Der Karlsruher SC kommt zum FC St. Pauli ans Millerntor. Nehmen wir den Verein und seine Fanszene in den Blick.
Titelfoto: Alex Grimm/Getty Images via OneFootball
Spätestens seit letzter Woche werde ich verfolgt vom Lied „KSC Olé Olé“, als ich mir die Hymnen der anderen Vereine der zweiten Liga angehört habe. Ein wirklich häufig wiederkehrender Ohrwurm. So ist man immerhin schon mal auf den kommenden Gegner des FC St. Paulis eingestellt. Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, läuft mir das Lied wieder durch den Kopf. Na toll…
Wie dem auch sei: Der KSC kommt am Sonntag ans Millerntor und mit ihm eine Fanszene mitsamt vier langjährig bestehenden Ultra-Gruppierungen. Werfen wir einen Blick drauf.
Geschichte und Erfolge
Der Karlsruher SC, ganz Karlsruher Sport-Club Mühlburg-Phönix, ist 1952 durch die Fusionierung der Vereine KFC Phönix 1894 und VfB Mühlburg 1905 entstanden. Die Fusion war aus finanziellen Gründen beider Vereine nötig geworden. Durch die Fusion war der Neubau des Stadions im Wildpark daraufhin möglich. 1955 fand die Einweihung des Wildparkstadions statt. Sportlich startete man als KSC in der Oberliga Süd, wo vorher der VfL Mühlburg war, und etablierte sich zu einer der besten Mannschaften der Liga. Bereits 1955 erreichte man als KSC das DFB-Pokalfinale und gewann dieses gegen Schalke mit 3:2. Im darauffolgenden Jahr wurde man Meister der Oberliga Süd und schaffte es damit in die Endrunde der Deutschen Meisterschaft. Man gewann die Vorrunde und erreichte das Endspiel gegen den BVB, verlor dieses aber mit 2:4. Immerhin konnte man den DFB-Pokal verteidigen – gegen den Hamburger SV. Auch 1960 wurde man Süddeutscher Meister und schaffte es bis ins DFB-Pokal Halbfinale. 1963 gehörte man zu den Gründungsvereinen der 1. Bundesliga.
Doch dort tat man sich schwerer als zuvor. In der ersten Bundesliga-Saison erreichte man den 13. Platz. Bis 1967 spielte man immer in der unteren Tabellenhälfte mit, bis man 1968 schließlich in die Regionalliga Süd abstieg. 1969 holte man sogar die Meisterschaft, doch am Aufstieg scheiterte man insgesamt viermal in der Aufstiegsrunde. Es folgte eine Reihe an Auf- und Abstiegen und ab Ende der 80er-Jahre wurde man endlich für längere Zeit ein etablierter Teil der 1. Bundesliga. 1993 landete man auf Platz sechs und qualifizierte sich damit erstmals für die Teilnahme am UEFA-Pokal, wo man sogar das Halbfinale erreichte, inklusive „Wunder vom Wildpark“. 1996 stand man ein weiteres Mal im DFB-Pokalfinale, scheiterte aber mit 0:1 an Kaiserslautern.
Doch 1998 endete der Erfolgskurs und man stieg in die zweite Bundesliga ab.
Im Jahr 2000 folgte sogar der Abstieg in die Regionalliga Süd, in der man als Meister aber direkt wieder aufstieg. Der KSC wurde daraufhin zum festen Bestandteil der zweiten Liga. Unter Trainer Edmund Becker wurde 2007 bis 2009 ein zweijähriger Ausflug in die erste Bundesliga möglich. Für ein paar Jahre zweite Bundesliga folgte erneut ein Abstieg mit direktem Wiederaufstieg und Meisterschaft der 3. Liga im Jahre 2013. Aber auch 2017-2019 musste man erneut 3. Liga spielen. Durch eine Zweitplatzierung 2019 stieg man wieder in die 2. Bundeliga auf und spielt seitdem meist um die mittleren Tabellenplätze mit.
Fanszene
Das Wildparkstadion bietet Platz für 33.180 Zuschauer*innen und der Club zählt 89 Fanclubs. Der Fan-Dachverband „Supporters Karlsruhe“ versteht sich als Vermittler zwischen Fans und Verein. Die Supporters feierten im September ihr 40-jähriges Bestehen. Die aktive Fanszene steht beim KSC in der Gegengrade – dabei handelt es sich zwar um die Südkurve, der Name wurde aber als emotionales Erbe aus dem alten Wildpark übernommen. Das Kollektiv ULTRA1894 besteht seit 2009 aus vier Ultragruppen: Phönix Sons 1999, Rheinfire 2002, Armata Fidelis 2003 und Wild Boys 2004.
ULTRA1894
Die Jahreszahl 1894 und auch der Name der Phönix Sons 1999 gehen auf den Vorgängerverein des KSC, KFC Phönix 1894, zurück. ULTRA1894 betont auf ihrer Webseite, dass der Zusammenschluss der vier Gruppen keine eigene Gruppe darstellt, sondern: „Der Zusammenschluss der vier Gruppen diente vor allem der besseren Organisation, Kommunikation und der Verbesserung des Zusammenhalts.“ Die einzelnen Gruppen stehen trotzdem weiterhin für sich.
Viele seit vielen Jahren bestehende Gruppen bedeutet auch, dass es einige Jubiläumschoreos gab. Schauen wir uns diese doch etwas genauer an, denn besonders eine hat für viel Diskussionsstoff gesorgt. Im März 2024 feierten die Phönix Sons ihr 25. Jubiläum. In ihrer Choreo zeigte die Gegengrade zunächst ein blau-weißes Schachbrettmuster, auf dem sich wenig später zwei Blockfahnen erstreckten. Eine mit PS 99′ und dem Logo der Gruppe und darunter eine Abbildung der Kurve und dargestellten Fahnen und Doppelhaltern, die zum einen an einen 2006 verstorbenen Phönix Sons-Ultra namens Moser erinnern, die Freundschaft mit den Harlekins Berlin von Hertha BSC zelebrieren und einer Fahne mit der Aufschrift „fanatisch, rebellisch, respektlos“. Umrahmt wurde die Choreo noch mit Pyrotechnik im Block und Feuerwerk, welches hinter der Gegengrade gezündet wurde. In Erinnerung an Moser und alle verstorbenen KSC-Fans organisiert die Fanszene in Karlsruhe jährlich ein Benefizkonzert „Moser rockt“ und eine Spendenaktion durch Becherspenden: „Moser hilft„.
Kurze Zeit später, im April 2024 feierten die Wild Boys 2004 ihr 20. Jubiläum, als der FC St. Pauli zu Gast war. Für die FCSP-Fanszene durch den Tod von Kiste ein Tag zum Vergessen und auch das Spiel ging mit 1:2 verloren. Die Choreo der Karlsruher fand dennoch statt und bestand aus zwei Teilen. Der erste Teil mit einem blau-weißen Streifenmuster aus Zetteln und dem Wild Boys-Logo in einem Halbkreis. Innen Fahnen, Ballons und Pyrotechnik und am Zaun der Spruch „There he goes. One of God’s own prototypes. A high-powered mutant of some kind never even considered for mass production“. Der zweite Teile wurde eine Blockfahne über die gesamte Gegengrade, das Gründungsdatum und dem Spruch „Too weird to live, and too rare to die„. Der ganze Spruch ist ein Zitat des Schriftstellers Hunter J. Thompson aus dem Buch „Fear and Loathing in Las Vegas„.
Armata Fidelis 2003, in etwa aus dem Lateinischen übersetzt „treues Heer“, feierte im Dezember 2023 ihr 20-jähriges Bestehen. Passend zum Namen so auch die Jubiläumschoreo: Der Spruch am Zaun lautete „Wie Odysseus auf die Probe gestellt – Das treue Heer, das niemals fällt„. Auf der Blockfahne, die die ganze Gegengrade bedeckte, war unter anderem eine Landkarte zu sehen, die Daten prägender Momente der Gruppengeschichte zeigt, sowie Odysseus selbst, Engel und Gruppenlogo. Ein Blick auf die Bilder lohnt. Der zweite Teil der Choreo zeigte, umrahmt von einem Streifenmuster aus Zetteln, das KSC- und das Armata Fidelis-Gruppenlogo gemeinsam.
Pyroshow mit Folgen
Nun zur Jubiläumschoreo der Gruppe Rheinfire 2002, die für Aufsehen sorgte. Im November 2022, ebenfalls bei einem Spiel gegen den FC St. Pauli, feierte die Gruppe Rheinfire 2002 ihr 20-jähriges Bestehen. Blaue Zettel füllten die Gegengrade, dazu eine Blockfahne mit dem Gruppenlogo und am Zaun der Spruch „Raufen, Saufen, Händel suchen“. Es folgte eine Pyroshow unter anderem mit einer großen Menge an Rauch. Das Spiel konnte zunächst nicht angepfiffen werden. Außerdem kam es zu Verletzungen bei elf Personen, zwei Beteiligte wurden zu Haftstrafen verurteilt. Auch das Fanprojekt Karlsruhe musste vor Gericht, da sie verweigerten, als Zeugen im Prozess auszusagen. Der Prozess wurde am Ende eingestellt, löste aber eine Diskussion über das Zeugnisverweigerungsrecht in der sozialen Arbeit aus (SWR.de). Wir haben letztes Jahr mit dem Fanladen darüber gesprochen.
Schlussworte
Nach der nun wirklich langen Länderspielpause ist die Vorfreude auf ein Liga-Spiel am Millerntor wieder groß. Schaut man auf die Tabelle, läuft es beim FC St. Pauli doch etwas besser als für den KSC, doch wir sind ja noch immer am Anfang der Saison. Es bleibt also spannend. Und so ist es auch spannend, was uns im Gästeblock so erwarten wird. Genug Fußballpause, ab jetzt wieder Fokus auf vollen Support für den FC St. Pauli.
Immer weiter vor!
// Nina
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