Vorbericht: SV Werder Bremen – FC St. Pauli (12.Spieltag, 21/22)

Vorbericht: SV Werder Bremen – FC St. Pauli (12.Spieltag, 21/22)

Es reiht sich aktuell Highlight an Highlight. Keine Woche ist es her, dass wir Hansa Rostock deklassierten, keine zwei Tage dann der historische Einzug ins Achtelfinale des DFB-Pokals. Nun folgt zum Abschluss der Englischen Woche ein weiteres: Das Auswärtsspiel bei Werder Bremen steht an. Dass das nicht einfach wird, versteht sich von selbst. Oder wird es einfacher als gedacht? Hinein in einen dem Spiel angemessen üppigen Vorbericht!
(Titelbild: Peter Böhmer)

Zur Vorbereitung empfehle ich wärmstens das „Vor dem Spiel“-Gespräch von Michael mit Christoph Pieper, dem ehemaligen Medienchef des FC St. Pauli, der inzwischen eine ähnliche Rolle bei Werder Bremen bekleidet.
Falls ihr mal die aktuelle Situation bei Werder Bremen und Debbies Stimme wieder hören wollt, dann hört mal beim Weserfunk rein.

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel vermeldete Timo Schultz, dass es einige Veränderungen im Vergleich zum Pokalspiel in Dresden in der Startelf geben könnte. Allerdings könnte das auch eine Nebelkerze sein, denn auch vor dem Pokalspiel deutete er an, dass es Veränderungen geben könnte. Das war allerdings bevor das Team 120 schwere Minuten in Dresden spielte, bei dem einige Spieler „über ihr Limit“ gegangen sind, wie Schultz sagt. Wechsel in der Startelf sind dieses Mal wahrscheinlicher, wenngleich ich nicht so richtig sehe, wer da wen ersetzen soll.

Sicher ist jedenfalls, dass Christopher Avevor, Jannes Wieckhoff und Lukas Daschner fehlen. Ebenfalls noch nicht einsatzbereit ist Eric Smith, der zwar wieder im Team-Training ist, aber wohl noch einige Schritte zu gehen hat.
Ansonsten gab es tatsächlich kein so wirkliches Personal-Update auf der PK. Ich rechne aber damit, dass es im Spieltagskader eher wenig Veränderungen geben wird.

SV Werder Bremen: Wer kann spielen, wer fehlt?

Ganz untypisch: Die Pressekonferenz von Werder Bremen ist bisher nicht frei verfügbar. Das ist übrigens der erste Klub, den ich im Vorbericht hab, bei dem das hinter Paywalls gehalten wird. Aber es gibt genügend Medien, die daraus Artikel gemacht haben (Deichstube (die haben gefühlt 20 Artikel aus der einen PK gemacht), kicker, etc.), sodass ich hier etwas zum Personal präsentieren kann:
Kapitän Ömer Toprak wird aufgrund seiner Wadenverletzung definitiv für das Spiel gegen den FCSP ausfallen. Zumindest ein Hintertürchen ließ Anfang bei Einsatzchancen von Sechser Christian Groß offen, der im September am Knie operiert wurde, aber bereits wieder mehr trainiert. Ebenfalls sicher ausfallen wird Talent Nick Woltemade, der am Fuß operiert wurde.

Fragezeichen stehen auch hinter Nicolai Rapp (Knöchelprobleme) und Marco Friedl (Sprunggelenk). Beide haben unter der Woche nicht voll mittrainiert und sind zumindest fraglich für das Spiel am Samstag. Das trifft auch auf Felix Agu zu, der aufgrund von Knieproblemen nur individuell trainierte unter der Woche.
Mit diesen fünf Spielern könnte eine gesamte defensive Achse wegbrechen. Ob Werder die ohne Weiteres auffangen kann, ist unklar. Immerhin: Leonardo Bittencourt hat gegen Sandhausen nach langer Verletzungspause wieder in der Startelf gestanden. Er setzte unter der Woche aufgrund von Belastungssteuerung teils mit dem Training aus, sollte aber einsatzbereit für Samstag sein.

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Begegneten sich im Sommer 2020 noch als Sportchefs eines Erst- und eines Zweitligisten: Andreas Bornemann und Frank Baumann.
(c) Peter Böhmer

Was hat Werder zu bieten?

Mal Himmel, mal Hölle, dazwischen eher wenig. Sicher ist eigentlich nur, dass Spiele mit Bremer Beteiligung ein echter Hingucker sind diese Saison. Nach mittelmäßigem Saisonstart konnte das Team in sechs Spielen dreimal mit 3:0 gewinnen, verlor aber auch dreimal (0:8 Tore). Zuletzt gab es ein glückliches 2:2 gegen Sandhausen. So steht das Team von Markus Anfang nach 11 Spieltagen irgendwo im Tabellenmittelfeld, aber sicher hinter den eigenen Erwartungen.

Dabei investiert Werder Bremen in den Spielen immer eine ganze Menge und statistisch gesehen spielen sie sehr erfolgreich: Die meisten Torschüsse (xG: Platz 2) und die zweitwenigsten gegnerischen Torschüsse (xG: Platz 8) zeigen, dass Werder teilweise deutlich unterperformed. Das passt dann auch mit den xPoints zusammen: Gute drei Punkte mehr könnte Werder anhand der Torwahrscheinlichkeiten bereits haben.

Haben sie aber nicht. Und das hat Gründe. Einer sind individuelle Fehler, die sich wie ein roter Faden durch die Saison ziehen. Da wäre zum Beispiel der wohl dämlichste Platzverweis seit langem von Christian Groß im Derby gegen den HSV oder haarsträubende Fehlpässe von Nicolai Rapp gegen Darmstadt oder Lars Lukas Mai und Marco Friedl zuletzt gegen Sandhausen. Die Verunsicherung, besonders im Spielaufbau, sie ist tatsächlich teilweise spürbar bei Werder Bremen.

Markus Anfang ist seit Saisonbeginn Trainer in Bremen.
(Martin Rose/Getty Images/via OneFootball)

Aber wie soll das auch schon alles wie geschnitten Brot laufen, wenn das Team eigentlich noch in einer Art Findungsphase ist? Der Transfersommer bei Werder Bremen war ziemlich wild und wichtige Säulen vom Saisonbeginn haben den Verein noch verlassen (Maxi Eggestein, Josh Sargent, Kevin Möhwald, Yuya Osako). Hinzu kommt ein neuer Trainer, der doch ziemlich viel verlangt von seinen Spielern. Schwer zu beantworten, ob Markus Anfang ein guter Trainer ist. Sicher ist aber, dass er ein dogmatischer Trainer ist, der sein Spiel unbedingt durchdrücken möchte. Er verlangt stets ein hohes Pressing und forciert immer den flachen Ball im Spielaufbau. Früher war das meist im 4-3-3, aber Werder Bremen hat bereits im 4-1-4-1, im 3-5-2 und 3-6-1 gespielt diese Saison. Zuletzt stellte Anfang gegen Sandhausen in der 2.Halbzeit auf zwei Stürmer um.
Ob dieser Fokus darauf das Spiel zu dominieren zum Kader passt, ist eine andere Frage. In Bremen fehlt es jedenfalls an spielerischer Sicherheit im Aufbau aus der Defensive. Das liegt auch daran, dass dem Klub definitiv ein Sechser fehlt. Der Abgang von Maxi Eggestein wurde schlicht nicht kompensiert, es fehlt auf dieser Position an Qualität. Gerade mit zwei Stürmern wie Ducksch und Füllkrug und technisch versierten Spielern wie Romano Schmid, Niklas Schmidt und Leonardo Bittencourt, schreit alles förmlich nach einer Mittelfeldraute. Denn so richtig gezündet haben die Spieler auf den offensiven Außenbahnen in den anderen Formationen noch nicht.

Auch Ende Oktober scheint Werder Bremen noch ein wenig auf der Suche nach dem für sich passenden Spielstil zu sein. Es fehlt an Kontinuität. Auch deshalb, da wichtige Spieler immer wieder verletzungsbedingt ausfallen, aber auch, da sich das Team in seinem Grundgerüst erst vor kurzem zusammengefunden hat.
Das klingt alles sehr negativ. Aber angesichts von nur sieben Punkten Rückstand auf Platz 3 und der Vielzahl an individuellen Fehlern, die abstellbar erscheinen, ist in Bremen deutlich mehr möglich, als Platz 10 in der Liga. Das Potenzial ist riesig.

Auf wen gilt es zu achten?

Vor weniger als drei Wochen hätte ich sofort „Niklas Schmidt“ geantwortet. Dabei war Schmidt vor Saisonbeginn aussortiert. Sportchef Frank Baumann verkündete, dass Werder nicht mit Schmidt plane. Innerhalb weniger Monate hat sich diese Sichtweise komplett verändert: Anfang Oktober verlängerte Niklas Schmidt seinen Vertrag bei Werder. Was ist da passiert?

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Ziemlich einfache Antwort: Schmidt hat in den ersten Spielen wahnsinnig gute Leistungen gezeigt. Leistungen, die der talentierte Rechtsfuß vorher nur andeutete in der Jugend von Werder, aber auch bei seiner Leihe nach Osnabrück (auch deshalb, da er körperlich nicht ganz so in Form war). Nun aber der extreme Leistungssprung zu Saisonbeginn. Zwar hat er diese Leistungen in den letzten Spielen nicht mehr ganz zeigen können, aber, wow, schaut Euch mal seine Radar-Grafik an:

Radar-Grafik von Niklas Schmidt nach 11 Spieltagen – Schmidt (Grün) vs. Median aller offensiven Mittelfeldspieler (Gelb).

Es muss erwähnt werden, dass Schmidt irgendwo zwischen der Achter- und der Zehner-Position angesiedelt ist. Die Vergleichswerte stammen aber vom Median aller offensiven Mittelfeldspieler. Gerade bei der Anzahl an Pässen und erhaltenen Pässen, aber auch bei den Kontakten im Strafraum passt dieser Vergleich nicht ganz so gut.
Trotzdem sind die Zahlen beeindruckend: Niklas Schmidt ist ein echtes Pass-Monster. Er spielt die meisten Pässe in den gegnerischen Strafraum, die zweitmeisten Schlüsselpässe (key passes – besser ist nur ein gewisser Daniel-Kofi Kyereh) und legt enorm viele Torschüsse auf. Wenn Niklas Schmidt wieder seine Leistungsstärke vom Saisonstart abrufen kann, dann ist Werder Bremen automatisch eine Klasse besser.

Aber was ist aus den vielen Torschussvorlagen geworden? Warum stellt Werder Bremen nach erzielten Toren nur die neuntbeste Offensive, obwohl sie nach xG die zweitbeste sind? Ein Teil der Antwort ist 3,5 Millionen Euro schwer. Marvin Ducksch ist sicher eine der schillerndsten Spieler der zweiten Liga, an dem sich die Geister scheiden. Die einen halten ihn für einen hochklassigen Stürmer, der Teams quasi im Alleingang in die erste Liga schießen kann. Die anderen, und da gehöre ich zu, halten ihn für überbewertet. Warum überbewertet? Wer enorm häufig auf das Tor schießt, der trifft halt auch ab und an mal.
Denn Marvin Ducksch und auch Niklas Füllkrug sind die ineffektivsten Stürmer der 2.Liga. Beide schießen enorm häufig aufs Tor: Ducksch knapp über, Füllkrug knapp unter vier Torschüssen pro Spiel – das bedeutet mit großem Abstand Platz 1 und 2 in der Liga. Der Ertrag ist dabei gering. Insgesamt fünf Treffer haben beide zusammen bisher erzielt (ohne Elfmeter), bei einem xG von fast zehn. Das ist deutlich zu wenig, bei Ducksch aber schon seit Jahren der Fall. Bei Füllkrug könnte nun nach seinem späten Ausgleichstor in Sandhausen der Knoten geplatzt sein. Sicher ist, dass ein Stürmer vom Format Burgstaller dem Bremer Kader sehr guttun würde.

Haarsträubende individuelle Fehler, ineffektive Stürmer, ein Trainer, der sein System durchpressen möchte – bei Werder Bremen läuft sicher nicht alles rund. Sollten sie aber auch nur eines der aktuellen Probleme in den Griff bekommen, werden sie ganz schnell ein Aufstiegskandidat.

Mögliche Aufstellung

Beim FC St. Pauli könnte es nach der kräftezehrenden Verlängerung in Dresden ein paar Wechsel geben. Da Werder Bremen rund die Hälfte seiner Gegentore in defensiven Umschaltmomenten kassierte und allgemein mehr Ballbesitz als der Gegner hat, tippe ich aber darauf, dass sich bis auf Smarsch nichts an der Startelf verändern wird, wenn alle Spieler fit sind. Ja, Rico Benatelli könnte auf die Sechs rücken. Aber das ergibt noch eher Sinn, wenn der FCSP viel Ballbesitz und weniger Umschaltmomente erwartet. Wenn es um reine Defensiv-aufgaben geht, dann kommt man an Aremu nicht vorbei (auch weil Smith noch nicht einsatzfähig ist). Ob Etienne Amenyido bereits in die Startelf rücken könnte? Ich denke nicht. Falls doch, könnte er als zweite Sturmspitze spielen (oder auf der Kyereh-Position, wenn der nach vorne rückt).

Ob Finn Ole Becker wieder in die Startelf kommen könnte, dürfte auch davon abhängen, wieviel Physis das Trainerteam bei Werder Bremen im Mittelfeld ausmacht. Sollte da einiges vorhanden sein, dann dürfte Jackson Irvine den Vorzug erhalten. Sollte das nicht so sein (wenn z.B. der angeschlagene Rapp nicht spielt), dann rechne ich mit Becker.
Ein Fragezeichen setze ich mal hinter Luca Zander, der gegen Dresden ausgewechselt wurde. Für ihn kam Adam Dźwigała ins Spiel. Das wäre wohl auch die erste Option in Bremen, da Sebastian Ohlsson seit März keine einzige Minute auf dem Platz stand.

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Ich kann mir gut vorstellen, dass Markus Anfang eine Doppelspitze mit Ducksch und Füllkrug von der Leine lässt (auf der Pressekonferenz war das jedenfalls durchaus Thema). Gegen Sandhausen standen beide zusammen auf dem Feld und es war dann tatsächlich eine Mittelfeldraute, die sich dahinter bildete. Das würde schon ganz gut passen und der Druck etwas zu verändern ist groß in Bremen, daher gehe ich mal davon aus, dass das auch passieren wird.
Timo Schultz scheint mit seinem Team jedenfalls auf alle Varianten vorbereitet. Er hebt auf der PK hervor, dass sein Team inzwischen sehr gut und flexibel auf die Formationen der Gegner reagieren kann.

So. Es ist angerichtet. Nach einer wirklich kurzen Verschnaufpause einer wirklich aufregenden Englischen Woche, wird der FC St. Pauli in Bremen antreten, flankiert von gut 4.000 Fans. Es ist zweifelsohne eines der Highlights der Saison, auch deshalb, da viele, so etwa 8.000 Personen, den Trip nach Bremen mit einem Auswärtsspiel in der Aufstiegssaison 2007 verbinden, als der FCSP mit einem 2:0-Auswärtserfolg die Tabellenspitze übernahm. Auf der PK haben wir Timo nach dem Spiel befragt, bei dem er damals getroffen hat. Schöne, sehr schöne Erinnerungen.
Wer hätte vor der Saison gedacht, dass bei diesem Duell am 11.Spieltag der Gast der Tabellenführer im Weserstadion sein wird und nicht der Gastgeber? Es fühlt sich definitiv unwirklich an, dass man als Fan des FC St. Pauli aktuell nicht neidisch zu anderen Zweitligaklubs schauen muss. Aber auch wenn es unwirklich erscheint: Die Tabellenführung gilt es zu verteidigen!

Forza!

//Tim

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(Sofern nicht anderweitig markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout)

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