1. FC Nürnberg – FC St. Pauli 1:2 – (ich liebe diese) Taktikanalyse

1. FC Nürnberg – FC St. Pauli 1:2 – (ich liebe diese) Taktikanalyse

Der FC St. Pauli gewinnt beim 1. FC Nürnberg und das hochverdient. Was am Sonntag zwischen Minute 15 und 65 im Max-Morlock-Stadion passiert ist, war eine der besten Vorstellungen des FCSP diese Saison. Einzig den Vorwurf, dass es am Ende noch einmal spannend wurde, muss er sich gefallen lassen. Durch den Sieg konnte nicht nur Gegner Nürnberg überholt sondern allgemein der Abstand zur Abstiegszone deutlich erhöht werden.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Die Aufstellungen

(Sämtliche Statistiken von WyScout)
Im Gegensatz zu meiner Erwartung startete der FC St. Pauli unverändert in die Partie. Das bedeutete dann, dass Philipp Ziereis auch gegen Nürnberg begann und nicht Tore Reginiussen sein Debüt in der Startformation feierte.

Ich hatte vermutet, dass der FCSP mit Reginiussen startet, um der Physis von Manuel Schäffler etwas besser entgegen zu wirken. Allerdings startete auf Seiten des FCN nicht Schäffler sondern Schleusener im Sturmzentrum. Passte also ganz gut, über 80% gewonnene Duelle am Boden und in der Luft von Philipp Ziereis bestätigten das.
Zusätzlich startete der FCN im Vergleich zur Vorwoche auf der rechten Abwehrseite mit Knothe statt Valentini. Ansonsten gab es keine Überraschungen in der Startelf.

Gegen Mutlosigkeit kannst Du auch in Unterzahl erfolgreich pressen

An einen geordneten Spielaufbau war nicht zu denken. Beide Teams setzten auf sehr hohes Pressing und das zeigte bei beiden Wirkung: Es gab quasi keine geordneten Positionsangriffe sondern eigentlich nur Umschaltmomente, den Kampf um zweite Bälle und Standard-Situationen.

Beide Teams pressten hoch, aber jeweils sehr unterschiedlich:
Der FCN ließ immer ein wenig Raum zum Spieler, der gepresst werden sollte und lief diesen erst mit vollem Tempo an, wenn dieser den Ball erhielt. Grundsätzlich rückte ein Mittelfeldspieler vor, sodass im 4-4-2 angelaufen wurde, wobei die äußeren Mittelfelder die Außenverteidiger des FCSP konsequent anliefen. So erzwangen die Nürnberger viele lange Bälle im Aufbau des FCSP.

Auf der anderen Seite war es eher ein Zustellen des FC St. Pauli als ein aggressives Anlaufen. Burgstaller und Marmoush stellten den Raum vor den Innenverteidigern zu und liefen diese moderat an. Entscheidend war, und das wunderte mich schon sehr, das Daniel-Kofi Kyereh die Nürnberger Doppelsechs im Raum alleine zustellte. Die Nürnberger Innenverteidiger spielten das Duo Geis und Krauß (der etwas höher als Geis stand) einfach nicht an. Zum einen, da sie sich im Deckungsschatten von Burgstaller/Marmoush befanden, aber auch, da Kyereh in deren Nähe Zugriff hätte haben können. „Hätte haben können“… Ihr merkt, dass es einen echten Vorteil für Nürnberg hätte geben können, wenn die IV es mutiger gespielt und die Doppelsechs mehr Initiative gezeigt hätte. So aber konnte der FCSP mit drei Spielern vier Spieler des FCN zustellen.

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Auf der Außenbahn pressten, wie schon gegen Heidenheim, Becker und Zalazar auf die beiden Nürnberger Außenverteidiger. Während im Zentrum die Räume eher zugestellt wurden, wurden die Außenverteidiger aggressiv angelaufen.
Auch die beiden FCSP-Außenverteidiger gingen im Defensivverhalten die Wege ihrer Gegenspieler konsequent mit, selbst wenn das bedeutete, dass sie ihre Position in der Viererkette klar verlassen mussten. Das konnten sie sich aber auch leisten, da der FCSP hinten in Überzahl stand, weil sie weiter vorne eben trotz Unterzahl alles unter Kontrolle hatten.

Umschalten, zweiter Ball, Standard, Umschalten, zweiter Ball, Standard, Umschalten,…

Was zu Beginn noch ausgeglichen erschien, wurde ab etwa der 10., spätestens ab der 15. Spielminute eine recht einseitige Angelegenheit: Der FC St. Pauli kam viel besser ins Umschalten, dem FCN gelang fast nichts, vor allem aufgrund besserer Zweikampfführung und dem gefühlt sicheren Gewinnen zweiter Bälle des FCSP.
Und wenn der FCN mal Bälle gewinnen konnte, dann gab es entweder eine gelbe Karte für den FCSP (Ziereis und Lawrence) oder es war Eric Smith bei dem der Angriff endete. Eine wahnsinnige Halbzeit von Smith. Unglaublich was da der wegbürstete und dadurch dafür sorgte, dass alle Spieler vor ihm ins Risiko gehen konnten und somit mehr und mehr Chancen erhielten.
In seinen 51 Minuten auf dem Spielfeld hat Eric Smith genau Null Offensiv-Aktionen aufs Tableau von WyScout gebracht. Stattdessen hat er, wie schon gegen Sandhausen, mehr als drei Viertel seiner Zweikämpfe gewonnen und hat bei fünf Duellen um freie Bälle auch fünf Bälle gewonnen. Über die Außenmikrofone war nach Spielende hörbar, dass der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung bei ihm besteht. Ich wünsche, für den FCSP nicht ganz uneigennützig, beste und schnelle Genesung.

50 Minuten die „Rückversicherung“ des FCSP-Offensivspiels: Eric Smith
(Sebastian Widmann/Getty Images/via OneFootball)

Beeindruckende 16 Torschüsse feuerte der FC St. Pauli allein in der ersten Halbzeit auf das Nürnberger Tor. Den ersten Hochkaräter vergab Leart Paqarada freistehend nach schöner Vorarbeuit durch Kyereh (23.).
Fünf Zeigerumdrehungen später klärte der FCN einen Standard unzureichend (nicht die letzte unglückliche Aktion von Mühl), der zweite Ball prallte zu Burgstaller, der ihn per Aufsetzer an die Latte setzte. Die beim FCSP ausgemachte Kopfballschwäche zeigte sich nicht nur defensiv (einmal mehr fiel das Gegentor durch einen Kopfball) sondern auch als Philipp Ziereis vollkommen freistehend den Ball per Kopf drüber setzte (31.).
Richtig gut wurde es dann in der 38.Minute als Guido Burgstaller bei einer klasse Kombination des FCSP den Ball per Hacke jedoch nicht an FCN-Torwart Mathenia vorbeibringen konnte.
Bereits in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit war es dann ein zweiter Ball den der FCSP in Person von Omar Marmoush an Guido Burgstaller weiterleiten konnte (Lukas Mühl klärte unzureichend) und den dieser absolut sehenswert aus 16 Metern halbrechter Position mit dem Außenrist in den linken Winkel schlenzte. Hatte ich letzte Woche geschrieben, dass alle fünf Tore von Burgstaller sich gegenseitig an Hässlichkeit überbieten? Ja, hatte ich. Wenn ich damit in irgendeiner Art und Weise etwas getriggert haben sollte, dann hat es ja funktioniert und wir gehen den nächsten Schritt: Guido Burgstaller trifft ja immer nur einmal pro Spiel. Mehr kann er nicht!

Zeitweise stand mir ziemlich der Mund offen, ob der Qualität, der immensen Kreativität und des hohen Tempos zu dem die Offensiv-Abteilung des FCSP fähig ist. Mag sein, dass die Nürnberger Seite das anders bewertet, aber ich bin der Meinung, dass Du das als Zweitligist ohnehin nur ganz, ganz schwer über die volle Spielzeit verteidigen kannst. Der FC St. Pauli hat es unter Timo Schultz und mit den Neuzugängen geschafft eine Spielweise zu entwickeln, bei der offensiv, egal ob der Gegner tief, hoch, quer, rautenförmig, im Quadrat hoch 3 oder der sechsten Dezimalwurzel verteidigt, immer was zu gehen scheint. Das ist großartig!

Außenrist! AUSSENRIST!!!
(c) Peter Boehmer

2. Halbzeit – same, same, but different

Zur zweiten Halbzeit brachte der FCN Manuel Schäffler und Georg Margreitter für Krauß und Sörensen. Eine Umstellung der Formation gab es (vorerst) nicht, allerdings rückte Nürnberger nun auf die Doppelsechs neben Geis und Schleusener auf die linke Außenbahn.

Manuel Schäffler zeigte ein unauffälliges Spiel, aber eben auch, dass er ein richtig trauriges Persönchen ist. Erst knallte er seinen Ellenbogen Eric Smith an die Schläfe, dann tat er selbiges mit Sebastian Ohlsson und James Lawrence. Einzig bei dem Foul an Lawrence gab es einen Freistoß für den FCSP. Eine ganz schwache Leistung vom Schiedsrichter und besonders von Schäffler.
Und daher, weil ich so eine Spielweise richtig dreckig finde, haue ich gerne eine paar Statistiken von Schäffler raus: Kein Torschuss, keine Torschussvorlage, nur 4 von 8 Pässen erfolgreich, eine magere Ballberührung im Strafraum, ein einziges offensives Duell gewonnen… richtig schwach.

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Während der 1. FC Nürnberg auch weiterhin ziemlich ungefährlich blieb, reihte sich beim FCSP Umschaltmoment an Konter an Überzahl im letzten Drittel an vorteilhaften Ballgewinn an Umschaltsituation. Auch in der 65. Minute waren Sebastian Ohlsson und Daniel-Kofi Kyereh schneller im Kopf als die gesamte Nürnberger Hintermannschaft und führten einen Einwurf schnell und tief aus – Lukas Mühl, bereits beim ersten Gegentor unglücklich, foulte Kyereh. Nach zuvor zwei schon grenzwertigen Situationen, bei denen der Ball im Nürnberger Strafraum von FCN-Spielern mit der Hand berührt wurde, gab es in der 65.Minute Elfmeter für den FCSP. Omar Marmoush (der für einen Stürmer schier unglaubliche 21 von 23 Pässen zum Mitspieler brachte) verwandelte und erhöhte auf das hochverdiente 2-0 aus Sicht des FCSP.

Tor und Vorlage, 91% Passquote – Omar Marmoush war nur schwer vom FCN zu stoppen.
(Sportfoto Zink/DaMa/imago images/via OneFootball)

2-0 – ein ganz gefährliches Ergebnis

Der FC St. Pauli hat ein richtig gutes Fußballspiel gezeigt, muss sich aber den Vorwurf gefallen lassen, nicht schon viel früher mit mehr als zwei Toren zu führen. Das es nach 65 Minuten nur zwei Tore waren, spiegelte den Spielverlauf nicht ansatzweise wieder.
Kurz nach dem 2-0 brachte FCN-Trainer Klauß mit Borkowski einen zweiten Stürmer ins Spiel und stellte damit von einem 4-2-3-1 auf ein 4-4-2 (flach) um. Dadurch ergaben sich für den FCSP problematischere Zuordnungen auf dem Spielfeld. Denn Dovedan links und Møller Dæhli rechts agierten nun aus tieferer Position mit guter Verbindung zu ihren Außenverteidigern. Diese Wege im Pressing konnten die FCSP-Außenverteidiger nicht mehr bedenkenlos mitgehen, da sie 1. relativ weit waren und 2. der FCSP zentral nun zwei Stürmer gegen sich hatte.

Womöglich aufgrund der Umstellung, aber vielleicht auch aufgrund der aufkommenden Müdigkeit ließ sich der FC St. Pauli tiefer in die eigene Hälfte drängen. Es kam was kommen musste: Zwischen Minute 73 und Spielende gaben die Nürnberger neun Torschüsse ab. Und direkt der erste saß, natürlich ein Kopfball. Schöne Scheiße.

Timo Schultz reagierte auf diese Umstellung genauso wie bereits in Hannover: Recht spät, aber immer noch in Führung liegend und daher nicht zu spät, stellte der FCSP auf ein 5-3-2 um. Dadurch konnten Ohlsson und Paqarada nun wieder sehr viel besser auf Møller Dæhli und Dovedan rausschieben und der FCSP wieder mehr Zugriff erzeugen. In der Folge hätten Matanović (87.) oder Dittgen (90.) das dritte Tor machen dürfen, wenn nicht sogar müssen.

Letztlich brachte der FC St. Pauli die knappe Führung über die Zeit. Auch weil der FCN zwar mehr vom Spiel, aber keine wirklich zwingenden Chancen hatte. Durchatmen. Trotz der recht deutlichen Probleme, die der FCSP in den letzten 30 Minuten bekam, geht der Sieg voll in Ordnung.

Drei Auswärtssiege in Folge!

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Der FC St. Pauli gewinnt nach dem Sieg in Hannover und dem Sieg in Heidenheim auch in Nürnberg. Eine fast schon beängstigend schöne Serie. Durch den Sieg und die Ergebnisse auf den anderen Plätzen konnte nun ein kleines Polster von sieben Punkten auf den Abstiegsrelegationsplatz geschaffen werden.
Nach einem zuletzt aufgrund von defensiver Stabilität überzeugendem Sieg zuhause gegen Sandhausen, zeigte der FCSP, zumindest bis zur Schlussviertelstunde, diese Stabilität ebenfalls gegen Nürnberg, aber zeigte noch viel mehr, dass der FCSP in offensiven Umschaltmomenten wohl das beste Team der zweiten Liga ist.
Trotzdem: Mit nun 25 Punkten hat der FC St. Pauli zwar einige gesammelt, aber eine ähnliche Durststrecke wie in der Hinrunde könnte das Blatt ziemlich schnell wieder wenden. Nicht nachlassen jetzt!

Immer weiter vor!

// Tim

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8 thoughts on “1. FC Nürnberg – FC St. Pauli 1:2 – (ich liebe diese) Taktikanalyse

  1. Danke für die Schäffler-Schelte, seh ich genau so! Und ich oute mich jetzt mal als einer Derjenigen, die am Anfang genölt haben, warum wir „nur“ Nummer Zwei vom SVWW verpflichtet haben, nun aber wissen wir angesichts der Leistungen von Kofi warum!!

  2. Danke, Tim!

    Mich interessieren die Daten von Kofi, der für mich gestern mal wieder ein großartiges Spiel abgeliefert hat. Balleroberung, Pässe (und was für welche) im letzten Drittel zum Mitspieler, nahezu immer anspielbar. Geben die Daten das auch so her?
    Unabhängig davon muss ich die Passgenauigkeit erwähnen, mit der die Jungs mittlerweile den letzten Pass spielen. Klar, das ging gestern auch mal daneben, aber grade in den letzten Spielen, diese letzten Pässe in die Tiefe, in die Schnittstellen – das macht schon mächtig Spaß!

    Weiter, immer weiter…

    1. Ja, fünf „Interceptions“ sind sein zweithöchster Wert diese Saison. Seine Pässe hat er schon häufiger genauer an den Mitspieler gebracht, aber 100% Dribbel-Quote ist auch ganz ok und allgemein hat er ganz starke 2/3 seiner Offensivzweikämpfe gewonnen. Schon richtig gut.

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