„Diese Komfortzone, die da entstanden ist, die hat mich irritiert und frustriert“ – Jos Luhukay im Interview

Kurz vor dem Sandhausen-Spiel verschlug es uns an die Kollaustraße. Dort trafen wir uns mit Jos Luhukay zu einem kurzweiligen Interview. Hierbei sprachen wir vorrangig über die allgemeine sportliche Entwicklung des FCSP, aber auch die individuelle Entwicklung von Spielern.
Anmerkung: Wir konnten damals natürlich noch nicht ahnen, dass nicht einmal 10 Tage später der Spielbetrieb in der 2.Liga ruht und es vollkommen unklar verbleibt, wie es weitergehen wird. Daher mag es dem ein oder anderen sicher so vorkommen, als käme dieses Interview aus einer anderen Zeit. Wir möchten es Euch aber trotzdem nicht vorenthalten, denn Jos Luhukay hat viel Interessantes gesagt.
(Titelbild von Peter Boehmer)

MillernTon: Jos Luhukay, im April 2019, also vor fast einem Jahr, haben Sie ihre Arbeit als Trainer des FC St.Pauli aufgenommen. Mit welchen Zielen sind Sie damals gestartet?

Im Prinzip mit den gleichen, die ich jetzt immer noch habe. Wobei man natürlich immer aufgrund der sportlichen Situation realistisch sein muss, aber trotzdem die Ziele weiter anstreben sollte. Ich glaube, ohne Ziele hat man auch keinen Ehrgeiz etwas zu erreichen und den Erfolg auch ein wenig zu erzwingen. Eines meiner persönlichen Ziele bei Amtsantritt war mit dem FC St. Pauli innerhalb von zwei Jahren in die erste Bundesliga aufzusteigen. Daran hat sich nichts geändert.

MT: Und welche der gesetzten Ziele haben Sie bisher erreicht?

Natürlich muss man nur kurz auf die Tabelle schauen, um zu erkennen, dass es dieses Jahr nicht der Fall sein wird, das wir aufsteigen. Aber das wussten wir eigentlich schon von vornherein. Wir haben die Mannschaft in Bezug auf die Philosophie und von der Spielweise her komplett umgestellt und unsere Spielweise aus einer defensiven, kontrollierenden ganz in eine offensivere, risikobereitere Spielweise verändert. Bei dieser Umsetzung hat das Team in dieser Saison sehr viele positive Schritte gemacht. Natürlich haben wir uns diese Saison bislang viel zu wenig dafür belohnt. Hier möchte ich an die ersten beiden Heimspiele 2020 gegen Stuttgart und Dresden erinnern. Der VfB Stuttgart hat als Top-Team vielleicht zwei Chancen gehabt und wir hatten mehrere um das Spiel für uns zu entscheiden und am Ende kommt dabei ein Unentschieden heraus. Gegen Dresden hatten wir ebenfalls eine Vielzahl von Chancen, allein schon in der ersten Hälfte. So hätten wir punktemäßig und auch in der Tabelle bereits heute schon in einer beruhigenden Lage stehen können. Aber leider ist Fußball ein Ergebnissport und es werden Punkte benötigt, es gibt eben keine allein für die Art und Weise, wie Fußball gespielt wird. Ich hoffe, dass wir den positiven Trend aus den letzten Spielen mitnehmen und ausbauen können, um zum Ende der Saison noch in eine sehr gute Situation zu kommen.

(c) Peter Boehmer

MT: Wie bewerten Sie denn den Zustand des Teams zum jetzigen Zeitpunkt im Vergleich zum Zeitpunkt nach der Sommervorbereitung?

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Ich glaube da hat sich sehr viel verändert. Mittlerweile befindet sich das Team konditionell und körperlich in einem hervorragenden Zustand. Wir haben in den letzten drei Monaten nicht einen einzigen Spieler mehr mit einer muskulären Verletzung gehabt. Wir mussten dahingehend viel Aufbauarbeit verrichten, nachdem wir zuvor eine Verletztenmisere hatten, die ich vorher in meiner gesamten Trainerkarriere noch nicht erlebt habe. Mitte November haben wir gewisse Änderungen vorgenommen, bei denen man heute, nach drei Monaten sagen kann, dass diese Änderungen Wirkung gezeigt haben. Das ist auf jeden Fall positiv zu bewerten, dass wir die Verletzungssituation zuletzt viel besser in den Griff bekommen haben.

„Wir haben in den letzten drei Monaten nicht einen einzigen Spieler mehr mit einer muskulären Verletzung gehabt.“

MT: Nach dem ersten Derbysieg und weiteren guten Spielen, durchlief das Team mindestens eine Ergebniskrise im Oktober und November. Was genau waren die Probleme zwischen dem Sieg gegen Sandhausen im September und dem gegen Wiesbaden im Dezember?

Es ist nicht immer nur ein Detail, aber natürlich hat die Verletzungsproblematik einen großen Einfluss auf die Stabilität des Teams gehabt. Denn die vielen Wechsel aufgrund der Verletzungen kommen einem Team nie zugute. Egal bei welchen Teams, wenn 3-4 Spieler ausfallen, dann ist immer ein Qualitätsverlust vorhanden. Wir hatten teilweise bis zu 10 Spieler wochenlang nicht dabei und trotzdem mussten wir Leistung abrufen und Punkte holen. Ich glaube aber auch, dass die Leistung des Teams und die Anzahl der geholten Punkte nicht immer übereinstimmte in dieser Phase. Wir haben auch in der Hinserie richtig gute Spiele bestritten in denen wir uns nicht belohnt haben. Das ist sehr schade, da wir trotz der vielen Ausfälle häufig noch attraktiven Fußball gespielt haben. Gerade bei unseren Heimspielen hat man gemerkt, dass die Fans teilweise vom Fußball angetan waren und mitgegangen sind, um uns ständig zu motivieren und anzutreiben. Ich glaube die Wechselwirkung zwischen Fans und Team ist auch ein Stück Respekt und Anerkennung dafür, wie wir diesen Weg gehen, um mit dem FC St. Pauli erfolgreich zu sein.

MT: Ein von außen zu dieser Zeit häufig genannter Vorwurf an Sie war die fehlende oder unglückliche Kommunikation zwischen Trainerteam und Spielern. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Ich bin da sehr nüchtern und realistisch. In dem Moment wo aus sportlicher Sicht die Ergebnisse nicht stimmen, ist medial an vielen Stellen etwas zu bemängeln. Ich weiß wie ich tagtäglich mit meiner Mannschaft arbeite, ich weiß was ich tagtäglich beeinflussen kann. Ich weiß aber auch was ich nicht unmittelbar beeinflussen kann. Auf all das was gesagt und geschrieben wird habe ich keinen direkten Einfluss. Ich fokussiere mich daher auf die Arbeit mit meinem gesamten Team. Diese Arbeit wird natürlich von außen anders wahrgenommen. Du wirst einfach häufig auf die Ergebnisse reduziert und das ist manchmal sehr hart und teilweise ungerecht. Aber damit muss man leben und deshalb bin ich da sehr nüchtern.

MT: Was für Medien konsumieren Sie denn, wenn es um den FC St.Pauli geht? Lesen Sie die lokale Presse oder gibt es überregionale Medien die Sie konsumieren?

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Ehrlicherweise lese ich wenig. Mittlerweile bin ich schon so lange im Fußball dabei, dass es mir eigentlich nicht mehr viel ausmacht ob nun gut oder nicht gut über uns geschrieben wird. Ich kann damit keine Spiele gewinnen oder verlieren. Ich muss mich auf meine eigene Arbeit fokussieren. Mir ist vielmehr daran gelegen, dass es nicht über meine Person sondern über die Mannschaft und einzelne Spieler und auch den Gesamtverein eine positive Berichterstattung gibt. Dann weiß ich für mich selber, dass ich richtig gute Arbeit mache. Als Beispiel können wir die letzten zwei Wochen nehmen, mit dem Sieg im Derby und gegen Osnabrück, wo schnell aus einer negativen eine positive Berichterstattung wurde. Das geht im Fußball ganz schnell. Das muss man einfach wissen. Ich glaube, dass ich das für mich sehr gut einordnen und relativieren kann.

(c) Peter Boehmer

MT: Schauen wir uns die Spielweise mal ein bisschen genauer an: Sie hatten bereits gesagt, dass sie relativ viel im athletischen, aber auch im taktischen Bereich geändert haben. Auffällig unter Ihrer Leitung ist die taktische Flexibilität. Nicht nur von Spiel zu Spiel, sondern auch während der Spiele nehmen Sie nicht selten recht tiefgreifende Umstellungen vor. Haben Sie ihre Formation der Wahl noch nicht gefunden oder ist diese Flexibilität in der 2.Liga nötig?

Es ist für mich immer reizvoll gewesen, dass ein Team nicht nur eine Formation oder ein System spielen kann. Für mich ist wichtig, dass wir ein System haben, in dem jeder einzelne Spieler seine Qualitäten auf gewissen Positionen maximal einbringen kann und sich dabei wohlfühlt. Ob das dann mit einer Vierer- oder einer Dreier-Abwehrkette ist, finde ich nicht wichtig. Entscheidend ist erst zu schauen, wie wir zum Erfolg kommen können. Darauf basierend geben wir der Mannschaft einen Plan mit auf den Weg. Wir schauen da auf die letzten Trainingseindrücke und das letzte Spiel. Und natürlich schauen wir auch darauf, wie der Gegner auflaufen wird. So haben wir drei Komponenten, die wir beachten: Das letzte Spiel, die Trainingseindrücke und den kommenden Gegner. Und über diese drei Komponenten kommen wir zu einem Plan für das nächste Spiel. Die Mannschaft macht die Umstellungen mittlerweile immer besser mit und fühlt sich da auch wohl bei und das ist das Entscheidende. Es ist nicht so, dass ich sage, wir müssen mit drei oder vier Spielern hinten agieren. Die Mannschaft wird auch taktisch immer flexibler und besser darin Umstellungen schneller umzusetzen. Da war für mich das letzte Heimspiel gegen Arminia Bielefeld ein tolles Beispiel, wo das Team auch selbst gemerkt hat, dass sie mit einer Dreierkette zu viele Räume anbieten und dann sind wir zu der Entscheidung gekommen, bereits nach 20-25 Minuten auf eine Viererkette umzustellen. Wir sind eigentlich die gesamte Saison schon sehr flexibel und ich höre häufig von meinen Kollegen, dass sie nie so richtig wissen wie wir auflaufen. Ich finde das ist ein schönes Kompliment für unsere Arbeit, weil wir dadurch nie berechenbar für den Gegner sind.

„Die Arbeit wird von außen anders wahrgenommen.“

MT: Ein Gegenbeispiel der taktischen Flexibilität wäre der hsv, der ja unter Trainer Dieter Hecking ein recht starres 4-3-3 spielen lässt. Ist es für Sie daher einfacher gegen solche Teams zu spielen oder ist es allgemein schwieriger, weil Teams mit wenigen Umstellungen einen guten Spielstil gefunden haben?

Für mich persönlich ist es natürlich leichter, wenn ich im Vorwege genau weiß, wie der Gegner spielen wird. Dahingehend kann man auch die Trainingseinheiten vor den Spielen gestalten, wie man selbst gegen die Teams agieren möchte.

MT: Wird die Spielweise der gegnerischen Teams im Training simuliert?

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Ja, wir spielen immer zwei Tage vor dem Spiel mit unseren eigenen Vorstellungen im Elf-gegen-Elf. Ein Team simuliert dabei das System und die Spielweise des Gegners, so wie wir es erwarten. Wenn man dann im Training direkt auf diese Spielweise eingehen kann, dann können wir da gewisse Vorteile ausschöpfen. Aber wir müssen es natürlich auch umsetzen. Da müssen wir in letzter Konsequenz und Zielstrebigkeit unsere Vorteile erarbeiten. Und das gelingt das ein oder andere Mal gut, aber auch mal nicht, obwohl man weiß wie der Gegner auflaufen wird.

(c) Stefan Groenveld

MT: Im Vergleich zu vorherigen Saisons ist beim FCSP wieder klar eine Spielidee bei eigenem Ballbesitz zu erkennen. Wollen Sie diese Idee etwas genauer beschreiben?

Dann würde ich vielleicht etwas zu viel verraten (lacht). Nein, ernsthaft, ich habe da überhaupt keine Geheimnisse. Wir wollen im Ballbesitz so schnell wie möglich unsere Offensive beleben und uns Möglichkeiten herausspielen. In dieser Saison erspielen wir uns ein Vielfaches an Möglichkeiten, aber wir haben daraus zu wenig Tore erzielt. Wenn wir diese Effizienz erhöhen können, dann zahlt sich das auch in der Tabelle aus. Bei Ballbesitz wollen wir auch flexibel agieren. Da ist es schon entscheidend, ob wir mit einer Dreier- oder Viererkette aufbauen. Aber vor allem unser Mittelfeld ist sehr wichtig. Da wollen wir nicht immer stur mit einem oder zwei festen Sechsern agieren, wir wollen da viel Bewegung und viele Rotationen haben, um den Gegner zu Entscheidungen zu zwingen, die dann für Unsicherheit sorgen.

MT: Wurden Sie trotz der intensiven Gegneranalyse diese Saison von einem gegnerischen Team taktisch komplett überrascht?

Ich denke bisher haben uns die Gegner taktisch noch nicht überrascht. Ich habe einen holländischen Assistenten im Trainerteam (Anm.d.R.: Hans Schrivjer, Gegner-Analyst), der sich die ganze Woche extrem auf den kommenden Gegner fokussiert. Tagtäglich sitze ich minimal eine Stunde oder sogar zwei Stunden mit ihm zusammen und spreche über unsere eigenen Vorstellungen, aber auch über die Stärken und Schwächen des Gegners. Das macht wirklich eine große Freude mit ihm zusammen zu arbeiten, weil er ein Trainer ist, der unglaublich fußballbesessen ist und viel Freude daran hat uns auf den Gegner vorzubereiten.

MT: Wurden Sie denn im Laufe der Saison auch von einem Spieler aus unserem Team besonders überrascht?

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Ja, wenn man die Entwicklung der Mannschaft und der einzelnen Spieler sieht, dann sind da tolle Fortschritte im Ballbesitz aber auch bei Ballverlust zu erkennen. Wir haben bis zur Winterpause die wenigsten Chancen der Liga zugelassen und die meisten kreiert. Das war auch für mich ein wenig überraschend, weil wir tabellenmäßig nicht in den Top5 standen. Und trotzdem haben wir die meisten Möglichkeiten in den Umschaltmomenten geschaffen und die wenigsten Chancen zugelassen. Dann denkst Du, dass das Top-Werte sind, da sollte ein Team auch mindestens in den Top5 stehen. Aber da haben wir gesehen, dass wir zu ineffizient waren. Das ist schade, da sich die Mannschaft alles erarbeiten musste.
Wenn wir die Spieler individuell betrachten, dann hat natürlich Mats Møller Dæhli Eindruck hinterlassen. Dadurch ist es auch zu seinem Transfer gekommen. Ein sportlicher Verlust, den das Team jedoch gut aufgefangen hat. Darüber hinaus finde ich, dass sich Daniel Buballa mit seinen 29 Jahren in dieser Saison taktisch und fußball-inhaltlich stark verbessert und weiterentwickelt hat. Er war immer ein Linksverteidiger und hat diese Saison die besten und meisten Spiele als Innenverteidiger bestritten. Das macht er eindrucksvoll.
Wenn ich seinen Nebenmann betrachte, Leo Østigård mit seinen 20 Jahren, was der für eine Entwicklung in dieser Saison genommen hat, das ist unglaublich. Das konnte man vielleicht vor der Saison nicht so richtig einschätzen, aber er ist sicher einer der besten Innenverteidiger der Liga. Und das in seinem Alter, ohne jegliche Erfahrung auf diesem Niveau.
Ryō Miyaichi spielt bisher auch eine fantastische Saison. Es fehlen einzig ein paar mehr Tore von ihm. Er ist für mich auch einer der besten Spieler der Liga. Und ich finde Waldemar Sobota macht auch eine Entwicklung durch, die man vorher nicht absehen konnte. Er spielte früher immer Außenstürmer und bei mir ist er in eine zentrale Position gekommen und wenn man sieht wie er gegen Osnabrück das Tor erzielt hat, das war einfach klasse.
Oder Henk Veerman, der nach 11 Monaten zurückkam und in kürzester Zeit acht Saisontore erzielt hat. Ich möchte nicht daran denken, was gewesen wäre, wenn Henk schon ab dem ersten Spieltag zur Verfügung gestanden hätte. Henk erzielt nicht das dritte oder fünfte Tor. Henk macht wichtige erste Tore, wie gegen Bielefeld, den HSV oder Osnabrück. Natürlich habe ich hier den einen oder anderen nicht erwähnt. Allgemein sind das Spieler in einem gewissen Alter, bei denen man vielleicht diese Entwicklung nicht mehr vermutet hätte. Waldi ist 32 Jahre alt und spielt für mich wie ein junger Spieler, mit so viel Trainings- und Spielfreude. Das macht meine Arbeit so schön, trotz der momentan nicht sicheren Position in der Tabelle. Es ist einfach in der gesamten Mannschaft, aber auch individuell eine Entwicklung zu erkennen. Finn Ole Becker ist auch zu nennen, der im ersten halben Jahr so viele gute Spiele für uns gemacht hat.
Trotz der Niederlagen, die wir hatten, oder aufgrund der Tabellensituation hat mich die Arbeit mit der Mannschaft nie verunsichert, weil ich diese Entwicklung tagtäglich gesehen habe. Wir hatten die letzten Tage auch wieder drei Nachwuchsspieler im Training dabei mit Christian Viet, Moritz Frahm und Maximilian Franzke. Die haben auch wieder fantastisch mittrainiert. Diese positive Welle müssen wir mitnehmen. Denn letztes Jahr war es kein schönes Spiel in Sandhausen, habe ich mir sagen lassen…

MT: …nein, absolut nicht.

Das tut mir für unsere Fans immer weh. Wir müssen Reisestrapazen auf uns nehmen, aber unsere Fans noch viel mehr. Was die an Zeit investieren, um uns nicht nur bei Heimspielen zu unterstützen, ist unglaublich. Da hast Du das Gefühl, egal, ob es nun 100 oder 600 Kilometer entfernt ist, unsere Fans sind immer da. Und da würde ich mir wünschen, dass wir unseren Fans auswärts ein Glücksgefühl mit ins Gepäck auf den Rückweg geben können. Wir sind auswärts aber leider nicht so erfolgreich, das muss man einfach sagen. Mich haben viele Auswärtsspiele verärgert, weil wir viel mehr hätten herausholen können.

„Was Leo Østigård mit seinen 20 Jahren für eine Entwicklung in dieser Saison genommen hat, ist unglaublich.“

MT: Als Beispiele wären da Heidenheim und Dresden zu nennen. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsspielen?

Es ist häufig so, dass wir von den entscheidenden Momenten, in denen wir in Führung gehen könnten, eher drei oder vier brauchen, um auch wirklich in Führung zu gehen. Bei erfolgreichen Spielen ist es häufig so, dass man bereits bei den ersten Chancen trifft und in Führung geht.
Wenn ich an das Auswärtsspiel in Regensburg denke: Die kommen einmal vor unser Tor und wir hatten davor drei, vier gute Möglichkeiten. In der zweiten Halbzeit läuft Mats noch alleine auf den Torwart zu. Wenn solche Chancen nicht genutzt werden, dann wird es einfach schwer auswärts zu punkten. In Heidenheim wird eine Ecke flach reingespielt und es fällt das Tor, da fühle ich jetzt immer noch Ärger und Frustration, weil wir in solchen Spielen als Sieger vom Platz gehen müssen. Und in dieser Art und Weise sind einige Auswärtsspiele gelaufen. Sie nannten noch Dresden, wo wir 3-0 führen und mit 3-3 vom Platz gehen und nicht einmal die Dresdner wissen, wie das überhaupt zustande gekommen ist.

MT: In der fast schon legendären Pressekonferenz vor der Saison fiel das Stichwort „Wohlfühloase“ was dann medial sehr stark aufgekocht wurde. Hat sich da seitdem was geändert?

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Zunächst war es nicht mein Ansatz, dass es so viel in der Öffentlichkeit bewirkt. Es war mehr mein inneres Gefühl, dass Ziele nicht richtig angestrebt und erreicht werden möchten und sich nicht gefragt wurde, wie man diese Ziele am besten erreichen kann. Und diese Komfortzone, die da entstanden ist, die hat mich irritiert und frustriert. Ich glaube das wir alle da auf dem bisherigen Weg einige Schritte vorwärts gemacht haben. Wir sind aber noch nicht da, wo wir sein möchten. Ich glaube, wenn man die gesamte Saison bis hierhin betrachtet, dann hätten wir zwischen Platz 5 und 10 stehen müssen. Aber wir stehen da nicht und müssen weiterhin vorsichtig sein. Das beschäftigt mich nicht so sehr, aber ich muss die Konstellation natürlich kennen. Ich werde die Mannschaft damit aber niemals belästigen, weil wir nicht mit Angst sondern mit Überzeugung auflaufen möchten und nicht auswärts nach Sandhausen fahren, nur um da einen Punkt zu holen. Wir wollen da gewinnen.

(c) Peter Boehmer

MT: Es gibt vor und nach jedem Spiel eine Pressekonferenz. Es gibt wöchentlich noch eine interne Presserunde. Es gibt Interviewtermine wie diesen hier. Das gehört alles dazu und gehört zum Job. Wenn Sie aber frei wählen könnten, wie oft würden Sie mit Medien sprechen wollen?

So wie es jetzt hier beim FC St. Pauli ist, so würde ich es auch in Zukunft immer machen wollen. Ich habe bei Hertha BSC gearbeitet und in Mönchengladbach, da waren es viel mehr Medienauftritte. Das extremste war bei Hertha BSC, wo jeden Tag 10-15 Journalisten und Kamerateams waren. Das war ein unglaublicher Medienauflauf bei den Pressekonferenzen vor und nach jedem Spiel. Das war in Mönchengladbach vor den Topspielen auch so, wo dann teilweise 60-70 Journalisten waren. Bei den Pressekonferenzen waren dann über 100 Journalisten. Der Umfang war bei diesen beiden Klubs am höchsten.
Am geringsten war er in Augsburg. Aber das war aus sportlicher Sicht eine unglaublich erfolgreiche Zeit als Trainer und auch als Mensch. Bei St. Pauli sind natürlich auch jeden Tag Journalisten beim Training, aber es werden meist Spieler interviewt. Ich kann mich daher viel mehr auf meine Arbeit konzentrieren und das finde ich natürlich ganz angenehm. Ich fand es am schwersten bei Hertha BSC Berlin, weil das sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat. Und da finde ich es hier in Hamburg viel angenehmer, sowohl aus Trainer-Sicht aber auch aus menschlicher Sicht.

MT: Sie haben selbst das Ziel formuliert, dass der FCSP in der nächsten Saison aufsteigen soll. Was fehlt dem FCSP noch um ein Spitzenteam der Liga zu sein?

Ich glaube da müssen wir nicht viel drumherum reden. Wenn ein Spieler wie Henk Veerman direkt zu Beginn der Saison zur Verfügung gestanden hätte, dann bin ich mir sicher, dass wir allgemein eine ganz andere Qualität auf den Platz bekommen hätten, ohne hiermit seinen Mitspielern die Qualitäten abzusprechen. Henk hat einfach eine Abschlussqualität, die nicht viele Spieler in dieser Liga haben. Ich vergleiche ihn zum Beispiel mit Fabian Klos von Arminia Bielefeld. Wenn Henk in einem offensiven System wie unserem spielt, dann würde er problemlos mehr als 15 Tore pro Saison erzielen. Stellt Euch mal vor, Henk würde in der Saison 30 Spiele machen mit der Torquote und seiner Abschlussqualität. Das würde sicher einige Punkte mehr bedeuten. Auch Ryō Miyaichi hätte schon Spiele für uns entscheiden können. Es fehlt also in der Art und Weise wie wir spielen noch ein bisschen die Effizienz. Aber da mache ich niemandem einen Vorwurf. Da müssen wir einfach weiter dran arbeiten, denn wenn wir in die Top5 wollen, dann müssen wir 60 Tore oder mehr in der Saison erzielen. Da kommen wir momentan noch nicht heran.

MT: Letzte Frage: Sie haben bereits die Arbeit von Hans Schrijver herausgehoben. Würden Sie das Funktionsteam in dieser Richtung noch ausbauen wollen oder arbeiten Sie lieber in kleineren Teams?

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Es ist egal, ob das Team klein oder groß ist. Entscheidend ist, dass alle im Team ihre Aufgabe haben und nicht verloren rumlaufen. Ich glaube, dass wir nicht sonderlich groß aufgestellt sind, aber auch nicht wirklich klein, obwohl ich die Zahlen der anderen Teams nicht kenne. Wir haben zwei Assistenztrainer, einen Torwarttrainer, dazu zwei Fitness-Coaches, neben Hans auch noch Jannik Niden als Videoanalyst, der auch fantastische Arbeit macht. Dazu kommen dann noch Teammanager, das Scouting-Team, drei Physiotherapeuten, zwei Zeugwarte und zwei Ärzte. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass wir klein aufgestellt sind. Und damit bin ich sehr zufrieden.

MT: Jos Luhukay, vielen Dank für das sehr nette Gespräch!

(Das Interview führten Maik & Tim)

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