immer die richtige Entscheidung und hat ein gutes Gespür für die Spieldynamik.
Die Passquoten sind dabei ziemlich ordentlich: Kurze Pässe kamen natürlich alle an (da ist jeder Fehlpass aber auch fatal) und von den langen Bällen kamen sieben von acht bei den Mitspielern an. Nikola Vasilj strahlt große Ruhe im Tor aus.

Lars Ritzka – anders, aber gut
(whoscored: 7.1; sofascore: 7.3)

Mit einer gehörigen Portion Neugier habe ich den Auftritt von Lars Ritzka erwartet. Ich war gespannt, wie sehr das Fehlen von Leart Paqarada das Aufbauspiel des FC St. Pauli verändern würde. Nach dem Spiel ist klar: Sehr stark – aber genau das hat dem Spiel des FCSP auch gut getan. Lars Ritzka zeigte ein leidenschaftliches Spiel und hat gezeigt, dass er das Niveau für guten Zweitligafußball mitbringt. Der zweite Anzug auf der Linksverteidiger-Position sitzt anders, aber er sitzt.

Ritzka gewann die Hälfte seiner Duelle, was gegen das Tempo Jan-Niklas Beste fast schon ein mehr als ordentlicher Wert ist. Überzeugend waren die sieben abgefangenen Pässe und sein unermüdlicher Einsatz. Auch offensiv trat er in Erscheinung, wenngleich auf niedrigerem Plateau als Paqarada es üblicherweise tut. Alle Pässe ins letzte Drittel waren erfolgreich und sämtliche Dribblings ebenso. Doch die Aktionen lassen sich an einer Hand abzählen, was im Vergleich zu Paqarada (der weiterhin die meisten Torschüsse aller Spieler der zweiten Liga abgefeuert hat) sehr wenig ist.

Lars Ritzka (hier im Duell mit Jan-Niklas Beste) war eine der positiven Überraschungen beim FC St. Pauli.

Jakov Medić – auf dem Boden geblieben
(whoscored: 7.1; sofascore: 7.1)

„In der Luft werden wir sie nicht schlagen“ hatte Timo Schultz vor der Partie gesagt. Das lag unter anderem daran, dass der 1. FC Heidenheim mit Patrick Mainka hinten und Tim Kleindienst vorne zwei richtig starke Kopfballspieler hat. Wie stark Kleindienst ist, hat Jakov Medić zu spüren bekommen: Nur sechs von 16 Luftduellen konnte er gewinnen – für ihn eine schwache Quote. Mehr Kopfballduelle hat Medić im Trikot des FC St. Pauli in einem Spiel übrigens noch nie geführt. Und die Bewertung seines Kopfballspiels wäre sicher anders ausgefallen, wenn er nach rund einer Viertelstunde den Ball auf das Tor hätte drücken können, der per Flanke auf seinem Kopf landete.

Am Boden wiederrum sah das alles ganz anders aus: Jakov Medić gewann fast schon gewohnt starke fünf von sieben Duellen und zeigte in diesem Spiel auch keinerlei Abstimmungsprobleme mit seinen Kollegen oder hatte Probleme bei der Entscheidungsfindung. Abgesehen von untypischen Schwächen in der Luft insgesamt eine überzeugende Vorstellung von Medić.

David Nemeth – kleine Delle
(whoscored: 7.0; sofascore: 7.3)

Die stabile Leistung von Medić war auch notwendig, da David Nemeth in der ein oder anderen Situation etwas wackelte. Nie so, dass ich ihm eklatante Abwehrfehler vorwerfen würde, aber Nemeth hatte sowohl defensiv als auch offensiv nicht nur gelungene Szenen. Insgesamt gewann er nur fünf von 16 Duellen (Boden + Luft), fing dafür aber starke acht Pässe ab.

Im Passspiel zeigte Nemeth ebenfalls einige Ungenauigkeiten (z.B. nur vier erfolgreiche lange Pässe bei neun Versuchen). Das könnte aber auch daran liegen, dass er im Spiel gegen Heidenheim derjenige Innenverteidiger war, der die wesentlich risikoreicheren Pässe nach vorne spielte und immer wieder versuchte, direkt in die Spitze zu spielen. Da handelt es sich dann auch um ein einkalkuliertes Risiko. Weniger einkalkuliert waren defensive Stellungsprobleme und eben die verbesserungswürdigen direkten Duelle. Trotzdem: Für einen 21-jährigen ist das alles schon richtig gut und es war erfreulich, dass er sich dieses Mal auf seine Nebenleute verlassen konnte.

Manolis Saliakas – viele Herzen gewonnen
(whoscored: 7.1; sofascore: 7.6)

Einer der Nebenleute, die David Nemeth auffingen, war Manolis Saliakas. Der zeigte defensiv sein wohl bestes Spiel für den FC St. Pauli. Nur in der Luft verlor er überhaupt ein Duell, am Boden war er unschlagbar, fing dazu starke neun Pässe ab. Saliakas machte, wie auch Ritzka auf der Gegenseite, einen richtig guten Job in der Defensive und sorgte so dafür, dass die ansonsten sehr produktive Flügelzange der Heidenheimer (meiste Flanken der Liga – gegen den FCSP aber gut fünf weniger als sonst) deutlich unter ihren Möglichkeiten blieb.

Ganz sicher: Dieses Duell gewann Manolis Saliakas.
(c) Peter Böhmer

Mit Paqaradas Abwesenheit war zu erwarten, dass Manolis Saliakas auch offensiv eine sehr viel präsentere Rolle einnehmen würde, als in den vorherigen Partien. Dafür war sein offensiver Output sogar eher gering. Weiterhin darf von seiner Flankenqualität etwas mehr erwartet werden (nur eine von fünf kam an). Grundsätzlich könnte das Spiel des FC St. Pauli vielleicht sogar noch etwas mehr darauf ausgerichtet werden, dass man Saliakas in gute Flankenpositionen bekommt. Dafür bräuchte es aber auch einen kopfballstarken Stürmer…

Jedenfalls bin ich sehr froh, dass Manolis Saliakas nicht in der ersten Halbzeit beim rot-würdigen Einsteigen von Geipl ins Krankenhaus getreten wurde. Denn seine Leistung gegen Heidenheim zeigte, wie wichtig er bereits für den FCSP ist und wie viel wichtiger er noch werden kann.

Marcel Hartel – Kapitän ohne Binde
(whoscored: 7.1; sofascore: 7.8)

In der Mixed-Zone nach dem Spiel war Thema, warum Eric Smith und nicht Marcel Hartel die Kapitänsbinde erhalten hatte. Hartel meinte dazu, dass es „so oder so klar war, dass ich eine Führungsrolle übernehme“, ob mit oder ohne Binde. So kam es auch: Hartel schwang sich zum wichtigsten Spieler für den FC St. Pauli in Ballbesitz auf, ackerte bis zuletzt und bis zum allerersten Krampf seiner Karriere, wie er danach zu Protokoll gab.

Drei Torschussvorlagen, ein eigener Torschuss, vier von sechs erfolgreiche Offensivduelle und drei progressive Läufe stehen in seinen Statistiken. Noch wichtiger waren sechs von sieben erfolgreiche Pässe ins Offensivdrittel und ein erfolgreicher Schnittstellenpass. Auffällig war, dass Hartel ein sehr gutes Gespür für Situationen und Räume hatte, sich seinen Freiraum suchte. Vielleicht noch etwas wichtiger ist, dass seine Mitspieler wissen, dass sie ihn auch in schwierigen und engen Spielsituationen anspielen können.

Marcel Hartel ist aktuell der pressingresistenteste Spieler im FCSP-Kader. Mit seiner immer währenden Anspielbarkeit, unabhängig von der Spielsituation und seiner Laufarbeit bis hin zu Krämpfen (Hartel ist der laufstärkste Spieler der gesamten Liga) erfüllt er jedenfalls die Ansprüche an einen Führungsspieler.

Eric Smith – Kapitän mit Binde
(whoscored: 7.6; sofascore: 7.7)

Eigentlich ist es ja nur ein Stück Stoff. Was die Kapitänsbinde aber am Arm von Eric Smith auslöste, war wirklich bemerkenswert. Ich würde ihn nicht als leisen, aber eher als ruhigen Spieler beschreiben. Am Sonntag dürfte Smith aber sicher mit heiserer Stimme aufgewacht sein, so sehr war er Samstag mit dem Coachen und Motivieren seiner Mitspieler beschäftigt. Diese kommunikative Arbeit schien einen wichtigen Beitrag zur enorm positiven und selbstbewussten Grundstimmung auf dem Platz zu leisten. Allein dadurch hat Smith seinen Teil zur erfolgreichen Defensivarbeit des FC St. Pauli beigetragen.

Zudem gewann Eric Smith am Boden und in der Luft neun von 14 Duellen, hatte nur dann Probleme, wenn das gegnerische Tempo hoch wurde. Einmal mehr sorgte er aber höchstselbst mit gutem Positionsspiel dafür, dass Heidenheim nur ganz selten richtig Fahrt im Zentrum aufnehmen konnte. Auch offensiv trat Smith in Erscheinung – als Standardschütze. Zwei direkte Torschussvorlagen lieferte Smith (xA-Wert: 0.58), dazu wurden gleich drei seiner Standards mit dem zweiten Ball gefährlich. Die Smith-Standards sorgten also fast für die meiste Gefahr für das Heidenheimer Tor.

Eric Smith überzeugte nicht nur mit Leistung, sondern fast noch etwas mehr als Kommunikator.
(c) Peter Böhmer

Afeez Aremu – who is this guy?
(whoscored: 7.2; sofascore: 6.9)

Ich muss ganz ehrlich sein: Als ich vor Anpfiff hörte, dass Afeez Aremu startet, war ich erst einmal nicht so richtig überzeugt. Dabei hatte auch ich schon häufiger darüber nachgedacht, zu wie viel Stabilität ein Sechser-Duo Smith/Aremu dem Team wohl verhelfen könne. Seit Samstagabend ist klar: Zu sehr viel.

Afeez Aremu gewann bärenstarke 14 von 18 direkten Duellen, viele davon in kritischen Momenten und wichtigen Zonen. Diese Ballgewinne sorgten ein ums andere Mal für gefährliche Umschaltmomente oder bedeuteten das Ende der Heidenheimer Umschaltbemühungen.

Dass Aremu über diese defensiven Stärken verfügt, ist bereits bekannt. Skeptisch aufgrund des Einsatzes von ihm war ich eher, da er im Passspiel immer wieder wackelt(e). Doch genau davon war sehr viel weniger zu sehen. Höhepunkt war sicher sein Hackenpass auf Eric Smith in der ersten Hälfte. Aber auch die Statistiken lesen sich richtig gut: 3/3 erfolgreiche Pässe ins Gegnerdrittel, 7/9 erfolgreiche lange Bälle, dazu drei erfolgreiche Dribblings (von vier Versuchen).

Aber auch beim Spiel gegen Heidenheim gab es die ein oder andere kritische Situation, als Aremu zentral vor der Kette erstmal seine Füße und den Kopf sortieren musste, bevor er die Entscheidung traf. Trotzdem war da ein ganz anderer Spieler auf dem Platz, als zum Beispiel noch in der Rückrunde der Vorsaison. Ihm schien das Spiel mit einer Doppelsechs zu helfen. Zudem wurde er von seinen Mitspielern nahezu unermüdlich gepusht. So lange, bis sein Körper nach rund 70 Minuten signalisierte, dass es nicht weitergeht.

Das war sicher eines der besten, wenn nicht sogar das beste Spiel von Afeez Aremu im Trikot des FC St. Pauli. So könnte sich mehr oder weniger aus dem Nichts eine hochqualitative Konkurrenzsituation auf der Doppelsechs ergeben. Denn Jackson Irvine ist nächste Woche nicht mehr gesperrt. Aber sollte man Aremu nun wieder aus dem Team nehmen? Eine ungewohnte Luxus-Situation.

Carlo Boukhalfa – unscheinbar wichtig
(whoscored: 6.7; sofascore: 6.6)

Bei all den überzeugenden Leistungen im Mittelfeld des FC St. Pauli kann Carlo Boukhalfa (statistisch) nicht ganz mithalten. Dabei war seine Rolle im Aufbauspiel mit der Besetzung des rechten Halbraumes vor der Heidenheimer Viererkette eines der wichtigen Puzzlestücke, um den Gegner taktisch überlegen zu sein. Der 1. FC Heidenheim musste auf Boukhalfa reagieren und diese Reaktion sorgte dafür, dass sich anderswo Räume für Mitspieler öffneten.

Nach dem Spiel habe ich Carlo Boukhalfa auf seine Bewegungen in den rechten Halbraum angesprochen Er sagte dazu: „Wir wussten, dass Heidenheim immer eng an uns dran ist. Wir haben versucht sie zu überraschen und in Räume zu gehen, wo sie nicht gerne reingehen, was uns ganz gut gelungen ist.“. Fast im gleichen Atemzug betonte er noch den „unbedingten Willen“ den das Team in Sachen Defensivarbeit von Beginn an an den Tag gelegt habe.

Carlo Boukhalfa ist ein unscheinbarer Spieler, niemand für die ganz besonderen Momente. Aber er verfügt über eine hohe Spielintelligenz und agiert meist als gute Verbindung mit wenigen Kontakten, das hat der Samstagabend gezeigt. Er hatte einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass der FC St. Pauli dem 1. FC Heidenheim über weite Teile der Partie taktisch überlegen war und konnte zum ersten Mal zeigen, warum der FCSP ihn im Sommer verpflichtet hat.

Etienne Amenyido – das personifizierte Tempo des FCSP
(whoscored: 6.0; sofascore: 6.2)

Frank Schmidt sagte nach der Partie, dass der 1. FC Heidenheim vor allem mit der Bewegung von Etienne Amenyido Probleme hatte und deshalb seine Formation in der Halbzeit umstellte auf eine Doppelsechs. Das ist ja schon fast ein Ritterschlag, wenn gegnerische Trainer so explizit einzelne Spieler auf der Gegenseite hervorheben. Amenyido ließ sich ganz schwer von den Gegenspielern greifen, war entweder direkt in der Spitze oder auf der Außenbahn, meist aber im Zehnerraum zu finden. Die Heidenheimer hatten große Probleme mit seiner Spielweise.

Dieser Ball am Fuß von Johannes Eggestein ist gleich nicht mehr beim FC St. Pauli sagt die Statistik.
(c) Peter Böhmer

Etienne Amenyido ist so ziemlich das Gegenteil von Carlo Boukhalfa. Denn während Boukhalfa Samstag recht unbeachtet einen enorm wichtigen Dienst verrichtete, zog Amenyido alle Augen auf sich. Während ich bei anderen Spielern Ballaktionen auch einfach mal zur Kenntnis nehme, lösen Ballaktionen von Amenyido in mir immer Emotionen aus. Ich kann gar nicht erklären, warum das so ist, leite es mir aber mit seiner auffälligen Spielweise her. So bin ich z.B. nach den Spielen immer der Meinung, dass Amenyido sicher erneut unfassbar viele Bälle verloren hat. Die Statistiken zeigen mir dann aber, dass er für FCSP-Verhältnisse eher unterdurchschnittlich viele Bälle verliert. Wie gesagt, ich kann mir das nicht erklären, warum ich ihn subjektiv kritischer bewerte.

Sicher ist aber, dass Etienne Amenyido als einziger Offensivspieler das so dringend benötigte Tempo mitbringt und damit besonders gegen Heidenheim hervorstach. Mit drei Torabschlüssen führt er das Team an. Dass davon keiner auf das Tor der Heidenheimer ging, muss aber erneut kritisch betrachtet werden. Positiv ist jedenfalls, dass es Amenyido gelingt in Abschlusspositionen zu gelangen.

Johannes Eggestein – wenn es nicht klingelt, fehlt einiges
(whoscored: 5.9; sofascore: 6.1)

Wie wichtig Tempo in vorderster Reihe ist, zeigte sich bereits nach wenigen Minuten, als Johannes Eggestein bei einem Umschaltmoment plötzlich frei durch war auf der linken Seite. Ein nicht so guter erster Kontakt und eben fehlendes Tempo sorgten dafür, dass diese vermeintliche Großchance schnell wieder erledigt war. Die Situation selbst war aber exemplarisch für das unglückliche Spiel von Eggestein.

Kein einziges seiner acht Offensivduelle konnte Eggestein gewinnen. Einen Torabschluss oder eine Torschussvorlage hat er auch nicht vorzuweisen. Das Spiel lief nahezu komplett an ihm vorbei und besonders bei der Spielweise von Eggestein, die so sehr davon abhängt, dass er sich selbt in Abschlusspositionen bringt, ist es natürlich pures Gift, wenn ihm das nicht ansatzweise gelingt. Johannes Eggestein wird sicher nie ein großer Zweikämpfer und auch nie durch harte Tempoläufe auffällig. Viel eher wird er dann wertvoll, wenn der FC St. Pauli gegen tiefstehende Teams spielt, wenn es darum geht sich klug in engen Räumen kurz vor dem gegnerischen Tor zu bewegen. Das war gegen Heidenheim nicht der Fall.

Fazit

Viel Positives gab es defensiv zu sehen beim Spiel des FC St. Pauli gegen den 1. FC Heidenheim. Der Plan mit der Doppelsechs und den starken Rotationen im Mittelfeld ist sehr gut aufgegangen. Ein Tor gelang dem Team aufgrund weiterhin in vorderster Reihe fehlender Durchschlagskraft nicht. Aber immerhin konnte der FCSP mit einer leidenschaftlichen Leistung auch defensiv die Null halten.

Es bleibt zu hoffen, dass besonders der Spirit auf dem Platz irgendwie konserviert werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass es dem Team gelingt diese Art und Weise, dieses Selbstbewusstsein und diese Kommunikation als das neue „normal“ zu setzen. Erfreulich ist, dass es aufgrund der starken Doppelsechs gegen Heidenheim nun neue personelle Optionen weiter vorne geben könnte (ich denke da vor allem an die rechte Seite und daran, dass mir Lukas Daschner ganz vorne wesentlich besser gefällt als im rechten Mittelfeld).

Sicher ist aber auch, dass die Situation ziemlich trügerisch ist. Denn trotz einer erneut guten Leistung steht das Team mit elf Punkten nach zehn Spielen viel zu weit unten. Natürlich kann in der engen zweiten Liga eine kleine Serie, ein kleiner Lauf auch dazu führen, dass es recht schnell wieder in die obere Tabellenhälfte geht. Aber damit der eingeschlagene Weg mit der sehr ballbesitz-orientierten Spielweise auch wirklich weitergegangen werden kann, müssen demnächst mal Ergebnisse her. Angesichts des Spielplans nach dem Braunschweig-Spiel (HSV, Bielefeld, Darmstadt und Düsseldorf) würde ein Auswärtssieg nächstes Wochenende sehr weiterhelfen.

// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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3 thoughts on “FCSP vs. HDH – Zahlen und Einzelkritik (10.Spieltag, 22/23)

  1. Moin.
    Ich denke mir beim Lesen Deiner Bewertungen immer wieder: sehe ich genauso 😉
    Ein paar Dinge…
    Afeez Aremu : Für mich auch das beste Spiel von ihm… – mir bleibt manchmal das Herz stehen wenn er manchmal recht „unkonventionelle“ Lösungen sucht. Gerade auf der Doppel-6 können, wenns mal nicht klappt, solche Dinge schnell ins Auge gehen. Ich würde mir manchmal die „einfache“ Lösung wünschen. Auch seine Zweikampfführung (in jedem Spiel nah an der gelb/roten – roten Karte) ist deutlich besser geworden und nicht mehr so ungestüm. Hat mir super gefallen !
    Sturmproblem :
    Für mich die bisher schlechteste Leistung von Eggestein im St.Pauli-Trikot. Laufstark – aber leider nicht schnell genug. Dazu kommt leider auch noch seine Zweikampfschwäche. Aktuell gibt es da vorne keinen Spieler der vorne mal nen langen Ball festmacht.
    Da es auf der Doppel-Sechs mit Smith/Aremu so richtig gut funktioniert hat und wir hinten endlich mal sicher gestanden sind führt mich das zu Jackson Irvine, der ja normalerweise auf der Position spielen würde. (wenn man mit 2 Sechsern spielt) .
    Irvine rennt das ganze Spiel wie ein Duracell-Häschen, ist Zweikampf- + Kopfballstark und könnte auch mal einen der langen Bälle festmachen oder für die zweite Reihe prallen lassen. Der Schnellste ist er zwar auch nicht, aber wäre das nicht mal ne Idee ihn ganz vorne für Eggestein reinzustellen ?? So wie „Müller bei den Bayern“……. 😉
    nen Gruss

    Anmerkung: Ich find die relativ neue Rubrik mit der Einzelkritik genial. Du triffst es für mein Empfinden fast immer genau auf den Punkt. Klasse !!

  2. Warum eigentlich nicht Daschner zentral weiter vorne und Amenyido „drumrum“? Irvine wieder auf die rechte Seite und Aremu drin lassen? Dafür dann Eggestein „opfern“. Aktuell habe ich das Gefühl, dass der Truppe die defensive Sicherheit wichtiger ist. Und Daschner schien mir zuletzt im „tieferen“ Mittelfeld etwas verloren und um seiner größten Stärken beraubt.

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