So richtig überzeugend war der FC St. Pauli nicht gegen den Karlsruher SC. Gewonnen hat er die Partie aber trotzdem. Weil er defensiv stabil und nach Kontern gefährlicher war – und Glück hatte.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Wie genau drei Punkte auf dem Konto des FC St. Pauli landen, das ist natürlich spätestens mit Beginn des nächsten Spieltags völlig egal. Der Erfolg gegen den Karlsruher SC war sicher weder ein rauschendes Fußballfest noch eine hochverdiente Angelegenheit. Was ihn aber vielleicht umso schöner macht. Denn der FC St. Pauli hat gezeigt, dass er auch mit einem so unangenehmen Gegner wie dem KSC klarkommt – und das eben auch dann, wenn das eigene Spiel nicht durchgehend funktioniert.
Die Aufstellung
Wie erwartet änderte Cheftrainer Marcel Rapp die Startelf des FC St. Pauli auf nur einer Position: Lars Ritzka ersetzte den gesperrten Tomoya Andō in der Innenverteidigung. Im Kader gab es dann aber doch ein paar Veränderungen: Branimir Hrgota kehrte nach überstandenen Verletzungen wieder zurück. Nicht mit dabei war Marcus Mathisen, Scott Banks übernahm den freien Platz im Kader.
Auch der Karlsruher SC veränderte seine Startelf auf einer Position: Anstelle von Lilian Egloff begann Sandro Trémoulet. Dieser Wechsel war allerdings nicht positionsgetreu. Trémoulet ist Innenverteidiger, womit bereits vor Anpfiff klar war, dass der KSC es unter Trainer Maximilian Senft gegen den FCSP mit einer Dreierkette/Fünferkette versuchen würde.

FCSP: Voll – Nemeth, Smith, Ritzka – Pyrka, Rasmussen, Fujita, Oppie – Metcalfe – Niang, Ceesay
KSC: Bernat – Kobald, Franke, Trémoulet – Zor – Ofli, Pinto Pedrosa, Wanitzek, Bergh – Fujuda, Ben Farhat
Kein „Smith-Spiel“, keine Party
Der Karlsruher SC hatte laut Trainer Maximilian Senft zum einen aufgrund der zuletzt guten Leistungen von Innenverteidiger Trémoulet, aber auch aufgrund der Spielweise des FC St. Pauli seine Formation angepasst. Das Team agierte gegen den FCSP mit drei Innenverteidigern und einer Formation, die am Millerntor aufgrund der Vorjahre bestens bekannt ist: Einem 5-2-3. Und wie schwer das zu bespielen ist, durfte der FC St. Pauli dann auch erfahren. Denn abgesehen von der Phase nach dem 1:0 bis zur Pause hatte das Team von Marcel Rapp seine liebe Mühe und Not mit dieser Formation der Gäste.
Überzahl im Zentrum – aber zumeist nur theoretisch
Auffällig war dabei, dass sich der FC St. Pauli in Ballbesitzphasen anders positionierte als zuletzt. Eric Smith verblieb in der ersten Hälfte sowohl mit als auch gegen den Ball zumeist zwischen den anderen Innenverteidigern, schob nicht in den Sechserraum vor, wie man es von ihm gewohnt ist. Damit versuchte der FCSP, das Zentrum des Spielfelds so offen wie möglich zu halten. Denn in der Karlsruher Formation gegen den Ball war Mittelfeld-Stratege Wanitzek immer der zentrale Offensivspieler und klar auf das Verhalten von Smith orientiert: Löste Smith seine Position auf und schob vor in den Sechserraum, so löste sich auch Wanitzek aus der Offensivreihe des KSC. Er agierte als Manndecker mit dem Ziel, die Kreise von Smith zu stören. Was oft gelang.
Vor Smith konnten ebenfalls ein paar veränderte Verhaltensweisen beobachtet werden, als man vor der Länderspielpause zu sehen bekam. Sie hingen mehr oder weniger direkt damit zusammen, dass Smith zwischen den Innenverteidigern verblieb. Joel Fujita zog es in Ballbesitzphasen nämlich weniger deutlich auf die linke Seite als zum Beispiel in der Partie gegen Wolfsburg. Er agierte zusammen mit Metcalfe als breitziehender Zehner, sie besetzten also den linken und rechten offensiven Halbraum. Und da vor ihnen mit Ceesay und Niang eine Doppelspitze agierte, stellte allein schon diese Positionierung den KSC vor ein Problem, zumindest theoretisch. Denn dadurch, dass Fujita und Metcalfe die beiden Sechser des KSC beschäftigten, die Doppelspitze die Innenverteidigung hinten gebunden hatte und Wanitzek auf Smith orientiert war, blieb kein Gegenspieler für Matti Rasmussen übrig. Der FC St. Pauli hatte im zentralen Mittelfeld also einen Spieler mehr als der KSC. Das sei auch der Grund gewesen, warum Smith hinten verblieb, erklärte Marcel Rapp nach der Partie.
Enge Abstände untereinander, viel grüne Wiese im Rücken
Theoretisch hatte der FC St. Pauli also eine Überzahl im zentralen Mittelfeld in dieser Partie. Doch es gelang nur in einigen wenigen Situationen, diese auch für sich zu nutzen. Das lag zu einem nicht unerheblichen Teil am KSC. Denn dieser agierte in einem sehr kompakten 5-2-3. Das bedeutet, dass der Abstand zwischen der offensiven Dreierreihe und der defensiven Fünferkette relativ klein war. Dadurch gelang es dem KSC immer wieder, die Lücken zu schließen und damit auch die Unterzahl in der Zentrale oft sehr schnell wieder in eine Gleichzahl umzuwandeln. Aber es fehlte dem FC St. Pauli oft auch an der Dynamik im Zentrum, sein Spiel wirkte nicht selten etwas zu statisch, um sich in diesen Situationen flach nach vorne zu kombinieren. Aber dadurch, dass der Karlsruher SC den FCSP insgesamt recht hoch zustellte und das 5-2-3 kompakt ausspielte, war naturgemäß ziemlich viel grüne Wiese hinter der KSC-Fünferkette – und diese bespielte der FC St. Pauli dann in der ersten Hälfte angenehm zuverlässig.
Marcel Rapp hatte vor der Partie bereits angedeutet, dass man an diesem Sonntag eher selten längere und kontrollierte Aufbauphasen des FC St. Pauli erwarten könne, eben aufgrund der Spielweise des KSC. Genau so kam es dann auch. Das FCSP-Offensivspiel bestand nicht selten aus langen Bällen in die Spitze. In der ersten Hälfte waren diese auch genau so gewünscht, wurden kontrolliert gespielt. In der zweiten wurden sie dann zum Problem, weil sie eher ein Produkt der eigenen Vorsicht waren. Genau so verhielt es sich auch mit den Umschaltmomenten: In der ersten Hälfte versprühte der FC St. Pauli nach Ballgewinnen viel Torgefahr, sorgte so auch für Unsicherheit beim KSC, der das Spiel zeitweise kaum noch kontrolliert eröffnete, sondern eher Klärungen aus der Innenverteidigung nach vorne spielte, die Sorge vor Ballverlusten schien sehr groß zu sein. Nach dem Seitenwechsel wurden genau diese Umschaltmomente zum Problem für den FC St. Pauli. Weil daraus so gut wie keine Torgefahr entstand.
Auf guten Start folgen Glück und guter Fußball
Zurück zum Spielbeginn und nach dieser Einleitung mit einem Fokus auf spieltaktischte Dinge nun der Blick auf die Chronologie der Partie:
Das Spiel begann aus Sicht des FC St. Pauli vielversprechend, man war gegen den Ball griffig und mit ihm gefährlich, vor allem in den wenigen Sekunden direkt nach Ballgewinnen. Das Tempo war sehr hoch und der KSC schien es nicht ganz mitgehen zu können. Gleich mehrfach wurde es nach Umschaltmomenten gefährlich. Doch erst war das Zuspiel von Ceesay auf Niang zu ungenau (5. Minute), dann erreichte Ceesay einen Abpraller knapp nicht (9. Minute) und in der 13. Minute scheiterte Niang nach gelungenem Konterspiel mit Ceesay an KSC-Torhüter Bernat. Doch nach dieser dominanten und torgefährlichen Anfangsphase des FC St. Pauli lag der Ball in der 21. Minute plötzlich im eigenen Netz. Dass das nicht die Führung für die Gäste bedeutete, muss aus FCSP-Sicht durchaus als glücklich bezeichnet werden. Was war passiert?
Der KSC kam aufgrund eines Fehlers des FC St. Pauli im Spielaufbau zu einer Ecke. Diese brachte Wanitzek ziemlich exakt an die Fünfmeterlinie, wo KSC-Innenverteidiger Kobald am höchsten stieg und wuchtig einköpfte. Doch Schiedsrichter Lukas Benen gab den Treffer nicht. Er hatte zuvor ein Foul von Trémoulet an Smith gesehen. Tatsächlich gibt es auch einen leichten Kontakt und Smith geht auch zu Boden. Doch selbst mit tief getönter braun-weißer Brille muss ich feststellen, dass es sich dabei allenfalls um einen leichten Schubser handelte. KSC-Trainer Senft brachte es nach dem Abpfiff auf den Punkt: „Wenn dieser Stoß ein Foul ist, dann gibt es keine Eckballtore mehr in dieser Liga.“ Der FC St. Pauli hat also einiges an Glück gehabt, dass er nach 21 Minuten nicht plötzlich zurücklag.
Das wäre aber auch echt unverdient gewesen, wenn Karlsruhe in Führung gegangen wäre. Denn der FC St. Pauli war in der ersten Hälfte einfach das bessere Team. Und ging verdient in Führung: Zehn Minuten nach dem nicht gegebenen KSC-Treffer stand es 1:0 für den FCSP. Erneut agierte das Rapp-Team nach einem Ballgewinn zielstrebig. Rasmussen spielte einen abgefangenen Pass direkt nach vorne zu Niang, der einiges an Raum hatte. Der Leihspieler des 1. FC Köln spielte den Ball (eigentlich etwas zu sehr in den Rücken) raus nach rechts zu Metcalfe, der Tempo aufnahm und den diagonal in den Strafraum eingelaufenden Ceesay bediente. Der Angreifer erzielte dann einen Treffer, der recht unspektakulär aussah, aber den ich richtig, richtig stark fand. Denn Ceesay nahm den Ball in vollem Lauf nicht an und mit, sondern schloss direkt ab. In vollem Tempo, aus der Drehung. Sein Abschluss war zwar zentral, aber Marcel Rapp vermutete später, dass KSC-Torwart Bernat beim Gegentreffer nicht gut aussah, weil er nicht damit rechnete, dass Ceesay den Ball direkt nehmen würde. Tat er aber und so stand es nach 32 Minuten 1:0 für den FC St. Pauli.
Bis zur Pause war der FC St. Pauli nun richtig stark. Das Team war in dieser Phase auch in ruhigeren Ballbesitzphasen besser drin und konnte sich einige Mal flüssig bis in letzte Drittel vorspielen. Neben der sowieso stets präsentem Offensivabteilung gefiel mir vor allem Fujita, weil er mit seinen Laufwegen Räume im ansonsten oft raumarmen zentralen Teil des Spielfelds fand und mit seinen Pässen die Außenverteidiger in Szene setzte. Ein weiterer Treffer wollte in der ersten Hälfte allerdings nicht mehr fallen. Trotz der Situation in der 21. Minute musste man auf jeden Fall feststellen, dass der FCSP diese Partie ganz gut im Griff hatte. Und wenn man berücksichtigt, dass der KSC ein ausgeprägtes Interesse daran zeigte, dass der Gegner vieles kann, aber sicher nicht in Ruhe den Ball in der eigenen Innenverteidigung bewegen, dann gelang das mit der Spielkontrolle dem FC St. Pauli in dieser Hälfte sogar sehr gut.

// (c) Stefan Groenveld
Vorsicht frisst Umschaltgefahr auf
Der Start in die zweite Hälfte hätte dann besser nicht sein können: Franke foulte Ceesay nahe der linken Seitenauslinie. Senft kritisierte diese Entscheiung des Schiedsrichters später ziemlich deutlich, doch ich mag, selbst wenn ich mir (warum zur Hölle sollte ich das tun?…) die Szene durch eine KSC-Brille anschaue, beim besten Willen kein Foul von Ceesay erkennen. Der FCSP-Agreifer war zuerst am Ball, Franke kam deutlich zu spät und traf seinen Gegenspieler.
Eric Smith war das sowieso völlig egal. Er brachte eine halbhohen und temporeichen Ball ins Zentrum. Und dort machte es Lars Ritzka so, als wenn er in seinem Fußballer-Leben kaum etwas anderes gemacht hätte als Toresschießen und erzielte volley mit dem Fuß das 2:0.
Anders als nach dem ersten Treffer sorgte dieses 2:0 aber leider nicht dafür, dass der FC St. Pauli das spielbestimmende Team blieb. Nun übernahm der KSC die Partie und wäre fast postwendend zum Anschlusstreffer gekommen. Doch Fukuda scheiterte nach einem gelungenen Angriff am überragend parierenden Ben Voll. Der FCSP-Schlussmann machte in dieser Szene seine „Voll-Grätsche“, machte sich vor Fukuda sehr breit, riss dabei den rechten Arm nach oben und wehrte so den Ball ab. Was für eine Parade, ganz sicher die Szene des Spiels.
Mehr Raum, weniger Chancen
Aufgrund des 0:2-Rückstands wurde der Karlsruher SC nun offensiver, agierte in Ballbesitzphasen mutiger und stand dadurch insgesamt etwas offener. Angesichts des bisherigen Spiels hielt ich das für so ziemlich das beste, was dem FC St. Pauli passieren konnte. Schließlich waren es bisher zumeist die Umschaltaktionen, über die Torgefahr erzeugt werden konnte. Aufgrund eines nun noch etwas offener stehenden Gegners und entsprechend noch mehr Raum rechnete ich damit, dass die Chancengüte für den FCSP zunehmen würde. Doch das Gegenteil war der Fall. Marcel Rapp erklärte nach Abpfiff, dass sein Team nach dem 2:0 insgesamt zu passiv und zu vorsichtig geworden sei. Statt nach Ballgewinnen weiter schnell, gut strukturiert und fokussiert den Weg nach vorne zu suchen, spielte der FCSP nun ziemlich oft unkontrollierte lange Bälle. Und wenn man doch mal eine Überzahlsituation hatte, dann wurden diese überhaupt nicht gut ausgespielt. Die Folge: Der KSC wurde noch mutiger, weil er sich nun kaum noch Sorgen vor weiteren Gegentreffern machen musste.
Und auch in dieser Phase gelang es dem FC St. Pauli nicht, die Partie durch längere Ballbesitzphasen zu beruhigen. In der zweiten Hälfte hatte Smith sich vor allem im Verhalten gegen den Ball aus der Innenverteidigung gelöst und agierte als Sechser. Auch in vielen Szenen mit dem Ball war Smith nun weiter vorne positioniert. Doch es wurde auch in dieser zweiten Halbzeit kein „Smith-Spiel“, der KSC machte zu viel Druck auf die FCSP-Hintermannschaft, es blieb keine Ruhe für geordneten Spielaufbau. Und je länger das so war, umso weniger versuchte es der FC St. Pauli dann auch, das Spiel trotzdem flach zu eröffnen. Viel Karlsruher Ballbesitz war die Folge. Zwar gelang es den Gästen nur selten, diesen Ballbesitz auch in Torgefahr umzumünzen, aber ich denke es sind sich alle einig, dass das keine wirklich gute zweite Halbzeit des FCSP war.
Auch zweiter KSC-Treffer zählt nicht
Obwohl es in der zweiten Halbzeit so eine zähe und offensiv nicht wirklich gute Vorstellung des FC St. Pauli war, konnte man doch bereits frühzeitig den Eindruck gewinnen, dass man diese 2:0-Führung auch über die Zeit bringen würde. Schließlich gelang dem KSC nicht wirklich viel, der FCSP verteidigte es zumeist zuverlässig, ehe es richtig gefährlich wurde. Nur in der 83. Minute wurde ich noch einmal richtig kriddelig. Weil sich der FCSP in dieser Szene nach einem erneut nicht gut ausgespielten Kontern selbst auskontern ließ und eigentlich den Anschlusstreffer fing. Doch das Schiedsrichter-Team wertete die Abseitsposition vom eingewechselten Egloff als strafbar, obwohl Smith diesen erst in Szene gesetzt hatte. Der hatte nämlich dem eingewechselten Wiethaup den Ball vom Fuß gespitzelt und so ungewollt perfekt zu Egloff gelegt. Die einzige Erklärung, wie das Abseits sein kann: Das Schiedsrichter-Team wertete die Bewegung von Smith als unkontrollierte Aktion, er habe also keine Möglichkeit gehabt, bei seiner Aktion den Ball kontrolliert zu spielen. Das halte ich für eine eher abenteuerliche Auslegung, hätte dazu aber auch gerne die Erklärung von Seiten des Schiedsrichter-Teams gehabt. Entsprechend schließe ich mich den Worten von Marcel Rapp an: „Auch wenn wir Trainer oder Journalisten immer glauben, wir wüssten etwas, ist das nur Halbwissen. Der Schiri muss da Stellung beziehen und sagen, warum, weshalb, wieso.“
Klar ist aber: Wenn dem FC St. Pauli in einer Partie zwei solche Treffer zurückgepfiffen werden würden, der MillernTon wäre direkt nach Abpfiff mit einem „MillernTon-Brennpunkt“ live gegangen.
So brachte der FC St. Pauli die 2:0-Führung über die Zeit. Weil das Team, abgesehen von wenigen Momenten, den KSC in der zweiten Hälfte gut vom eigenen Tor weghalten konnte. Aber er brachte eben auch „nur“ diese 2:0-Führung ins Ziel, weil er seine vielen Umschaltmomente im zweiten Abschnitt alles andere als gut ausspielte.
Somit ist es ein fast perfekter Sieg für den FCSP. Am Ende sind drei Punkte mehr auf dem Konto, es gab viele gute Sachen zu sehen (das Umschaltspiel im ersten Abschnitt, das größtenteils stabile Defensivverhalten), aber es gab auch noch einige Sachen, an denen der Trainer ansetzen kann und muss, um das eigene Team noch weiter anzutreiben. Gelingt das, dann kann der Blick nach acht Punkten aus den letzten vier Partien langsam aber sicher nach oben gerichtet werden.
Immer weiter vor!
// Tim
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