FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg 3:2 – Erfolgreiche Standortbestimmung

FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg 3:2 – Erfolgreiche Standortbestimmung

Der FC St. Pauli schlägt den 1. FC Nürnberg zum Saisonauftakt mit 3:2. Dabei überzeugte das Team vor allem mit einer gnadenlosen Effizienz in der ersten Halbzeit, zeigte aber auch, dass es in einigen Bereichen noch Luft nach oben gibt.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Ja, es war etwas schwieriger „in Stimmung“ für die neue Saison zu kommen. Viel früher als sonst, war die Sommerpause vorbei. Entsprechend müde waren nicht wenige in den Tagen zuvor. Aber spätestens, als das „Herz von St. Pauli“ lief, wurde zumindest mir bewusst, dass ich dann doch wieder richtig Bock auf Fußball habe. Ich wurde nicht enttäuscht.

Die Aufstellung

Wie erwartet, aber umso besser, gab es keine Veränderungen in der Startelf des FC St. Pauli im Vergleich zum letzten Testspiel gegen NK Istra gab. Das hieß auch, dass Adam Dźwigałas Oberschenkelprobleme nicht so gravierend waren und er starten konnte. Einen Tag nach seiner Verpflichtung war Betim Fazliji direkt im Kader, was ebenfalls aufgrund der dünnen Besetzung der Innenverteidigung nicht unwichtig gewesen sein dürfte. Kurz vor Ende feierte er sein Debüt, wie auch viele andere neue Gesichter beim FCSP. Willkommen auf St. Pauli, Betim, Manolis, Johannes, David und Carlo!

Nicht ganz, aber fast unverändert war die Startelf des 1. FC Nürnberg im Vergleich zu deren letztem Testspiel (gegen Arsenal). Taylan Duman ersetzte Johannes Geis in der Startelf. Er rückte auf die Acht und Fabian Nürnberger ersetzte Geis auf der Sechser-Position.
Beide Teams starteten nominell in einem 4-4-2 mit einem Drachenviereck im Mittelfeld (ja, neuer Begriff, anstelle von „Raute“ – passt nicht nur geometrisch besser, sondern ich kann dann auch auf einen ungeliebten Begriff verzichten…).

Aufstellung beim Spiel zwischen dem FC St. Pauli und dem 1. FC Nürnberg
Die Formation des FCN ist schwierig in ein Schema zu pressen, da Taylan Duman immer wieder nach außen und Nürnberger in den Sechserraum driftete und aus dem Drachenviereck daher eher ein 4-2-2-2 geworden ist.

Allerdings schränke ich das mit der gleichen Formation sofort wieder etwas ein. Denn die ersten Minuten zeigten, dass sich Tempelmann und Nürnberger beide eher im Sechserraum aufhielten und Duman zusammen mit Møller Dæhli offensiver agierte und breiter zog. Die Formation war dann besonders offensiv eher ein 4-2-2-2. Die Positionierung von Duman und Møller Dæhli auf Außen ist übrigens das, was FCN-Trainer Robert Klauß gerne als „breitziehende Zehn“ bezeichnet.

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Die ersten Minuten begann der FC St. Pauli druckvoll, aber mit zunehmender Spieldauer in der ersten Halbzeit konnte der FCN die Spielkontrolle übernehmen. Das lag auch daran, dass der FCSP in seinem Pressingverhalten etwas mehr Dynamik hätte bringen können. Grundsätzlich stellte sich das Team abwartend auf, rückte aber vor sobald der FCN im Aufbau vom Außenverteidiger in Richtung Innenverteidiger passte. Die Zuordnung war dabei sehr klar und alles war bereit, um den FCN vor massive Probleme zu stellen. In den ersten 25 Minuten gelang es den Nürnbergern aber mehrfach sich aus diesem Pressing kontrolliert zu befreien und sie konnten sich dadurch ein optisches Übergewicht erspielen.

„Luftraum kontrollieren“

Für mich war dieser Spieltag auch deshalb besonders, da ich nun vor den Heimspielen immer im Studio1910 als Experte zugange bin und dort meine Einschätzungen zur Taktik abgeben darf. Das hat zum Auftakt sehr großen Spaß gemacht. Ein Element in der Analyse vor dem Spiel sind die „ways to win“, bei denen ich versuche die drei zentralen Punkte für den FC St. Pauli auszuarbeiten, um dieses Spiel erfolgreich zu gestalten. Einer der Punkte war „Luftraum kontrollieren“ – denn im Gegensatz zu vielen anderen Gegnern ist der FCN etwas schwächer im Kopfballspiel einzuschätzen als der FCSP.

So habe ich mich dann sehr darüber gefreut, als Jackson Irvine Mitte der ersten Halbzeit die Führung per Kopf nach einem Paqarada-Freistoß erzielte. Der FCSP hatte sich in den Minuten vorher ein wenig freischwimmen können.
Und so ging es weiter: Nach einem wahrlich fantastischem Angriff über die linke Seite war es Daschner, der traumhaft sicher mit seinen Kollegen kombinierte und letztlich auch gefoult wurde (wobei das wohl Ansichtssache sein dürfte). Den fälligen Elfmeter verwandelte Paqarada gekonnt – 2:0! In einem Spiel, welches eher wackelig vom FC St. Pauli startete, war es die eigene Effizienz, die in dieser Phase half.

Es gibt gute Gründe, nach dem Verkauf von Daniel-Kofi Kyereh etwas Zweifel an der offensiven Power des FCSP zu haben. Ein einziges Spiel dürfte da sicher auch nicht alle Zweifel ausräumen. Aber was Lukas Daschner da technisch vor dem 3:0 veranstaltete (auch, wenn es bei der Aktion nur Begleitschutz aus Nürnberg gab), dürfte vielen die Augen geöffnet haben, dass es da im Kader einen Spieler gibt, der ebenfalls für ganz besondere Momente im Spiel verantwortlich sein kann. Solche Aktionen macht er eigentlich fast jedes Mal, wenn ich ihn beim Training an der Kollaustraße beobachte. Schön, dass es nun endlich auch mal im Spiel geklappt hat. Was für ein wundervolles Tor zum 3:0! Was für eine wundervolle erste Halbzeit…

Deutschland, Hamburg, 16.07.2022, Fussball 2. Bundesliga 1. Spieltag, FC St. Pauli - 1. FC Nuernberg im Millerntor-Stadion Jubel bei Lukas Daschner (FC St. Pauli) nach seinem Tor zum 3:0
Was für ein Auftakt von Lukas Daschner! // (c) Peter Böhmer

Spielkontrolle, ohne Offensivaktionen

…und was für ein mieser Start in die zweite Halbzeit! Kaum angepfiffen, tauchte Duah frei am rechten Sechzehnereck nach Nürnberger-Pass (haha, doppeldeutig) auf und legte den Ball ins lange Eck.
Der 1. FC Nürnberg hatte in der Pause umgestellt: Klauß brachte Wekesser anstelle von Duman und das Team formierte sich fortan in einem 3-5-2. Handwerker rückte auf die Position des linken Innenverteidigers, Wekesser und Gyamerah agierten als Flügelverteidiger. Robert Klauß erklärte diese Umstellung auf der Pressekonferenz nach dem Spiel:

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„Wir hatten diese Überlegung schon vor dem Spiel, haben hier letzte Saison auch mit einer Dreierkette gespielt. Johannes Geis ist über Nacht ausgefallen und wir hatten bereits überlegt, ob wir direkt umstellen, da ansonsten nicht jeder Spieler auf seiner besten Position spielen würde. Mit der Umstellung wollten wir ein bisschen mehr Präsenz in der letzten Linie haben und hinten konnten die Spieler zu dritt etwas breiter stehen im Aufbau und hatten weniger Druck. Hinten haben wir dann 3-gegen-3 gespielt, aber das Risiko mussten wir dann mit dem Rückstand in Kauf nehmen.“

Robert Klauß über die Umstellung auf eine Dreierkette in der Halbzeit.

In den ersten Minuten konnte der FCN damit mehr Ballbesitz generieren, aber das dürfte zum Teil auch daran gelegen haben, dass der FCSP nun vermehrt auf Umschaltmomente setzte, die dann auch teilweise gefährlich wurden. Was aber durch diese Umstellung viel klarer wurde, war die defensive Positionierung des FC St. Pauli: Wenn das Team nicht gerade auf günstige Pressingmomente lauerte, sondern etwas tiefer agierte, dann formierte es sich in einem 4-4-2 mit Irvine als Sechser neben Smith und Daschner, der den rechten Part der Viererkette im Mittelfeld einnahm. Schon kurz nach der Winterpause der letzten Saison hatte das Team sich häufiger so formiert. Nun wirkte das alles aber etwas besser strukturiert.

Aufstellung FCSPFCN zweite Halbzeit
Zur zweiten Halbzeit stellte der 1. FC Nürnberg auf ein 3-1-4-2 um. Der FC St. Pauli blieb bei seiner angestammten Formation.

Und wie auch schon in der ersten Halbzeit gelang es dem FCSP mit zunehmender Spieldauer der Hälfte mehr und mehr die Kontrolle zu erlangen. Hierfür ist vor allem die „alte Garde“ des FCSP verantwortlich gewesen. Eric Smith, Marcel Hartel, Leart Paqarada und Jackson Irvine gelang es das Spiel zu beruhigen. Ihnen gelang es, das Pressing des FCN zu kontrollieren bzw. ins Leere laufen zu lassen und so konnte der FCSP vor allem wichtige Zeit von der Uhr nehmen.

Das „Zeitspiel“ in Form von Ballkontrolle gelang, ohne, dass sich der FCSP viel in der Offensive zeigte. Ich wage mal die These, dass das Team durchaus mehr Offensivaktionen hätte erzwingen wollen, es aber nicht so wirklich gelang. Timo Schultz sagte auf der PK nach dem Spiel aber, dass es sich bei der Spielweise auch immer um eine Risikoabwägung handele, also bei der Frage, wann der Pass in die Offensive kommen soll und wann nicht. Mit einer Führung im Rücken dürfte da die Risikobereitschaft etwas geringer geworden sein.

Aber wenige Offensivaktionen hatte auch der FCN, für den dieser Auftritt am Millerntor sicher auch etwas enttäuschend gewesen ist.
Ziemlich unnötig war dann, dass Nürnberg in der Nachspielzeit noch den Anschluss schaffte, als Medić mit dem Kopf zurück zu Smarsch legen wollte, stattdessen aber dem eingewechselten Valentini eine ziemlich gute Vorlage lieferte. Kurz danach war glücklicherweise Schluss, sodass es gar nicht erst noch zu einer großen Zitterpartie kam.

Deutschland, Hamburg, 16.07.2022, Fussball 2. Bundesliga 1. Spieltag, FC St. Pauli - 1. FC Nuernberg im Millerntor-Stadion Schlussjubel bei der Mannschaft vom FC St. Pauli - Jackson Irvine (FC St. Pauli) - Adam Dzwigala (FC St. Pauli)
3:2 gegen ein Top-Team der Liga gewonnen und trotzdem noch Luft nach oben – Ein gelungener Saisonauftakt des FC St. Pauli. // (c) Peter Böhmer

Der Saisonauftakt ist damit geglückt. Gerade gegen Ende der ersten Halbzeit wehte ein gewaltiger Hauch der letzten Hinrunde über den Platz. Aber das sollte nicht zu Augenwischerei führen. Denn das restliche Spiel zeigte, dass die Offensive durchaus noch ein wenig stottert. Gerade der Übergang aus dem Mittelfeld nach vorne ist noch nicht so zuverlässig, wie noch in der Vorsaison. Auch das Pressingverhalten benötigt noch Feinjustierung (Schultz dazu: „Wir waren im Zentrum zu mannorientiert im Pressing und daher haben die Nürnberger es häufiger geschafft aus dem Druck heraus zu kommen. Aber man muss auch erwähnen, dass dort richtig gute Spieler beim FCN sind.“).

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Sei es drum, der FC St. Pauli hat 3:2 gegen ein Team gewonnen, welches viele auf dem Zettel haben in Sachen Aufstieg. Das zeigt, dass das Team schon sehr weit ist, obwohl es noch lange nicht da ist, wo es hin möchte und wo es hin kann. Wenn das keine erfolgreiche Standortbestimmung ist, dann weiß ich auch nicht.

Immer weiter vor!
// Tim

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9 thoughts on “FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg 3:2 – Erfolgreiche Standortbestimmung

  1. Ganz dickes Kompliment für der Vorberichterstattung mit Maik. Hab da alles noch etwas besser verstanden durch die Videos statt „nur“ der Bilder hier im Blog. Weiter so und Glückwunsch zu dem „Job“!

    Zum Spiel: Medic und Smarsch beide große Unsicherheitsfaktoren. Und auch nicht zum ersten Mal 2022. Hoffentlich wird das mit zunehmender Routine besser. Sonst kann die Genesung von Nemeth und Vasilj und die Eingewöhnung von Fazilji nicht schnell genug gehen.. aber insgesamt kann man darauf aufbauen!

  2. Vielen Dank für die gewohnt gute Analyse und Glückwunsch zur Stelle beim Studio 1910!
    Übrigens: Nürnberger heißt zwar so und spielt bei Nürnberg, dabei is er nen Hamburger Jung 😀 (wenn auch aus der Jugend aus der Vorstadt..)!

  3. Aus meiner Sicht eine Sondererwähnung hat noch Manolis Saliakas verdient. Manchmal hat man gemerkt, dass er noch eine Eingewöhnung benötigt, aber im Pressing, in der Abwehr und auch im Zustellen hat er eine extreme Aggressivität, die schon beeindruckend war. Das hat Lust auf mehr gemacht. Wenn er sich mit Irvine eingespielt hat und die Laufwege abgestimmt sind, kann die rechte Seite auch mehr Dynamik entfachen.

    Und ich finde es auch eine Erwähnung wert, dass sich Smarsch beim 1:3 wohl massiv verschätzt hat, denn der Ball war nicht unhaltbar.

    1. Was Saliakos angeht möchte ich mich anschließen. Ich glaube, wenn sich das mal richtig eingespielt hat, könnte das richtig Spaß machen.

      Man merkt aber auch insgesamt, dass die Vorbereitung gut einen Monat zu kurz war.
      Aber das Problem haben ja nicht nur wir.

  4. Vielen Dank für den sehr interessanten. Bericht, könnte ich stundenlang lesen , auch und vor allem wegen den Taktik Erläuterungen, Dankeschön!

  5. Ihr müsst mir mal einen riesen Gefallen tun, die Dame mit mit den Pinken kurzen Haaren, Süd Kurve direkt an/neben den Rabauken, Steh Bereich, ausfindig machen 🙏.
    Ich sehe Sie immer im Spiel, Sie wird IMMER im Heimspiel rangezoomt 😊.
    Würde Sie gerne kennenlernen, Danke und Gruß aus Flensburg 🤘

    1. Würde „die Dame“ das hier lesen und hätte ihrerseits den unbedingten Wunsch Dich zu treffen, so würden wir Ihr Deine e-mail Adresse zukommen lassen.

  6. Erst einmal: Die Vorberichterstattung war wirklich richtig, richtig gut! Da hast du die Meßlatte mal gleich ordentlich hoch gelegt 😉 Wenn überhaupt, dann hätte ich nur noch einen kleinen Verbesserungsvorschlag im Sinne der Zuschauer: Nicht ganz so ausladend gestikulieren, wenn die Kamara auf dich gerichtet ist – das sieht man im TV deutlich stärker und es wirkt dann immer etwas hibbelig. Ansonsten aber ein absoluter Knaller – genau das, was mir bisher an Spieltagen noch gefehlt hat. Freue mich schon enorm auf die Vorberichterstattungen, wenn die Saison mal ein paar Spiele älter ist und es entsprechend eine bessere Datenlage gibt!

    Was den Spielbericht angeht: Ganz interessant fand ich noch, dass Daschner (wenn natürlich auf seine eigene, sehr vertikal ausgerichtete, Weise) ähnlich wie Kyereh lange hauptsächlich auf der linken Seite zu finden war und fast wie ein etwas höher postierter zweiter linker Achter agiert hat. Im Kleinklein mit Paqarada und Hartel hat dies oftmals auch sehr gut funktioniert. Ich frage mich allerdings, ob dies Teil Schultz‘ Plan war, um die linke Seite und den eher nicht so defensivstarken Gyamerah (vor allem im Verbund mit Duman) zu überladen, oder eher die Folge davon, dass Medic den Ball aus der IV spielen sollte und er vor sich die Kombinationsfreudigen 3 (Paqarada, Hartel, Eggestein) hatte, zu denen sich Daschner dann gerne hinzugesellte.
    Es könnte daher spannend werden, wie sich das Flügelspiel verteilt, wenn Fazliji von der rechten Innenverteidigerposition aus das Spiel eröffnen soll. Saliaskas / Irvine haben mir dort eigentlich sehr gut gefallen, gerade weil sie viel direkter gespielt haben als ihre Pendants auf der linken Seite. Leider hat Daschner ein bißchen das Problem, dass er (noch) zu selten das Spiel auch mal verlagert und die Räume anspielt, die sich durch die Linkslastigkeit auf der rechten Seite ergeben und für die Saliaskas eigentlich geradezu „gemacht“ ist. Andererseits: So lange er es mit den anderen schafft, sich immer wieder durchzukombinieren, soll es mir auch recht sein 😉

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