Saison beenden – oder soll man es lassen?

Wie geht es weiter im Profifußball?
Diese Frage dürfte langfristig interessant sein und es gibt viele Theorien, kurzfristig beschäftigen sich aber die DFL (heute) und die UEFA (morgen) erst mal damit, wie man denn die laufende Saison beenden kann – und ob überhaupt. Wir schauen mal auf die möglichen Szenarien.
(Titelfoto: Peter Boehmer)

Es gibt da natürlich unfassbar viele Positionen und Blickwinkel zu bedenken, diese alle abzudecken würde an dieser Stelle zu weit führen. Schauen wir daher erst mal auf den ganz praktischen Teil, den Wettbewerb als solchen, aus Sicht von DFL / UEFA. Und natürlich ist die Interpretation der Dinge unsere ganz subjektive und hat keinen Anspruch auf die alleinige Wahrheit.

Fakt ist: In den „großen“ Ligen sind noch zwischen neun (Deutschland, England) und zwölf (Italien) Spieltage auszutragen, teilweise (u.a. Inter) sind es mit Nachholspielen sogar dreizehn Partien. Hinzu kommen nationale Pokale (u.a. mit Inter) und international die Europa League (ab Achtelfinale, u.a. mit Inter) und Champions League (teilweise noch Achtelfinale).

Durch die Verschiebung der Euro 2020 wurde Zeit gewonnen, die nun zu einem einigermaßen geordneten Ende (mindestens) der Ligen führen soll. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin hatte jüngst gesagt, dass „spätestens Ende Juni“ der Ball wieder rollen müsste, um die Saison noch irgendwie beenden zu können. (SZ/dpa)

Grundsätzlich bleiben somit zwei mögliche Szenarien, die im Idealfall dann auch für alle (Profi)Ligen gleich sein sollten, auch wenn dies nicht zwingend notwendig ist:

  • Die Saison 2019/2020 wird verlängert und beendet (wahrscheinlich Juli/August) und die neue Saison startet dann nach einer sehr kurzen Pause.
  • Die Saison 2019/2020 kann nicht rechtzeitig beendet werden und wird wahlweise komplett annulliert oder mit Tabellenstand Tag X gewertet.

Szenario 1:
An ein Ende der Saison vor Publikum glaubt wahrscheinlich niemand mehr, blieben also wahrscheinlich nur Geisterspiele. Vorteile für die Ligen wäre eine komplett freie Gestaltung der Spielpläne, auch Spieltage in Turnierform wären theoretisch denkbar, um die wahrscheinlich notwendige enge Taktung möglich zu machen.
Doch auch für Geisterspiele wäre eine Grundvoraussetzung zu erfüllen: Die Vorgabe, dass bei einem positiven COVID-19 Befund alle Personen aus dem Umfeld in Quarantäne müssen, muss der Vergangenheit angehören. Ansonsten wird es immer wieder einen Spieler (oder ein Familienmitglied) oder jemanden aus dem Umfeld des Teams geben, die/der positiv getestet wird und so geschlossene Spieltage unmöglich macht. Ob das zeitnah der Fall sein wird kann momentan wohl noch nicht verbindlich beantwortet werden, gänzlich ausgeschlossen ist es aber nicht. Eine Möglichkeit dafür (neben einer wundersamen Besserung der Gesamtsituation) wären neue Tests, mit denen beispielsweise bei einem positiven Befund innerhalb einer Gruppe schnell alle anderen getestet werden könnten und nur die positiv getesteten Einzelpersonen isoliert werden müssten. Wir sind keine Virologen, aber wir haben im NDR-Podcast mit Professor Drosten herausgehört, dass dies zumindest möglich ist.
Sollte dies dann eben bis (spätestens) Mitte/Ende Juni der Fall sein, kann die Saison durch einen recht straffen Spielplan (evtl. auch konzentriert an nur wenigen Spielorten) wahrscheinlich beendet werden. Das wäre wahrscheinlich für alle Verbände und Vereine die beste Lösung, auch finanziell.
(Einfach Beispielrechnung: Wenn man mal von zwei Spielen pro Woche ausgeht und den Juni/Juli komplett durchzieht, wären noch 18 Spiele möglich, bei engerer Taktung entsprechend mehr. Ob das realistisch ist und inwieweit das auch die internationeln Spiele mit einschließt, sei mal dahin gestellt.)

Je früher dieser Status eintritt, desto höher die Wahrscheinlichkeit auch die nationalen und internationalen Pokalwettbewerbe zu beenden, die andernfalls wohl zugunsten der Ligen als erstes über Bord geworfen werden würden. Dies dürfte bei den meisten wohl nur ein Schulterzucken verursachen, wäre im Einzelfall aber natürlich trotzdem unfassbar ärgerlich, Grüße nach Saarbrücken.

Wenn das alles so klappt, bräuchte es eine (mindestens) europaweite Vorgabe durch UEFA oder FIFA, dass alle Spielerverträge mit Ablaufdatum 30.6.2020 sich automatisch bis Saisonende (Juli? August?) verlängern und erst danach die eventuell schon neu unterschriebenen Verträge gültig werden. Ob das arbeitsrechtlich so geht ist strittig aber nicht ausgeschlossen, eine Formulierung a la „Saisonende“ ist wohl sinngemäß in vielen Musterverträgen schon enthalten und könnte hier Anwendung finden – und ob es dann wirklich jemand dagegen vor Gericht wagen würde vorzugehen, ist doch eher fraglich.

Eine besondere Herausforderung wäre dann natürlich auch der Saisonneustart nur ein paar Wochen später, schließlich müsste das ganze Transfersystem dann in wenigen Wochen abgewickelt werden, insbesondere für Vereine mit Ligawechsel eine enorm große Herausforderung.

Und bis zu welcher Liga runter will man dies so durchführen? Was passiert an der Schnittkante, wenn beispielsweise die 3.Liga noch zu Ende spielt, die Regionalligen aber nicht mehr? (Oder halt entsprechend weiter verschoben.)
Dann dürfte in der untersten Liga die noch durchspielt der Abstieg wohl ausgesetzt werden – oder halt auch nicht und der Aufstieg von der obersten „nicht durchgespielt“-Liga bringt uns direkt zu Szenario 2.

Szenario 2:
Die Saison kann nicht mehr beendet werden, irgendwann (August oder auch noch deutlich später) startet dann die Saison 2020/21.
Sportlich gibt es jetzt zwei Möglichkeiten, die dann abgelaufene Saison zu werten:

a) Gar nicht.
Die Saison 2020/21 startet einfach neu, alle Teams sind in den gleichen Ligen wie zuvor.
Da es wahrscheinlich trotzdem den ein oder anderen Verein geben wird, der entweder in die Insolvenz gegangen ist oder (vielleicht nicht gerade in der ersten oder zweiten Liga) sich das Wagnis finanziell nicht mehr antun will, werden ausgeschiedene Teams von unten aufgefüllt, so es denn Bewerber gibt.

Vorteil: Relativ leicht umsetzbar
Nachteil: Klagewelle der Teams erwartbar, die aktuell auf Aufstiegsplätzen stehen

b) Es wird die Tabelle von Spieltag x als Abschlusstabelle genommen
Natürlich kann man jetzt noch diskutieren, ob die Tabelle nach einer Halbserie oder aber die „aktuelle“ genommen werden soll, bei letzterer Variante müsste natürlich zumindest eine Tabelle genommen werden, wo alle gleich viele Spiele absolviert haben. Beides ist in Teilen unfair, aber die perfekte Lösung gibt es bei Abbruch eben nicht.
(Aber man stelle sich mal vor, Team X steht fernab von oben und unten, hat aber noch ein Nachholspiel gegen den punktgleichen Tabellennachbarn… und da deswegen die Tabelle von einem Spieltag vorher genommen werden muss, ändern sich die Ab- oder Aufsteiger! Egal, ich schweife ab, das sind Detailfragen).

In diesem Fall müsste man natürlich auch noch klären, wie mit Grenzfällen (Deutschland: Relegation // England: Aufstiegs-PlayOffs) zu verfahren wäre.

Oder aber, man setzt dann für dieses Jahr den Abstieg aus, stockt die Ligen jeweils nach oben auf und erhöht in der Folgesaison die Zahl der Absteiger, um die Ligagröße wieder anzugleichen.
Dürfte in vielen Ländern eine elegante Variante sein, führt in Deutschland aber erneut zum Streitfall Relegation. Muss ausgerechnet das Spiel /diese Spiele dann doch noch ausgetragen werden? Als Einziges, nach monatelanger Pause?
Oder lässt man einfach beide Relegationsteilnehmer „gewinnen“? Dies würde in der Bundesliga zu einer ungeraden Anzahl Teams führen (21), was auch niemand wollen wird. Also dann gleich vier Aufsteiger? Und 22 Teams in Liga 1?

Vorteil: — (zumindest mir fällt keiner ein)
Nachteil: Eine riesige Klagewelle droht, eine einheitliche Lösung für alle Länder erscheint aufgrund der vielen unterschiedlichen Ligensysteme eher unwahrscheinlich.

Pokalwettbewerbe:
National dürfte dies noch am ehesten zu verschmerzen sein, wenn die einfach ausgesetzt werden. Eventuell dadurch entstehende internationale Plätze kann man einfach über die Liga vergeben.
(Und ja, als Fan des 1.FC Saarbrücken ist dies natürlich absolut nicht zu verschmerzen, schon klar.)

International hängt auch wenig „langfristiges“ dran, kein Auf- und Abstieg. Wichtig dürften hier auch die TV-Gelder und Sponsoren-Verträge sein… andererseits trifft es aufgrund des weiten Fortschritts der Wettbewerbe hier ja eher die finanziell besser dastehenden Klubs, so dass auch dies im Zweifel wohl unter „Klappt halt nicht… doof, aber nicht zu ändern“ abzuhaken ist.
Je nach Fortsetzung des Spielbetriebs kann man im Zweifel auch hier auf eine wie auch immer geartete Kurzform als Turnier zurückgreifen, dies ist allerdings schon logistisch um einiges schwieriger.
Alternativ könnte man mit den ausstehenden Runden auch in die neue Saison reingehen – ob dies dann noch sinnvoll ist oder einfach nur für die Erfüllung der TV-Verträge geschieht, muss dann jeder selbst beurteilen.

Fazit:
Ihr seht, warum es nahezu allen Beteiligten (Ausnahme: Vereine in akuter Abstiegsgefahr) aktuell darum gehen dürfte, die Saison irgendwie noch zu beenden. Und dabei liegt der Fokus hier im Artikel ja nur auf dem sportlichen Wettbewerb… die Finanzen sind da noch nicht mal mit berücksichtigt.
Spannende Aufgaben die da vor DFL/DFB und UEFA liegen, denn die eine richtige Lösung gibt es nicht – noch dazu ist man eben von vielen Faktoren abhängig, die man selbst weder beeinflussen noch aktuell seriös final einschätzen kann.

Frage an Euch:
Was glaubt Ihr, wie es weitergeht? Wird es eines der beiden Szenarien? Wenn es den Abbruch gibt, wie wird dann Auf- und Abstieg geregelt?
Oder habt Ihr noch eine dritte Idee?
Tobt Euch in den Kommentaren aus, Platz ist genug.

Weiterführende Links:
– Kicker „Rummenigge erwägt Bundesliga-Start im Winter“
– Süddeutsche: „Letzte Ausfahrt vor dem Crash“

// Maik

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