SPSC: Der kreative Flächenbrand aus der Wundertüte

SPSC: Der kreative Flächenbrand aus der Wundertüte

Der St. Pauli Song Contest läuft, die erste Abstimmungsrunde nähert sich. Wir haben alles angehört und gleich zwei Artikel dazu, der erste kommt von Raphael und zeigt unter anderem seine Top 10 (plus Verfolgerfeld).
Titelbild: Stefan Groenveld

Es gibt Leute, die denken, eine Hymne zu finden, sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Euch versichern, dass es noch sehr viel ernster ist. So jedenfalls der Eindruck, wenn man die Diskussionen seit Abberufung des langjährigen „Das Herz von St. Pauli“ verfolgt. Anderseits könnte man das alles natürlich auch mit einer gewissen Lockerheit und Humor nehmen, je nach Gusto. Es ist definitiv ein Thema, das offenbar alle bewegt, so oder so.

Es wird zusammengefügt, was beim FC St. Pauli zusammengehört: Musik und Fußball. Die Untermauerung dieser Binse erleben wir aktuell beim St. Pauli Song Contest. Und wie. Der Verein wurde nach seinem Aufruf überrannt mit Songvorschlägen. Was einen aber wirklich aus den Socken haut, ist die unvorstellbare Zahl von rund 260 extra für den SPSC kreierten Beiträgen. Das bedeutet, dass sich die Anzahl an musikalischen Huldigungen für den Magischen FC mit einem Schlag ungefähr verdreifacht hat. Dabei war unser Club bereits vorher nicht unbedingt arm an Songs, sondern wohl mit Abstand an der Spitze. Ohne es empirisch überprüft zu haben, behaupte ich mal: weltweit.
Die meisten Vereine haben so 5-10 Songs, einige auch 20-30. Wenige könnten auf eine Zahl um die 50 kommen, vermutlich Clubs wie der 1. FC Köln und Celtic FC. Ersterer profitiert sicherlich von der Nähe zum Karneval. Bei Celtic die Nähe zu Irland und dessen unerschöpflichem musikalischen Reservoir – wobei man bei dem, was dort gesungen wird, auch die ganzen Irland- und Rebel-Songs rausrechnen muss.

400 Songs? Das Resultat einer engen Verbindung

Wie viele Songs über den FC St. Pauli gibt es also jetzt? Das kann man nur schätzen. In meiner Playlist habe ich 115, der Stand ist alles andere als aktuell. Zwar kann man da noch ein paar rausschmeißen, weil es darin nur um den Stadtteil geht, andererseits fehlen auch ein paar neuere. Addiert mit den jetzt neu erschaffenen Werken plus denen, die in den letzten Jahren hinzugekommen sind, kommen wir wohl so auf knapp 400 Tracks über den FCSP. 400!!
Ja, wird gleich jemand einwerfen, die sind aber nicht alle geil. Das stimmt, gleichwohl betrifft das die Vereinslieder anderer Clubs ebenfalls – wenn nicht gar um so mehr. Erinnert Euch daran, was einem bei Auswärtsspielen alles für akustische Verbrechen um die Ohren gehauen wird.

Bei der irrwitzigen Zahl von 400 Songs ist klar, dass da auch ein paar brauchbare abfallen sollten. Das ist nicht nur reine Statistik, sondern auch Resultat der fast schon traditionell engen Verbindung vieler Bands und Musiker zum Verein.

Vor diesem Hintergrund war es bereits vor dem SPSC kurios, dass es keiner der zahlreichen FCSP-Songs zur Stadionhymne gebracht hat. „Das Herz von St. Pauli“ ist eine Huldigung des Stadtteils. Vorher wurde „You´ll never walk alone“ abgespielt, das weder mit Verein noch Viertel direkt etwas zu tun hatte. Die Einlaufmusik („Hells Bells“), der Song zum Halbzeitende („Antifa Hooligans“), der Torjingle („Song 2“) – nix mit FCSP. Und auch im Vorprogramm der Heimspiele fand das Sortiment erstaunlich wenig statt. Warum war das so? Das hing sicherlich damit zusammen, dass sich die allermeisten SP-Songs nicht unbedingt als Hymne eigneten. Doch auch die wenigen, die dazu fähig gewesen wären, wurden ignoriert, teilweise sind sie sogar fast in Vergessenheit geraten, wie zum Beispiel „Song 1“ von Rubberslime oder „Nur St. Pauli“ von Los, beide aus Mitte der 90er. Die Älteren unter uns werden sich erinnern.

Über 260 neue Songs

Doch nach der gerechtfertigten Absetzung des „HvSP“ haben wir jetzt die Chance, diese Diskrepanz auszugleichen. Die kleine und einfache Lösung wäre gewesen, in der Bestands-Kiste zu wühlen und etwas daraus auszuwählen oder eine Vorauswahl zu treffen. „Mehr als Fußball“ von L.A.K. wäre zum Beispiel ein Kandidat gewesen, oder ELFs „St. Pauli leuchtet nur hier“.
Der Verein entschied sich, den Contest zu initiieren, und erntete dafür Skepsis und Kritik. Doch es stellt sich heraus, dass die Entscheidung goldrichtig war. Denn sie hat etwas angezündet, das sich zum kreativen Flächenbrand entwickelt hat. Ich rechnete mit so 5-10 neu komponierten Beiträgen. Es wurden überragende 260.

Das ist wunderbar, aber wie zum Apollo soll man das alles hören? Die schiere Masse ist kaum zu bewältigen. Viele klagten schon, dass sie sich geradezu durchquälen mussten. Mir erging es anders, ich hatte einen Riesenspaß! Ich war vor jedem neuen Song neugierig und gespannt, was da jetzt kommt. Wie bei einer Wundertüte. Klar war das dann nicht immer zum Zunge schnalzen. Aber es war wie eine große und lange Entdeckungsreise.

An dieser Stelle ist mir wichtig, folgendes anzumerken: Natürlich ist die Qualität der Beiträge schwankend und natürlich ist nicht für jeden Geschmack etwas dabei. Und klar, einiges ist auch wirklich nur mit viel Wohlwollen und zuckenden Augenlidern zu ertragen. Aber: Ich empfinde Dank und Respekt für alle Menschen, die teilgenommen haben. Die Energie, Zeit und Mühe in das Projekt investiert haben. Die einen Beweis geliefert haben, mit welcher Leidenschaft sie für den FC St. Pauli brennen. Das ist eine wesentlich größere Leistung als mit verschränkten Armen dazustehen und alles doof zu finden. Lästern ist einfach, kann jede*r, bringt einem als Kritiker sogar mehr Spaß als Lob. Doch gerade in heutigen Zeiten gehen mir Wutbürger und Alles-Doof-Finder nur noch auf den Zeiger. Der Daumen geht hoch für alle Menschen, die mutig sind, sich etwas trauen und etwas schaffen, statt nur zu mosern. Es ist ein bisschen vergleichbar mit einer sportlichen Leistung, zum Beispiel einem Marathon. Eine Zeit von sagen wir 5:45 h mag nicht top sein. Doch: Teilgenommen und die Strecke gemeistert. Nur ein Prozent aller Menschen haben das überhaupt geschafft.

Was macht eine gute Hymne aus?

Kommen wir nach so viel Laberpalaver endlich zum Contest. Ich habe restlos alle Songs gehört, die meisten bis zum Ende oder fast. Das Sortiment ist sehr bunt, Metal ist dabei, Punkrock, Rock, Balladen mit Klavier oder Akustik-Gitarre, teilweise sogar ganz ohne Begleitung von Instrumenten. Die Aufgabe war es, herauszuhören, ob es dieser Song zur Hymne bringen könnte. Dabei zählt insbesondere der Gesangspart.

Was macht eine gute Hymne generell aus? Dafür lege ich Euch dringend den Beitrag von Tim ans Herz: „SPSC – der aktuelle Stand“.
Hilfreich ist auch darauf zu achten, wie viel Potential das Lied hat. Viele Einreichungen sind nur sogenannte Skizzen. Oft im Wohnzimmer mit beschränkten Mitteln aufgenommen, teilweise durch KI etwas aufgepimpt, damit man überhaupt eine Vorstellung davon bekommen kann, wie es später mal klingen soll. Wie könnte der Song werden, wenn er im Studio professionell vertont wird? Also: Man stellt sich das Millerntor 15 Minuten vor dem Spiel vor, die Aufstellungen wurden verlesen und die Hymne wird eingespielt. Können das alle mitsingen? Wie ist das Tempo, wie ist der Text, ist die Melodie eingängig, aber nicht langweilig? Gibt es Parts, die besonders geil rüberkommen könnten? Holt mich das irgendwo ab?

Manchmal punkten die ruhigeren Stücke, bei denen die Stimmen im Vordergrund stehen. Letztlich sollte auch im Stadion der Gesang im Vordergrund stehen und nicht, wie in einigen anderen Arenen, von Stampf-Beats oder schrillen E-Gitarrenriffs untergebuttert werden.

Wer möchte, kann beim Durchhören Buzzword Bingo spielen. Die Stichwörter reichen für mehr als eine Bingo-Karte:
Hafen, Elbe, Herz, Liebe, Nazis, Fahnen, braun-weiß, Reeperbahn, egal welche Liga, treu, Millerntor – (Reim auf) Chor, Vielfalt, Kiez, Elbe, Kurve, Wind, Faschisten, Freibeuter, Hass, Anker, nie allein, zusammen, Totenkopf, unser Verein, gemeinsam, Freiheit, Rassismus, 1910, bunt, Ebbe, Flut, zuhause, Heimat, Leidenschaft, Sturm…

Egal, ob Ihr die Lieder-Liste von vorne nach hinten oder umgekehrt oder random durchhört, ihr werdet nicht nur flott „Bingo“ rufen, sondern alle Felder schnell zusammen haben. Aber ist das schlimm? Was nützt mir ein Text, der möglichst alle Buzzwords umschiffen will, wenn er dann am Ende zu kompliziert oder gar kryptisch ist? Bei einer Hymne geht es auch um Gemeinsamkeit, ein rares Gut in heutiger Zeit.
Was verbindet uns mit dem Club?
Was verbinden die meisten mit dem Club?
Und zwar nicht nur die alles checkenden, seit 1910 auf St. Pauli lebenden Insider-Hardcore-Fans, sondern auch diejenigen, die nicht so dicht dran sind. Viele empfinden genau das, was die Buzzwords ausdrücken.

Trotzdem gibt es auch Songs, die wie eine willkürliche Aneinanderreihung der Buzzwords wirken. Geschenkt. Wir wollen hier die besten Kandidaten präsentieren. Ich habe jeden Song mit einer Punkteskala von 0 bis 10 bewertet, in den Kategorien „Hymnen-Potential“ und „persönlicher Geschmack“. Es ist nicht ungewöhnlich, dass es manchmal voneinander abweicht. Aus der Wertung flogen eingereichte Texte ohne Musik sowie der umgekehrte Fall – Instrumentals – und Songs, die nicht den FCSP als Thema haben, also auch welche nur über den Stadtteil. Songs über den Stadtteil, in denen der Verein am Rande vorkommt, habe ich in der Wertung gelassen.

Punktabzüge gab´s für die Verwendung des Begriffs „Pauli“ (kommt zum Glück eher selten vor), für die reine Vertonung von Fangesängen sowie für Cover-Songs, also für das Umtexten eines bekannten bestehenden Lieds. Kann man machen, hat aber für mich weniger Wert als ein neu geschaffenes Werk, das es nur für uns gibt.

Meine Top-Songs

Here we go, meine Top 10:

Die Reihenfolge mag zwar so gültig sein, das Feld ist allerdings sehr eng. Die ersten beiden liegen fast gleichauf, knapp dahinter der Rest. Nr. 9 und 10 sind nur deshalb dort, weil die in der zweiten (und nachrangigen) Kategorie „Persönlicher Geschmack“ nicht ganz so gut abgeschnitten haben. Für mich sind alle Beiträge absolut geeignet, um am Millerntor als Stadionhymne durch die Lautsprecher geschickt zu werden.

Kommen wir zum Verfolgerfeld. Folgende Songs liegen nur einen Bewertungspunkt unter der Startelf:

Die haben es alle bis ins „Viertelfinale“ geschafft. Und zwar verdient und mit Respekt.

Eine Liste habe ich noch. Denn am Ende wird es nur ein einziger Song auf Platz 1 schaffen. Doch mit diesem Contest wurde ein Schatz gehoben. Eine Compilation würde vielen Perlen gerecht werden. Ich hoffe sehr, dass einige Songs, die es nur als Skizze gibt, im Studio professionell vertont werden. Und zwar folgende:

Mit was für einen Musikstil das dann neu aufgenommen wird, ist nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass der Charakter des Songs erhalten bleibt. Noch ein Hinweis: K0009 (Together we stand – Peter Bachmann) ist der gleiche Song wie N0085 (Sankt Pauli Loves You – Peter B), nur auf englisch. Ich find´s gut, denn das allermeiste ist auf deutsch gesungen. Why not mal was für unsere internationalen Fans.

Hinzufügen bitte diese hier, die bereits fertig produziert sind:

Die Organisator*innen der Heimspiele sollten nach dem Voting auf jeden Fall darüber nachdenken, den Plätzen 2-10 einen gebührenden Platz im Vorprogramm zu ermöglichen. Vielleicht einen festen Slot direkt vor den Aufstellungen, wo man einen oder zwei von ihnen spielt, in rotierender Auswahl. Generell würde es sich anbieten, ein paar mehr FCSP-Songs während des Warmups einzustreuen, anstatt nur „Rock Antenne Hamburg“ laufen zu lassen.

Und wir alle sollten unseren persönlichen Musikgeschmack mal in die zweite Reihe stellen und ein Gefühl dafür entwickeln, was fürs gemeinsame Einstimmen seine Wirkung entfalten könnte. Und sollte nicht der eigene Favorit gewinnen, das Ergebnis akzeptieren und sich darauf einlassen. Außer, man will als Miesepeter, Wutpauli oder beleidigte Leberwurst sterben. Ich bin mir sicher, dass der Siegersong es auch verdient haben wird. Genug großartige Kandidaten haben wir.
Wichtig ist auch: Gebt dem Song Zeit. Gebt Euch Zeit, den Song kennenzulernen. Weder Leben, noch Tod hängen davon ab. Die Sache ist viel ernster!
Nein, Quatsch. Bleibt entspannt, Nackenmassage, Räucherstäbchen, Yogatee.
Alles wird geil.
// Raphael

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