Verletzungsmeister – Die Ausfallstatistik der 2.Bundesliga

Vereinsnachrichten aus der Vorhölle: „Spieler XY hat sich eine Bandgelenkskreuzbruchs-Zerrung zugezogen“. Niemand von uns liest sowas gern von seinem Klub. Und besonders, wenn es in kurzer Zeit mehr als eine solcher Nachrichten von Vereinsseite gibt, dann beschleicht manch Fan das Gefühl, dass der eigene Verein ein besonderes Problem mit Verletzungen hat. Und entsprechend stelle ich mir folgende Frage: Gibt es beim FC St.Pauli tatsächlich ein höheres Problem mit Verletzungen als bei anderen Zweitligisten? Der Frage bin ich mal nachgegangen:

Ich habe hierzu die ersten Tage der Länderspielpause genutzt und bin in Statistiken eingetaucht. Bevor ich aber mit den harten Fakten um die Ecke komme, muss ich ein paar Definitionen machen:
Ich habe mir für die Statistik die Ausfallzeiten der Teams der 2.Liga auf transfermarkt.de angeschaut. Auf den Listen, die auf der Seite zur Verfügung stehen, finden sich Angaben zu den Ausfällen einzelner Spieler an den entsprechenden Liga-Spieltagen. Diese Ausfälle habe ich letztendlich schlicht zusammengezählt. Diese Auflistung ist jedoch nicht ohne Mängel:
Zum einen finden sich in den Listen natürlich nicht z.B. Zerrungen kurz vor einer Länderpsielpause, bei denen der entsprechenden Spieler dann zwar kein Spiel verpasst (da er nach der Länderspielpause wieder fit ist), sehr wohl aber einige (Trainings-)Zeit pausieren muss.
Zusätzlich habe ich ’nur‘ die Ligaspiele ausgewertet, nicht die beiden Pokalrunden.
Des Weiteren fehlt in der Auflistung von transfermarkt.de ein wenig die Feinheit, da z.B. Trainingsrückstände im Anschluss an eine Verletzung oder gar ganze (kleinere) Verletzungen nicht als solche angegeben sind. Eine bessere Quelle habe ich jedoch nicht auftrieben können.
Daher ist diese Auflistung sicherlich nicht fehlerfrei, aber die Zahlen geben auf jeden Fall einen Fingerzeig, bei welchen Vereinen viele und bei welchen Vereinen weniger Spieler verletzungsbedingt ausfallen. Und es gibt definitiv klare Gewinner und Verlierer dieser Statistik.

Häufigkeiten
Welche Verletzung ist eigentlich wie häufig? In den Nachrichten von Vereinen bezüglich Verletzungen ihrer Spieler wird zu knapp einem Viertel das Wort Oberschenkel zu finden sein. Und ganz allgemein werden kanpp drei Viertel eine Verletzung einer Körperregion unterhalb des Rumpfs beschreiben. Wenn ihr mehr zu den statistischen Ausfallzeiten bei bestimmten Verletzungen wissen wollt, dann schaut mal bei fussballverletzungen.com rein.

Die prozentuale Anzahl der Verletzungen nach Körperteil in der Saison 2017/2018 in der 1.Liga.
(Quelle: fussballverletzungen.com)

Ursachen
Ganz allgemein sind Verletzungsen im Fußball quasi unvermeidlich. Bei solch einem Kontaktsport werden die Körper der Spieler ständig extremen Belastungen ausgesetzt. Das führt natürlich zu traumatischen Verletzungen, also Verletzungen durch Gewaltanwendung von außen (Beispiel: Ein Spieler grätscht einen anderen um, trifft ihn dabei am Sprunggelenk, welches dadurch verletzt wird). Zusätzlich gibt es noch Verletzungen infolge von Überlastungsreaktionen des Körpers, z.B. der klassische Griff an den hinteren Oberschenkel nach einem Sprint (wie wir vor zwei Wochen bei Christian Conteh live im Stadion sehen konnten).
Ich möchte an dieser Stelle auf einen absolut lesenswerten Artikel zu Ursachen von Verletzungen im Fußball auf spielverlagerung.de hinweisen. Autor ist übrigens ein gewisser Rene Maric, der inzwischen mit, hüstel, einigem Erfolg im Trainerteam von Borussia Mönchengladbach ist. In diesem Artikel beschreibt er sehr anschaulich und mit wissenschaftlichem Futter, worauf ein Großteil von Verletzungen zurückzuführen sind und welche Methoden sich zur Prävention eignen. Kurz zusammengefasst gibt es mehrere Dinge, die zur Prävention von Verletzungen beachtet werden müssen: Ernährung, Training, Schlaf und genetische Disposition.
Schlechte Ernährung führt zu schwächerem Stoffwechsel, höheren Fettgehalten und letztendlich dazu, dass die Belastungsgrenze sinkt. Wenig Schlaf führt natürlich zu Erschöpfung, welches sich direkt auf die Koordination, aber auch indirekt (zu spätes Ausweichen bei Zweikämpfen) auswirkt. Zusätzlich sind durch die Erschöpfung Muskeln und Bänder allgemein verletzungsanfälliger. Klar ist auch, dass einige Spieler aufgrund ihrer genetischen Disposition verletzungsanfälliger sind. Falsches Training ist ein seeehr wichtiger Aspekt bei Verletzungen. Maric beschreibt in seinem Artikel, dass z.B. Intervall- und Ausdauerläufe in nicht fußball-spezifischem Rahmen die Verletzungsanfälligkeit massiv erhöhen können. Zusätzlich spielt die Regeneration eine große Rolle. Und natürlich ist auch nicht jeder Spieler im gleichen Maße belastbar (Stichwort genetische Disposition), weshalb eine individuelle Trainings- und Belastungssteuerung zur Prävention vor Verletzungen absolut angebracht ist. Klar, es gibt bei traumatischen Verletzungen auch einen nicht unerheblichen Anteil an Pech, keine Frage. Trotzdem handelt es sich häufig nicht um das allgemein titulierte „Verletzungspech“ sondern meist hakte es an mindestens einem der vier genannten Punkte. Und laut Raymond Verheijen, Autor einer Studie, die Maric im besagten Artikel zitiert, könnten durch richtiges Training, Ernährung und Schlaf bis zu 80% aller Verletzungen verhindert werden. A-C-H-T-Z-I-G Prozent! Kein Wunder also, dass bereits bei vielen Vereinen immer wieder zu lesen ist, dass hier und da Spieler aus Gründen der Trainings- und Belastungssteuerung mit Einheiten aussetzen.

Zahlen. Daten. Fakten.
So. Soviel also zur Theorie. Kommen wir zu den Zahlen und schauen uns mal an, wie viele Spieler bei den Zweitligisten in der letzten und in dieser Saison verletzt ausgefallen sind und ob es zwischen den Teams signifikante Unterschiede gibt.
Starten wir mit dieser Saison:
Wenn ich eines momentan nicht sein möchte, dann ist es Spieler des SV Wehen-Wiesbaden. Nicht nur, dass ich dann Spieler des aktuell Tabellenletzten wäre, nein, anscheinend bin ich dann auch Teil des Kaders mit den meisten Ausfallzeiten wegen Verletzungen diese Saison (satte 3.1 Spiele im Schnitt pro Spieler). Natürlich überhaupt nicht ausgeschlossen, dass hier ein Zusammenhang zwischen der Ausfallzeit und der Tabellenposition besteht. Das ist sogar noch heftiger als die Ausfallzeiten der Spieler des 1.FC Nürnberg, die ’nur‘ 2.6 Spiele bisher verpassten. Beide Teams eint auf jeden Fall, dass sich die Verletzungen auf die Torhüterposition konzentrieren. Während der FCN gezwungen war Jugendtorhüter in den Herrenbereich zu ziehen, holte der SVWW sogar Marjan Petkovic aus dem Vorruhestand.
Gefolgt wird dieses Duo vom VfB Stuttgart und dem VfL Osnabrück. Bemerkenswert beim VfB ist die Anzahl der Spieler, die bereits aufgrund von Verletzungen Spiele in dieser Saison verpassten. Satte 18 Spieler und damit fast zwei Drittel des Kaders haben bereits eines oder mehrere Zweitliga-Spiele verpasst. Bei den Osnabrückern ist hingegen nur ein Drittel der Spieler verletzungsbedingt ausgefallen, diese jedoch eher längerfristig, weshalb beide Teams auf ähnliche Ausfallzeiten kommen.
Beim FC St.Pauli ist die Lage auch nicht sonderlich rosig: Satte 72 Spiele haben alle verletzten Spieler zusammengerechnet bereits verpasst (etwa die Hälfte des Kaders war diese Saison bereits verletzt), welches aufgrund des breitesten Kaders jedoch nur zu Rang 5 reicht. Der FCSP ist damit zwar nicht Verletzungsmeister, aber die Anzahl ist durchaus signifikant hoch.
Eher weniger Spieler (neun) von Erzgebirge Aue haben diese Saison bereits Spiele verpasst. Diese Ausfälle sind jedoch meist längerfristig, sodass die Veilchen auf Platz 7 im Ranking zu finden sind. Gleiches gilt auch für Arminia Bielefeld, die nur auf insgesamt zehn Spieler verzichten mussten, aber eben recht viele Spiele verpassten.
Auf weniger als ein Spiel im Schnitt mussten bisher nur Dynamo Dresden, Jahn Regensburg und der Karlsruher SC verzichten. Moment, da ganz hinten ist ja noch jemand! Alterfalter! Die Spieler des 1. FC Heidenheim haben bisher im Schnitt nur 0.5 Spiele verpasst. Das ist verdammt wenig. Und besonders bemerkenswert wird diese Zahl, wenn man beachtet, dass es bei Heidenheim im Saisonverlauf bisher überhaupt nur zwei (!!!) verletzte Spieler gegeben hat. Ohne den Kreuzbandriss von Maximilian Thiel wäre die Statistik sogar noch viel besser gewesen.

Die Ausfallzeiten der Vereine der 2.Liga in der Saison 19/20.

Womit hängen diese Verletzungen denn nun zusammen? Ist es womöglich falsches Training, die gute Höhenluft in Heidenheim oder der schlechte Trainingsplatz in Hamburg? Ein Vergleich mit den Daten der letzten Saison gibt zumindest ein paar Einblicke:
Und zwar zuallererst den, dass die Verantwortlichen in Heidenheim irgendetwas richtig zu machen scheinen. Denn auch in der letzten Saison waren die Heidenheimer mit Abstand am wenigsten von verletzungsbedingten Ausfällen betroffen. Nur 1.8 Spiele verpassten die Spieler im Schnitt. Bemerkenswert. Da sollten vielleicht einige andere Teams mal genauer hinschauen was da auf der Ostalb eigentlich so gemacht wird (übrigens gilt gleiches, wenn auch nicht in dem Maße für Regensburg & Kiel). Zum Beispiel der FC St.Pauli und der VfB Stuttgart, die auch letzte Saison bei den verletzungsbedingten Ausfällen zumindest oben dabei waren (mit 4.9 bzw. 4.8 verpassten Spielen im Schnitt). Auch in dieser Tabelle belegte der hamburger sv übrigens den 4.Platz (wie auch in der Liga nach Punkten; Aber möglicherweise nur, weil ich aus Gründen der Faulheit die drei Aufsteiger nicht in der Liste berücksichtigt habe). Ganz vorne in der Liste befanden sich letzte Saison der VfL Bochum und Hannover 96 (die aus der 1.Liga abstiegen), gefolgt vom SV Sandhausen, der auch aufgrund der vielen Verletzungen bis zum Ende im Abstiegssumpf der 2.Liga steckte. Bemerkenswert wenige Spieler fehlten Holstein Kiel 2018/2019, nämlich nur acht (Sandhausen fehlten 20, dem hsv 19). Dementsprechend ist auf Basis dieser Daten kein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Verletzungen und dem Training von Tim Walther (letzte Saison in Kiel, nun in Stuttgart auf der Bank) zu erkennen.

Die Ausfallzeiten der Vereine der 2.Liga in der Saison 18/19.

Fokus FCSP
Legen wir den Fokus nochmal spezifisch auf den FCSP: Zwar tanzen wir nicht in den Top 3 der Ausfallzeiten Tango, aber sie sind trotzdem hoch. Auch in der Saison 2017/2018 zählen die 5.7 Spiele, die Spieler des FCSP im Schnitt verpassten zu den höchsten der Liga (zumindest vermute ich das, da es 18/19 für den 4.Platz gereicht hätte). So richtig eine Entwicklung, die ja immer wieder gefordert bzw. angekündigt wird, ist da bisher leider nicht auszumachen. Klar, da sich der Kader in den letzten Jahren nicht in riesigem Umfang geändert hat, könnte es auch einfach an der Verletzungsanfälligkeit einzelner Spieler liegen (Allein Avevor, Buchtmann und Ziereis sorgen schon für einen hohen Schnitt). Aber eben diese ist ja, nach Aussagen im oben zitierten Artikel, zumindest teilweise steuerbar. Wie genau das im Einzelfall möglich ist und ob es bereits Verbesserungen gibt, kann ich natürlich mit so einer doch recht einfachen Auflistung nicht abschätzen. Auch zu der Anzahl an Muskelverletzungen, quasi dem Klassiker selbst verschuldeter Verletzungen, kann ich nix sagen. Auffällig ist jedenfalls, dass der Verein in Sachen Trasiningssteuerung anscheinend zugelegt hat, da nun häufiger zu lesen ist, dass dieser oder jener Spieler aufgrund von Belstungssteuerung aussetzt. Und klar, den Schlaf und die komplette Ernährung kannste auch nicht kontrollieren. Auf jeden Fall sollten alle mal genau bei Heidenheim hinschauen!

Die Statistik gibt uns also einen Überblick zu den Ausfallzeiten der Spieler. Und ja, es ist ein Fingerzeig, wer da momentan oder über einen längeren Zeitraum viele Ausfallzeiten und wer eher weniger Ausfallzeiten zu beklagen hat. Was genau das für einzelne Klubs bedeutet, ist schwierig zu interpretieren. Denn klar ist natürlich auch, dass z.B. Zusatzbelastungen wie der DFB-Pokal oder aber die Abstellung von Nationalspielern die Belastung und damit auch die Verletzungsanfälligkeit von Spielern erhöht.
Übrigens: Das es uns so vorkommt, als wenn die Anzahl der Verletzungen bei unseren Klubs besonders hoch ist momentan, hängt damit zusammen, dass es im Verhältnis zu früher einfach so ist. So hat zum Beispiel die Anzahl an Verletzungen in der Saison 16/17 in der 1.Liga im Vergleich zu der Saison 09/10 um 25% zugenommen. Grund hierfür ist die steigende Geschwindigkeit im Spiel selbst, Gegenpressing lässt grüßen.

Verletzungen im Fußball sind unvermeidbar. Aber es gibt ein paar Stellschrauben, an denen gedreht werden kann, um diese auf ein Minimum zu reduzieren. Es scheint so, als hätten einige Klubs diese Schrauben bereits gefunden. Andere scheinen hingegen noch auf der Suche zu sein.

//Tim

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