Finanzielle Herausforderungen, Genossenschaft – und dann in der 1. Liga etablieren

Finanzielle Herausforderungen, Genossenschaft – und dann in der 1. Liga etablieren

Wilken Engelbracht, kaufmännischer Geschäftsführer des FC St. Pauli seit dem 1. November, hatte wohl nicht den angenehmsten Start. Nach 50 Tagen blickt er aber optimistisch in die Zukunft.
Titelfoto: Peter Böhmer

Als kaufmännischer Geschäftsleiter zu einem Verein zu kommen und der Mitgliederversammlung erstmal ein dickes Minus in der Bilanz erklären zu müssen – sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig, auch wenn man selbst am zurückliegenden Geschäftsjahr natürlich keinen Anteil hatte.
Aber sowohl auf der digitalen Infoveranstaltung vorab als auch auf der Versammlung im CCH wurde klar, dass da jemand zum FC St. Pauli gekommen ist, der zumindest schon mal die Fähigkeit besitzt, Menschen in diesem oft trockenen und wenig Begeisterung versprühenden Thema „Finanzen“ mitzunehmen.

Vereinsmitglied seit 2019

In der Presserunde kurz vor Weihnachten stellte sich Wilken Engelbracht zunächst einmal selbst vor und punktete mit der Information, bereits seit 2019 Vereinsmitglied zu sein. Außergewöhnlich für jemanden, der als geborener Bochumer mutmaßlich in anderer Vereinsbettwäsche geschlafen hat und von 2014 bis 2018 Finanzvorstand beim dortigen VfL war. Zu verdanken ist sowohl diese Mitgliedschaft als auch der jetzige Wechsel wohl dem guten Kontakt zu Oke Göttlich, mit dem Engelbracht bei der DFL „oft auf der gleichen Seite“ stand, unter anderem beim Thema der TV-Geld-Verteilung.

Doch zurück zum Thema – die Finanzen des FC St. Pauli. Auf der Mitgliederversammlung hatte die Verkündung eines hohen Fehlbetrags für Schlagzeilen gesorgt. Diese fielen oft drastischer aus, als in der recht defensiven Formulierung auf der Vereinshomepage. 4,9 Millionen Euro lautete der Jahresfehlbetrag des Konzerns im abgelaufenen Geschäftsjahr, zudem fiel das Eigenkapital von 8,1 auf 3,2 Millionen Euro. Hierzu bezog Engelbracht ausführlich Stellung.

Der FC St. Pauli sei immer ein Verein gewesen, der in Sachen finanzielle Solidität ein Vorbild für andere Vereine in der 2. Liga und sogar für einige in der 1. Liga gewesen sei, so Engelbracht.
(Ja, die Älteren unter uns müssen jetzt mühsam den Monitor von Getränkeresten befreien, aber tatsächlich ist dies ja in den letzten Jahren so gewesen, zumindest bis zur Pandemie.)

Keine schlaflosen Nächte – aber nicht ideal

Doch mit der Pandemie änderte sich bekanntlich alles. In der ersten Corona-Saison schrumpfte das über die Jahre mühsam aufgebaute Eigenkapital beim FC St. Pauli von 14 Millionen auf acht Millionen Euro, während sich gleichzeitig die Schuldensituation mit einem Anstieg der Verbindlichkeiten von (etwa) 17 auf 34 Millionen Euro deutlich veränderte. Standen sich zuvor Eigenkapital und Verbindlichkeiten ungefähr auf einem Niveau gegenüber, gab es hier nun eine deutliche Schieflage.

Außerdem waren die Verbindlichkeiten bis dahin langfristig, mit einem entsprechenden Tilgungsplan. In der Pandemie aufgenommene Corona-Darlehen (KfW-Kredite) müssen allerdings nach zwei Jahren mit recht hohen Tilgungsraten recht kurzfristig zurückgezahlt werden. So stehen dem Verein laut Engelbracht in den kommenden vier bis fünf Jahren noch Rückzahlungen von etwa 6 Millionen Euro pro Jahr bevor.

Wilken Engelbracht auf einem hellbraunen Sofa mit Blick in die Kamera, im Hintergrund an der Wand das große Vereinslogo.
(c) Peter Böhmer

In Bezug darauf, wie es zu dieser Situation gekommen sei, sagte Engelbracht:
„Ich glaube, dass der Verein nicht ideal auf diese Situation vorbereitet war. Ich glaube, dass der Verein eine menschlich nachvollziehbare Entscheidung getroffen hatte, mit der Unterstützung vom Staat in dieser Krise das gesamte Personal zu behalten.“

Diese Reaktion sei sowohl nachvollziehbar als auch in Ordnung, erklärte Engelbracht. Allerdings sei beim FC St. Pauli in dieser Phase das Personal sogar noch aufgestockt worden. Insbesondere fehlte es an der Überlegung, wie die Kostenstruktur nach der Pandemie aussehen würde – und zwar gar nicht allein auf die Personalkosten bezogen. Auch bis zu 50 Verträge mit externen Dienstleistern (von Versicherungen bis zum Energieanbieter) stehen aktuell auf dem Prüfstand.
Denn die kurzfristige Rückzahlung jener Darlehen ist eine Herausforderung, vor der der FCSP jetzt steht.

Allerdings ist der Verein mit dieser Situation auch nicht alleine, denn die Rückzahlung der KfW-Kredite beschäftige laut Engelbracht momentan mehrere Vereine, auch in der 1. Liga – und stelle diese teilweise vor noch größere Aufgaben.

Denkbar schlechter Zeitpunkt

Für den FC St. Pauli sei diese Situation auch noch durch den Verlust im abgelaufenen Geschäftsjahr verschärft worden, aus dem man eigentlich mit einem positiven Ergebnis hätte herauskommen müssen, um diese Herausforderungen zu bewältigen. „Dies bereitet keine schlaflosen Nächte“, so Engelbracht, „aber es ist nicht dieses Idealbild, für das der Vereine viele Jahre gestanden hat. Wir müssen wieder in einen Gewinnbereich kommen.“
Und das war nicht als Anspielung auf die aktuellen Unentschieden der Profis gemeint.

Einen signifikanten Beitrag zum Fehlbetrag des Vorjahres gab es im Merchandise – eigentlich ein Bereich, der im Profisport nur Gewinn abwerfen sollte, insbesondere beim FC St. Pauli. „Ich bin hier relativ entspannt, dass wir das in den Griff bekommen, weil es zum größten Teil Einmalkosten waren“, bedingt durch die Umstrukturierung / den Umzug im Bereich des Lagers. Dies sei aber eben zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt passiert. Insgesamt befinde man sich hier aber in guten Gesprächen mit dem Dienstleister, auch in den Bereichen, wo sich Logistikkosten dauerhaft erhöht hätten.

Mit Augenmaß auf die Personalkosten schauen

Im Vergleich zu einem durchschnittlichen Zweitligaverein, hätten wir laut Engelbracht doppelt so hohe Personalkosten, außerhalb des Lizenzspielerbereichs. Natürlich bestehen beim FC St. Pauli auch andere Strukturen als bei Elversberg und Wehen Wiesbaden (die dann aber wahrscheinlich ja auch nochmal deutlich unter dem durchschnittlichen Zweitligaverein liegen), trotzdem müsse man hier „mit Augenmaß auf die Personalkosten schauen“. Generell sei das Einsparpotential in anderen Bereichen größer, zum Beispiel bei Dienstleisterverträgen. Explizit ausgeschlossen wurde aber auch vereinzelter Abbau von Personal von Engelbracht nicht.

Allgemein brauche man „ein Kostengerüst, abgestimmt auf den planbaren sportlichen Erfolgsfall“, was im TV-Ranking eben bei Platz 4-6 der 2. Bundesliga liege und dort durch die 5-Jahres-Wertung nur leichten jährlichen Schwankungen unterliege.

Ein finanzielles Wachstum sei für den Verein laut Engelbracht in erster Linie über zwei Säulen möglich: Die Entschuldung des Vereins und die dauerhafte Stärkung des Sports – die dann langfristig eben hoffentlich einen positiven Einfluss auf das TV-Ranking nimmt.
Alles andere sei kaum planbar, in viele Bereichen hat der Verein bereits (s)eine natürliche Decke erreicht. Weder bei der Ticketeinnahmen, VIP-Tickets, Separées, noch bei Sponsoren sei kurzfristig eine signifikante Steigerung zu erzielen – auch wenn natürlich insbesondere auf die letzten Punkte ein Aufstieg erheblich positive Effekte hätte. Und ja, auch ein Weiterkommen im DFB-Pokal hilft sicherlich bei der Planung in vielen Bereichen.

Einen auch in Fankreisen viel diskutierten Punkt griff Engelbracht auf, als er nach dem eigentlichen Tabuthema ‚Verkauf des Stadionnamens‘ gefragt wurde. Er schloss dies als nicht diskutabel aus und ergänzte: „Ich glaube, dass dadurch, dass der Verein auf gewisse Dinge verzichtet, er unterm Strich im Vermarktungsbereich mehr hat. Weil das auf die Marke einzahlt.“

Und eben diese Marke und der Umsatz des Vereins seien erstligareif – der Verein habe so viel mehr Substanz als andere Vereine, der Anspruch müsse daher sein, sich in der 1. Bundesliga zu etablieren. „Von der Stadt her, von der Marke her, vom Umfeld, von der Begeisterung her. Wie kann man das von der Hand weisen?“
Jahrelanges, hanseatisches Understatement und „Top 25“-Zielsetzung? Endlich passé!

Genossinnen und Genossen

Zusätzlich zu den zwei erwähnten „eigenen“ Möglichkeiten des finanziellen Wachstums gibt es noch eine weitere, die bereits länger diskutierte und auf der Mitgliederversammlung erneut angekündigte Genossenschaft.

„Die Genossenschaft ist eine nicht zu unterschätzende Idee, die wir zum Erfolg führen müssen. Neben der Verbesserung im TV-Ranking ist eine Genossenschaft eine weitere Chance des finanziellen Wachstums für einen Verein wie den FC St. Pauli. Und es ist die einzige Möglichkeit, Eigenkapital in das Umfeld des Vereins zu bekommen.“

Wilken Engelbracht

Das ist eine klare Ansage in Zeiten, in denen sich andere Vereine (teils notgedrungen) nach Investoren umsehen. Aktuell gibt es ein ähnliches Modell im Profisport in Deutschland nicht und auch international gibt es wohl wenig vergleichbares. Jede*r Genossenschaftler*in hat bei Abstimmungen nur eine Stimme, unabhängig vom Wert der Einlage. Schon damit wird es unattraktiv für herkömmliche Investoren.

Ziel sei es, laut Engelbracht, zentrale Infrastruktur des Vereins (z.B. NLZ, Trainingsgelände, Millerntor) in die Genossenschaft zu überführen, die diese dann an den Verein vermietet. Durch diese Sicherheiten sei die Genossenschaft dann auch wieder ein viel besserer Partner für Banken und damit für weiteres Fremdkapital. Im Gegensatz zu herkömmlichen Fananleihen werde es voraussichtliche eine Art variabler Verzinsung in vernünftigem Maße geben, die durchaus auch mal ein Jahr ausgesetzt werden könnte.

Man plane im ersten Halbjahr 2024 die Genossenschaft zu gründen und einzutragen. Bis es dann zur Ausgabe der Anteile komme, dauere es aber gegebenenfalls noch etwas länger. Hier sind seitens der BaFin Prozesse einzuhalten, die gewisse zeitliche Vorläufe erfordern.

Warme Weihnachtsworte

Als die Sachthemen behandelt waren, wurde es nochmal familiär, so kurz vor Weihnachten. Was denn an Hamburg oder am FC St. Pauli besonders sei, anders als anderswo?

„Ich erlebe hier eine sehr aktive Mitmachkultur. Es ist angenehm, sich am Spieltag dem Stadion zu nähern und sich drumherum aufzuhalten – das kenne ich von anderen Städten auch ganz anders.
Und ich mag es, wenn eine Stadt die Rivalität zweier Vereine hat, dies bereichert den Fußball.“

Wilken Engelbracht

Abschließend noch zwei Sätze, die man so auch noch nicht oft von Personen gehört hat, die erst 50 Tage beim FCSP im Amt und für Finanzen zuständig sind:

„Als Kaufmann ist es immer spannend, einen Verein zu begleiten, der über seinen sportlichen Erfolg hinaus eine Strahlkraft hat. Der große Vorteil des Vereins ist, dass er sich nicht über Erfolg definiert.“

In diesem Sinne: Es gibt viel zu tun, aber ein Anfang scheint gemacht.
// Maik

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4 thoughts on “Finanzielle Herausforderungen, Genossenschaft – und dann in der 1. Liga etablieren

  1. Da bin ich ja auch sehr gespannt drauf. Grds. sehe ich die Fragen: wer sind die Genossen mit der hohen Einlage und der kleinen Stimme? Gibt’s die überhaupt? Vor allem nachdem das Tagesgeldkonto wieder Zinsen bringt.

    Den Stadionbetrieb könnte ich mir vorstellen. Das ist locker soviel wert, dass man 49% in die Genossenschaft legen und aus dem operativen Gewinn die Genossen bedient. Ne Art kleines Edeka  😉

  2. @Erik: Schau dir mal die taz Genossenschaft an: https://taz.de/!v=45dd710a-25d1-45d5-bcf5-fce24b72cbf2/
    Die hat über die Jahre mehr als 12 Mio€ an Eigenkapital für die taz eingesammelt. Und das, obwohl es dort keine Rendite gibt. Weil es Menschen gibt, denen die taz wichtig ist.

    Weitere Beispiele:
    – die fux eG für die Viktoria-Kaserne in Altona https://www.fux-eg.org/
    – Bioboden Gesnossenschaft zur Sicherung Landwirtschaftlicher Flächen https://bioboden.de/genossenschaft/

    Es gibt also diverse Vorbilder Sicher nicht einfach und schnell, aber es kann funktionieren.

  3. Meine Kernfrage zum Genossenschaftsmodell ist, was mit dem Geld gemacht werden soll. Es kommt ja nur einmal Geld rein, das danach PERMANENT verzinst werden soll. Selbst wenn man es „mal ein Jahr aussetzt“ ist Eigenkapital die teuerste Finanzierung, die man im Gegensatz zu Fremdkapital (Bankdarlehen, Anleihen) auch nicht mehr los wird. Wenn man also solch „teures Kapital“ einsammelt, muss es um eine strukturelle Verbesserung der Ausgangsposition des Vereins gehen, die man damit finanziert. Auf jeden Fall nicht Spieler, Gehälter und schon gar nicht das Stopfen eines Haushaltslochs, weil man die letzten Jahre über die Verhältnisse gelebt hat.

    Es fehlt mir ein wenig die Fantasie, was das sein könnte, außer dem neuen Trainingszentrum, für das der Baubeginn aber auch noch in den Sternen steht.

    Ein zweiter Aspekt für Eigenkapital fällt hier auch weg: Es kann sinnvoll sein, sich Eigenkapital zu holen, um Expertise in den Verein zu bringen. Bei einer Genossenschaft ist aber das Gegenteil der Fall: Wir haben bereits eine demokratische Mitgliederversammlung, in der sich alle einbringen können. Die Veränderung durch eine Genossenschaft mit ihren Entscheidungsstrukturen und rechtlichen Auflagen bringt nur deutlich mehr Aufwand, weniger Entscheidungskompetenz und starrere Strukturen.

    Wie das Ganze also lösen?
    Für eine Zwischenfinanzierung wäre eine Neuauflage der Fananleihe aus meiner Sicht der deutlich bessere Weg. Die Hälfte des Geldes war auch beim letzten Mal geschenkt, weil die Leute ihre Anleihen so wie ich noch an der Wand haben. Die Kupons geben auch die wenigsten ab, was das Ganze zu einer recht profitablen Angelegenheit für den FCSP gemacht haben dürfte.

    Falls man Expertise von außen sucht (der besagte zweite Grund für Eigenkapital), wäre es aus meiner Sicht ein Leichtes, sich die Fanbasis zu nutze zu machen. Wir haben Fans in allen großen (und ja verhassten kapitalistischen, bösen, usw.) Firmen sitzen, die gern bereit wären, für den Verein ein pro bono Projekt zu machen. Wenn wir McKinsey, Boston Consulting, Goldman Sachs, Deloitte, KPMG, Accenture, allen Deutschen Banken, you name the list… an den Tisch bringen wollten, um in einem Pro Bono-Projekt einen Blick auf den Verein zu werfen, wäre das kein großes Problem. Wenn wir zu stolz sind, diese Hilfe als Verein anzunehmen, sollten wir unsere finanziellen Hausaufgaben als Verein allerdings deutlich besser machen, als das bisher der Fall war – denn dieses Problem ist komplett hausgemacht. Der Kader scheint. wenn man den Zahlen glaubt, nicht das Problem gewesen zu sein.

    Ich sehe das Thema Genossenschaft im Moment leider recht skeptisch. Sorry für das Wasser im Wein.

    Lieben Gruß

    Jan

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