Der Fall Jatta – ein unwürdiges Schauspiel

Der Fall Jatta – ein unwürdiges Schauspiel

Es dürfte ein Novum sein, aber jetzt gerade sind wir beim MillernTon der Überzeugung, dass wir einen Artikel über einen Spieler des Hamburger SV schreiben müssen. Um unsere Solidarität mit Bakery Jatta auszudrücken. Denn es geht bei der ganzen Sache um viel mehr als um die Vereinszugehörigkeit. Der Fall Bakery Jatta ist vielmehr ein trauriges Schauspiel, bei dem es schon lange nicht mehr um den Menschen ging.

Heute, am 08. März, wurde verkündet, dass das Amtsgericht Altona die Eröffnung des Hauptverfahrens ablehnt. Damit gilt Bakery Jatta nun auch offiziell als unschuldig. Und damit endet dann hoffentlich eine beispiellose und ekelhafte Hexenjagd, die vor gut zweieinhalb Jahren begann.

August 2019 – Jatta oder Daffeh?

Es war die „Sport Bild“ (manch eine*r mag sagen: wer auch sonst?), die am 07. August titelte: „Spielt HSV-Star Jatta mit falscher Identität?“ und damit einen Stein ins Rollen brachte, der von vielen Seiten unrühmliche Reaktionen nach sich zog. Bakery Jatta wurde öffentlich enorm angegangen. Der HSV hingegen stellte sich vor seinen Spieler. Sportvorstand Jonas Boldt erklärte am 08. August: „Ich persönlich finde es unglaublich und erschütternd, dass sich unser Spieler wegen dieser öffentlichen Diskussion teilweise einem gesellschaftlichen Spießrutenlauf ausgesetzt sieht.

Anders sahen das die Verantwortlichen aus Nürnberg, Bochum und Karlsruhe, die Protest gegen die Wertung ihrer Spiele gegen den HSV einlegten. Und bevor hier jetzt jemand meint, das hätten alle gemacht, schaut mal, wie sich Darmstadt 98 dazu äußerte, die ebenfalls gegen den HSV gespielt haben.
Den unrühmlichen Höhepunkt der Proteste gegnerischer Klubs setzte dann wohl der 1. FC Nürnberg, der Ende August selbst einen Kronzeugen präsentierte, der die Falschangaben von Jatta bestätigen sollte. Einen Tag zuvor hatte die DFL verkündet, dass die Spielberechtigung Jattas „aktuell ihre Gültigkeit“ behalte.

September 2019 – Ermittlungen eingestellt

Am 02. September verkündete das Bezirksamt Hamburg-Mitte, dass die Ermittlungen gegen Bakery Jatta eingestellt wurden. Aus den „vorliegenden Unterlagen gehen keine belastbaren Anhaltspunkte hervor“ sagte damals Bezirksamtleiter Falko Droßmann.
Das hatte dann auch Auswirkungen auf die Proteste gegen die Spielwertung aus Nürnberg, Bochum und Karlsruhe, die allesamt zurückgezogen wurden. Auch Hannover 96 verkündete am gleichen Tag, dass kein Protest gegen die Spielwertung eingelegt werde (ob das jetzt ehrenwert ist, dürft ihr selbst entscheiden).
Der Fall Jatta schien abgeschlossen, weil auch Gambias Behörden die Identität Jattas bestätigt hatten.
Die Medien aus dem Hause Axel Springer ließen in der Berichterstattung aber nicht locker und legten weitere „sogenannte Beweise“ vor (u. a. eine Mail-Adresse mit der Jatta sich 2015 bei den Behörden gemeldet habe), die die Identität Jattas in Zweifel ziehen sollten.

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Januar/Juli 2020 – Ermittlungsverfahren und Hausdurchsuchung

Erst im Juli 2020 wurde bekannt, was bereits Anfang Januar 2020 passierte: Die sogenannte „Gemeinschaft Besorgter Bürger“ stellte Strafanzeige gegen den HSV, den damaligen Trainer Dieter Hecking und den DFB. Als Grund wurde die Vertuschung einer Straftat genannt (Abendblatt (€)). Anfang Januar eröffnete die Staatsanwaltschaft Hamburg ein Ermittlungsverfahren. Neue Indizien soll es zu diesem Zeitpunkt laut Abendblatt jedoch nicht gegeben haben. Das wirft natürlich die Frage auf, warum die Ermittlungen überhaupt wieder aufgenommen wurden. Immerhin wurde die Identität Jattas von mehreren behördlichen Stellen bestätigt.

Noch mehr Fragen wirft die Art und Weise der Ermittlungen auf. Die wurden nämlich mit außerordentlichem Eifer betrieben. Das Universitätsklinikum Freiburg wurde von der Hamburger Staatsanwaltschaft beauftragt bei der Identitätsklärung von Jatta ein Gutachten zu erstellen. „Unverhältnismäßig und übereifrignannte Deniz Celik, Abgeordneter der Partei DIE LINKE in der Hamburger Bürgerschaft dieses Vorgehen (der auch eine kleine Anfrage hierzu an den Senat stellte, die größtenteils unbeantwortet blieb). Oder um es in den Worten von taz-Redakteur Johannes Kopp auszudrücken: „Meist geht es um Mord und Totschlag, wenn das kleine Institut in Freiburg in Straffällen angefragt wird.

Anfang Juli 2020 gab es dann eine Hausdurchsuchung bei Bakery Jatta, da „Ermittlungen den Verdacht gestützt haben, dass er falsche Personalien benutzt hat“, wie Staatsanwältin Liddy Oechtering sagte. Völlig verstörend: Die Bild-Zeitung wusste von der Durchsuchung und berichtete live vor Ort. „Absolut inakzeptabel“ nannte das Gerhard Strate, der im Auftrag des HSV mit dem Fall betraut war (Abendblatt (€)).

Deutschland, Hamburg, 16.09.2019, Fussball 2.Bundesliga 6.Spieltag, FC St. Pauli - Hamburger SV im Millerntor-Stadion Sebastian Ohlsson (FC St. Pauli) im Zweikampf mit Bakery Jatta (Hamburger SV)
Trikotfarbe ist bei dieser Sache egal: Volle Solidarität mit Bakery Jatta!
(c) Peter Böhmer

2021 – Bewegungsprofil und Strafverfahren

Im Mai 2021 wurde publik, dass laut Gutachten aus Freiburg Jatta und Daffeh mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ ein und dieselbe Person seien. Wie aussagekräftig dieses Gutachten ist, zeigte sich dann heute, also im März 2022.
Für die Staatsanwaltschaft schien es auszureichen. Sie erhob im Dezember 2021 Anklage gegen Bakery Jatta. Dabei werden Jatta mehrere „Vergehen gegen das Aufenthaltsgesetz“ und „mittelbare Falschbeurkundung“ vorgeworfen. Hierzu äußerte sich Jattas Anwalt Thomas Bliwier im Hamburger Abendblatt (€) und wurde dabei deutlich:

Bereits das Bezirksamt hat die Echtheit der Dokumente meines Mandanten eingehend geprüft. Nach wie vor sind uns keine begründeten Zweifel an der Authentizität bekannt. Aus meiner Sicht gibt es insgesamt keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage.

Jatta-Anwalt Thomas Bliwier zum Abendblatt (€)

Klar war allerdings im Dezember 2021: Sollte das Gericht die Anklage gegen Bakery Jatta zulassen, so drohen ihm im schlimmsten Fall Gefängnis, Verlust des Aufenthaltstitels und die Abschiebung. Auch der DFB führte sein Ermittlungsverfahren fort, wollte aber erstmal das Ergebnis des staatlichen Verfahrens abwarten.

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März 2022 – Verfahrenseröffnung abgelehnt

Heute, am 08. März, dann die Erklärung vom Hamburger Oberlandesgericht: „Das Amtsgericht Hamburg-Altona hat die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt, da es nach dem vorliegenden Ermittlungsergebnis keinen hinreichenden Tatverdacht gegen den Angeschuldigten sieht. Nach Auffassung des Amtsgerichts besteht keine überwiegende Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Angeschuldigte über seine Identität getäuscht hat.“ – Die Eröffnung des Hauptverfahrens ist abgelehnt. Bakery Jatta ist damit offiziell unschuldig.

Laut Abendblatt (€) steht in dem Beschluss noch einiges, was die Staatsanwaltschaft nicht in gutem Licht dastehen lässt: „Die Staatsanwaltschaft ist jeglichen gerichtsverwertbaren Nachweis einer Geburt des Angeschuldigten am 6.11.1995 (Daffehs Geburtsdatum; d. Red.) schuldig geblieben.„. Auch das Gutachten aus Freiburg reiche nicht aus. Entsprechend trage das „Ermittlungsergebnis (…) die Tatvorwürfe nicht“ und eine „Anordnung von Nachermittlungen ist nicht veranlasst.„.
Der ganze „Übereifer“ der Hamburger Staatsanwaltschaft scheint damit erfolglos geblieben. Bakery Jatta ist und bleibt Bakery Jatta.

Solidarität mit Bakery Jatta und vielen weiteren!

Das ist dann hoffentlich das Ende eines unrühmlichen Schauspiels. Ich möchte gar nicht wissen, wie es Bakery Jatta in den letzten zweieinhalb Jahren ergangen ist. Die Art und Weise, wie die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen vorantrieb, wirken schlicht erschütternd und werfen einige Fragen auf, woher dieser Ermittlungseifer samt unverhältnismäßiger Bewegungs-Analyse kam. Vielerorts wurde das ganze Geschehen als „Kampagne“ gegen Jatta bezeichnet (oder wenn man es auf die Springer-Presse bezieht: „kampagnenhafte Verdachtsberichterstattung“). Jatta selbst nannte es eine „Hexenjagd„. Beide Begriffe treffen es sehr gut, finde ich.

Mich bewegt bei dem Thema vor allem eines: Wie wäre diese Geschichte wohl ausgegangen, wenn Menschen nicht die große Solidarität erfahren würden, wie Bakery Jatta es tat? Wie wäre entschieden worden, wenn dieser Fall nicht in der Öffentlichkeit stattgefunden hätte? Vermutlich wäre es Jatta anders ergangen, so wie vielen jungen Flüchtlingen, die aktuell um ihren Aufenthaltstitel bangen.
Die volle Solidarität mit Bakery Jatta bedeutet daher auch die volle Solidarität mit all jenen, die nicht von großen Klubs und Star-Anwälten verteidigt werden können. Die volle Solidarität gilt jenen, die sich Aufenthaltsgesetzen in Deutschland ausgesetzt sehen, die nicht wenige als menschenfeindlich bezeichnen. Viele Menschen suchen in größter Not Hilfe (wie es auch jetzt wieder der Fall ist). Im Fall von Bakery Jatta und auch vielen anderen, nicht-öffentlichen Fällen, werden Menschen anscheinend eher traumatisiert, als dass ihnen Hilfe zukommt. Das finde ich unerträglich.
Ich hoffe sehr, dass Bakery Jatta nun endlich in Hamburg eine Heimat gefunden hat.

Kein Mensch ist illegal!
//Tim

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5 thoughts on “Der Fall Jatta – ein unwürdiges Schauspiel

  1. Danke für deinen Artikel Tim, dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.
    Es ist schon befremdlich womit sich Ermittlungsbehörden intensiv beschäftigen und womit eben nicht.

    Forza

  2. Danke für Euren Artikel. Leider spinnt die Bild-Zeitung schön wieder, siehe aktuelle Aufforderung an Jatta. Die machen alles um Geld zu verdienen

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