Thees #6: Brief an Jakov

Thees #6: Brief an Jakov

„Die Tränen der Giganten sind die Seen, in denen wir uns erkennen und erneuern.“
Das sind ganz normale Sätze, die ich denke, nachdem ich aufgewacht bin.
Von Thees Uhlmann // (Titelbild: Justus P.)

Lieber Jakov Medic, Du bist mit einer der Geilsten von der ganzen Welt.
Ich sag Dir jetzt mal was.
Leute, bei denen immer alles klappt, finde ich langweilig.
Es interessiert mich einfach nicht.

Scheitern und Verdammnis

Zum Beispiel dieser Satz jetzt hier:
„Meine intelligenten, braven Kinder spielen schon ganz schön gut Golf hinter unserem schönen, renovierten Haus, während mein gut aussehender Mann mit seinem Hybrid-Oldtimer die Auffahrt hochfährt und sagt, dass er jetzt noch mehr verdient im Anti-Atomkraft-Konzern!“
Es schnürt mir schon den Hals zu, wenn ich diesen Satz nur lese. Und ich habe ihn geschrieben.

Hingegen ganz anders ist folgender Satz:
„Jakov weinte nach dem Spiel, bei dem er ausrutschte, weil die Unionen den Rasen mit Rapsöl einschmierten, damit sie überhaupt gewinnen konnten, während ich schrie: ‚Lieber so, als Ihr!'“

Jakov Medić nach dem Spiel bei Union Berlin.
Jakov Medić, Herz am rechten Fleck. Rapsöl ist scheiße. // (c) Peter Böhmer

Sowas lieben wir. Scheitern und Verdammnis. Charakterliche Stärke und emotionale Grenzenlosigkeit.
Ich sagte es ja schon immer: Wenn man weint, wringt sich die Seele aus. Und das ist ja auch gut so.
Ich kenne es genau so nur anders, lieber Jakov.

Werbung

Beruflich mache ich Musik und das am liebsten auf Tour. Jeden Abend dasselbe, nur in einer anderen Stadt.
Genau wie Fußball.
Wenn das Konzert super war, stehen wir noch zusammen und freuen uns und grölen rum. 
Wie beim Fußball.
Es gibt auch Fans, die freuen sich, wenn wir spielen. Dann klatschen sie und singen mit und trinken Bier dabei.
Wie beim Fußball.
Und dann steigen wir in einen Bus und fahren weg, vergessen den Ort in seiner Architektur und Geografie und fokussieren uns auf die nächste Stadt, ohne aber das Ergebnis des Abends zu vergessen.
Wie beim Fußball.

„Abgase hinterm Tourbus“ – Die neue Kettcar

Aber ich muss Dir eine Sache sagen.
Wenn ich lange auf Tour bin, dann kann ich das gar nicht glauben, dass ich das machen kann und darf, was ich so sehr liebe. Es ist eigentlich zu viel für meine Psyche. Die Freude darüber, dass ich das mache, ist zu groß, als das ich es eigentlich begreifen kann. Noch immer, nach all den Jahren.
Und es wird immer schlimmer!

Und dann, kurz bevor der Bus losfährt – und er fährt IMMER pünktlich los, da ist nix mit Rock ´n Roll,  „Nur noch fünf Minuten!“ oder sowas – also kurz bevor der Bus losfährt, gehe ich manchmal einfach hinter den Bus, wo es so doll nach Abgasen riecht, dass man auf jeden Fall alleine ist und dann stehe ich da rum, mit einem Bier in der Hand und dann weine ich einfach. Okay, sagen wir es ehrlich, ich heule.

Simon Makienok tröstet Jakov Medić.
„Du musst das mal so sehen: Mir hat Thees noch nie ’nen Brief geschrieben!“ // (c) Peter Böhmer

Ich stehe da rum, weiß nicht, welches Gefühl ich gerade habe. Ich weiß nur, dass es zu viel ist und ziehe den Rotz hoch und heule.
Dann hupt der Bus einmal und ich weiß, dass wir jetzt echt los müssen und dann komm ich in den Bus und alle wissen, was ich gemacht habe und ich weiß, dass mich meine Band genau so in den Arm nimmt, wie Simon Makienok Dich am Dienstagabend, auch wenn sie alle sitzen bleiben und mich anschauen und dann einer sagt: „Na, Uhliwitsch! Hast‘ wieder geheult?“ Und dann lachen wir alle. Aus Freundschaft und weil ich ein wenig einen an der Marmel habe.

Schön ist das immer.
Und deswegen bin ich auch so abgegangen, als ich dich und euch aus 1910 Metern Entfernung im Köpenicker Stadion gesehen habe.
Das wird einer meiner großen St. Pauli Momente meines Lebens gewesen sein werden. Das war mir in einer Sekunde bewusst. Und dafür möchte ich Dir danken.

Werbung

Siegen wäre natürlich auch super gewesen, aber auf der anderen Seite… Scheiß` doch der Hund drauf!

Jemandem zu zusehen, während er das tut, was er liebt, ist immer super. Und wenn er dann noch scheitert und man ein universelles „FUCK OFF!“ spüren kann und die Seele einfach nicht mehr hinterherkommt, dann hat das für mich etwas Sakrales und Schönes.
Es macht uns zum Mensch und zur Person. Und ich finde es ganz toll, dass du diese Person bist, die für unseren geliebten Fußballverein Fußball spielt.

Solche Leute brauchen wir. Solche Leute brauchen wir alle.
Renne weiter, junger Jedi. Innenverteidige erneuert und mutig im Angesicht des Erlebten.
„It takes a Nation of Millions of Arschlöcher to hold you back!“ Frei nach Public Enemy.

Zehn Spiele haben wir noch und diese zehn Spiele werden Deine. Durch Verlust zum Ganzen.
Alleine in der Sonne zu stehen ist nach fünf Minuten langweilig. Aber zu elft die Sonne zum Scheinen zu bringen – das ist das, was es ist.
It is what it is!
Viel Glück, Jakov!
Immer der Deine, Dein Kumpel von hinter dem Bus!

Szene – News:

St. Pauli Grafik-Legende „Kriller“ (Ex-Splitter, Ex-Übersteiger, Erfinder des Millernton Logos!) war auch beim Pokalspiel in Köpenick und danach traf man sich durch Zufall noch in trauter Runde auf wirklich nur ein Bier in der Szene Kneipe „Köpenicker Bierstube“. Da gehen wir jetzt immer hin!

Werbung

Unterwegs waren MillernTon fast komplett, Regierung, Torten-Dirk, Al Pacino von der Veddel und ich. 
Treffe ich da den Kriller nach Jahren wieder und wenn man da dann so am Tresen ist und wenn man sich richtig freut dann kann man ja gar nix sagen außer:
„Ja geiiiiiiiel!“
und
„Ödi!“
und
„Du hier und nicht im Hard Rock Café Marzahn?“
und
„Ist das schön Dich endlich mal wieder zu sehen!“

Drei gut aussehende Menschen in einer Berliner Kneipe.
Legenden-Foto! (Die Fähnchen durften wir nicht abnehmen, hat Hilti gesagt.) // (c) Debbie

Er sagte dann noch: „Hier, Kolumnen Foto von Dir mit Ewald… Hab ich erstmal den Schweißfleck von der Nase weggemacht, weil der aussah, wie ein Eiterpickel und die roten Augen hab ich auch retouchiert!“
Ich: „Was ist retouchiert?“
Er: „Weg gemacht!“
Ich: „Geil!“
Er: „Ich weiß!“

Und ich hab ihm nicht gesagt, dass er noch genau aussieht wie vor 20 Jahren und das er immer noch diesen jugendlichen Bewegungszyklus in sich hat, der mich total fasziniert. Unter 100 Menschen würde ich einen Kriller sofort erkennen bei „Wetten dass…?“.
Und irgendwie finde ich das WUN-DER-SCHÖN!

Ich habe zu viele Gefühle, aber es ist mir egal.
Mehr zum Union-Spiel nach dem Sieg gegen Karlsruhe.
Ein universelles Fuck off und viele Grüße an alle, die das hier lesen und an St. Pauli!
Euer Thees!

MillernTon auf Twitter // YouTube // Facebook // Instagram

Wenn Dir gefällt was wir hier tun, findest Du hier die Infos dazu, wie Du uns unterstützen kannst.

Werbung
Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.