Der Glaube muss zurückkehren

Der Glaube muss zurückkehren

Nach der Niederlage in Heidenheim liegt der FC St. Pauli am Boden – er muss schnell wieder aufstehen, wenn der Klassenerhalt noch gelingen soll.
(Titelfoto: Adam Pretty/Getty Images/via OneFootball)

Ein Kommentar von Tim

Manchmal fällt es mir extrem schwer, journalistische Sorgfalt und die eigenen Emotionen unter einen Hut zu bringen. Es ist ein großes Privileg, diesen wunderschönen Verein journalistisch begleiten zu dürfen und zeitgleich nicht verheimlichen zu müssen, dass diese Arbeit mehr als nur ein Beruf ist. Sie ist eine Passion, weil sowohl der Journalismus, aber vor allem der FC St. Pauli einen großen Platz in meinem Herzen einnimmt. Und manchmal gewinnen dann die Emotionen gegen dem Versuch, die Dinge nüchtern und analytisch zu betrachten. Daher dieser Kommentar.

Der FC St. Pauli ist aktuell das schlechteste Team der Bundesliga, spielt seit Wochen wie ein Absteiger. Diese Aussage, die ich, wie viele andere vermutlich auch, manchmal nach Niederlagen voller Frust herausschreien möchte, ist eigentlich keine aus den Emotionen heraus geborene, sondern fußt auf brutaler Objektivität. Sie ist eine zwar schonungslose, aber eben auch anhand von unzähligen Metriken solide belastbare Analyse.

Schwächste Offensive trifft wackelnde Defensive

Seit sieben Spielen wartet der FC St. Pauli auf einen Treffer aus dem Spiel heraus. Hat man sich vor Monaten noch daran gestört, dass Innenverteidiger Robert Andrich sich die Dreistigkeit erlaubte und nach dem Spiel gegen den FCSP erklärte, dass dieser einfach nicht die Qualität habe, um Leverkusen gefährlich zu werden, so muss man sich allerspätestens nach der Niederlage in Heidenheim eingestehen: Auch Andrich hat die Situation nur ehrlich analysiert und ist zu einem schonungslosen, aber richtigen Ergebnis gekommen.
Die offensive Harmlosigkeit des FC St. Pauli zeigte sich nun auch in Heidenheim. Dem FCSP kommt die zweifelhafte Ehre zu, dass er der erste Club in dieser Saison ist, dem es nicht gelang, in einem Spiel gegen Heidenheim einen Treffer zu erzielen.

Das mit der schwachen Offensive kennen wir bereits aus der Vorsaison. Da reichte es nur zu 28 Ligatreffern, der FCSP steht nun „schon“ bei 26 Treffern. Allerdings gehört auch zur Wahrheit, dass sich das Team diese Saison sehr viel weniger Gelegenheiten erspielt, der xG-Wert der Vorsaison (etwa 39) dürfte kaum mehr zu erreichen sein (aktuell etwa 30). Das zeigt: Die Harmlosigkeit in der Offensive ist diese Saison größer. Nur durch die größere Standard-Gefahr kommt der FC St. Pauli in die Nähe der erzielten Treffer der Vorsaison. Es ist nur schwer zu ertragen, immer wieder mit anzusehen zu müssen, wie das Team vorne einfach keine Lösungen findet. Aber erst in Kombination mit anderen Schwächen wird die schwächste Offensive der Bundesliga zum Problem für den Klassenerhalt. Denn es gibt zwei große Unterschiede zur Vorsaison.

Nein, viele Verletzungen sind es nicht, die gab es letzte Saison auch. Der erste Unterschied: Der FC St. Pauli ist defensiv einfach zu anfällig. Es gelingt viel zu oft nicht, über eine gesamte Spieldauer stabil zu stehen. Das war in der Vorsaison anders, oft konnte damit die schwächelnde Offensive kaschiert werden. Mehr noch: Der Erfolg bei der Konzentration auf die Defensive gab dem gesamten Vorhaben Recht. Dieser bleibt n dieser Saison aber zumeist aus. Der FCSP agiert somit an beiden Enden des Spielfelds mangelhaft.

Der Glaube fehlt

Der zweite Unterschied dürfte der schmerzhaftere für die Fan-Seele sein: Zu oft gab es in dieser Saison Situationen, in denen das Team spürbar mental nicht auf einem Level war, um erfolgreichen Bundesligafußball zu spielen. Hohe Niederlagen sind das eine Symptom davon, sie entstehen, wenn das Team auseinanderfällt (was in der Vorsaison quasi nie passiert ist). Das andere Symptom wiegt noch etwas schwerer. Denn es gibt immer wieder Phasen, in denen es dem FC St. Pauli spürbar an Selbstvertrauen fehlt. Wurden in der Vorsaison Gegentreffer hingenommen, ohne vom eigenen Vorhaben abzurücken, so werden sie in dieser Spielzeit oft zu Niederschlägen (wie nun in Heidenheim). Oder es scheint so, als wenn die Sorge vor Gegentreffern jeglichen Mut aus dem eigenen Spiel nimmt (wie im Derby-Rückspiel). Ein Aufbäumen, und sei es in Form von mehr Aggressivität auf dem Platz, ist leider zu oft in dieser Spielzeit nicht zu erkennen.

Das ist nichtmal unbedingt als Vorwurf zu verstehen. Denn natürlich ist fraglich, woher das Selbstvertrauen kommen soll, wenn man kurz nach dem besten Saisonstart aller Zeiten mal eben neun Ligaspiele in Folge verliert. Aber es tut weh, das anzusehen. Es tut weh, mit anzusehen, wie es dem FC St. Pauli nicht gelingt, gegen keineswegs übermächtige Gegner (dreifach) zu punkten, weil er zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint. Je länger diese Saison andauert, umso deutlicher wird, dass dieser schier unerschütterliche Glauben an die eigene Stärke, und sei die Chance noch so gering, in der Vorsaison der große Schlüssel zum Klassenerhalt war – und dass dieser nun zu oft fehlt.

Nahezu alle Fans des FCSP können den Zusammenhang zwischen tiefen Geldbeuteln und sportlichem Erfolg erkennen. Und entsprechend wissen auch die meisten: Ein Abstieg des FC St. Pauli wäre keine Überraschung. Nicht vor der Saison, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Was in dieser Situation aber frustriert ist der Eindruck, dass da mehr gehen würde, trotz dieser finanziellen Voraussetzungen. Wenn denn die Unsicherheit nicht den Fußball auffressen würde.
Die nun erlittene Niederlage in Heidenheim ist ein weiterer Tiefschlag gewesen beim Vorhaben Klassenerhalt. Aber die Tabelle zeigt etwas anderes als mein/unser Gefühl: Der FC St. Pauli steht weiterhin auf dem Relegationsrang, kann den Klassenerhalt auch weiterhin aus eigener Kraft schaffen. Dafür braucht es aber unbedingt den Glauben daran, dass dieser auch möglich ist. Doch der scheint aktuell zu fehlen, die Dynamik ist extrem negativ. Das muss ganz schnell geändert werden. Die gesamte Scheiße dieser Saison, die ganzen Niederschläge, sie müssen irgendwie abgeschüttelt werden. Denn auch wenn man nach der Niederlage in Heidenheim nun am Boden liegt, es kann auch immer noch alles gut werden. Aber es muss dringend aufgestanden und stehengeblieben werden.
Immer weiter vor!
// Tim

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5 thoughts on “Der Glaube muss zurückkehren

  1. Chapeau, Tim! Du triffst in einer entscheidenden Phase der Saison die richtigen Worte. Stark, das ist BuLi-Niveau

  2. Ich kann zu später Stunde keinen Kommentar erwarten, der ausgiebig auf die Probleme eingeht und ausdifferenziert mit dem Spiel und der Saison (ohnehin verfrüht) auseinandersetzt – und er muss mir ja nicht gefallen, ist ja deine Position, Tim – aber er ist mir zu dünn, zu schützend und er legt den Finger nicht tief genug in die Wunde. Aber das ist auch schwer, wir alle werden hier nur immer mit der braunweißen Brille agieren. Ich muss aber es hier trotzdem nochmals loswerden, den Glauben wird die Mannschaft nicht in gleicher Konstellation in dieser Saison wiederfinden und erst recht nicht, wenn wir absteigen und genau so weitermachen. Lasst die Vergleiche mit Freiburg stecken, dann muss ich auch nicht mit Bochum-Hecking oder Kiel-Rapp kontern. Manchen Mechanismen kann man sich einfach irgendwann nicht mehr entziehen und ich bin extremst dankbar, dass Alex uns ein Jahr in der Liga gehalten hat, aber er konnte nie die Angriffsschwäche überwinden und das ist nicht nur ein Spielerproblem, sondern wie Ceesay nach dem Spiel zu verstehen gegeben, dass die Taktik Stürmern das Spiel bedeutend schwerer macht.

    Daher: Tut mir Leid, es braucht einen Neustart. Wenn auch vorerst nur interimsweise. Alle Checkboxen, die bei Schulles Beurlaubung angehakt waren, sind es auch jetzt.

  3. Ich bin mit der Kommentar-Headline „Der Glaube muss zurückkehren“ grundsätzlich einverstanden, bin aber der Meinung, dass die Grundvoraussetzungen dafür spätestens seit heute 17:20 MEZ nicht mehr gegeben sind. Der Glaube kann nur zurückkehren, wenn es im Gesamtgefüge eine Konstante gibt, auf das man sich verlassen kann – komme, was wolle. In der vergangenen Saison war das die mannschaftliche Geschlossenheit, die intakte Defensive, die Mentalität. Nennt es Spirit. Mit dem heutigen Spiel bin ich leider am dem Punkt angelangt, mir einzugestehen: Ich glaube einfach nicht mehr dran. Eben weil diese Konstanten so massiv fehlen und sich wohl auch nicht mehr rekalibrieren lassen. Natürlich kann der FCSP es noch packen. Natürlich kann er sich noch aus eigener Kraft retten. Aber dafür muss er sich auch an irgendwas festhalten können.

  4. Man muss ja ehrlich zugeben: Fußballerisch ist St. Pauli eine Zumutung für die Liga. Anti-Fußball pur – so schlecht wie derzeit ist keine Mannschaft sonst. Nichts, worauf man stolz sein könnte oder das irgendwie positiv auf die Werte des Vereins abstrahlt. Schlimmer noch: Der Hasivau spielt einen deutlich ansehnlicheren Ball und zeigt sich in der Einstellung auch mutiger. Und hört mir mit dem Gejammer um limitierte Geldmittel auf – das erklärt nicht ein solches Auftreten wie zur Zeit. Am Ende können wir uns dann nur noch auf die Schulter klopfen, dass wir es nicht wie Augsburg, Mainz, Köln oder Gladbach gemacht haben, sondern weiter zu einem Trainer gehalten haben, der es geschafft hat, kaum einen Spieler (Ausnahme Pyrka, evtl. noch Vasilj) weiterzuentwickeln. Dafür sind fast alle Spieler gegenüber der Vorsaison schlechter geworden oder haben sich als Fehleinkäufe von Blessins Wunschkader erwiesen (Fujita ist da auch nur zum Teil rauszunehmen). Einen Plan B hat Bornemann offenbar nicht – ich traue mich kaum noch zu hoffen. Ich glaube, dass Blessin bei der Mannschaft das notwendige Feuer nicht mehr entfachen kann. Ob sich ein anderer, tauglicher Trainer, die letzten drei oder fünf Spiele mit unserer Truppe geben will, weiß ich nicht – aber es würde bei allen vielleicht wieder was in Bewegung setzen, was derzeit einfach festgefahren scheint.

  5. Lieber Tim,

    danke für deinen Text und deinen unermüdlichen Glauben!

    Zu heute – ja, wir hatten 2-3 Chancen, die man machen muss, wenn man in der Liga bleiben will. Hauke und Lars am Sky Mikro – gute Aussagen und Ansagen – aber von einem Team war auf dem Platz wenig zu sehen… Manos, Eric, Hountondji komplett unfit…Jacko?

    Ja, wir haben die ganze Saison über Verletzugen (Jade-Jones (war vorher ggf zu befürchten?) und viele viele andere).

    Unsere Transfers im Winter 26 haben mit Ausnahme von Ando leider NULL funktioniert… Hara? Rasmussen??? – von den Sommerzugängen Pyrka gut insgesamt, Joel ein Versprechen, Kaars puh, Oppie hmm, warum spielt der gar nicht mehr???
    noch letzten Winter 25: Ceesay (den würde ich persönlich viel mehr sehen, aber sehe ihn nicht im Training), darf kaum ran.

    Und dann unsere Auswechselungen… Connor gar keinen Bock mehr und heute gezeigt, dass er weiß das man vor der 80.Minute wechseln darf… unfassbar. Selbstoffenbarung hoch zehn.

    Auch wenn ich mich jetzt mit meinem Kommentar wiederhole: als Timo Schulz Chef Trainer wurde, hat die Mannschaft angefangen Fußball zu SPIELEN… ENDLICH!!u nter seinem Nachfolger Hürzeler auch.
    Seit dem Bundelsliga Aufstieg leider überhaupt nicht mehr… hoch und weit Gebolze OHNE eine Stürmer/Spieler zu haben der so einen Ball irgendwie annehmen kann und es wird nur auf den 2.Ball GEHOFFT und keine Flügelspieler mehr – und so ein „Konzept“ wird von professionlen Trainern und sportlicher Leitung als erfolgsversprechend eingeschätzt? Wie bitte??? (Bundesliga ist halt nicht Belgien)

    Sorry, aber ich hatte schon vor der Saison bei unserem Trainer (und Kader kaum/wenig Hoffnung) und sehe keine Chance auch nur für einen Relegationsplatz.
    Es würde auch nicht helfen Alex zu entlassen – das Ding ist durch. Wir holen keinen einzigen Punkt mehr und Wolfsburg gewinnt gegen Bayern und uns…Schade, krass selbstverantwortlich abgestiegen.
    Frage: wer im Kader und vom Trainerstaff hat einen Vertrag für die 2.Liga? War beim letzten Abstieg so ähnlich, dass keiner mehr motiviert war… erinnert mich sehr daran.

    Weiter immer weiter in die 2.Liga und dann nicht Kiel nachmachen bitte oder Leicester….

    Hockeyherzlichst
    Jens

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