Vorbericht: Arminia Bielefeld – FC St. Pauli (13.Spieltag, 22/23)

Vorbericht: Arminia Bielefeld – FC St. Pauli (13.Spieltag, 22/23)

Am Samstagabend gastiert der FC St. Pauli bei Arminia Bielefeld. Für den FCSP geht es darum, den aktuellen Trend fortzusetzen, die Arminia möchte ihren eigenen gerne beenden. Der Vorbericht.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Für das Spiel hat der FC St. Pauli insgesamt mehr als 2.000 Tickets verkauft. Der Gästeblock wird also entsprechend voll werden. Der Fanladen organisiert für den Trip nach Bielefeld einen Sonderzug, bei dem es weiterhin freie Plätze gibt.

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

Puuuuh, das sind wirklich keine guten Nachrichten, die Timo Schultz auf der Pressekonferenz vor dem Spiel kundtat. Zwar scheinen die Spieler die kräfteraubenden 120 Minuten in Freiburg gut überstanden zu haben, aber zwei Spieler, die nicht dabei waren, werden es auch länger nicht sein: David Nemeth und Jakov Medić werden beide wohl in diesem Jahr kein einziges Spiel mehr für den FC St. Pauli bestreiten können.

Medić verletzte sich gegen den HSV an der Schulter. Die Untersuchungen zeigten, dass wohl eine Operation notwendig ist. Wann genau diese stattfindet, konnte Schultz noch nicht genau sagen (vielleicht auch erst nach der Saison). Zum jetzigen Zeitpunkt muss man aber mit einer längeren Ausfallzeit noch während der Saison rechnen.

David Nemeth hatte bereits vor dem Braunschweig-Spiel Adduktorenbeschwerden. Er wurde dann nach kurzer Zeit im Spiel ausgewechselt. Nun zeigt sich, dass diese Beschwerden sehr gravierend sind: Timo Schultz sagte, dass Nemeth in diesem Jahr nicht mehr zum Einsatz kommen wird. Da scheint der Begriff Schambeinentzündung die Runde zu machen. So ein Mist.

Somit fehlen dem FC St. Pauli bis auf Weiteres beide Stamm-Innenverteidiger. Zudem fehlt auf jener Position auch Christopher Avevor weiterhin. Immerhin hat sich die Situation auf der rechten Abwehrseite ein wenig entspannt: Manolis Saliakas ist nach seiner Sperre im Pokal in der Liga gegen Bielefeld wieder einsatzbereit. Luca Zander ist nach Aussage von Schultz zumindest wieder im Lauftraining und er wollte nicht ausschließen, dass er damit auch für den Kader am Samstag infrage kommt. Gleiches gilt für Carlo Boukhalfa, der ebenfalls wieder am Laufen ist und ins Team rutschen könnte.

Braunschweig, Deutschland, 08.10.2022: David Nemeth (FC St. Pauli) spielt einen langen Pass. Kurze Zeit später wird er verletzt ausgewechselt - copyright: Peter Boehmer
David Nemeth bei seiner vermutlichen letzten Ballaktion 2022 – Kurz nach diesem Pass im Spiel gegen Eintracht Braunschweig musste er ausgewechselt werden. Nun ist klar: David Nemeth wird lange Zeit ausfallen.
(c) Peter Boehmer

Arminia Bielefeld: Wer kann spielen, wer fehlt?

Die Bielefelder Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den FC St. Pauli hat leider nicht vor Redaktionsschluss für diesen Artikel stattgefunden (was zuletzt häufiger der Fall gewesen ist). Entsprechend müssen wir uns an dem Kader der letzten Spiele orientieren: Dort fehlten verletzungsbedingt Innenverteidiger Frederik Jäkel (Gehirnerschütterung), Rechtsverteidiger Lukas Klünter (muskuläre Probleme) und Angreifer Fabian Klos (Oberschenkel). Auch Bastian Oczipka und Sebastian Vasiliadis waren laut DSC-Trainer Daniel Scherning angeschlagen. Oczipka stand unter der Woche im Pokal gegen den VfB Stuttgart aber immerhin im Kader, Vasiliadis nicht.

Scherning betonte aber bereits auf der Pressekonferenz vor dem Stuttgart-Spiel, dass er auch in Bezug auf die Rückkehr von verletzten Spielern bereits das Spiel gegen den FC St. Pauli im Blick hat. Es ist daher vorstellbar, dass einsatzfähige Spieler auch ein wenig geschont wurden, damit sie eben jetzt wieder voll mit dabei sein können.

Was hat die Arminia zu bieten?

Ganz ehrlich: Viel Kaderqualität, aber tabellarisch ziemlich wenig. Und alle Fragen sich warum. Nach zwölf Spieltagen der Saison 22/23 muss man festhalten: Arminia Bielefeld steht aktuell nicht zu Unrecht ganz unten in der Tabelle. Mit vier Niederlagen startete das Team in die Saison. Das führte dazu, dass der vor der Saison neu geholte Trainer Uli Forte bereits wieder seinen Trainerstuhl räumen musste. Daniel Scherning kam aus Osnabrück und mit ihm vorerst Erfolg: Aus den folgenden fünf Ligaspielen holte das Team acht Punkte.

Doch nach der 1:4-Niederlage in Düsseldorf fiel das Team auf den letzten Tabellenplatz und hat diesen aufgrund zweier weiterer Niederlagen (1:2 gegen den KSC, 0:2 in Hannover) auch nicht verlassen können. Ein Tiefpunkt folgte unter der Woche im Pokal in Stuttgart: Die Arminia verlor 0:6 und lag bereits zur Halbzeit mit 0:4 hinten und hätte sich nicht über weit mehr Gegentore beschweren dürfen.

Pizza-Grafik mit Kern-Statistiken von Arminia Bielefeld nach zwölf Spieltagen der 2. Bundesliga-Saison 22/23.

Arminia Bielefeld hat vor allem Probleme in der eigenen und der gegnerischen Box, lässt die zweitmeisten Torschüsse zu und gibt die zweitwenigsten ab. Und allein diese Statistik zeigt, dass das Team große Probleme zu haben scheint. Probleme haben aber grundsätzlich alle Absteiger zu Saisonbeginn, da der Kader und die Spielweise meist massiv verändert wird. Timo Schultz betont, wie wichtig ein guter Saisonstart für so ein Team ist:

„Wenn man aus einer Saison rausgeht mit einem Abstieg und einen gewissen Umbruch zu verkraften hat, dann ist der Start in eine Saison immer extrem wichtig, um auch die Stimmung ein bisschen herumzureißen. Das ist Bielefeld nicht ganz so gut gelungen, sie haben momentan Probleme.“

Timo Schultz über die Bielefelder Probleme zu Saisonbeginn.

Doch im Gegensatz zu manch anderem Absteiger schaffte es Arminia Bielefeld bisher noch nicht, trotz hoher individueller Qualität im Kader, die Ergebnisse positiver zu gestalten. Die Statistiken zeigen aber, wohin die Reise gehen soll: In den letzten beiden Spielen zeigte sich das Team defensiv etwas stabiler, ließ insgesamt nur 17 gegnerische Torschüsse zu. Etwas mehr (17.6) ließen sie in den zehn Ligaspielen zuvor durchschnittlich pro 90 Minuten zu. Schultz betont, er habe „ein richtig, richtig gutes Auswärtsspiel der Bielefelder in Hannover gesehen, wo sie sich leider nicht belohnt haben. Es ist schon so, dass sie über Qualität verfügen.“

Diese Qualität, von der Timo Schultz spricht, sie ist in einigen Mannschaftsteilen zu finden: Die Abwehr, aktuell etwas verletzungsgeplagte, ist mit Jäkel, Andres Andrade, Linksverteidiger-Talent George Bello und Klünter sehr gut besetzt. Im offensiven Mittelfeld ist mit Masaya Okugawa (drei Tore, zwei Vorlagen) eigentlich einer der besten Spieler der gesamten Liga zu finden. Zudem sind ganz vorne im Angriff mit Robin Hack (fünf Tore, zwei Vorlagen) und Janni Serra (drei Tore – 30 Tore in drei Jahren 2. Liga bei Holstein Kiel) zwei immer noch sehr junge Spieler, die beide schon zeigten, dass sie eigentlich etwas zu gut für die zweite Bundesliga sind.

Robin Hack ist mit fünf Saisontoren aktuell der beste Torschütze von Arminia Bielefeld.
(Thomas F. Starke/Getty Images/via OneFootball)

Angesichts dieser Qualität muss schon mit Nachdruck in Erfahrung gebracht werden, wie es zu diesem Fehlstart in der zweiten Liga kommen kann. Ist es wirklich nur der schlechte Saisonstart und die Dynamik, die sich dann einschleicht? Oder befindet sich das Team auch weiterhin in einer Art Abwärtsspirale, die es aus der Vorsaison mitgebracht hat? Oder überschätzen alle die Qualität des Kaders? Auch wenn die Abwehr etwas stabiler in der Liga agierte: Der Effekt des Trainerwechsels nach bereits vier Spieltagen scheint verpufft – Arminia Bielefeld verlor fünf der letzten sechs Pflichtspiele. Die Situation der Arminia ist alles andere als ungefährlich. Wer nach einem Drittel der Saison auf einem Abstiegsplatz steht, hat auch meist die gesamte Saison mit dem Klassenerhalt zu tun.

So trifft der FC St. Pauli am Samstag auf ein echtes „dark horse“. Arminia Bielefeld hat einen individuell hochklassig besetzten Kader, bekommt die PS momentan jedoch nicht auf die Straße. Es erscheint aber jederzeit möglich, dass genau das passieren wird. So sollte sich also niemand vom aktuellen Tabellenplatz der Arminia täuschen lassen.

Mögliche Aufstellung

Inwiefern nach der heftigen Niederlage in Stuttgart im Team rotiert werden wird, ist unklar. Denkbar ist in jedem Fall, dass einige Spieler, die unter der Woche noch geschont wurden, für das Spiel am Samstag wieder eine Option sein werden. Zuletzt agierte das Team in einem defensiv orientierten 4-2-3-1. Das ist zwar nominell sehr ähnlich zur Formation des SC Freiburg, wird aber ganz anders ausgespielt.

Denn während bei Freiburg die beiden Außenverteidiger weit hochschieben, bleiben sie in Bielefeld zumeist weiter hinten. Die Arminia versucht dann mit den beiden Sechsern und dem tiefer fallenden Zehner eine Überzahl im Zentrum zu generieren. Gelingt das nicht ist aber auch der lange Ball eine gern gewählte Option. Dabei rotieren Okugawa und Hack um Serra herum und besonders diese drei mit der erwähnten Spielweise, zähle ich zur größten Gefahr für das Tor des FC St. Pauli.

Erwartete Aufstellung beim Spiel zwischen Arminia Bielefeld und dem FC St. Pauli.

Da Arminia Bielefeld mit seinen Außenverteidigern nicht ganz so hochschiebt wie der SC Freiburg und mit seiner Spielweise nicht ganz so viel Druck auf die gegnerische letzte Kette erzeugt wie der HSV, gehe ich davon aus, dass der FC St. Pauli zu einer Viererkette zurückkehren wird. Dabei würde Eric Smith wieder vorrücken und neben Afeez Aremu agieren. Dafür spricht auch, dass Arminia Bielefeld eher wenig Ballbesitz hat und der FCSP mit einer Viererkette einfach offensiv mehr Druck erzeugen kann (das 5-3-2 hat schon einen starken Fokus auf Umschaltmomente). Auch der Bielefelder Fokus auf das Mittelfeldzentrum und weniger auf die Außenbahn, spräche für eine Viererkette beim FCSP.

Das Schöne ist: Der FC St. Pauli ist nun sehr flexibel, kann seine Formation variieren und anpassen, je nach Gegner. Eine Umstellung aus einem flachen 4-4-2 auf ein 5-3-2 wäre z.B. ziemlich simpel möglich, indem Smith einfach wieder nach hinten rückt. Und die letzten beiden Spiele haben gezeigt, dass die Abläufe in dieser Formation bereits sehr überzeugend funktionieren. Die Spiele davor haben aber auch gezeigt, dass der FCSP in der Offensive mit einem flachen 4-4-2 auch nicht schlecht aussieht. Timo Schultz hält eine Rückkehr zur Viererkette auch für möglich:

„Das Personal dafür haben wir, daher ziehen wir das natürlich in Erwägung. Es ist auch immer eine Art taktisches Spielchen: Wir schauen, was uns erwartet, wie viel Ballkontrolle wir haben werden und wie wir gegen den Ball arbeiten müssen. Wir sind jetzt in der glücklichen Lage zwei bis drei Systeme spielen zu können und da werden wir auch im Laufe der Saison variieren.“

Timo Schultz zur Frage, ob er wieder zur Viererkette zurückkehren wird.

Sofern alle Spieler aus dem Pokalspiel ohne Blessuren herausgekommen sind, rechne ich mit einer einzigen Veränderung in der Startelf: Manolis Saliakas wird Connor Metcalfe auf der rechten Abwehrseite ersetzen (auch wenn Metcalfe seine Sache sehr gut gemacht hat). Wenn ich eine zweite Veränderung benennen müsste (wovon ich aber nicht ausgehe), dann dürfte am ehesten Johannes Eggestein oder David Otto für Etienne Amenyido in die Partie kommen.

Es ist bemerkenswert, wie sich die Stimmung auch bei mir nach nur zwei Spielen, davon ein Sieg, geändert hat. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der FC St. Pauli tabellarisch auch nicht unbedingt auf Rosen gebettet ist und der Spielplan bis zur Winterpause noch eine ganze Reihe von Schwergewichten beinhaltet. Eine Weiterführung des eigenen Aufwärtstrends und des Abwärtstrends beim Gegner wäre daher ne ziemlich gute und wichtige Angelegenheit.

Forza!
// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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4 thoughts on “Vorbericht: Arminia Bielefeld – FC St. Pauli (13.Spieltag, 22/23)

  1. Danke Tim! Dein Vorbericht ist (wie immer) sachkundig und interessant zu lesen!
    Auch meine Stimmung ist nach den letzten zwei Spielen deutlich optimistischer, wenn da nur nicht diese bleierne beinahe Gewissheit wäre, dass wir gerne den Mannschaften auf den Abstiegsrängen als Aufbaugegner auf die Sprünge helfen…
    Um endgültig den Turnaround zu schaffen ist ein dreier Pflicht!

    Forza!
    Carsten

  2. Ganz schwer einzuschätzender Gegner. Ich habe jetzt zwar auch nicht gerade alle Spiele der Bielefelder gesehen, aber aus dem Gesehen den Eindruck gewonnen, dass sie an sich durchaus spielstark sind, sehr oft aber Schwierigkeiten haben, nach Ballverlusten wieder in ihre defensive Ordnung zu kommen. Vielleicht wäre also ein 5-3-2 doch eine Option, wenn man genau diese Schwäche bespielen will. Letzten Endes muss Bielefeld ja das Spiel machen, weil ihnen eigentlich nur ein Sieg weiterhilft, zumal zu Hause.
    Spannend wird auch sein, ob einer unserer Dauerläufer eine Pause bekommt – Metcalfe hätte einen weiteren Einsatz verdient und der eine oder andere Spieler wirkte schon sehr, sehr platt am Ende der Verlängerung.

    1. Ja, der Punkt, dass Bielefeld quasi gewinnen muss nach dem 0:6 in Stuttgart und aufgrund der Tabelle und den eigenen Ansprüchen, dürfte eine vorerst abwartende Spielweise des FCSP eine gute Wahl sein. Allerdings ist der Zentrumsfokus der Arminia sicher ein Argument gegen das 5-3-2.

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