Epochales Eigentor

Epochales Eigentor

Der Dopingfall des Mario Vušković sorgt dieser Tage für viele Schlagzeilen. Sowohl die Argumentation der Verteidigung, aber auch das Verhalten des DFB wirft dabei Fragen auf.
Ein Gast-Kommentar von Lorenz Adlung

(Lorenz Adlung war wenige Tage nach Veröffentlichung dieses Artikels, auf denen es einige Rückmeldungen gab, im HSV Klönstuv-Podcast zu Gast. Um das Bild zu vervollständigen empfehlen wir auch diesen Podcast zu hören)

Das DFB-Sportgericht hat Mario Vušković wegen Blutdopings mit Epo zu einer Sperre von zwei Jahren verurteilt. Während der HSV bereits angekündigt hat, gegen das Urteil in Berufung gehen zu wollen, können wir den Fall als Musterbeispiel nutzen, um etwas über den Umgang mit wissenschaftlichen Messverfahren zu lernen.

In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit den Auswirkungen von Epo auf Blutzellen beschäftigt. Das tat ich nicht im Zusammenhang mit Doping, sondern für die Erforschung von Blutkrebs. Allerdings war der Doping-Experte Prof. Dr. Werner Franke am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, wo ich promoviert habe, mein Kollege und ein Duz-Freund meiner Doktormutter. So weiß ich, dass Epo viele interessante Eigenschaften besitzt, die sich im Guten wie im Schlechten ausnutzen lassen.

Gedoptes Blut ist dicker als Wasser

Epo ist ein Hormon, das dafür sorgt, dass mehr rote Blutkörperchen gebildet werden. Die vermehrten roten Blutkörperchen können mehr Sauerstoff im Körper an die Organe verteilen, was uns sportlich leistungsfähiger macht. Deshalb ist Epo ein verbotenes Blutdoping-Mittel. Dabei produziert der Körper selbst auch Epo. Das Hormon gelangt von der Niere ins Blut und zeigt in kleinsten Mengen bereits Wirkung. Bei großem Blutverlust kann die Epo-Produktion auch kurzzeitig um das Zehntausendfache ansteigen. Innerhalb einiger Stunden ist dann aber wieder der Normalzustand erreicht, was die Epo-Mengen im Blut betrifft.

Chronisch erhöhte Epo-Mengen im Blut sind gefährlich, weil das Blut voller roter Blutkörperchen dann sehr dickflüssig ist. Dickflüssiges Blut wiederum erhöht das Risiko für Blutgerinnsel und Schlaganfälle. Epo zu missbrauchen ist also nicht nur unsportlich, sondern auch gefährlich. Zu trauriger Bekanntheit kam 2012 der Freizeitsportler Frederik Zierke, der nach Epo-Missbrauch 44-jährig verstarb. Auch das Deutsche Ärzteblatt listet Embolie, also den Verschluss von Blutgefäßen durch dickes Blut, bei jungen Ausdauersportler:innen nach Epo-Doping als „zunehmend häufigere“ Todesursache.

Fehlverhalten geht unter die Haut

Wenn mit Epo gedopt wird, spritzt man die Substanz entweder direkt ins Blut oder unter die Haut. Ganz unbemerkt kann es also nicht in den Körper gelangen. Im Blut angekommen wird Epo von den Blutzellen aufgenommen und dabei verbraucht. Die Halbwertszeit des körpereigenen Epos wird mit einigen Stunden angegeben. Das bedeutet, dass nach einem halben Tag noch die Hälfte des ursprünglichen Epos im Blut vorhanden ist. Der Unterschied von Mensch zu Mensch ist jedoch beträchtlich.

Das körpereigene Epo ist mit dem verabreichten Doping-Epo nicht komplett identisch. Das Doping-Epo besitzt etwa ein paar Zucker-Ketten, die seine Eigenschaften verändern und es beispielsweise stabiler machen. Epo-Doping lässt sich noch wenige Tage nach der Gabe im Urin nachweisen, die Wirkung hält deutlich länger an.

Vor diesem Hintergrund ist die Urteilbegründung auf dfb.de zum Fall Vušković interessant. Dort heißt es:
„Mario Vušković ist zum einen als Ersttäter zu behandeln, zum anderen zeigt der Analysebefund nur eine geringe Menge an EPO, so dass nicht von einem strukturierten Doping ausgegangen werden kann.“

Ich bin kein Jurist, aber aus naturwissenschaftlicher Sicht, kann diese Begründung in zweierlei Hinsicht infrage gestellt werden.

  1. Epo gelangt nicht über Pillen die man schluckt oder isotonische Getränke einfach so in den Körper. Epo-Doping involviert eine Spritze, die für mich schon sehr „strukturiert“ ist. Da braucht es jemanden, der die Spritze aufzieht und verabreicht.
  2. Geringe Epo-Mengen bedeuten nicht automatisch geringes Doping – die Daten sagen eher das Gegenteil: In einer klinischen Studie mit über 200 gesunden Menschen wurde gezeigt, dass die Menge an roten Blutkörperchen und die Epo-Menge im Blut negativ korreliert sind.
    Was heißt das? Je mehr rote Blutkörperchen (durch Epo gebildet werden), umso weniger Epo ist im Blut nachweisbar.
    Warum ist das so? Wenn wir mehr rote Blutkörperchen haben, können diese vermehrten roten Blutkörperchen Epo auch schneller verbrauchen. Entsprechend ist die nachweisbare Epo-Menge geringer, vor allem, wenn Epo-Doping schon länger betrieben wird, wodurch ja die Menge an roten Blutkörperchen steigt. Klar, das ist nur Korrelation und keine Kausalität, aber die Sachlage ist sicher nicht so einfach, wie sie seitens des DFB dargestellt wird.

Fun fact: Epo ist ein Molekül, das von roten Blutkörperchen selbst bei zehntausendfach (sic!) erhöhter Konzentration noch zuverlässig abgebaut werden kann. Dieses Phänomen hat meine Doktormutter erstmals 2010 erklären können (€€). Andere Moleküle und Zellen wären bei so einer hohen Dosis längst übersättigt. Vielleicht kennt ihr das, dass ein Bier irgendwann einfach nur noch bitter schmeckt und es nicht viel bitterer geht? Epo und rote Blutkörperchen setzen immer noch einen drauf!

Unabhängig davon kann man Epo-Doping erst seit dem Jahr 2000 überhaupt im Urin nachweisen. So wurde zum Beispiel erst über Nachtests Epo in Proben von 60 Radsportlern nachgewiesen, die während der Tour de France 1998 genommen wurden. Gemäß einer 2019 im Journal Drug Testing and Analysis verfassten wissenschaftlichen Arbeit (€€) ist das sogenannte SAR-PAGE-Verfahren das einzige, das verlässliche Screenings und Nachweise von Epo im Urin ermöglicht, und von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zugelassen ist.

SAR-PAGE WTF?!

SAR-PAGE steht für Sarkosyl-Polyacrylamid-Gelelektrophorese. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem Substanzen (z.B. Epo) basierend auf ihrer elektrischen Ladung in einem Gelatine-artigen Gel aufgetrennt werden. Diese Auftrennung hat den Vorteil, dass etwa körpereigenes Epo und Doping-Epo voneinander unterschieden werden können (denn die oben erwähnten Zucker-Ketten bringen andere elektrische Ladung mit sich).

Nach dieser Auftrennung werden die Epo-Moleküle gefärbt und fotografiert, sodass man ein Schwarz-Weiß-(Grau)-Foto erhält, auf dem jeder schwarze Punkt an einer bestimmten Stelle Epo anzeigt. Im kicker kritisiert Doping-Experte Prof. Dr. Fritz Sörgel dieses Verfahren des Epo-Nachweises als „nicht mehr zeitgemäß“. Seine Kritik: Es würde nur qualitativ überprüft werden, ob Epo in der Probe vorhanden sei, aber keine quantitativen Epo-Mengen ermittelt. Sörgel: „Im 21. Jahrhundert arbeitet man gerne mit Zahlen und nicht mit Eindrücken.“

Ich mag auch Zahlen, ich finde beispielsweise die quantitative Ballbesitzstatistik (z.B. 61% für den FCSP) besser als das qualitative Gefühl, dass der FCSP mehr Ballbesitz hatte. So sehr ich Sörgels Kritik generell nachvollziehen kann, so sehr greift sie in der Sache jedoch daneben. Denn: Die Ergebnisse von Gelelektrophorese-Verfahren lassen sich durchaus quantifizieren. Ihr kennt sicher auch Foto-Software, die beziffern kann, wie hell oder dunkel ein bestimmter Bereich eines Fotos ist im Vergleich zu einem Kontrollfoto. Auch ich habe dazu bereits wissenschaftlich veröffentlicht und viele verschiedene Moleküle in Blutzellen quantifiziert, die mit Epo behandelt wurden.

Jetzt ein anderes Nachweisverfahren zu fordern, wie Sörgel es tut, ist in etwa so, als würde das eigene Auto nicht durch die Hauptuntersuchung kommen, und man würde danach (!) fordern, dass ein Check bei der Werkstatt um die Ecke für das TÜV-Zertifikat reicht.

FRANKFURT AM MAIN, GERMANY - FEBRUARY 03: Mario Vuskovic of Hamburger SV waits for the commencement of the public hearing of the DFB Sports Court in the proceedings against him at DFB-Campus on February 03, 2023 in Frankfurt am Main, Germany. A training control of Vuskovic by the National Anti-Doping Agency Nada in September 2022 resulted in a positive test result for erythropoietin (EPO). If convicted by the sports court, the 21-year old central defender faces a four-year ban. (Photo by Thomas Lohnes/Getty Images)
Hat Mario Vušković gedopt oder nicht? Basierend auf den wissenschaftlichen Methoden sollte das eigentlich keine Frage mehr sein.
(c) Thomas Lohnes / Getty Images / via OneFootball

Der Sargnagel im Heuhaufen

Der letzte Punkt, den ich im Fall Vušković kritisch sehe, ist der zur Untersuchung der C-Probe. Eine C-Probe wurde zunächst von Vuškovićs Verteidigung gewünscht und vom DFB-Gericht beauftragt, was unüblich ist. Doch es wurde noch kurioser: Denn der beauftragte Wissenschaftler führte die C-Probe nicht durch, er bestätigte lediglich die Untersuchungsergebnisse der A- und B-Probe. Zur Erklärung: Bei einer Doping-Kontrolle wird eine Urinprobe genommen, die in A- und B-Probe aufgeteilt wird. Zunächst wird die A-Probe untersucht. Gibt es einen positiven (Doping)-Befund, wird die betreffende Person damit konfrontiert und ggf. wird auch die B-Probe (also der zweite Teil der ursprünglichen Probe) untersucht. Bestätigt die B-Probe den Befund, gilt dieser gemeinhin als verlässlich. Mitunter verbleibt nach dieser zweiten Untersuchung aber noch ein Rest des Urins, der nochmals untersucht werden kann: Die C-Probe.

Unabhängig davon, woher die dritte Probe kommt und wie verlässlich das Messverfahren ist (siehe oben), halte ich es für wenig plausibel, die Probe nochmals zu testen. Denn selbst, wenn die Qualität des Urins auch nach Monaten noch einen Nachweis zuließe, kann man nicht so lange testen, bis das gewünschte Ergebnis eintritt. Die Verteidigung möchte vermutlich den Eindruck erwecken, dass positive Testergebnis ihres Mandanten sei falsch. Tatsächlich hat jeder Nachweis eine bestimmte Wahrscheinlichkeit fälschlicherweise einen positiven Befund zu liefern, obwohl gar nicht gedopt wurde. Man nennt diese Wahrscheinlichkeit die „Falsch-Positiv-Rate“ (oder Alpha-Fehler).

Wahrscheinlichkeit: Eins zu Zehntausend

Wie hoch ist nun die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Doping-Test mit diesem Verfahren ein positiver Befund herauskommt, obwohl gar nicht gedopt wurde? Gemäß einer aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichung (€€) beträgt die Wahrscheinlichkeit 1 zu 115, weniger als 1 Prozent.

Egal wie klein diese Fehler-Wahrscheinlichkeit ist, mit der Untersuchung der C-Probe würde man die Chance erhöhen, einen negativen Befund zu erhalten, obwohl gedopt wurde. Wie groß diese Chance ist, lässt sich nicht direkt beziffern, sie ist aber mutmaßlich sehr klein, denn Epo kann selbst in kleinsten Dosen („Microdosing“) nach 48 Stunden in 100% der Fälle nachgewiesen werden und nach 72 Stunden immerhin in noch 91% der Fälle (Quelle). Und die ersten beiden Untersuchungen zeigen ja unabhängig voneinander einen positiven Epo-Befund. Wichtig: Die Wahrscheinlichkeit, zwei falsch-positive Ergebnisse zufällig zu erhalten, liegt bei weniger als Eins zu Zehntausend.

Auch in der wissenschaftlichen Fachliteratur heißt es, dass man mit einem entsprechend optimierten SAR-PAGE-Verfahren das Risiko „eliminieren kann, einen falsch-positiven Epo-Test“ zu erhalten (Quelle). In anderen Worten: Ist der Befund positiv, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass nicht gedopt wurde. Jetzt eine C-Probe oder andere Gutachter zu fordern, ist in etwa so, als würde man bei Einsatz des VAR darauf hoffen, dass ein klares Foul plötzlich nicht mehr als solches erkannt wird, nur weil man es sich wieder und wieder ansieht, und das wäre ja… Naja lassen wir das.
So oder so scheint mir die Strategie der Verteidigung ein verzweifelter Versuch zu sein, die bestehenden Fakten zu unterminieren. Denn was wäre, wenn die C-Probe negativ ist? Stünde es dann 2:1? Gibt es noch eine Auswärtstor-Regel?

Alles in allem wirft der Fall Vušković ein Schlaglicht auf den Umgang des DFB mit wissenschaftlichen Verfahren. Zunächst werden die Ergebnisse eines etablierten Nachweisverfahrens unzulässig interpretiert (geringe Epo-Menge hieße auch geringes Doping), dann wird mit der Öffnung der C-Probe die Überprüfung der Überprüfung der Überprüfung beauftragt. Zwar kenne ich die Untersuchungsergebnisse nicht im Detail (ich habe die Fotos des SAR-PAGE nicht gesehen und kenne auch die Gutachten im Wortlaut nicht), aber weder die öffentliche Argumentation noch die Interpretation der Fakten kann meiner Ansicht nach überzeugen. Für mich ein klares Eigentor.

// Lorenz

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21 thoughts on “Epochales Eigentor

  1. Danke für die außerordentlich gute Erklärung und Einsicht in das Verfahren, daß auch einem Laien wie mir in diesem Verfahren eine Sichtweise eröffnet, die dann wohl als eindeutig bezeichnet werden muss. Vorher hatte ich keine eindeutige Meinung, weil derart viele Nebelkerzen gezündet wurden, die für Verwirrung sorgten, was wohl auch so beabsichtigt wurde.

    1. Danke für diesen Artikel.
      Es ist unglaublich wie viele Rauten alle wissenschaftliche Belege ignorieren und den gedopten auch noch verteidigen.

      Jahre Lange Experten wie Hajo Seppelt werden diskreditiert und jeder der auch nur in Erwägung zieht das er gedopt hat wird angefeindet………. aber was erwartet man von Rauten.

      lg

  2. Danke für den schönen Beitrag. Super verständlich und echt spannend. Die inhaltliche Bewertung der Situation spare ich mir. Ist schon alles gesagt.

  3. Danke für die fundierte Einschätzung. Letztlich können wir Außenstehende das Vorgehen und auch das gesprochene Urteil ohnehin nicht bewerten. Bei mir bleibt jedoch das „G’schmäckle“, dass aufgrund der finanziellen Möglichkeiten, die im Fußball sowohl Spieler als auch Vereine haben, der Versuch der Einflussnahme auf die Sportgerichtsbarkeit immens ist. Hier wird im Zweifel auch von Vereinsseite über Bord geworfen, dass ein Spieler für ein Vergehen zu bestrafen ist, weil man ihn eben für das Erreichen seiner sportlichen Ziele braucht. Die insbesondere finanziellen Möglichkeiten des Fußballs, gepaart mit der Unerfahrenheit des DFB-Sportgerichts in Zusammenhang mit Dopingfällen führt dann zu dem, was derzeit in den Medien, insbesondere denen Hamburgs, los ist und bei den Menschen schon beim Lesen der Schlagzeilen zu Verwirrung führt, wenn täglich gegensätzliche Aussagen von externen Gutachter und vermeintlichen Experten, die jeweils nichts mit dem Verfahren zu tun haben, eingeholt und veröffentlicht werden.

    1. Ganz genau. Dazu kommt, dass Vušković der Spieler mit dem mit Abstand höchsten Marktwert im Kader der Vorstädter ist. Da werden dann natürlich nicht nur aus sportlichen Gründen alle „Hebel“ in Bewegung gesetzt.

  4. Vielen Dank für all die Kommentare, die für mich sehr hilfreich und wertvoll sind, denn ich schreibe das ja für euch und will bestmöglich erklären. Diese Schnittstelle von Biomedizin, Juristerei und Sportwirtschaft ist echt ein Minenfeld, auf dem eigentlich bei so viel Epo gar kein Platz ist für so viel Ego…

  5. Erst einmal vielen Dank für die Erläuterungen, die wirklich gut verständlich sind!
    Zwei Fragen drängen sich mir beim Lesen allerdings noch auf: Wenn es denn doch einigermaßen klar ist, dass (künstliches) Epo in der Probe war – warum gibt es dann doch eine Reihe von Experten, welche a) die Testweise im Allgemeinen und b) das Ergebnis im konkreten Fall kritisch sehen? Anders als die Juristen beim DFB-Sportgericht handelt es sich bei denen ja um Menschen, denen das Testverfahren fachlich doch ebenfalls völlig klar sein muss.
    Ich vermute, bei einer Analyse des Bildes bleibt letzten Endes doch ein Rest Unklarheit, wo genau die Grenze zwischen „nicht vorhanden“ und „eindeutig erkennbar“ verläuft. Das läßt sich wohl auch nicht durch die Quantifizierung von Graustufen beheben, bestenfalls aufhellen, wenn die Datenbasis ausreichend groß wäre (was wohl zigtausende Bildanalysen hieße). Kannst du dazu noch etwas schreiben?

    1. Danke, klar, gern.
      Zu a) Die Kritik von Sörgel ist ja eine von außen und das Ergebnis wird auch nur von Verteidigung und Richter kritisch gesehen.
      Und bei dem zweiten Punkt hast du vollkommen Recht, es ist trotz allem streitbar, wo man die Grenze zieht, und sagt, hier ist Epo in der Probe oder nicht, aber gemäß der Fachliteratur sollte das mit hoher Sicherheit und Sensitivität möglich sein.

  6. Vielen Dank für den wirklich interessanten und gut geschriebenen Artikel!
    Ich kann diese Posse auch nicht wirklich nachvollziehen. Es ist ja nicht so, dass Epo-Doping nun eine neue Methode ist. Hier hat es in der Vergangenheit Sportler:innen aus diversen anderen Sportarten gegeben mit sicherlich mal deutlicheren, mal nicht so deutlichen Epo-Konzentrationen. Hier ist in der allgemeinen Sportgerichtsbarkeit genug Wissen und Erfahrung vorhanden, auf die auch der DFB hätte zurückgreifen können. Dieses ganze Verfahren ist auch für den Spieler – ein junger Mensch, der vermutlich einen Fehler gemacht hat (weshalb mensch ihn jetzt auch nicht auf ewig verteufeln sollte) – eine immense Last.

    1. Hi Martin, danke, ich habe das jetzt nur überflogen, aber da sieht man ja die Fotos und die sind wirklich streitbar. Wie gesagt, ich kenne die Fotos von Vuškovićs Proben nicht, aber gemäß der Zahlen ist ein falsch-positiver-Doppelbefund höchst selten, kann natürlich trotzdem passieren.

    2. Hola, vielen Dank für diesen Einblick in diese Thematik.
      Zwei Anmerkungen zu Deinem Text und eine Anmerkung zu einem Kommentar.

      Nach den medialen Berichten zum Prozess wurde durch begutachtende Wissenschaftler (deren Renommee mir nicht bekannt ist und deren Glaubwürdigkeit sicher darunter leidet, dass sie von der Verteidigung beauftragt wurden) u.a. Fehler im Testverfahren gerügt, die zu einem Ergebnis führten, welches daher als Falsch-Positiv zu bewerten ist. Bei der geforderten C-Probe geht es daher, zumindest vordergründig, darum, den Test unter den vorgesehenen Bedingungen durchzuführen, da dies, nach Ansicht der Gutachter, im Labor in Kreischa bisher nicht erfolgt sein soll. Damit wäre es dann auch nicht die reine, statistisch vielleicht irrelevante Hoffnung, auf ein falsch-negatives Ergebnis.

      Dann war hier die Frage aufgekommen, wie die Dauer zu erklären sei, die für den Test benötigt wurde. Hier war m.E. der Zeitraum zwischen Einholung der Doping-Probe Mitte September und Mitteilung des positiven Befundes Mitte November gemeint. In diesem Zeitraum fanden zudem zwei weitere, negative, Doping-Kontrollen bei Herrn Vuskovic statt. Diese Vorgehensweise ist allerdings keineswegs üblich. Üblich ist, dass ein positiv getestet Sportler nach einer positiven Kontrolle zeitnah gesperrt wird. Dass bei Herrn Vuskovic diese Folgekontrollen stattfanden, lässt zumindest den Gedanken aufkommen, dass das Labor/NADA auf eine Bestätigung des ersten Ergebnisses hofften, was wiederum Zweifel hinsichtlich der Eindeutigkeit nährt.

      Schlussendlich noch der Hinweis, dass man die Presseerklärung des DFB nicht mit einer Urteilsbegründung verwechseln sollte. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass im Urteil weitere Gründe dafür aufgeführt wurden, die das Gericht zur Ansicht gelangen ließen, strukturiertes Doping würde nicht vorliegen. So gewagt bis falsch die nachgewiesene geringe Menge als Indiz für nicht strukturiertes Doping ist, so muss man doch die Urteilsbegründung kennen, um diese Annahme des Gerichts zu bewerten.

      Abschließend, ich habe in den letzten Jahrzehnten den Kampf der WADA gegen Doping mit latentem Interesse verfolgt und auch wenn man die WADA nicht als sacrosanct betrachtete, bestand doch bei mir nie der Eindruck, dass hier ein Machtmissbrauch stattfinden würde und die harten Strafandrohungen und Sperren notwendig seien, um im Kampf gegen staatlich verordnetem bzw. durch kriminelle Netzwerke betriebenem Doping bestehen zu können. Dieses Bild hat eklatante Risse bekommen. Berichte über den tschechischen Sportler, der trotz erwiesener Unschuld nach dem Willen der WADA gesperrt worden wäre, Berichte über einen irischen und einen deutschen Sportler, bei denen die erheblichen Zweifel an der Korrektheit der positiven Ergebnisse verheimlicht und die für vier Jahre gesperrt wurden, auch weil ihnen die finanziellen Mittel fehlten, sich gerichtlich zu wehren, haben Zweifel gesät, ob die WADA mit ihrer quasi hoheitlichen Funktion so umgeht, wie man es von einer Institution die für Fairness und Gerechtigkeit eintreten soll, erwarten, besser verlangen kann. Deswegen bin ich persönlich froh, dass das aktuelle Verfahren einen Sportler trifft, dem die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, um sich zu wehren und evtl. Fehler im System aufzudecken. Denn davon profitieren dann auch die Sportler, die sonst evtl unverschuldet verfolgt würden. Da ist dann m.M.n. „das Geld im Fußball“ doch Mal gar nicht so schlimm.

      Ich habe keine Ahnung ob Herr Vuskovic gedopt hat, meine Hoffnung ist, dass im Laufe des Prozesses die schlichte Wahrheit festgestellt wird.

  7. Moin.
    Auch von mir Danke für die nachvollziehbare Erklärung des Verfahrens. Insbesondere die Absurdität, eine C-Probe zu fordern, ist schön aufgedröselt.

    Zwei Fragen habe ich noch.

    1. Ist die Urinprobe noch zeitgemäß, bzw. wird in anderen Sportarten (speziell Radfahren) auch nur Urin untersucht?

    2. Wieso konnte es mehrere Wochen dauern, bis der positive Befund veröffentlicht wurde? Geht das wirklich so lange?

    1. Moin, Winnie, danke!
      1.) Ich denke schon, und ja, Sportler:innen Blut so regelmäßig Blut abzunehmen, fände ich schwierig.
      2.) Das Verfahren zum Nachweis von Epo ist an einem Tag locker zu schaffen, man kann einen Schritt über Nacht ausführen, aber ich denke, was so lange gedauert hat, war eher, die Gutachten einzuholen.

  8. Moin Lorenz,

    ich halte eine Wahrscheinlichkeit von knapp 1:10.000 für nicht so vernachlässigbar, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Sie bedeutet ja, dass statistisch von gut 10.000 Urinproben eine in A- und B-Probe falsch-positiv getestet wird.

    Wenn ich die Berichterstattung richtig erinnere, wurde im Prozess gesagt, dass im Jahr 2021(?)
    in Deutschland um die 4.500 Proben auf EPO getestet wurden. Von der Zahl ausgehend, würde das heißen, dass so alle 2-3 Jahre ein unschuldiger Leistungssportler aus dem Verkehr gezogen wird.

    Und wenn man dann bedenkt, dass überhaupt positive Testergebnisse selten sind (in besagtem Jahr 0 von 4.500), dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei einem der seltenen positiven Ergebnisse um einen der seltenen falsch-positiven handelt, wiederum recht groß.

    Unabhängig davon, wie hoch bzw. niedrig die Fehlerwahrscheinlichkeit genau ist, halte ich es schon für problematisch, wenn die Laboranalyse einer einzelnen Urinprobe der einzige Beweis ist, auf den sich Urteile mit so weitreichenden Folgen für die Verurteilten stützen.

    Ich verstehe in den Zusammenhang auch nicht, warum soviel Zeit zwischen Abgabe der Urinprobe und Bekanntgabe des Ergebnisses liegt. Würde das umgehend passieren, könnte man zeitnah weitere Urin- und Blutproben nehmen oder weitere Untersuchung durchführen, um zusätzliche belastende oder entlastende Hinweise zu finden. Und vor allem wäre es doch deutlich einfacher zu ermitteln, wo sich Vuscovic zuvor in dem für die Injektion in Frage kommenden Zeitraum so aufgehalten hat. Und man könnte Urinproben anderer Sportler aus seinem Umfeld (hsv, kroatischer Verband, Freundeskreis, Patienten seiner Ärzte) einsammeln.

    Ich halte es in jedem Fall für ziemlich abwegig, dass Vuscovic einsam und allein auf die Idee mit dem Epo-Doping gekommen ist und sich das Zeugs im Internet bestellt und dann selbst injiziert hat. Wenn er gedopt hat, wird es auch andere geben. Ich finde es merkwürdig, wie wenig Interesse an der Frage besteht, wo und von wem er das Epo bekommen haben könnte.

    Irgendwie habe ich zuletzt ein wenig den Eindruck bekommen, dass das Doping-Kontrollsystem gar nicht darauf ausgerichtet ist, Doping-Strukturen aufzudecken (das machen eher Journalisten), sondern darauf, das Bild vom grundsätzlich eigentlich sauberen Sport aufrecht zu erhalten, in dem die wenigen schwarzen Schafe dank strenger Kontrollen und harter Strafen aussortiert werden.

    1. Moin, Rainer, das stimmt, wir kennen die Zahlen bei den eigentlichen Proben ja nicht. Insgesamt ist es aber immer ein Abwägen zwischen Sensitivität und Spezifität, also Falsch-Positiv- und Falsch-Negativ-Rate; wie mit diesen Wahrscheinlichkeiten dann juristisch und verfahrenstechnisch umgegangen wird, steht auf einem anderen Blatt. Persönlich fände ich es auch fairer, wenn das ganze Prozedere beschleunigt und auf mehrere unabhängige Säulen gestellt würde, aber den Fall muss man unter dem etablierten Status quo und anhand der verfügbaren Zahlen beurteilen – das habe ich versucht. Insgesamt kann und sollte man das System auf jeden Fall kritisch sehen, da bin ich ganz bei dir.

  9. Ich danke Ihnen für den interessanten Artikel. Ich kenne die Fotos von Vuškovićs Proben auch nicht, aber ich muss sagen, dass mich ein Argument des Artikels aufhorchen lässt: Nach den vom Autor beschriebenen Zahlen ist ein falsch-positiver Test zwar selten, aber mit 1/115 wären solche falschen Ergebnisse vermutlich zu häufig und zu unzuverlässig für systematische Tests in der 1. und 2. Bundesliga. Es gibt vermutlich insgesamt mindestens 2 x 18 x 15 = 540 Spieler, die in beiden Ligen aktiv sind und mehrmals im Jahr und letztlich während ihrer gesamten Karriere (vermutlich bis zu 15 Jahre lang, mehrmals im Jahr) getestet werden. Ob ein Test, der bei einer von 115 Proben fälschlicherweise durchfällt (falsch positiv), dann noch als zuverlässig gelten kann, ist zumindest einmal fraglich. Mit anderen Worten: Entweder stimmen die Zahlen 1/115 nicht, oder ein solcher „visueller“ EPO-Test ist für den systematischen Einsatz bei Spielern eher mit Vorsicht zu genießen, da falsch-positive Ergebnisse von Zeit zu Zeit zufällig auftreten werden. Aufhorchen lässt für mich auch, dass bei der EPO Testung (offenbar sogar in dem gleichen Labor) vorher schon falsch positive Tests aufgetreten sind. Was auch interessant ist: In Fachjournalen gibt es sind recht eindeutige Positionierungen gegen die World Anti-Doping Agency publiziert (https://febs.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/febs.14920), bzgl. Transparenz und dem Auftreten falschpositiver Tests.

  10. Danke, Jan, genau, wir wissen natürlich nicht, ob die Zahlen sich auch auf die Tests der WADA übertragen lassen, und wie viele Tests (bei den tatsächlich auftretenden Epo-Mengen) streitbare Ergebnisse liefern. Aber wenn dem so wäre, müsste man die Falsch-Positiv-Zahlen in Relation setzen und überprüfen – die müssen vor Gericht ja standhalten. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass vermutlich die Falsch-Negativ-Rate steigen würde, wenn man die Falsch-Negativ-Rate weiter senkt – dann würden der WADA einige Doping-Sünder:innen durch die Lappen gehen. Ich teile auf jeden Fall die Kritik, dass hier der Eindruck entsteht, dass die WADA hier ihr eigenes Süppchen kochen will. Aber es ist nun mal die Welt-Anti-Doping-Agentur, insofern hat sie hier schon eine Art Hoheitsrecht. Warum man das Verfahren dennoch nicht beschleunigt, transparenter gestaltet und für externe Gutachter:innen und Messverfahren öffnet, ist mir schleierhaft.

  11. Im Text wird durch multiplizieren der Falschpositivquoten der A- und B-Proben eine Gesamtwahrscheinlichkeit von ca. 1/10.000 berechnet. Die Operation ist allerdings natürlich nur unter der Annahme erlaubt, dass die Proben statistisch voneinander unabhängig sind. Da es sich bei A- und B-Probe letztendlich zwei Mal um die selbe Urinprobe gelagert in unterschiedlichen versiegelten Gefäßen handelt, finde ich diese Annahme als Laie nicht trivial. Wenn ich den super seltenen Baby Meister Yoda aus einem Ü-Ei ziehe, das Ei wieder schließe und erneut öffne, ist die Wahrscheinlichkeit beim zweiten Versuch einen Baby Meister Yoda zu finden 100% und nicht 1% 😉
    Oder ist es aus der biochemischen Praxis belegt, dass falschpositive Ergebnisse nur durch Fehler im Analyseverfahren und nicht durch die spezifische Beschaffenheit der Probe auftreten können?

    1. Moin, danke, genau, die bedingten Wahrscheinlichkeiten zweier Ereignisse darf man nur multiplizieren, wenn sie voneinander unabhängig sind. Die Falsch-Positiv-Rate von 1:115 wurde ja aber mit einer Negativ-Kontrolle ermittelt, insofern: Ja, falsch-positive Ergebnisse kommen nur durch das Messverfahren zustande unter der Annahme, dass in der Probe wirklich jedes Mal (dasselbe) Nichts drin war. Ich hoffe, jetzt ist es klarer (:

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