Im Derby dieser Stadt…

Es gibt Spielberichte, da zittert man schon vorab beim Gedanken, dass man gefragt werden könnte über dieses Spiel schreiben zu müssen. Und es gibt Tage wie heute, wo sie sich von selbst schreiben.
(Titelfoto: Peter Boehmer)

Der Morgen

Ein Treffen am heimischen Stadion um 8.30h klingt ja auch nach entspannter Auswärtsfahrt nach NRW, wenn man wieder erste Liga spielt, Samstags, 15.30h Anstoss.
Oder aber eben die Anreise zu Fuß in der gleichen Stadt, wenn das Stadion einigermaßen zentral liegt.
Oder aber eben die Anreise zu Fuß und per S-Bahn, wenn man es an die Müllverbrennungsanlage gesetzt hat.

Wie schon im letzten Jahr also frühes Aufstehen, dieses Mal bei „bestem Hamburger Wetter“ und ab auf die Treppen der Süd, inklusive Einsingen. Die Stehplätze waren voll, einige wichen sogar auf die Sitze aus, schöner Auftakt.

Zu Fuß ging es dann erneut in Richtung Landungsbrücken und von dort nach Othmarschen, von dort zu Fuß zum Volkspark. Ich würde schätzen, es waren noch ein paar mehr Leute dabei als letztes Jahr, in jedem Fall war das ein beeindruckender Aufmarsch.

Die Polizei begleitete dies alles mit so vielen Einsatzstunden, wie manch kleinere Länder sie in zehn Jahren nicht für ihre gesamten Polizeikräfte einplanen, aber zumindest blieb alles entspannt. …und das obwohl auf dem Weg doch einiges an Pyro gezündet wurde und direkt am Stadion eine dauerhaft dümmlich aussehende Raute den rechten Arm heben musste, während Team Green seelenruhig danebenstand.

Die Einlasssituation ist und bleibt beim Nachbarn einfach Schrott. Hilfreich war auch nicht, dass die Tore auf Anordnung von innen panisch geschlossen wurden, als es im Stadion ein Aufeinandertreffen gab.

Besagtes Aufeinandertreffen passierte, als sich im Block so langsam der Großteil sortiert hatte und aus Richtung Heimbereich 50-100 (schwer zu schätzen) Vermummte in Richtung Gästeblock stürmten. Ich (Maik) denke mal, noch vor einigen Jahren hätte dies eher Erschrecken und Panik im FCSP-Block ausgelöst und ich bin froh, dass diese Zeiten vorbei sind, ohne deswegen Gewalt zu bejubeln. Eine Panik im eigenen Block inklusive flüchtender Personen im Oberrang möchte ich nie erleben müssen. Hier aber kam der Angriff klar von den Gastgebern, dieser wurde konsequent abgewehrt, ehe dann die Polizei auch schnell dazwischen ging.
Anschließend wurden noch zweifach Pyrotechnik in Richtung Gästeblock geschossen, die dann aber auch in 5-6 Meter Höhe über uns ohne Folge explodierte, sah wohl gefährlicher aus als es war.
Dafür gab es dann leider auch noch einiges an Pfefferspray in alle Richtungen, was bei dem starken Wind ziemlich weite Strecken zurücklegte.

Und wo wir grad beim Thema Gewalt sind: Der Angriff am Vorabend auf ein Restaurant am Großneumarkt ist scheiße. Ich habe wenig Zweifel daran, dass es bei den betroffenen HSV-Fans sogar „die Richtigen“ getroffen hat, allerdings hört der Spaß dann auf, wenn Unbeteiligte mit hineingezogen werden. Man stelle sich mal vor, den beiden Schwangeren (NDR) unter den normalen Restaurant-Gästen wäre etwas Schlimmeres passiert.
(Anmerkung: Wer den „Geschichten aus dem Paulianer-Garten“-Aufkleber der Nachbarn kennt, dürfte über die „Geschichten aus dem Paulaner-Garten“-Tapete trotzdem geschmunzelt haben. Und dies steht nicht im Widerspruch zum Absatz vorher.)

Das Spiel

Endlich! Endlich! Endlich haben Henk Veerman und Dimitrios Diamantakos zusammen in der Startelf gestanden. Endlich haben wir mal diese PS im Angriff zeitgleich auf dem Platz gehabt. Der FCSP gewinnt aber nicht nur, weil vorne zwei Stürmer mit Extraklasse spielten sondern aufgrund unglaublicher Leidenschaft, aber auch kluger taktischer Änderungen im Verlauf des Spiels.

Der FCSP spielte gegen den HSV mit einer Dreierkette und zwei Stürmern. Das ist schon eine Meldung wert. Die Positionen der Flügelverteidiger übernahmen Miyaichi und Penney, wobei gerade die Aufstellung von Penney etwas überraschend war. Aber auch nur etwas, da die Position des Flügelverteidigers viel Geschwindigkeit verlangt und in unserem Team eigentlich nur drei Spieler diese Position spielen können (Miyaichi, Zander und eben Penney). Da Zander aber ein Rechtsfuß ist, fiel die Wahl auf Penney.
Hatten wir in der ‚Lage‘ vom Freitag noch beschrieben, dass Hannover 96 dem HSV am Wochenende davor mit einem 3-1-4-2 Probleme bereitet hatte (und wir im Hinspiel ja auch schon ähnlich agierten), haben wir einfach mal stumpf den Finger weiter in die Wunde drücken wollen und unser Team ebenfalls in der gleichen Formation auflaufen lassen.
Das bedeutete, dass das Mittelfeld des HSV, also Sechser Jung und die Doppel-Acht bestehend aus Hunt und Schaub, komplett in Manndeckung genommen wurde. Zusätzlich wurde dank zwei Stürmern (im Vergleich zum Hinspiel, wo wir nur einen Stürmer, aber eine Viererkette aufboten) der tiefe Laufweg für die HSV-Innenverteidiger versperrt, welches im Hinspiel noch für große Probleme in der Defensive sorgte.

Das funktionierte jedoch nur so semi-gut und das ist noch ziemlich harmlos ausgedrückt. Der HSV startete wahnsinnig gut und erspielte sich in den ersten zehn Minuten eine ganze Reihe hochkarätiger Chancen. Wie hat er das geschafft?
Durch gutes, aber auch recht simples Positionsspiel: Aufgrund der tiefen Stellung von Penney und Miyaichi, die zu Beginn meist auf einer Linie mit unseren drei Innenverteidigern agierten, und die konsequente Manndeckung im Mittelfeld, waren bei Bewegungen der Achter des HSV nach Außen die Halbräume so dermaßen frei, dass die HSV-Außenverteidiger in schöner Regelmäßigkeit da entspannt mit dem Ball am Fuß reinspazieren konnten. Diese Bereiche des Spielfeldes haben wir quasi formationsbedingt ‚hergeschenkt‘. Eigentlich jeder gelungenen Angriffsaktion des HSV in der ersten Halbzeit ging ein Lauf eines Außenverteidigers in den Halbraum voraus.

Wenn eine der hochkarätigen Chancen des HSV in dieser Phase im Tor gelandet wäre, hätte dies ein schlimmer Nachmittag wären können.
Fantastisch, dieser Konjunktiv.

Die Grundformationen des FCSP zu Beginn des Spiels (links) und etwa ab Ende der ersten Halbzeit (rechts)

Und mitten in die Hochphase des HSV dann diese Szene, die sich wie in einem Spielfilm darstellte:

„Lauf… Spiel… Spiel… SPIEL!!!
Ohhh…
Schieß… Schieß!!! SCHIESS!!!!
Jaaaaaaaaaaaaaaaaaahahaha!“

Tausendfach exakt so abgelaufenes Selbstgemurmel im Gästeblock in der 20.Minute

Joa, da weiß man dann innerhalb von Millisekunden, warum man an einem verregneten Februar-Tag nach Mordor spaziert. Der Gästeblock implodierte von einem auf den anderen Moment, erlebte die völlige Ekstase, Schockwellen durchfuhren ihn, Menschen darin spürten nach Jahren wieder, dass sie kein metallener Haufen sondern ein Ding mit Gefühlen sind. Wie Henk sich nach seinem Tor mit ausgebreiteten Armen vor die tobende Masse stellt… magisch.

Übrigens möchten wir vom MillernTon-Blog, trotz Henk, trotz Leo, trotz Buballa, gerne bei der Wahl des besten Spielers für den FCSP diese Saison Rick van Drongelen nominieren. Eigentor im Hinspiel und ne sehr unglückliche Zweikampfführung beim ersten Gegentor im Rückspiel. Klasse Leistung 😉

In der Folge nach dem 1-0 änderte sich nur wenig am Spiel. Nur eben, dass wir ziemlich fix das zweite Tor nachlegten. Kann man in der Art und Weise einfach mal machen. Und dieses 2-0 war ein spürbarer Wirkungstreffer beim HSV, den wir jedoch nicht für uns nutzen konnten. Becker hatte in dieser Phase eine weitere Großchance.
Kurz danach wurde jedoch eben jener Becker ausgewechselt. Es deutete nichts auf eine Verletzung hin. Vielmehr schien es taktische Gründe für den Wechsel gegeben zu haben. Zumindest stellte der FCSP doch recht auffällig um zum Ende der ersten Halbzeit. Denn die bisher verwaisten Halbräume wurden nun von Penney und Miyaichi besser besetzt, da sie die letzte Kette verließen und sich weiter vorne positionierten. Dadurch wurden Buballa auf der einen und Ohlsson auf der anderen Seite enorm nach außen gezogen. Durchaus denkbar, dass Luhukay genau deswegen im Zentrum jemanden haben wollte, der bei Bedarf mit in die Innenverteidigung fallen könnte (dafür ist Knoll natürlich wesentlich besser geeignet als Becker/Sobota/Benatelli). Aber das ist nur meine Interpretation (Tim).

Letztendlich wurde dann spätestens ab der zweiten Halbzeit die Formation des HSV nahezu komplett gespiegelt. Dadurch wurde der kontrollierte Spielaufbau des HSV massiv gestört. Das ist bei so einer Spiegelung jedoch nur möglich, wenn du die Zweikämpfe dann auch gewinnst bzw. nach verlorenem Zweikampf die nötigen Meter gehst, um die Löcher wieder zulaufen zu können. Keine Frage, das hat bei uns in der 2.Halbzeit formidabel geklappt.

Eine Gastrolle spielte noch der VAR. Zunächst eine etwas ärgerliche, denn mit Benatellis Kopfballtor wäre das Ding schon frühzeitig durch gewesen… dieser Ansicht zumindest waren auch geschätzte 3.000 Einzelpersonen im Heimbereich, die sich von den Sitzplatzrängen in dieser Sekunde auf den bekannten „Hamburger Weg“ machten und wahrscheinlich nicht mal mehr mitbekamen, dass das Tor dann doch noch zurückgenommen wurde (weil Ryo im Abseits stand… egal).

Magisch dann aber der Moment, wenn dein Team im Derby ein Tor erzielt, du vor Freude mit Bengalo auf den Zaun krabbelst, ihn zündest… und Manuel Gräfe dann völlig lässig den Arm hebt und ein Handspiel anzeigt, während im Hintergrund die Ballermannmusik dudelt und du verschämt auf die Fackel in deiner Hand blickst und den nächsten Sandeimer suchst.
Unbezahlbar. Was für Lappen.
Und wie viel Spaß es macht, als Gästeblock einfach die Scooter-Torhymne weiterzusingen… man muss es erlebt haben.
„Heeeheeeeheeeja, oooohoooh, auf geht’s Hamburg!“

Und damit kommen wir dann auch zur wichtigsten Eigenschaft des Tages: dem unbändigen Einsatz. Es war schon beeindruckend zu sehen, wie der FCSP um jeden Zentimeter kämpfte, sich in jede Flanke, jeden Schuss hineinwarf und jeder für jeden auf dem Platz alles gegeben hat. Da kannste dann auch keinen Spieler besonders hervorheben. Der Derbysieg war der Inbegriff einer gelungenen Teamleistung. Und zwar auf dem Platz und auf den Rängen. Schade, dass man sowas nicht konservieren kann.

Zum Abschluss und für’s Poesie-Album hier dann noch ein paar Fotos und Berichte aus dem Büroalltag.

Und was man nicht vergessen sollte: Es gibt inzwischen volljährige HSV-Fans, die noch nie ein Tor ihres Profiteams gegen Braun-Weiß (Edit: Bei einem Heimspiel) im Volkspark gesehen haben, letztmals trafen die gegen uns dort nämlich 2001. (Statistik-Nerds werden jetzt die Regionalliga-Spiele bei deren U23 hervorkramen, aber deswegen schrieben wir ja „Profiteams“. Und von denen geht ja eh keiner mehr zur U23.)
Und ganz nebenbei haben wir es dann auch noch vollbracht, dass kein St.Pauli-Fan einen ersten Geburtstag feiern muss, ohne je einen Auswärtssieg erlebt zu haben. Erstmals seit März 2019 in Paderborn durfte wieder in der Fremde gejubelt werden, wenn man das Pokalspiel in Lübeck mal ausklammert.

Die Pressekonferenzen und wahrscheinlich zigtausend weitere Berichte und vieles mehr werden wir morgen in aller Ruhe in der ‚Lage‘ verlinken, schließen möchten wir mit einem Zitat:

Es ist nichts passiert, außer dass wir das Derby verloren haben

Aaron Hunt, Kapitän

Es gibt keine Diskussion darüber bei welchem Verein die Spielanlage größer war. Aber in solchen Spielen zählen eben auch andere Fähigkeiten. So doof es klingt, aber auf unserer Seite wurden wieder (wie im Hinspiel) die Grätschen und der Einsatz abgefeiert. Wir haben uns vier Gelbe Karten abgeholt (HSV: null). Und wenn Du dann so ein Zitat liest, dann stellen sich keine Fragen mehr. Vom Kapitän. Im Derby. Wenn Daniel Buballa nach so einer Niederlage einen solchen Spruch raushauen würde, dann würde ich (flippa) hier in die Tastatur beißen. Aber der hat lieber zu Grätschen angesetzt, rasiert, gelb kassiert und ist jetzt Derbysieger.

Der Rückweg

Auch entspannt, in Anbetracht des Ergebnisses sogar eher verhalten. Lauter selig lächelnde Gesichter und eher ruhige Gespräche über Henk, den VAR, Østigård, Penney, Buballa und all die anderen.

An den Landungsbrücken angekommen sammelten die Ordnungshüter serviceorientert die verschiedenen S-Bahn-Besatzungen nochmal zusammen (=Kessel), aber das war es dann auch. Der Rest war „einfach mal glücklich sein“.

In diesem Sinne, jetzt alle:

Immer weiter vor,
schießt für uns ein Tor,
im Derby dieser Stadt,
machen wir die Raute platt!

Norddeutsches Liedgut, Verfasser unbekannt

// flippa, Tim & Maik

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