SV Darmstadt 98 – FC St. Pauli 2:2 – Ein todsicheres Ding

Ruuuhig, ganz ruhig bleiben. Das wird ein 2:2. Kennen wir doch schon diese Saison: Der FC St. Pauli zeigt eine große Moral und kommt trotz Rückstand noch zu einem Unentschieden. Gut, dieses Mal kann der FCSP im Vergleich zu den Spielen gegen Nürnberg und in Bochum sich durchaus glücklich schätzen, dass es noch für einen Punkt reichte. Denn der SV Darmstadt 98 war vor allem nach dem Seitenwechsel das deutlich bessere Team und hätte die Partie in einigen Situation für sich entscheiden müssen. Ham’se aber nich‘, der FCSP holt daher also auch in Darmstadt einen Punkt – den ersten dort seit 1992.
(Titelbild: imago images / Jan Huebner / via OneFootball)

Im Vergleich zum Nürnberg-Spiel wechselte der FC St. Pauli zweimal und änderte damit auch die Grundformation in nicht unerheblicher Weise. Für den angeschlagenen Avevor rückte Ohlsson in die Dreierkette. Dessen Position als rechter Flügelverteidiger nahm Luca Zander ein. Den verletzten Burgstaller ersetzte Marvin Knoll in der Startelf und damit einhergehend wurde auch die Formation umgestellt: Statt zweier Stürmer und einer klaren Zehn dahinter, agierte der FCSP mit einer geradezu klassischen Fünferkette im Mittelfeld, also einem 3-5-2 (flach).
Der SV Darmstadt 98 veränderte seine Grundformation nicht und blieb wie erwartet bei seinem 4-1-4-1, allerdings startete Rapp für Pálsson auf der Sechs und die Position von Rapp in der Innenverteidigung übernahm Immanuel Höhn.

Erste Halbzeit: Gemach, gemach!

Interessant war dann, wie die Darmstädter ihr Aufbauspiel aufzogen und wie der FCSP darauf reagierte: Denn eine Viererkette hinten lädt eigentlich dazu ein, dass bei eigenem Ballbesitz die Außenverteidiger die Breite besetzen. Das tat Darmstadt nicht. Stattdessen rückten Holland und Bader zwar vor, bis auf die Höhe von Sechser Rapp, zogen dabei aber in die Mitte. Es wurde dann im Spielaufbau eine Art 2-3-4-1 formiert, welches zwar super stabil für eine mögliche Rückverteidigung, aber eben auch nicht die absolute Super-Waffe für die Entwicklung eigener Torchancen ist.

Das taten die Darmstädter, um Platz auf den Außenpositionen zu schaffen. Diesen vermeintlichen Platz versuchten dann die offensiven Außen Honsak und Skarke zu besetzen. Ich schreibe ganz bewusst „vermeintlich“, da der FCSP diese Räume sehr gut im Griff hatte und eigentlich zu keiner Phase des Spiels Gefahr aus dem geordneten Spielaufbau von Darmstadt 98 entstand.

Da der FCSP diese Positionsduelle kontrollierte, ergaben sich einige vielversprechende Umschaltmomente. Diese wurden jedoch meist aufgrund eigener Ungenauigkeiten nicht gut ausgespielt. Doch auch bei eigenem Aufbau konnte der FCSP zumindest optisch ein Übergewicht erzielen. Das lag daran, dass der SV Darmstadt dem FCSP den Raum in der Dreierkette im Aufbau gab. Hierbei schoben die beiden Flügelverteidiger des FCSP extrem weit hoch und auch die beiden äußeren Innenverteidiger schoben weit nach außen.
Bemerkenswert, vor allem, da dies in der 2. Halbzeit nicht mehr so gespielt wurde: Serdar Dursun ließ sich bei Aufbau des FCSP merklich zurück ins Mittelfeld fallen und beschnitt damit die Räume von Knoll. Nur Honsak und Skarke stellten sich vorne in den Raum, was dann dazu führte, dass drei Innenverteidiger sich zwei gegnerischen Spielern direkt gegenüber sahen und dadurch recht entspannt aufbauen konnten. Das sah dann auch recht ansehnlich aus, aber es wurden in keiner Phase der ersten Halbzeit daraus richtig zwingende Torchancen entwickelt. Trotzdem: Wenn der FCSP auch in der 2. Halbzeit das Spiel so kontrolliert hätte, dann wäre es früher oder später zwingender geworden.

Bezeichnend dann, dass ein Standard für die Pausenführung von Darmstadt sorgt. Die Entstehung des Elfmeters, der letztlich die Führung brachte, geschah durch den zweiten Ball nach einer Ecke, der durchaus besser hätte verteidigt werden können. Richtig ärgerlich, zumal der eingesprungene Anlauf von Dursun eigentlich einen Fehlschuss verdient gehabt hätte.

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Zweite Halbzeit: Attacke, Attacke!

Schon im Laufe der ersten Halbzeit wurde aber auch deutlich, dass der FCSP zwar nicht mit der Formation der Lilien so seine Probleme bekommen würde, aber wenn sie den Ball im Aufbau verlieren. Das Risiko der mangelhaften Rückverteidigung wird ja recht bewusst eingegangen vom FCSP und ich finde dies persönlich sehr viel besser als die Formation des SV Darmstadt 98.
Denn: Ja, der SV Darmstadt hat inzwischen mehr anzubieten, als die jahrelang gespielte „Langer Ball – 2.Ball“-Variante. Allerdings waren es die Ballgewinne aufgrund des hohen Pressings, die sie zum überlegenden Team machten. Aus dem geordneten Spielaufbau ging eher wenig nach vorne.

Doch zur zweiten Halbzeit stellte Darmstadt das Anlaufverhalten um: Kein entspannter Aufbau mehr für den FCSP in Sicht, die Lilien liefen die Innenverteidiger des FCSP nun konsequent hoch an und Dursun ließ sich nicht mehr zurückfallen. Es mehrten sich die Ballverluste und Darmstadt kam dann seinerseits zu einigen guten Umschaltmomenten.
Toll war es, in dieser Phase über die Außenmikrofone zu hören, wie Timo Schultz coachte und seine Jungs pushte und weiter verlangte, dass sie den flachen, mutigen Aufbau suchen. Das hatte durchaus seinen Grund. Denn das hohe Pressing der Darmstädter ging damit einher, dass sie häufig im 1-gegen-1 im hinteren Bereich standen. Nur schaffte es der FCSP viel zu selten geordnet in diese Räume zu kommen, teils weil sie es nicht gut spielten, teils, weil sie es gar nicht versuchten und lieber den langen Ball spielten. Der FCSP hatte mit Beginn der 2.Halbzeit eigentlich komplett die Struktur verloren und fand diese im weiteren Verlauf auch nicht mehr wieder.

Allerdings: Es hätte auch schon vor dem zweiten Tor klingeln können im Kasten des FCSP. Das 2-0 selbst war dann mal wieder ein waschechter Downer: Da gibt es genau diesen einen Spieler vor dessen Physis, dessen Kopfballspiel sogar öffentlich von Timo Schultz gewarnt wurde. Trotzdem kommt er bei einem Standard komplett und wirklich völlig blank zum Kopfball. Unnötig zu erwähnen, dass das nie und nimmer passieren darf. Serdar Dursun hatte kurze Zeit später sogar noch eine weitere Großchance, auch nach einem Standard. Hier kann dem FCSP zumindest zugute gehalten werden, dass Dursun dort von einem Mitspieler freigeblockt wurde. Ja, dem FCSP fehlt in Standardsituationen die Physis. Das dient aber in solchen Fällen, wie vor beiden Gegentoren überhaupt nicht als Erklärung. Gegentore nach Standards sind einfach die Pest.

Meine Güte, wie frei der Dursun da zum Kopfball zum 2-0 hochsteigen kann…
(imago images / Jan Huebner / via OneFootball)

Kommen wir zu den schöneren Dingen: Der FCSP steckte einmal mehr diese Saison nicht auf und erzielte das 1-2. Bemerkenswert bei dieser Situation, dass sich im freien Spiel zum Zeitpunkt der Flanke von Lankford ganze fünf (!) FCSP-Spieler im Strafraum des SVD befanden (und sogar den Rückraum haben sie zu dieser Zeit kontrolliert). So sehr sich Timo Schultz über beide Gegentore nach Standards ärgern darf, so sehr darf sich Darmstadt-Trainer Markus Anfang über dieses Gegentor ärgern.

Noch mehr wird er sich jedoch über die vielen vergebenen (Groß-)Chancen in Kontersituationen ärgern. Denn sowohl beim Stand von 1-0 und noch mehr beim Stand von 2-1, als der FCSP alles nach vorne warf, gab es genügend um mehr als ein Spiel zu entscheiden.
Aus Darmstädter Sicht kam es dann, wie es kommen musste: Tief in der Nachspielzeit gibt es einen Elfmeter für den FCSP. Ob dieser gerechtfertigt war? Lest selbst nach. Es spricht einmal mehr für Rodrigo Zalazar, dass er sich auch in dieser Situation den Ball schnappt und ihn versenkt.

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Was los? Och, nix. Nur ein wichtiges Tor in der 97.Minute.
(imago images / Jan Huebner / via OneFootball)

War das jetzt ein verdienter Punkt? Schwierig zu sagen. Aufgrund des Zustandekommens, aber auch basierend auf den Chancen (xG 2.6 – 1.8) ist es eher der am wenigsten verdiente Punkt der Saison. Konnten wir uns noch darüber ärgern, dass wir gegen Nürnberg und in Bochum nicht gewonnen haben, so müssen wir uns dieses Mal über einen Punktgewinn in Darmstadt freuen. Denn wir waren in der ersten Halbzeit zwar feldüberlegen, aber nicht zwingend und in der zweiten Halbzeit in keiner Weise und keiner Phase feldüberlegen oder zwingend. Insgesamt war es dann doch ein blasser Auftritt des FCSP, bei dem die eigentlichen Stärken im Umschalten und das spielerische Element im Zentrum überhaupt nicht zur Geltung kamen.

Aber wir schließen diesen Spielbericht natürlich mit etwas positivem: Denn trotz fehlender Spielkontrolle; trotz wenigen gelungenen Aktionen in der 2. Halbzeit und trotz 0-2 Rückstands holen wir einen Punkt in Darmstadt, den ersten seit Arie Hjelm. Einmal mehr zeigte das Team eine unglaublich Moral und steckte trotz der Rückschläge und Unterlegenheit nicht auf. Somit hieß es am Ende 2-2. Zum dritten Mal in dieser Saison. Und auch wenn der entscheidende Treffer dieses Mal in letzter Sekunde fiel: Ein todsicheres Ding.

// Tim

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