FC St. Pauli vs. Hannover 96 0:0 – Wenn das Spiel nebensächlich wird

FC St. Pauli vs. Hannover 96 0:0 – Wenn das Spiel nebensächlich wird

Im Top-Spiel der 2. Bundesliga trennen sich der FC St. Pauli und Hannover 96 mit 0:0. Das Ergebnis und das Spiel wurde am Ende aber leider nebensächlich.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Es fällt schwer, sehr schwer über ein Fußballspiel zu schreiben, wenn dieses von Vorfällen im Gästeblock nicht nur überschattet, sondern auch erheblich beeinflusst wird. Das Spiel selbst wird dann, völlig zu Recht, ziemlich unwichtig. So wird auch dieser Spielbericht etwas kürzer als üblich ausfallen. Weil der Fußball einfach zur Nebensache geworden ist.

Zu den Vorfällen wurde hier beim MillernTon bereits gestern spätabends eine kurze Beschreibung der Vorfälle veröffentlicht und es ist davon auszugehen, dass dieses Thema die Fans, die Polizei, beide Vereine und somit auch uns noch eine Weile beschäftigen wird. An dieser Stelle noch einmal Genesungswünsche an alle verletzten und zu Schaden gekommenen Personen.

Die Aufstellung

Eric Smith kehrte wieder in die Startelf zurück, ersetzte dort Adam Dzwigala. Unter der Woche war vermutet worden, dass er eventuell auch neben Marcel Hartel auf der Doppelsechs agieren könnte. Diese Position nahm aber Connor Metcalfe ein und ersetzte so den gesperrten Jackson Irvine. Er verließ dafür die offensive Außenposition, die dafür durch Elias Saad besetzt wurde (Dapo Afolayan agierte auf der Metcalfe-Position rechts, Saad startete links). Ansonsten gab es keine personellen Veränderungen beim FCSP.

Bei Hannover 96 konnte Top-Torjäger Cedric Teuchert nicht mitwirken. Dafür wurde aber der unter der Woche erkrankte Ron-Robert Zieler rechtzeitig fit. Einen Wechsel gab es in der Startelf im Vergleich zum erfolgreichen Derby gegen Eintracht Braunschweig: Nicolo Tresoldi begann anstelle von Harvard Nielsen auf der Stürmerposition.

Viel Druck, wenig Ertrag

Auch gegen Hannover 96, immerhin Tabellendritter und mit 26 erzielten Treffern die bis dahin stärkste Offensive der Liga, dominierte der FC St. Pauli lange Zeit das Spiel. Hierzu hatte Fabian Hürzeler ein paar taktische Veränderungen vorgenommen: Vom in dieser Saison bisher üblichen 2-4-Aufbau war über fast die gesamte Spieldauer nichts zu sehen. Der FC St. Pauli agierte entweder mit einem 2-3-5 oder einem 3-2-5 in der Grundformation bei Ballbesitz.

Hierbei war am auffälligsten, dass Manos Saliakas seine Rolle im Vergleich zu den letzten Spielen veränderte. Er agierte bei Ballbesitz nicht, wie üblich, im rechten defensiven Halbraum neben Eric Smith und Philipp Treu oder bewegte sich nach vorne auf die offensive Außenbahn. Stattdessen positionierte er sich im offensiven rechten Halbraum. Fabian Hürzeler erklärte nach der Partie, dass Saliakas in diesen Räumen sein sollte, weil er Druck auf die letzte Linie erzeugen und mit Dapo Afolayan einen dribbelstarken Spieler auf der Außenbahn haben wollte.

Asymmetrische Fünferketten

Interessant war, dass diese Positionierung nur vom rechten Schienenspieler, Saliakas, gesucht wurde. Philipp Treu agierte weiterhin im linken defensiven Halbraum, wo er entweder mit Smith und Connor Metcalfe eine Dreierkette oder aber, wenn Smith zwischen den Innenverteidigern verblieb, mit Metcalfe eine Doppelsechs im Aufbau bildete. Einmal mehr konnte Treu in dieser Rolle überzeugen.

Auch Hannover 96 agierte auf dem Papier mit einer Dreier- beziehungsweise Fünferkette. Zu sehen war diese auf dem Platz aber nicht so oft, weil auch die Gäste diese asymmetrisch ausspielten. Allerdings anders als der FC St. Pauli. Derrick Köhn interpretierte seine Position als linker Schienenspieler sehr offensiv. Bei Ballbesitz von Hannover 96 war er zumeist auf der linken offensiven Außenbahn zu finden. Manchmal schob er auch ein wenig in die Mitte. Auf der Gegenseite agierte Jannik Dehm dann eher als eine Art klassischer Rechtsverteidiger. Er bildete zusammen mit der restlichen 96-Hintermannschaft eine Viererkette, wenn das Team im Ballbesitz war.

Diese Viererkette von Hannover 96 war auch sehr oft im Verhalten gegen den Ball zu erkennen. Köhn positionierte sich also nicht in der Kette, sondern oft auf der linken Achterposition, wenn der FCSP im Ballbesitz war. H96-Trainer Stefan Leitl erklärte nach der Partie, dass Köhn diese Rolle bereits öfter in dieser Saison einnahm und man mit dieser Positionierung das Zentrum geschlossen halten wollte. Das gelang recht zuverlässig.
Warum man Köhn trotzdem als Teil einer Fünferkette bezeichnen kann? Weil er, besonders wenn Hannover tiefer hinten reingedrängt wurde, auf die linken Abwehrseite fiel und das Team dann klar mit fünf Spielern in letzter Linie agierte.

Hamburg, Deutschland, 10.11.2023, 2. Bundesliga, Fussball - Johannes Eggestein (FC St. Pauli) mit einem Torschussversuch, den die Spieler von Hannover 96 aber abblocken können - Copyright: Stefan Groenveld DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video.
Auf ganze sechs Torschüsse brachte es allein Johannes Eggestein im Trikot des FC St. Pauli. Das waren drei mal so viele, wie die gesamte Mannschaft von Hannover 96 abgab.
(c) Stefan Groenveld

Hannover lange ohne Torabschluss

Das Fallen von Köhn nach links passierte in einzelnen Spielphasen recht häufig. Weil es dem FC St. Pauli vor allem im ersten Abschnitt oft gelang, durch gute und sauber ausgespielte Ballbesitzphasen in das letzte Drittel von Hannoer 96 zu gelangen. Doch dort angekommen, fehlte es dem FCSP an der letzten Konsequenz, wie Marcel Hartel nach Abpfiff erklärte, der in diesem Spiel ungewöhnlich blass blieb (vermutlich, weil es Hannover gut gelang das Zentrum kompakt zu halten). So gab es zwar eine ganze Reihe an vielversprechenden Szenen in der ersten Halbzeit, doch bis auf eine Chance von Johannes Eggestein und einen Abseitstreffer wurde es nicht ernsthaft gefährlich für das 96-Tor.

In der zweiten Halbzeit änderte sich wenig: Der FC St. Pauli agierte dominant, ohne sich größere Chancen herauszuspielen. Allerdings wurde Hannover 96 nun zumindest etwas ballsicherer und konnte so einige Male für Entlastung sorgen. Die längeren Ballbesitzphasen der Gäste führten aber nicht dazu, dass diese offensiv gefährlich wurden. Im Gegenteil: In der Mitte der zweiten Hälfte hatte der FCSP seine wohl stärkste Phase. Die Offensivaktionen des Heimteams resultierten in diesen Minuten oft aus Ballverlusten von Hannover in der eigenen Hälfte.

Es ist bezeichnend für das Spiel, für die Stärke des FC St. Pauli in der Defensivarbeit, dass es den ersten Torabschluss von Hannover 96 in der 78.(!!!) Minute gab. Der, wohlgemerkt, besten Offensive der Liga gelang es in den 77 Minuten zuvor nicht ein einziges Mal, zum Torabschluss zu kommen. Ein weiterer Torschuss, ebenfalls ungefährlich, sollte noch folgen. Mehr nicht. Die Defensivleistung des FCSP in diesem Spiel ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Kurz nach den ersten, eigentlich nicht nennenswerten, Offensivaktionen der Gäste, war das Spiel vorbei. Offiziell wurde es für rund fünf Minuten aufgrund der Vorkommnisse im Gästeblock unterbrochen. Doch danach war jeglicher Spielfluss dahin. Beide Teams standen unter den Eindrücken der Szenen im Gästeblock – das war deutlich zu spüren. Eric Smith erklärte, dass die Pause das Spiel „gekillt“ hätte. Auch Fabian Hürzeler sagte nach der Partie, dass seine Spieler abgelenkt und irritiert gewesen seien.

Serien reißen, andere bleiben bestehen

Es ist schade, dass man diese letzten Minuten nicht mehr mit zum Spiel zählen kann. Das ist angesichts der Vorfälle aber auch, wie bereits zu Beginn dieses Textes erwähnt, völlig unwichtig. So endet das Top-Spiel zwischen dem FC St. Pauli und Hannover 96 nach 80 Minuten mit 0:0. Der FCSP war zwar das bessere Team, aber es fehlte dann am Ende an weiteren zwingenden Chancen, um sich mit Nachdruck für drei Punkte zu empfehlen. Was das Team defensiv zeigte, war allerdings nahe an der Perfektion.

Die Siegesserie und auch die Torserie von Johannes Eggestein, sie sind gerissen. Ungeschlagen bleibt der FC St. Pauli in dieser Saison trotzdem. So geht es aus sportlicher Sicht mit einem sehr guten Gefühl in die Länderspielpause. Dort wird dann Anlauf für die anstehenden Spiele gegen Rostock und den HSV genommen.

Immer weiter vor!
// Tim

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5 thoughts on “FC St. Pauli vs. Hannover 96 0:0 – Wenn das Spiel nebensächlich wird

  1. Ich fand’s ungewöhnlich nur zwei Wechsel vorzunehmen, einen davon erst sehr spät. klar, die Mannschaft stand stabil, da wollte Hürzeler wohl nichts riskieren, ich hätte aber – gerade nach der Unterbrechung- gerne noch mal Zoller vorne gesehen.

  2. Ich stimme dem Unverständnis über die späten Wechsel zu, ein „all in“ war das nicht. Überhaupt habe ich zunehmend das Gefühl, Taktik hemmt Dynamik. Über lange Ballpassagen wird Standfussball gespielt, kaum ein Ball in den Lauf. Es sieht für mich so aus, als ob diese Wege gerade beim Umschaltspiel als zu riskant erachtet werden?

    1. Ja das hatte Hürzeler nach dem Spiel auch bei Sky so gesagt, sie wollen Spielkontrolle, Brechstange wäre zu viel Zufall und das wollen sie nicht.

  3. „Marcel Hartel blieb in diesem Spiel ungewöhnlich blass.“ (Millernton)

    „Kapitän, Chef, Antreiber, Dauerläufer. Auch diesmal wieder herausragend, auch bei der Abwehrarbeit. Wiederholte die herausragende Form der vergangenen Wochen.“ (Abendblatt)

    Ich dachte immer, Ihr Sportjournalisten sprecht Euch bei sowas ab…? 😂

  4. Was ich zum Ende hin sah war bei der davor erlebten Situation super. Es wurde trotz allem versucht weiter Druck zu machen und noch ein Tor zu erzielen. Auch wenn alles nicht mehr so Stark war wie vor der Unterbrechung so war es auch nicht nichts. Im Gegensatz zu 96 wo ich das Gefühl schon vor der Unterbrechung hatte das ihnen wie bei Ddorf auf ein Remis ausreicht. Klares Zeichen dafür die klare und überfällige gelbe Karte für Zieler. Forza FCSP 🤎🤍❤️

    P.s. Ich denke JoJo hebt sich seine Treffer für die Kogge in zwei Wochen auf! 😍

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