Business as usual im DFB-Pokal: SV Elversberg – FC St. Pauli 4:2

Wir sind es gewohnt, dass der Pokal für uns pro Saison maximal 2 Spiele beinhaltet. Das ist ein wiederkehrendes Ärgernis, aber Pokal… passiert. Was bei der gestrigen Niederlage in Elversberg jedoch erheblich schwerer wiegt: Wir können uns glücklich schätzen, dass das Spiel nicht bereits nach 40 Minuten komplett entschieden ist. Die Auswirkungen dieser Darstellung werden die Verantwortlichen diese Woche intensiv beschäftigen.
(Titelbild: Peter Boehmer)

Hatte ich nach dem Testspiel am letzten Sonntag noch frohlockt, dass der FCSP mit einer offensichtlich funktionierenden Dreierkette agiert, so war ich froh, als der FCSP gegen Ende der 1.Halbzeit diese Formation auflöste und gegen eine Viererkette eintauschte. Aber der Reihe nach:

Ein Start nach Maß bringt noch lange keine Sicherheit
Der FCSP startete also mit seinem neu einstudierten 3-4-3 in das Spiel. Hierbei in die Startelf rückte Senger für den erkrankten Buballa und im Vergleich zum Test gegen SønderjyskE Futbold spielte Paqarada für Daschner. Somit übernahm Paqarada die Rolle als linker Flügelverteidiger und Dittgen den Part offensiv davor, den Daschner in der Vorwoche spielte.
Der Start war äußerst vielversprechend. Denn der mutige und flache Aufbau des FCSP führte in der 7. Minute zum erwünschten Ergebnis: Das hohe Pressing von Elversberg wurde gekonnt umspielt, Avevor verlagerte diagonal zu Paqarada, der unendlich viel Raum auf der linken Seite hatte. Marvin Knoll vollendete einen sehenswerten Angriff zum 1-0 für den FCSP.
Doch je länger das Spiel dauerte, umso mehr wurden die Probleme beim FCSP offen gelegt. Ein zentrales Problem lag zu Spielbeginn in der Zentrale (welch ein Wortwitz…). Wenn der FCSP sich in hohem Pressing versuchte, ließ das Nachschiebeverhalten von Aremu und Knoll teilweise zu wünschen übrig. Und nicht nur das, nein, durch das Aufrücken ergaben sich in deren Rücken Räume, die besser geschlossen bleiben, wenn ein Klub erfolgreichen Fußball spielen will. Denn wenn ein Team im Pressing hochschiebt, dann funktioniert das nur dann, wenn auch alle hinteren Teile des Teams nachschieben, also aufrücken. Das hat besonders in der Anfangsphase meist schlecht bis völlig unzureichend funktioniert (als Beispiel dient das nicht gegebene Tor von Elversberg in der 17.Minute). In der Folge wurden alle Bemühungen eines offensiven Pressings des FCSP eingestellt bzw. wenn die vordere Reihe vorschob, rückten Knoll und Aremu nicht nach. Leider war es bei diesem Spiel nicht das einzige Mal, dass Afeez Aremu aus meiner Sicht im defensiven Raumverhalten ausbaufähig agierte.

Wenn Du als Team hoch pressen möchtest, dann musst Du auch als gesamtes Team hochschieben. Andernfalls ergeben sich so hübsche Räume, wie hier zwischen Mittelfeld und Abwehr beim FCSP im Zentrum. Das ist hochgiftig für so eine Art der Defensivarbeit.

Bist Du offen?
Doch bereits eine Minute zuvor wurde das Spiel des FCSP komplett aus den Angeln gehoben. Denn so gut die Befreiung aus dem Druck in der 7.Minute noch klappte und zum 1-0 führte, so ging es in der 16. Minute in die Hose, als erst Senger unsicher wirkte und infolgedessen einen Pass auf Aremu spielte, der diesen brutal unter Druck setzte und dessen Pass dann Knoll nicht mehr erreichte.
Endgültig durch den Eignungstest für ein flaches Aufbauspiel bei hohem gegnerischen Pressing viel der FCSP dann mit Senger, Ziereis und Himmelmann in der 20. Minute, als Elversberg im Anschluss an den hohen Druck und den Ballgewinn erst das Lattenkreuz traf und im Nachschuss eine Riesenchance vergab. Zweifelsohne wirkten diese Situationen im weiteren Verlauf so nachhaltig auf das Aufbauspiel des FCSP, dass man bis zur 40. Minute eigentlich nicht mehr von Aufbauspiel zu schreiben braucht.

Entsprechend können wir uns dem Spiel von Elversberg widmen, die sich anscheinend einen ganz guten Plan zurechtgelegt hatten, um die Dreierkette vom FCSP gehörig in Schwierigkeiten zu bringen. Ein viel zu häufig erfolgreicher Weg wurde durch den fallenden Sechser bei Elversberg, meist Patryk Dragon, ausgelöst. Der FCSP stellte sich defensiv vorne mit einer Dreierkette auf. Elversberg reagierte darauf mit eben jener fallenden Sechs. Dadurch konnten die beiden Außenverteidiger enorm in die Breite und weiter nach vorne rücken. Da weiter vorne die beiden äußeren Mittelfelder von Elversberg mit in die vorderste Kette rückten, ließen sich die beiden Flügelverteidiger Paqarada und Ohlsson aufgrund der Mannorientierung mit in die letzte Kette fallen. Dadurch ergaben sich für beide Außenverteidiger in den Halbräumen geradezu paradiesische Freiheiten. Meist waren diese auch dadurch bedingt, dass die Übergaben, vor allem zwischen Senger und Paqarada, häufig nicht funktionierten.
Dieses Problem der Dreierkette ist nicht neu. Denn die Schwachstelle dieser Formation im Vergleich zur Viererkette bleibt immer die ungenügende Besetzung der gesamten Breite. Auch letzte Saison gab es ähnliche Probleme, wie zum Beispiel beim Derby, als die Außenverteidiger ungestört im Halbraum spazieren gehen konnten oder beim Rückrundenstart als Uwe Neuhaus ein ziemlich krasses Positionsspiel aufzog, um die Dreierkette des FCSP unter Druck zu setzen.

Durch die tiefe Positionierung der Flügelverteidiger gab es immer und immer wieder mächtige Räume für die beiden Elversberger Außenverteidiger. Dies war vor allem auf der linken Seite des FCSP immer wieder auffällig und führte zu einigen gefährlichen Situationen von Elversberg.

Grundsätzlich kann dieses Manko der offenen Halbräume durch gute Abstimmung in einem Team aufgefangen werden. Möglich wäre zum Beispiel, dass der Flügelverteidiger sehr viel seltener in die letzte Kette fällt und stattdessen einer der beiden Sechser mit reinfällt und dadurch eine “Pseudo-Viererkette” geschaffen wird. Und natürlich sollte der offensive Außenspieler immer mit Volldampf den Rückwärtsgang einlegen, um den offenen Raum zu schließen. Ich bin kein Analyst und am Fernseher ist das sowieso immer schwierig, aber ich habe gestern weder das eine noch das andere gesehen (aber vielleicht ist auch ein ganz anderes Vorgehen in solchen Situationen noch viel sinnvoller).

Kommen wir zurück zum “Aufbauspiel” des FCSP in dieser Phase. Das bestand hauptsächlich aus Klärungen, die jedoch viel zu häufig aufgrund großer Not völlig unpräzise waren. Wenn es schon nicht flach funktioniert, dann kann das hohe Pressing eines gegnerischen Teams zumindest immer mit einer einstudierten “Exit-Strategie” (kontrollierte lange Bälle zum Mittelstürmer, der dann versucht als Wandspieler zu agieren) umgangen werden. Und die Chancen auf eigene Angriffe stehen dabei gar nicht mal soo schlecht, da ein Team das hoch presst häufig recht offen steht. Doch auch dies war unzureichend, wenn es denn überhaupt als echte Strategie ausgespielt wurde. Borys Tashchy wirkte als einzige Spitze nicht so richtig optimal hierfür (was auch daran lag das Daniel-Kofi Kyereh gestern einen ganz blassen Auftritt ablieferte), aber es wurden auch kaum präzise lange Bälle gespielt.

Umstellung – aber nur die Formation, nicht die Einstellung
Es kam, was kommen musste: Der FCSP stellte in der 35. Minute mit dem Wechsel von Wieckhoff für den sehr unsicheren Senger um. Fortan wurde mit einer Viererkette agiert, bei der Paqarada und Ohlsson die Außenverteidigerpositionen spielten. Das sorgte für mehr Stabilität und ab Minute 40 endlich wieder mal für etwas Ball- und Spielkontrolle. Ab da konnte der FCSP das Spiel ausgeglichen gestalten. Aber ausgeglichen ist bei einem Duell eines Zweit- mit einem Viertligisten halt auch nicht so wie es sein soll.

links: Das 3-4-3 des FCSP
rechts: ab Minute 35 wurde dann mit einer Viererkette agiert.

Das zweite und dritte Tor für Elversberg fiel jeweils durch einen Standard. Gegentore durch Standards können immer passieren und sind immer ätzend. Aber gerade das Defensiv-Verhalten bei Standards ist auch immer ein guter Indikator für das allgemeine Verhalten eines Teams auf dem Platz. Und das war vom FCSP sehr reaktionär und wirkte das gesamte Spiel geradezu pomadig in der Zweikampfführung. Besonders ärgerlich war das 3-1, da die Variante der Verlängerung per Kopf vom ersten Pfosten bereits in der 1.Halbzeit für eine große Elversberger Chance sorgte (30.Minute) und wirklich niemand davon überrascht gewesen sein dürfte (wirkte aber leider so).
Und wenn ein Team eben nicht aktiv in der Defensive agiert, zum Beispiel nicht vorwärts verteidigt, sondern immer nur auf das Verhalten des Gegners reagiert, dann kommt eben so ein Käse wie gestern dabei heraus. So sehr Elversberg die Schwachstellen der Formation des FCSP offen legte, so einfach hätte der FCSP sie auch schließen können, wenn er denn auch mal nur ansatzweise in die Zweikämpfe gekommen wäre. Und das ist eben nur bedingt durch Probleme mit der Formation zu erklären. Dieses “Hinterherlaufen” war die einzige Konstante im gesamten Spiel des FCSP. Das ist schlicht zu wenig, selbst gegen einen Viertligisten. Zwischendurch hatte der gesamte FCSP merklich Null Körperspannung, wirkte im Kopf unglaublich langsam und entsprechend sahen Klärungsversuche aus wie ein Flipperspiel, bei dem die FCSP-Spieler die Bumper abgeben. Das ist leider viel zu wenig.

Was bedeutet das jetzt?
Erst einmal bedeutet es, dass der FCSP mal wieder nicht die 2.Runde im DFB-Pokal erreicht hat und dadurch ein ziemlicher Batzen Geld in der Kasse fehlt, der im Etat sicher eingeplant wurde (wobei das aufgrund der Vorjahre ja fast vermessen erscheint). Das mag gerade in Corona-Zeiten besonders ärgerlich sein.
Es bedeutet sicherlich auch, dass in den nächsten Tagen mit Hochdruck die Ursachen für diesen Leistungsabfall gesucht und untersucht werden. Warum hat ein Team, dass in allen Testspielen zwar offensiv kein Feuerwerk abgebrannt hat, aber defensiv ziemlich stabil wirkte, urplötzlich so ein besorgniserregendes Bild abgegeben? Wie kommt es, dass auf einmal einfachste Abläufe nicht mehr funktionieren? Und wie ist dieser Spannungsabfall zu erklären? Neben der Suche nach der richtigen Formation, die ja ohnehin an den jeweiligen Gegner angepasst werden soll, ist das die absolut zentrale Frage. Eine Antwort muss schnell gefunden werden, dann handelt es sich bei dieser Niederlage um einen (sehr schmerzhaften) Weckruf zur richtigen Zeit.

// Tim

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