Wer ist Marcel Hartel? – Ein Spielerprofil

Wer ist Marcel Hartel? – Ein Spielerprofil

Der FC St. Pauli hat Marcel Hartel verpflichtet. Der 25-jährige kommt aus der 1.Bundesliga von Arminia Bielefeld und wird damit kurzfristig das offensive Mittelfeld, aber vor allem die Achter-Position verstärken. Über Ablösemodalitäten und Vertragslaufzeit ist, wie inzwischen gewohnt, nichts bekannt.
(Titelbild: imago images/via OneFootball)

The story so far

Marcel Hartel lernte das Fußballspielen in Köln, wo er 1996 geboren wurde. Beim Effzeh durchlief er von 2002 bis 2015 sämtliche Jugendteams. Mit der U19 wurde er in der gewohnt starken West-Staffel der Bundesliga zweimal Vizemeister und 2014/2015 sammelte er erste Erfahrungen in der U23 in der Regionalliga West. In den beiden Folgejahren pendelte Hartel zwischen der U23 und dem Lizenzspieler-Team des 1. FC Köln. Während er in der U23 regelmäßig spielte und traf, sammelte er in der 1.Bundesliga nicht mehr als ein paar Minuten ein: In zwei Jahren und acht Einsätzen stand er insgesamt 160 Minuten auf dem Platz (auch aufgrund einer Spuckattacke im Derby).

Es folgte das, was mit talentierten Spielern meist passiert, wenn sie nicht schnell den Durchbruch in der 1.Liga schaffen: Marcel Hartel wechselte zur Saison 17/18 in die 2.Liga zu Union Berlin. Dieser Schritt kann im Nachgang als absolut richtig bezeichnet werden. Hartel war direkt zu Saisonbeginn Stammspieler bei Union und konnte sich im September über die Einladung zur U21-Nationalmannschaft freuen. Auch in der Folgesaison stand er meist in der Startelf. Allerdings, und das war auch in der Saison vorher der Fall, nicht mehr am Saisonende. Trotzdem war das Saisonende ganz ok: Der 1.FC Union Berlin stieg in der Relegation auf.

Marcel Hartel allerdings blieb der 2.Liga erhalten, zur Saison 19/20 wechselte er zu Arminia Bielefeld. Dort spielte er seine vermutlich stärkste Saison im Profibereich, legte insgesamt starke 13 Treffer auf und hatte damit großen Anteil am Aufstieg der Arminia. So folgte mit einigen Jahren Versatz dann doch noch der Stammplatz in der 1.Bundesliga. In der Saison 20/21 fiel Hartel dann jedoch nicht mit Torbeteiligungen auf (keine einzige in 22 Einsätzen), wohl aber mit seiner Laufleistung (hinter Vladimir a.k.a. „die Lunge“ Darida ist Hartel in Sachen Laufdistanz auf Platz 2 zu finden). Nach dem Trainerwechsel in Bielefeld von Uwe Neuhaus hin zu Frank Kramer verlor Hartel jedoch seinen Stammplatz. So wurde dann auch nach Saisonende klar kommuniziert, dass er bei einem entsprechenden Angebot den Klub verlassen kann.

Blasphemie! Hartel tunnelt Jan-Philipp Kalla, im Hintergrund Marvin Knoll.
(imago images/via OneFootball)

Tor des Jahres und Aufstiegsgarant

Jetzt ist sicher: Der FC St. Pauli steigt diese Saison auf. Marcel Hartel ist mit Union Berlin und Arminia Bielelfeld aufgestiegen und da bekanntlich aller guten Dinge Drei sind, dürfen wir schonmal vorsichtig Getränke kaltstellen. Marcel Hartel hatte bei beiden Aufstiegen signifikanten Anteil am Erfolg.
Zwar ist er in den letzten Jahren nicht als Torjäger aufgefallen, aber das er Tore schießen kann, hat er mit diesem Tor des Monats (wurde sogar zum Tor des Jahres gewählt) bewiesen.
Ein Skills & Highlight-Video kann ich zu Marcel Hartel nicht liefern. Aber in einigen Videos habt ihr die Möglichkeit auch abseits des Platzes etwas über ihn zu erfahren (hier und hier zum Beispiel).

Interview(s)

Da bereits frühzeitig kommuniziert wurde, dass Hartel sich einen neuen Klub suchen darf, gab es auch bereits einige Wechselgerüchte. So führte eine Spur zu Schalke 04, die sich aber letztlich mit Eintracht Frankfurt und Rodrigo Zalazar einig geworden sind (was ja bereits einen Hinweis auf die Position von Hartel gibt). Mir persönlich ist nicht ganz klar, warum Hartel erst jetzt einen neuen Klub gefunden hat. Es wundert mich schon sehr, dass es da, vor allem in der zweiten Liga, anscheinend an Interessenten aus dem „obersten Regal“ gemangelt hat. Was auch immer im Hintergrund gelaufen ist, nun ist Marcel Hartel beim FC St. Pauli. Zeit, ihn mal besser kennenzulernen.

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Ein solcher Top-Transfer wie der von Marcel Hartel verlangt auch eine Top-Expertise, damit wir den Spieler besser einschätzen können. Hierzu habe ich gleich drei kurze Interviews geführt. Daniel Rossbach (textilvergehen) bietet die spieltaktisch basierte Einschätzung. Wenn es sowas wie eine „neutrale“ 2.Liga-Expertin gibt, dann wohl Eva-Lotte Bohle, die für den 2BundesligaPod die Liga begleitet – und so ganz nebenbei auch noch Arminia Bielefeld-Fan ist. Und schließlich liefert Tim Santen, der bereits einige Male im VdS/NdS-Podcast zu Gast war, noch einen Einblick in die letzten beiden Jahre von Marcel Hartel bei Arminia Bielefeld – und mit ihm beginnen wir dann auch.

BLASPHEMIE!!! Hartel tunnelt Schnecke erneut.
(imago images/via OneFootball)

Moin Tim, Marcel Hartel und der FC St. Pauli. Passt das?
Tim Santen: Ja, feiner Techniker, der das Publikum mitnehmen kann. Für Überraschungsmomente gut.

Hartel hat zuletzt seinen Stammplatz verloren. Warum? Meinst Du die 1.Liga ist etwas zu hoch für ihn?
Tim: Letztere Frage kann Antwort auf erste Frage sein. In der 1. Liga konnte er seine Qualitäten als Vorlagengeber leider nicht beweisen. Sicher spielt hier auch Tempo eine Rolle. Gegen die flinken Japaner Doan und später Okugawa hatte er das Nachsehen.

Was ist Marcel Hartel für ein Typ neben dem Platz?
Tim: Ich bin ihm nie persönlich begegnet, habe aber gehört, dass er sehr locker und flockig drauf ist. Selten um einen Spaß verlegen und gut an der Konsole. 

Moin Eva, Du kennst die 2.Liga ja nun wirklich gut – ist der Transfer ein Gewinn für beide Seiten?
Eva-Lotte Bohle: Ich glaube, dass Hartel sowohl menschlich als auch spielerisch gut zu St. Pauli passen könnte. Als Zweitligaverein mit einer gewissen Stabilität und einem längeren Aufenthalt in der Liga, die man aber auch irgendwann verlassen will, passt St. Pauli sehr gut ins Bild von Hartels letzten Stationen bei Union Berlin und eben bei Arminia.

Warum hat es mit Arminia Bielefeld nicht mehr gepasst?
Eva: Ich glaube, dass Marcel Hartel auf Dauer kein Stammspieler mehr in der Bundesliga sein wird. Das schien damals auch Unions Gedanke gewesen sein, und auch wenn Hartel unter Uwe Neuhaus 19 Spiele absolviert hat, zog er bei Frank Kramer im Positionsduell mit Arne Maier den Kürzeren. Spielerisch konnte er nicht mehr die gleiche Qualität abrufen wie noch in der 2. Liga, was auch daran liegen mag, dass die Teams der Bundesliga stärker und konsequenter im Pressing sind und Hartel an der ein oder anderen Stelle schlicht die Zeit fehlte, sein Spiel durchzuziehen und das zu einigen Ballverlusten führte. Hartel war für einige Zeit auch designierter Standardschütze beim DSC und das funktionierte leider überhaupt nicht.

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Meinst Du in der 2.Liga kommt er besser zurecht?
Eva: Auf jeden Fall. Das hat er sowohl bei Union als auch bei Arminia gut unter Beweis gestellt. St. Pauli hat ja auch gezeigt, dass sie mit kreativen Spielern im Mittelfeld gut umgehen können. Generell find ich St. Pauli auch ein besseres Team für ihn als Schalke, da Hartel meiner Meinung besser in Teams funktioniert, die keinen sehr großen Umbruch hinter sich haben.

Der FC St. Pauli sucht kurzfristig Verstärkung im offensiven Mittelfeld und langfristig auf der Acht. Kann Marcel Hartel beides spielen?
Eva: Ich glaube, dass die Acht für Hartel nicht wirklich realisierbar ist, ich habe ihn in Bielefeld auf der Position aber auch nie wirklich spielen sehen. Hartel ist zwar der angesprochene Kreativposten im Mittelfeld, der nicht fest auf einer Stelle stehen bleibt, auch mal nach hinten mitarbeitet, aber ein richtiger Achter ist er nominell nicht. Ob er das noch wirklich lernen kann, kann ich nicht abschließend beurteilen, in der Bundesliga blieb auf jeden Fall keine Zeit und keinen Raum ihn als Achter umzuschulen.

Was sind seine Stärken? Und wo kann er sich noch verbessern?
Eva: Seine Stärken sind auf jeden Fall Pässe in die Tiefe, sein Dribbling und seine hohe Passgenauigkeit im Mittelfeld. Er muss auf jeden Fall nochmal an seinen Standards und an seiner Schusstechnik feilen, seit dem wunderschönen Tor im Union-Trikot gegen Köln, ist ihm ähnliches leider nicht mehr geglückt 😉
Auch in der Defensivarbeit könnte er noch ein wenig an Konzentration zunehmen.

Moin Daniel, auch an dich die Frage: Marcel Hartel wechselt zum FC St. Pauli. Passt der Wechsel aus deiner Sicht?
Daniel Rossbach: Ich hab kein ganz genaues Bild davon, wie sich der FCSP-Kader zusammensetzt. Aber zumindest aus einer Perspektive passt das: Hartel hat sich in den letzten Jahren zu einer Art Simon Terodde im offensiven Mittelfeld entwickelt, also jemandem, der in der zweiten Liga sehr gutes individuelles Niveau hat und guten Mannschaften sehr helfen kann. Und soweit ich das einschätzen kann, passen auch seine Stärken ganz gut zu St. Pauli.

Was sind denn die Stärken von Marcel Hartel auf dem Platz?
Daniel: Diese Stärken bestehen nämlich einerseits darin spielerisch sehr aktiv und technisch auf Zweitliganiveau gut zu sein, andererseits ein großes Pensum abzuspulen. So ist er im Mittelfeld immer in Bewegung, fordert gerne den Ball und hat das Selbstbewusstsein, auch etwas verrückte Sachen damit zu probieren (jedenfalls war das in seiner Union-Zeit so). Diese Aktionen sind dann sehr quirlig und Hartel ist in der Lage, sich unter Druck spielerisch zu behaupten und so Raum und Möglichkeiten für seine Mannschaft zu schaffen.

Und wo kann er sich noch verbessern?
Daniel: Die Schwächen, die damit einhergehen, sind fast ein bisschen clichéehaft für einen solchen Spieler. Hartel hat bei diesen Aktionen nicht immer die Übersicht, in welche Räume hinein sie am effektivsten sind. Und Ballverluste dabei können gefährlich sein, auch wenn Hartel selbst auch defensiv engagiert ist. Und dir ist ja selbst schon aufgefallen, dass er torgefährlicher sein könnte – unbenommen der Tatsache, dass er eins der Top 5 Union-Tore aller Zeiten gemacht hat (gegen Köln).

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Warum hat Union ihn nach dem Aufstieg 2019 nicht gehalten?
Daniel: Das hatte glaube ich nicht nur mit ihm selbst zu tun, sondern auch damit, wie Union sich im Übergang in die erste Liga entwickelt hat. In der ersten Saison dort hat man einen sehr klaren Stil mit tiefer, aber aggressiver Verteidigung und wenig Ballvortrag vor allem im Zentrum gespielt. Für Spieler wie Hartel oder Akaki Gogia war da abzusehen, dass sie nicht allzu viel spielen würden.

Neben dem offensiven Mittelfeld kann der FC St. Pauli auch jemanden gebrauchen, der auf den Halbpositionen in der Raute spielen kann. Kann Hartel das?
Daniel: Gerade in Bielefeld hat Hartel tiefer gespielt als bei Union und das Spiel mehr in einer etwas tieferen/früheren Phase angetrieben. Ich habe nicht ganz genau beobachtet, wie das defensiv strukturiert war, kann mir aber schon vorstellen, dass das in so einer Position funktionieren kann. Dabei hilft auch das angesprochene Pensum: Hartel kann sehr viel laufen, auch in Verbindung mit Intensität. Das kann also vielleicht Defizite in defensiver Übersicht ausgleichen, idealerweise wenn es andere Leute im Team gibt, die dann diese mitbringen.

Liebe Eva, lieber Daniel, lieber Tim, vielen Dank für Eure Zeit!

Hartel im Dress von Arminia Bielfeld im Spiel gegen den SC Freiburg.
(imago images/via OneFootball)

Ein Hartel – zwei Positionen!

Mit der Verpflichtung von Marcel Hartel verstärkt sich der FC St. Pauli, keine Frage. Dabei ist gar nicht mal so klar auf welcher Position er sich verstärkt. Denn Hartel kann direkt im offensiven Mittelfeld helfen und ist damit als Ersatz für die längerfristig verletzten Lukas Daschner und Etienne Amenyido anzusehen. Allerdings: Was passiert, wenn Amenyido und Daschner fit sind? Und was ist mit Daniel-Kofi Kyereh? Marcel Hartel ist sicher nicht als Bankspieler zum FCSP gewechselt. Kurzfristig könnte er womöglich auf der Zehn aushelfen. Langfristig wird Marcel Hartel auf einer der beiden Halbpositionen in der Raute spielen, da bin ich sicher. Die Meldungen in vielen Medien, dass der FCSP nun einen Daschner-Ersatz verpflichtet hätte, sind also kein Quatsch, aber ziemlich irreführend. Denn es wird weder Marcel Hartel, noch Lukas Daschner gerecht, wenn diese Spieler miteinander verglichen werden.

Basierend auf den Worten von Eva, Tim und Daniel dürfen wir uns auf einen richtig starken Spieler freuen, der überdurchschnittliches Zweitliganiveau mitbringt. Mit 25 Jahren hat er zudem noch einige Jahre vor sich und trotzdem schon bewiesen, dass er einem Zweitligaklub enorm weiterhelfen kann. Timo Schultz sagte es zuletzt relativ deutlich, dass Transfers in der jetzigen Phase nur noch getätigt werden, wenn diese Spieler den FC St. Pauli qualitativ enorm verbessern. Vieles deutet darauf hin, dass das mit bei diesem Transfer der Fall ist.

Herzlich Willkommen am Millerntor, Marcel Hartel!

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//Tim

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3 thoughts on “Wer ist Marcel Hartel? – Ein Spielerprofil

  1. Klingt alles wirklich gut (Hut ab Herr Bornemann!), nun hoffen wir mal nur, das Hartel nicht wie der ja auch als Sofortverstärkung angekündigte Irvine erstmal wochenlang alleine seine Runden aufm Trainingsplatz dreht….

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