VAR – oder sollen wir es lassen?

Video Assistant Referee (VAR) – kaum etwas hat die Fußballfans 2019 so beschäftigt wie diese drei Buchstaben. In der Winterpause kann man sich ja auch mal die Zeit nehmen, diesen VAR etwas unaufgeregt und losgelöst von aktueller Hektik und Vereinsbrille zu betrachten. Und natürlich ist dies nicht der Text, der alles zum Guten wendet, denn gegen alle meine Sichtweisen und Meinungen gibt es auch wieder Gegenbeispiele. Ich versuche trotzdem hier vorzustellen, wie ich mir einen idealen Ablauf wünschen würde und glaube, dass der VAR noch eine Zukunft hat. Hat die Welt auf meine Meinung dazu gewartet? Wahrscheinlich nicht, aber vielleicht hilft es hier und da bei der sachlichen Einschätzung.

Bestandsaufnahme

Beginnen wir mit einem Blick zurück auf Februar 2017. Helmut Krug und Lutz-Michael Fröhlich stellen Journalisten (und solchen wie mir, die es als Kind gerne werden wollten) diese Neuerung vor, die ab Sommer 2017 auch in der Bundesliga zum Einsatz kommen werde. Ich fasste dies damals für n-tv zusammen.

Die wichtigsten Punkte aus dem Artikel:

  • Eingriff nur bei „klar falsche Entscheidungen“
  • nur bei Tor, Strafstoß oder Platzverweis (und Spielerverwechslungen)

In obigem Artikel herrscht ein vorsichtiger Optimismus, dass der VAR dem Profifußball helfen würde. Und jetzt, knapp drei Jahre später versinkt alles im Chaos, zumindest wenn man Medienberichterstattung und Social Media verfolgt.
Wie kam es dazu?

Vielleicht vorab einmal eine Begriffsklärung, die ganz sicher schon einen Teil des Problems aufzeigt: Landläufig hält sich noch immer der Begriff „Videobeweis“ – und eben dieser verspricht etwas, was nie möglich war, denn die völlige Gerechtigkeit und den „Beweis“ für die richtige oder falsche Entscheidung kann es im Fußball nicht geben.
Situationen wie Foul- oder Handspiel sind oft interpretierbar, es gibt meist sowohl für als auch gegen einen Pfiff Argumente.

Und um gleich mit einem weiteren Mythos aufzuräumen: Es gibt diese 100%-Gerechtigkeit übrigens auch in anderen Sportarten nicht, die oft als Vergleich angebracht werden (insbesondere American Football), trotzdem funktioniert dieser Eingriff über Schiedsrichter*innen vorm Fernseher dort besser – oder zumindest ist er akzeptierter.
Vielleicht auch, weil Schiedsrichter*innen dort generell akzeptierter sind bzw. sich die Sportler*innen dort nicht benehmen wie die letzte Sau und als würde jede falsche Einwurfentscheidung den Untergang der zivilisierten Welt bedeuten, inkl. Hände in die Luft werfen und auch sonst allen möglichen Gesten und Diskussionen.
Eine andere, mögliche Begründung ist die größere Transparenz, hier beziehe ich mich zumindest auf den Football: Die Bilder sind dort immer für alle auf der großen Leinwand einsehbar (teils auch schon, bevor überhaupt klar wird, ob die Schiedsrichter die Entscheidung nochmals überprüfen sollen/müssen) und die überprüfte Entscheidung wird dann vom Referee per Stadionmikro mitgeteilt. Wichtigster Unterschied zum Fußball: Neben „Entscheidung war korrekt“ und „Entscheidung wird korrigiert“ gibt es auch „The Call stands„, also ein sinngemäßes „Die Videobilder beweisen nicht eindeutig, dass die Entscheidung falsch war, es geht also weiter wie ursprünglich entschieden„. Vielleicht würde auch dem Fußball so eine dritte Antwortmöglichkeit helfen.

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Meine persönliche Historie der Meinung zum VAR:
Ich hielt eine Videoinstanz vor ihrer Einführung immer für blöd und unnötig. Fehler passieren, auch Schiedsrichter*innen – diese machen das nicht absichtlich (Hoyzer bestätigt die Regel) und es gehört zu meinem Stadionerlebnis auch dazu, sich über die Entscheidungen aufzuregen. Dies änderte sich auch nur geringfügig, als ich 2016 selbst den Schiedsrichterschein machte, lediglich die Pöbelei im Stadion gegen Schiedsrichter*innen wurde weniger.

Mit eben jener Präsentation 2017 aber hatte man mich.
Klare Fehler korrigieren, hohe Schwelle zum Eingriff, wenig Auswirkungen im Stadion. Ich stand dem positiv gegenüber.

Und heute?
Finde ich den VAR immer noch grundsätzlich sinnvoll, die aktuelle Umsetzung aber finde ich „unglücklich“. Ich wurde jüngst gefragt, ob ich ihn im aktuellen Zustand behalten oder abschaffen wollen würde – und wie so oft antwortete ich mit einem klaren „Weder noch„, denn ich würde ihn gerne beibehalten, aber verbessern. Und im Folgenden werde ich versuchen zu schildern, wie ich mir dies vorstelle.

Klar ist:

  • Wer heute militante*r Gegner*in des VAR ist, wird nach diesem Artikel keine Befürworter*in sein.
  • Zu den meisten oder gar allen gleich aufgeführten Punkten kann man Gegenargumente finden. Ich habe nicht die alleinige Wahrheit, die Sache ist zu komplex für Schwarz/Weiß-Diskussionen.
  • Dies soll aber nicht die Suche nach eventuellen Problemen mit dem VAR sein, sondern dabei helfen eine (wenn überhaupt) mögliche Lösung zu finden
  • Es geht mir darum, wie man hier eine praktikable Lösung findet, die am wenigsten Auswirkungen auf das Stadionerlebnis hat und dem Fußball trotzdem zu mehr Gerechtigkeit als ohne VAR verhilft.
  • Einige Punkte sind vielleicht schon zu weit fortgeschritten, um sie nochmals zurückzudrehen (Review Area), ich werde sie trotzdem so darstellen, wie ich sie mir in einer perfekten Welt (mit VAR) vorstelle

Vorab also nochmal die Grundregeln, sie sind bei mir identisch mit dem aktuellen Procedere. Es muss also grundsätzlich gar nicht viel geändert werden, lediglich die Umsetzung wäre hier aus meiner Sicht anders wünschenswert.

  • Eingriff nur bei klarem Fehler
    (ich komme noch dazu, wie ich diesen „definieren“ würde)
  • Eingriff nur bei Tor, Strafstoß, Platzverweis (und Spielerverwechslung bei Karten)

Zwei Dinge allerdings würde ich ändern bzw. abschaffen:

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  • Review Area (also der Monitor, auf dem der Schiedsrichter sich das nochmal anschauen kann)
  • kalibrierte Linien

Für die Einführung beider Dinge gibt es gute Gründe, ich erkläre später warum ich sie trotzdem abschaffen würde.

Was sind aktuell die (gefühlt) häufigsten Kritikpunkte?

  • Emotionen im Stadion werden genommen, Torjubel ist nicht mehr so wie früher
  • Entscheidungen betreffen aktuell nicht mehr nur „klare Fehler“, oftmals wirkt es so, als suche man gezielt nach Gründen, Tore abzuerkennen
  • ähnliche Entscheidungen werden diese Woche von VAR A so und (wahlweise nächste Woche oder schon am gleichen Spieltag) von VAR B anders bewertet.
  • viele fordern eine Art „Challenge“-Möglichkeit für Trainer
  • Abseitsentscheidungen sind „ein Witz“

Gegenargument der DFL ist u.a. die Zwischenbilanz der letzten Saison, in der beispielsweise 40 Fehlentscheidungen schon in der Hinrunde korrigiert werden konnten. Bei aller Aufregung über strittige Einzelfälle, sollte man nicht vergessen, dass oft auch völlig unstrittig korrigiert wird.
(Ob man den Zahlen der DFL jetzt im Einzelnen folgt, wäre einen eigenen Artikel wert, ist aber hier jetzt nicht Thema.)

Nachtrag: Ein wichtiger Nebeneffekt des VAR ist ja, dass Schwalben im Strafraum extrem selten geworden sind. Dies wird bei allem Gemecker über den VAR gerne vergessen.

Widmen wir uns den relevanten Themen also mal im Einzelnen:

„Klare Fehlentscheidung“

Dies wird der entscheidende Punkt sein.
Wenn der eines Tages zur Zufriedenheit aller geklärt ist (Spoiler: wird er nie völlig sein), ist der VAR akzeptiert.
Es steht so nicht im n-tv Artikel, aber ich habe aus der Zeit noch irgendwie im Kopf, dass da gedanklich eine Einordnung getroffen werden soll, die sinngemäß aussagt, es müsste für 90/95 von 100 Leuten (die über entsprechende Regelkenntnis verfügen) klar sein, dass hier ein Fehler vorliegt. Kann ich mir aber auch einbilden.
Nun kann natürlich immer der Fall eintreten, dass der VAR eben einer der 5-10 ist, die das anders sehen, aber da die handelnden Personen in Köln ja auch nicht alleine sitzen, sollte dies die absolute Ausnahme bleiben. Und selbst die 5-10 werden bereits erahnen können, dass ihre Sicht nicht zwingend die überwältigende Mehrheit abbildet.
Entscheidend ist also aus meiner Sicht, dass die Entscheidungskompetenz der Schiedsrichter*innen auf dem Platz bleibt – und ein Eingriff von außen eben nur dann erfolgt, wenn die Entscheidung auf dem Platz „klar falsch“ ist.
Und wie kriegen wir das hin?

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Eine goldene Lösung, die 100%ige richtige Auslegung garantiert, gibt es nicht.

Foulspiele beim Fußball sind häufig Grauzonen, gleiches gilt für Handspiel. Nicht jede Berührung ist ein Foul, nicht jede Berührung des Balles mit Hand oder Arm ein zu ahndendes Handspiel. Zu Abseits komme ich später noch gesondert.
Bei nahezu jedem Schiedsrichter-Lehrabend werden Videos vorgespielt, bei dem sich die Anwesenden fast zu je einem Drittel in „Foul/Hand!„, „kein Foul!/kein Handspiel!“ und „Kann ich das nochmal sehen? Und nochmal? Nee… also… tja, schwierig…“ aufteilen.
Nun kann „im Kölner Keller“ nicht bei jeder Szene ein Plenum einberufen werden, um die Ergebnisse abzurufen, aber Schiedsrichter mit entsprechender Erfahrung (und Vorgaben) dürften meiner Meinung nach schon in der Lage sein, anhand der Bilder zu entscheiden, ob es eine Szene mit entsprechendem „Das führt zu Diskussionen!„-Potential ist.
Und wenn sie dann, nach 2-3 Zeitlupen zu der Überzeugung kommen, dass es für alle drei Antworten (Ja / Nein / Vielleicht) relevante Zielgruppen gibt:
Finger weg! Es ist keine offensichtliche und/oder klare Fehlentscheidung.

Ich habe die WM nicht sehr intensiv verfolgt, aber vom Hören/Sagen wurde der VAR dort wesentlich besser umgesetzt und war auch „akzeptierter“ (einzelne Ausnahmen mögen die Regel bestätigen).
Viele sagen, dies sei so, weil er dort eben defensiver eingesetzt wurde, die Eingriffsschwelle höher war. Andere sagen, die gefühlte höhere Akzeptanz lag daran, dass es eben deutlich mehr Spiele gab, in denen man emotional nicht so involviert sei wie im Vereinsfußball. Vielleicht war es auch beides zusammen.

Aktuell erscheint es für viele in der Bundesliga so, dass insbesondere nach Toren gezielt und mit der Lupe nach Szenen gesucht wird, die ein Tor ganz vielleicht irregulär machen würden. Das Schwierige an dieser Wahrnehmung ist sicher, dass man natürlich oft über die Einzelfälle stolpert, in denen eingegriffen wird, während der Großteil der Tore natürlich ebenfalls überprüft werden, aber eben keinerlei Eingriff stattfindet.

Mal ein kleines Ratespiel zu dieser gefühlten Wahrnehmung:
Wie viele Tore wurden an den 17.Spieltagen der 1.Liga und 18.Spieltagen der 2.Liga in der Hinrunde zurückgenommen?
Parameter: 315 Spiele (153x 1.Liga / 162x 2.Liga)
Tore, die zählten: 972 (492/480)

Wie viele werden es sein? Ein Tor pro Spieltag? Zwei? Drei? Mehr? Weniger?
Oder anders, wenn Euch das leichter fällt: Wie viele Tore pro Verein in dieser Halbserie?
Bonusfrage: Wie viele davon wegen Abseits auf der einen Seite, wie viele aufgrund von Foul / Handspiel oder sonstigem auf der anderen?
Denkt mal in Ruhe drüber nach.

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Auflösung:
Es sind 35 Tore an den 35 Spieltagen.
20 Tore in der 1.Liga, 15 in der 2.Liga.
(Quelle: Manuelles zählen anhand der Spielberichte auf kicker.de, wobei ich mich auf die Leiste oben verlassen habe, in der zurückgenommene Tor durchgestrichen dargestellt werden. Und es zählen dabei natürlich auch nur die, die vom Schiedsrichter-Team ohne VAR auch gegeben worden wären. Gegenbeispiel sind die drei Abseitstreffer von Mario Gomez am 15.Spieltag, bei denen zwei ohne Überprüfung abgepfiffen wurden und lediglich bei einem der VAR zwar überprüfte, aber zum gleichen Ergebnis (Abseits) wie das Gespann auf dem Rasen kam. Diese drei Fälle sind also allesamt nicht in der Zählung enthalten, da sie auch ohne VAR nicht gegeben worden wären.)

Von diesen 35 aberkannten Toren entfällt mit 17 ziemlich genau die Hälfte auf Abseits (zehn von 20 in Liga 1, sieben von 15 in Liga 2), in der 1.Liga gab es außerdem vier Rücknahmen wegen Foulspiel, vier aufgrund von Hand und je eine weil beim Strafstoß Spieler zu früh rein liefen und eine weil der Ball bei einer Flanke im Aus war.
In der 2.Liga kommen zu den sieben Abseitsrücknahmen fünf aufgrund von Foulspiel, eins aufgrund von Handspiel, einmal „Ball vorher im Aus“ (SVWW in Dresden) und einmal „Schiedsrichter fälscht Ball ab“ (Hannover 96).

Rechnet man auf die 972 erzielten Treffer diese 35 hinzu, so sind von 1.007 Toren also etwa 3% der Tore aufgrund des VAR annulliert worden, oder eben grob jeder 30.Treffer.
Das oft artikulierte „Ich kann mich gar nicht mehr richtig über Tore freuen, weil ich immer Angst habe der VAR kassiert es wieder…„, mag also subjektiv schon so sein, entbehrt bei (statistisch) einem Tor pro Verein und Halbjahr aber eben doch einer objektiven, mathematischen Grundlage.
In der 1.Liga wurden übrigens keinem Verein mehr als zwei Treffer aberkannt, in Liga 2 hingegen traf es mit Fürth einen Verein drei Mal.

Zumindest bezogen auf „zurückgenommene Tore“ scheint der VAR also gut zu funktionieren, über Abseits schreibe ich gleich noch detaillierter.

Was für mich jetzt nicht auszuwerten war, sind weitere Eingriffe bezüglich Platzverweisen und Strafstößen. Hier gab es aber (mindestens) zwei Situationen, in denen sich die Erwartungshaltung umdrehte und „man“ ein Eingreifen des VAR erwartet hätte, welches dann nicht kam:

  • 4.Spieltag, 1.FC Union Berlin – Werder Bremen
    (Strafstoß für Werder nach Foul an Klaassen)
  • 13.Spieltag, FC Schalke 04 – 1.FC Union Berlin
    (Strafstoß für Union nach Foul an Andrich)
    Bitte die Suchmaschine Eurer Wahl zur Suche der Szenen nutzen, falls Ihr sie nicht vor Augen habt.

Und hier sind wir dann wieder bei der Schwierigkeit der oben erwähnten Definition von „klarer Fehlentscheidung“.
Für mich liegt in beiden Situationen eine Schwalbe vor, der Spieler beginnt das Fallen klar vor der ersten Berührung (Andrich) oder streckt das Bein bewusst auf der Suche nach Kontakt aus (Klaassen) und in beiden Situationen möchte mein Gerechtigkeitsempfinden bei Fußballspielen keinen Strafstoß verhängt sehen – ich wäre sogar eher bei einer Gelben Karte wegen Schwalbe als bei einem Elfer, würde aber (weil es in beiden Fällen halt auch im Verlauf noch einen Kontakt gab) jeweils weder auf Strafstoß noch Schwalbe entscheiden, sondern weiterspielen lassen.

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Hätte der VAR hier eingegriffen, wenn der Schiedsrichter auf weiterspielen entschieden hätte? Wohl eher nicht.
Kann es Gründe dafür geben, hier auf Strafstoß zu entscheiden? Ja, weil es einen Kontakt gab.
Trotzdem glaube ich, dass es hier ein recht eindeutiges Meinungsbild für „keinen Strafstoß“ gäbe, wenn man oben erwähntes „100 Leute befragen“-Szenario umsetzen könnte.

Derartige „Ungerechtigkeiten“ wird es immer wieder geben – und es gibt sie auch im American Football. Dort wurde beispielsweise eine Regel, die die Videoüberprüfung betrifft, gerade erst nach der letzten Saison geändert, weil es einen Vorfall in den PlayOffs gab.
Und, oh Wunder… sie gefällt nicht allen in der Umsetzung und man denkt erneut über eine Anpassung nach. Auch dies für den Hinterkopf für alle, die den VAR schon jetzt begraben wollen.
Wer sich mit der Historie der „NFL Instant Replay“ beschäftigen will, findet hier einen Artikel dazu… das ganze gibt es nun schon seit 1976 und es wird halt auch immer mal wieder angepasst.

Abseits / Kalibrierte Linien abschaffen

Vorab: Die aktuelle Handhabung der Assistenten, die Szene im Zweifel laufen zu lassen und dann (wenn der Ball beispielsweise zur Ecke geklärt wird oder eben im Tor ist) nachträglich die Fahne zu heben, mag merkwürdig sein, ist aber aus meiner Sicht die einzig richtige Vorgehensweise. Ansonsten würde man durch „falsches“ Winken Situationen zerstören, die man dann nachträglich nicht mehr herstellen kann.
Insbesondere in Anbetracht der gerade angekündigten Änderungen des IFAB wird sich dies wohl (hoffentlich) auch nicht ändern.
Kurze Zusammenfassung: Das IFAB will auch hier zur „klare Fehlentscheidung“-Handhabung übergehen. Wie genau das aussehen soll, ob die kalibrierten Linien abgeschafft werden, ist noch nicht bekannt.

Auch @CollinasErben haben sich dazu schon Gedanken gemacht:

Wer bin ich, den Erben zu widersprechen? Ohne sie wäre ich schließlich nie Schiedsrichter geworden.
Ich will daher auch nicht wirklich widersprechen, aber dann eben doch im folgenden zu einer anderen Schlußfolgerung kommen, allerdings auch mit einer völlig anderen Herangehensweise.

Wie eben ausgeführt, betreffen die Hälfte der zurückgenommenen Tore eben Abseitssituationen. Und wer schon mal an der Linie stand (und sei es auch nur im Jugend- oder Amateurbereich) oder einen entsprechenden Test online gemacht hat, weiß, dass gerade bei gegenläufigen Bewegungen von Verteidigern und Stürmern und der Geschwindigkeit des Spiels es eigentlich ein Wunder ist, wie oft die Assistenten im Profibereich die völlig richtige Entscheidung treffen.

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Der Unterschied zwischen Abseits und Foul/Hand ist, dass es (in der Theorie) eine Schwarz/Weiß-Entscheidung ist. Wenn man die Frage Aktiv / Passiv geklärt hat, ist ein Spieler entweder Abseits oder nicht, es gibt da keinen Graubereich.
Allerdings gibt es da Entscheidungen im Bereich von Millisekunden und Zentimetern, die mit der aktuellen Technik (Frame per Second, kalibrierte Linien) kaum bis gar nicht aufzulösen sind – und wenn doch, dann nur so, dass der geneigte Zuschauer resigniert der Kopf schüttelt.

Und hier greift das IFAB (so es denn so kommt) das auf, was auch mein Vorschlag gewesen wäre. Ob nun genau so oder ähnlich bleibt abzuwarten, aber aus meiner Sicht ist diese Fixierung auf Frames und Millimeter nicht hilfreich und entspricht auch nicht dem Geist der Regeln.
Denn Abseits soll ein „Regelverstoß“ sein, und ein Verstoß setzt aus meiner Sicht auch immer eine „gewisse Absicht“ voraus.
Und wenn der Stürmer bei einem Angriff schaut, dass er auf der gleichen Höhe ist, dann aber eben (wie z.B. bei Marco Reus geschehen) eine Ferse irgendwo versehentlich im Abseits ist, so ist dies nicht das, was man in den Regeln verhindern möchte. Zumindest nicht, wenn es hierfür die Einteilung von Frames per Second, und ein „gefälltes Lot“ braucht.
(Und an alle Spitzfindigen: Natürlich kann man auch unabsichtlich und knapp im ahndungswürdigen Abseits stehen, ich hoffe ich konnte vermitteln was ich damit meine.)

Will sagen:
Fouls sind im Fußball verboten, weil man sich hier nicht durch Unfairness einen Vorteil verschaffen soll.
Handspiel ist im Fußball verboten, weil man sich hier nicht durch die Verwendung von Arm oder Hand einen Vorteil verschaffen soll.
Abseits ist im Fußball verboten, weil man sich nicht durch das Parken des Stürmers vor dem Tor einen Vorteil verschaffen soll.
(Sehr vereinfacht ausgedrückt, zugegeben.)
Aber hier geht es eben doch vom Sinn der Regel her darum, dass da ein angreifender Spieler nicht (deutlich) näher am Tor sein soll als ein Gegenspieler. Und natürlich ist dies mit der Zeit (Abseitsfalle) auch als taktisches Mittel für die verteidigende Mannschaft hinzugekommen. Doch auch da sollte es nicht darum gehen, ob der Verteidiger es schafft, seinen Hintern noch um zwei Zentimeter nach vorne zu ziehen.

Auch hier würde ich mir akso wünschen, dass man der Kompetenz der Assistenten vertraut und ihre Entscheidung erst mal steht – und nur, wenn diese „klar und offensichtlich“ falsch ist, so soll sie auch überstimmt werden. Und wenn es eben zwischen dem einen Frame und dem nächsten, die man vielleicht beide begutachten muss, weil der Moment der Ballberührung gar nicht so klar ist, schon zu Unklarheiten kommt, so ist die Entscheidung des Assistenten eben nicht „klar falsch“.
Klar, hier wird es Grenzsituationen geben, wo der eine VAR einen Viertel-Oberkörper als Abseits bewertet, während der andere einen Drittel-Oberkörper (beides nur Beispiele, sucht Euch was passendes aus) noch als gleiche Höhe bewertet – aber alles wäre besser als die aktuelle Variante, die einfach nicht vermittelbar ist.

Ich bin sehr gespannt, wie die konkrete Vorgabe / Umsetzung des IFAB aussehen wird, erhoffe mir hier aber eine klare Verbesserung.

Handspiel

Ich glaube, dass dies kein Thema ist, welches ursächlich den VAR betrifft. Die Regel als solche ist halt komplex und somit ist sie es auch für den VAR. Wenn man auch hier die „klar Fehlentscheidung“-Prämisse anwendet, so dürfte sich auch hier Besserung einstellen (so gut dies bei dieser Regel eben möglich ist).

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Zwei Beispiele aus der Hinrunde der 2.Liga, die den FC St.Pauli betreffen und die hoffentlich verdeutlichen, wo ich auch hier hin will:

  • 14.Spieltag, Erzgebirge Aue – FCSP
    James Lawrence bekommt den Ball aus sehr kurzer Distanz an den Arm
  • 15.Spieltag, FCSP – Hannover 96
    Josip Elez bekommt den Ball aus kurzer Distanz an den Arm

Beide Entscheidungen sind knapp und es lassen sich Argumente jeweils für und gegen einen Strafstoß finden.
Lawrence hat die Hand etwas vom Körper weg, die Entfernung zum Stürmer bei dessen Ballannahme ist aber so gering, dass man ihm da kaum Absicht unterstellen kann.
Eliz hat den Arm angelegt, allerdings dreht er sich mit dem Körper so in den Schuss, dass der Arm die Körperfläche vergrößert.

Will sagen: Bei beiden Situationen gibt es wieder Argumente für und gegen einen Pfiff, ich hätte mir also gewünscht, dass der VAR hier nicht eingreift.
Dass er es in beiden Situationen doch tat und beide Male zum spielentscheidenden Nachteil gegen den FCSP, muss ich der Form halber aus Transparenzgründen hinzufügen, ändert aber nichts an meiner eigentlichen Aussage.
Wenn die Entscheidung auf dem Platz jeweils gegen den FCSP gewesen wäre, hätte er natürlich auch nicht eingreifen sollen. (Also… doch, natürlich schon, weil gegen den FCSP… aber das führt an dieser Stelle zu weit.)

Review-Area abschaffen

Vorab: Mir ist klar, dass das Überprüfen des Schiedsrichters am Bildschirm oft auch als taktisches Mittel eingesetzt wird, um dem Rest des Stadions zu signalisieren, dass der Schiedsrichter auf dem Platz die letzte Entscheidung hat.
Insbesondere in hektischen Phasen, vielleicht gerade bei Toren / Strafstößen in der Nachspielzeit.
Trotzdem würde ich mir wünschen, dieses oft unwürdige Schauspiel komplett zu streichen.

Wenn man meiner Argumentation oben folgt, geht es um klare und offensichtliche Fehler.
Die muss dann der VAR auch alleine sehen und entscheiden können. Das SR-Team sollte als solches auch zusammenarbeiten und sich vertrauen. Wenn der VAR dem SR sagt, dass die Entscheidung klar falsch war (und dies im Gespräch sicher auch gut begründet und erklärt), so wird der SR auf dem Feld dies absolut mittragen können.
Dies tut er umgekehrt bei Abseitsentscheidungen ja auch, die der Assistent für ihn trifft. Kein SR wird seinen Assistenten bei der Entscheidung überstimmen, ob ein Spieler räumlich im Abseits stand.
Es mag Situationen geben, in denen er passiv/aktiv anders bewertet oder erkennt, dass der Ball vom Gegner kam oder ähnliches, aber das sind Entscheidungen die im Sekundenbruchteil getroffen werden und die der Assistent (so sie denn korrekt sind) nach Ansicht der Bilder auch so treffen würde.
Wenn der SR also dem VAR erklärt, dass er diese Entscheidung aus diesem oder jenem Grund entschieden hat, so kann der VAR das auf den Bildern nochmals überprüfen – und wenn er dann immer noch sagt: „Nein, Du irrst Dich, das ist klar und eindeutig falsch und kein Graubereich!„, dann wird jeder SR das als Entscheidung seines Teamkollegen auch so übernehmen, davon bin ich überzeugt.

Wenn man die Dinger aus taktischen Gründen aber behalten möchte, dann gerne… man sollte deren Nutzung nur auf absolute Ausnahmen reduzieren, denn „klare Fehlentscheidungen“ kann der VAR eben auch alleine feststellen – und wenn er es nicht kann, war es eben keine klare Fehlentscheidung, dann muss er auch nicht eingreifen.

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VAR A entscheidet anders als VAR B!

Einfache Antwort: That’s life, deal with it.
Auch ein*e Schiedsrichter*in auf dem Platz entscheidet manch Situation anders, als ein*e Kollegin es tun würde.
Natürlich wäre eine einheitliche Auslegung wünschenswert, dies ist aber eben bei Entscheidungen mit Ermessungsspielraum nur ein Wunschtraum. Mit einer höheren Eingriffsschwelle würde man aber auch dies wahrscheinlich deutlich verringern.

Challenge!

Nee, find‘ ich doof.
Okay, ist kein Argument, sehe ich ein, aber ich kann mein Unbehagen nicht sehr viel konkreter in Worte fassen.
Vielleicht sollte man es testen (war glaube ich sogar schon mal in einer der Jugendligen der Fall, finde ich aber grad nicht), grundsätzlich führt es aber eben wieder zurück zu jener Diskussion um klare Fehlentscheidungen.
Denn wenn nur noch klare Fehler korrigiert werden, so kann man sich die Challenge auch sparen, denn bei jeder klaren Fehlentscheidung greift der VAR eh ein – und wenn es für ihn eben keine war, dann braucht es auch keine Challenge, da Entscheidungen mit „Kann man so oder so entscheiden“ auch durch die Challenge nicht geändert werden würden.

// Maik

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