Hannover 96 – FC St. Pauli 2:2 – ziemlich gut

Hannover 96 – FC St. Pauli 2:2 – ziemlich gut

Der FC St. Pauli holt durch einen späten Treffer einen hochverdienten Punkt bei Hannover 96. Bereits in der ersten Halbzeit war das Team leicht überlegen. Durch eine Umstellung wurde es in den zweiten 45 Minuten richtig gut, sodass der Punktgewinn fast etwas zu wenig ist. In jedem Fall war es eine Leistung, die Mut macht.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Vorweg: Dieses Spiel hat mir richtig Spaß gemacht. Denn es trafen zwei Teams aufeinander, die eine doch recht klare offensive Spielidee verfolgten und sehr großes Interesse an der Umsetzung ihrer Konzepte hatten. Umso schöner wurde es dadurch, dass es dem FC St. Pauli gelang, die eigene Spielweise währenddessen noch etwas besser an den Gegner anzupassen.
Dieser Text befasst sich mit der Spieltaktik der Teams. Eine detaillierte Einzelkritik folgt noch am Montag.

Die Aufstellung

Keine Veränderungen gab es beim FC St. Pauli im Vergleich zur Startelf beim erfolgreichen Saisonauftakt gegen den 1. FC Nürnberg. Denkbar wäre das Startdebüt von Betim Fazliji gewesen, allerdings zeigte das Spiel auch, dass die Entscheidung mit Jakov Medić und Adam Dźwigała zu starten durchaus richtig war. Bemerkenswert: Einen Kaderplatz ließ der FCSP frei. Weder Marcel Beifus, noch Niklas Jessen waren im Kader (vor Spielbeginn wurden auf Vereinsmedien noch beide als im Kader stehend vermeldet, aber letztlich fehlten beide und somit blieb ein Platz frei).

Bei Hannover 96 gab es zwei Veränderungen in der Startelf: Fabian Kunze ersetzte Gaël Ondoua auf der Sechser-Position und Havard Nielsen startete anstelle von Hendrik Weydandt im Angriff. Die Formationen beider Teams waren nahezu identisch. Es wurde jeweils im 4-3-1-2 gestartet. Und es ist bemerkenswert, wie ähnlich beide Spielideen gewesen sind.

Aufstellung beim Spiel Hannover 96 gegen den FC St. Pauli
Aufstellung beim Spiel Hannover 96 gegen den FC St. Pauli

Verlagerungen

Da beide Teams mit der gleichen Formation und einer ähnlichen Spielidee unterwegs waren, hatten sie auch die gleiche Schwachstelle. Bereits in der vierten Minute zeigte sich diese zum ersten Mal, als der Ball auf die linke Seite des FCSP verlagert wurde. Allerdings war das anders, als vielleicht angenommen, denn der Ball wurde ungewollt von einem H96-Spieler nach links verlagert. Paqarada nutzte den Platz, schlug eine Flanke, Matanović legte ab, Eggestein nutzte gekonnt den Begleitschutz von Hannover – 1:0! Ganz früh, sehr schön!

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Zurück zur Verlagerung. Ein 4-3-1-2 zeichnet sich durch eine große Kompaktheit im Mittelfeldzentrum aus und trotzdem sind zwei Stürmer auf dem Platz. Es ist damit so etwas wie die Weiterentwicklung des 4-2-3-1, welches zwar auch ein kompaktes Zentrum bietet, aber im Ballbesitz eben auch nur einen Stürmer. Diese Kompaktheit zusammen mit zwei Stürmern hat aber einen Preis: Die Außenbahnen sind unterbesetzt. Um gegen diese Unterzahl auf der Außenbahn vorzugehen, da es sonst leicht wäre über die Seiten durchzuspielen, verschieben Teams im 4-3-1-2 ganz extrem auf die ballnahe Seite. Das führt dann dazu, dass auf der ballfernen Seite sehr viel Platz ist.

Entsprechend ist die Spielverlagerung eines der wichtigsten Mittel, um gegen so eine kompakte Formation anzukommen. Gelingt es Teams das Spiel erst auf eine Seite zu lenken und dann von dort schnell „in die Verlagerung“ zu kommen, dann Heidewitzka, dann ist richtig Raum da und es wird meist gefährlich. So geschehen, wenn auch unfreiwillig, in der vierten Minute, was dann ja zum Tor führte.

Diese Verlagerungen haben wir am Samstag mehrfach vom FCSP beim Spiel gegen Hannover 96 gesehen, vor allem in der ersten Halbzeit. Denn vielleicht sogar noch mehr als sonst verschob der Gegner sehr extrem auf die ballnahe Seite. Entsprechend oft versuchte es das Team mit solchen Verlagerungen. Und entsprechend oft gelangen diese. Das hat mir sehr gefallen.

Deutschland, Hannover, 23.07.2022, Fussball 2. Bundesliga 2. Spieltag, Hannover 96 - FC St. Pauli in der Heinz von Heiden Arena Jubel bei Johannes Eggestein (FC St. Pauli) nach seinem Tor zum 0:1 mit Jackson Irvine (FC St. Pauli)
Sehr gefallen hat mir nicht nur das Spiel des FC St. Pauli, sondern insbesondere auch die Leistung von Johannes Eggestein, der hier gerade seinen Treffer bejubelt.
(c) Peter Böhmer

Überladungen

Die erste Halbzeit war aber nicht nur von den Verlagerungen des FC St. Pauli geprägt. Auch die spielstarke linke Seite von Hannover 96 tat sich hervor. Linksverteidiger Derrick Köhn, der später zum 2:1 für Hannover traf (ebenfalls eine Verlagerung – in der Szene übrigens schön zu sehen, wie weit Jackson Irvine rüberschob und dann entsprechend Raum für Köhn freigab), war der zentrale Spieler im Aufbau bei Hannover 96. Zusammen mit Max Besuschkow, der im linken Halbraum spielte, sorgte er dafür, dass der FCSP immer wieder Probleme auf dieser Seite hatte.

Denn Hannover gelang es meist diese Seite zu überladen. Neben Besuschkow und Köhn gesellten sich auch immer wieder Julian Börner, spielstarker linker Innenverteidiger, und Sebastian Kerk von der Zehnerposition auf die linke Seite. Zudem suchte Angreifer Maximilian Beier nahezu konsequent den Weg in die Tiefe auf dieser Seite, indem er versuchte im Rücken von Manos Saliakas Räume zu bekommen. Hannover 96 überlud diese Seite also recht extrem. Und der FC St. Pauli hatte Probleme darauf zu reagieren.

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Der FCSP hat sein Verhalten im Pressing eigentlich ein wenig angepasst zur neuen Saison. Um auf die Überladung der Außenbahnen besser reagieren zu können, zeigte sich am ersten Spieltag Lukas Daschner immer wieder im rechten Mittelfeld. Die Formation ist dann eher ein 4-4-2, womit dann die Seiten besser kontrolliert werden können. Das Problem dabei ist aber, dass Daschner erstmal in diese Position kommen muss. Da er sich offensiv, wie auch schon gegen Nürnberg, sehr umtriebig zeigte, war er also nicht selten zum Beispiel auf der linken Angriffsseite zu finden, während Hannover 96 bereits wieder über die andere Seite das Spiel aufbaute.

Der FC St. Pauli hatte also ein Problem in die Positionen zu kommen. Daher ergab sich eine Art Vakuum auf der eigenen rechten Seite, bei dem die Zuordnung nicht ganz klar war. Muss Irvine auf Köhn schieben? Oder Saliakas? Oder wird darauf gewartet, dass Daschner in Position kommt? Nicht selten war Hannover einfach schneller in seinen Abläufen als der FCSP sich personell zuordnen konnte.

Pressingverhalten des FC St. Pauli in der ersten Halbzeit gegen Hannover 96.
Pressingverhalten des FC St. Pauli in der ersten Halbzeit gegen Hannover 96:
Durch die häufiger späte Positionierung von Daschner war die Zuordnung auf der rechten Seite nicht immer geklärt.

Fe(h)l(d)entscheidung

So ging es mit einem aus meiner Sicht leistungsgerechten 1:1 in die Pause. Dem FCSP gelangen vor allem gute Verlagerungen und Umschaltmomente, Hannover 96 zeigte sich etwas stärker im Spielaufbau. Nicht so stark zeigte sich Schiedsrichter Felix Zwayer, der nicht nur bei der Elfmeter-Entscheidung eine eher unglückliche Figur machte, sondern auch noch zwei gelbe Karten unnötigerweise gegen FCSP-Spieler zeigte (Medic und Smith). Das Problem sind hierbei gar nicht die Entscheidungen selbst, finde ich. Kann passieren, der Arm von Dźwigała bewegte sich im Anschluss an den Kontakt auch irgendwie komisch. Die Ansicht, dass die TV-Bilder das dann nicht gut auflösen dürfte dann aber schon eher exklusiv beim VAR gelegen haben.

Schlimm ist einmal mehr die Kommunikation der Offiziellen, sowohl währenddessen, als auch im Nachgang. Es tut nicht weh, wenn im Nachhinein eine Fehlentscheidung auch Fehlentscheidung genannt wird. Denn viele motzen über Entscheidungen, aber kaum jemand dürfte es besser können, als diejenigen, die da auf dem Platz die Entscheidungen treffen. Trotzdem passieren Fehler, das ist normal. Ich finde, es würde die Situation in alle Richtungen deutlich entspannen, wenn diese Fehler dann auch zugegeben werden und nicht um jeden Preis keine Fehlentscheidungen getroffen worden sein sollen. Einfach sagen, dass man Dinge auf dem Platz oder vor dem Monitor in der Kürze der Zeit anders wahrgenommen hat, es mit der notwendigen Ruhe nun aber anders aussieht, das wäre mal erfrischend ehrlich und menschlich. Und damit auch verständlich.

Back to the roots

Wie können wir die linke Seite von Hannover 96 besser in den Griff bekommen? Das dürfte so in etwa die Frage gewesen sein, die sich der FC St. Pauli in der Halbzeit stellte. In den zweiten 45 Minuten zeigte sich, dass die gefundene Antwort genau richtig gewesen ist. Der FCSP spielte fortan sehr dominant (Ballbesitz erste Halbzeit: 44%; zweite Halbzeit: 61%), wenngleich es ein wenig an Torgefahr mangelte.

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Um die spielstarke linke Seite von Hannover 96 besser in den Griff zu kriegen, musste der FCSP die Zuordnung klarer bekommen. In der zweiten Halbzeit war deutlich erkennbar, dass Jackson Irvine Hannovers Linksverteidiger konsequent anlief und Daschner sich nicht mehr auf diese Seite bewegte. Damit kehrte der FC St. Pauli zu seinen Wurzeln zurück, denn dieses Anlaufverhalten ist sozusagen die Urform der defensiven Spielidee im 4-3-1-2 des FCSP.

Die veränderte Zuordnung beinhaltete auch, dass das Team allgemein etwas höher positioniert war bei gegnerischem Ballbesitz (dadurch war der Weg für Irvine zu Köhn auch wesentlich kürzer). Der FC St. Pauli störte Hannover 96 sehr viel eher im Spielaufbau. Das lässt sich sehr gut am PPDA-Wert erkennen (erlaubte gegnerische Pässe bis zum Start der eigenen Defensivaktion – grob gesagt: je höher der Wert, umso entspannter kann ein gegnerisches Team aufbauen). Dieser PPDA lag in der ersten Halbzeit bei 12.1 und in den zweiten 45 Minuten bei 6 – ein ganz erheblicher Unterschied, der anzeigt, dass der FCSP den Gegner viel früher störte.

Verändertes Pressingverhalten des FC St. Pauli in der zweiten Halbzeit:
Das Team störte den Gegner früher und Jackson Irvine war dem starken Derrick Köhn zugeordnet (dahinter verrichtete „Raumverknapper“ Eric Smith einmal mehr einen formidablen Job).

Noch etwas gelang dem FC St. Pauli richtig gut in der zweiten Halbzeit: Das Gegenpressing war zeitweise ganz fantastisch und sorgte dafür, dass Hannover 96 in den Minuten 46 bis 65 offensiv nicht stattfand. Was dem FCSP in dieser Phase fehlte war die offensive Durchschlagskraft. Es wäre zu leicht dieses nur darauf zu reduzieren, dass dem Team aktuell ein Zielspieler (Johannes Eggestein ist damit nicht gemeint) mit konstant hoher Qualität fehlt. Aber ganz so weit ist dieser Gedanke auch nicht hergeholt. Vielleicht muss sich das in der Offensive aber auch nur noch etwas besser zusammenfinden, vielleicht muss ein Knoten platzen.

So kam es dann leider dazu, dass der FC St. Pauli das Spiel kontrollierte und bestimmte, aber Hannover 96 quasi mit der ersten Offensivaktion in der zweiten Halbzeit in Führung ging und den Spielverlauf damit mehr oder weniger auf den Kopf stellte. Ein fast klassischer Fall von „nicht belohnt“ deutete sich an. Umso schöner, dass der FCSP doch noch zum hochverdienten Ausgleich kam und aus diesem Spiel nicht nur viele positive Erkenntnisse, sondern auch einen Punkt mitnahm. Ein Punkt, der aus meiner Sicht aufgrund der Spielanlage sogar noch zu wenig ist.

Der FC St. Pauli zeigte also auch im zweiten Saisonspiel, dass er bereits sehr viel weiter ist in der Entwicklung, als viele vermutet hatten. Mit vier Punkten aus den beiden Spielen gegen Nürnberg und Hannover, die ihrerseits ebenfalls im oberen Tabellendrittel anzusiedeln sind, ist dem Team ein erfolgreicher Saisonstart geglückt. Fernab der Ergebnisse macht vor allem die spielerische Leistung Mut. Und Lust auf mehr.

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5 thoughts on “Hannover 96 – FC St. Pauli 2:2 – ziemlich gut

  1. Für mich war es bei den Verlagerungen auffällig, dass wir das mit direkten Diagonalbällen bisher nicht so schnell hinbekommen haben. Da wurde häufig die Zwischenstation bemüht, bis der Ball auf der anderen Seite ankam. Das fand ich in Hannover deutlich mutiger. Gibt’s dazu ne Statistik ;)?! Danke für den Artikel

    1. Ja, das ist mir auch sehr positiv aufgefallen, wie mutig da direkt gespielt wurde. Ich bin gespannt, ob das eine Art neuer Spielstil ist oder es gegen Hannover so gemacht wurde, weil die so extrem verschoben haben.

  2. Was mir noch als besonders bemerkenswert auffiel, war die Tatsache, dass unser Team nach dem 96er-Sonntagsschuss nicht hektisch wurde oder mutlos, sondern genau ihren Stiefel weiter spielte.
    Da sprach ganz viel Selbstvertrauen aus den Aktionen, wo früher ein Einbruch oder hektische Kick and Rush- Stafetten folgten.
    Und das wurde -Dank „Bayern-Dusel“- auch belohnt.
    Ich kann mit dem 2:2 gut leben und mit unserem „Kopfball- Ungeheuer“ Jackson sowieso.

  3. Unser Druck in der zweiten Halbzeit schlug sich für mein Empfinden auch darin nieder, dass sich 96 – als Heimmannschaft beim Stand von 1:1 – ins Zeitspiel flüchtete. Negativer Höhepunkt dabei die „Verletzung“ von Zieler weit ab vom Spielgeschehen. Aus Stadionsicht war da gar nix.

  4. Was aus meiner Sicht beim Handspiel überhaupt nicht berücksichtigt wurde, aber in der Schiri-Ausbildung Thema ist:

    Wenn der Arm am Körper Anlehnung findet und dann die Schulter oder auch die Hand getroffen wird, geht man davon aus, dass keine aktive Bewegung zum Ball statt gefunden haben kann, wenn der Arm keine Anspannung hatte. Es war in den Einstellungen gut zu erkennen, dass sich der Arm willkürlich bewegt hat, als Ursache der Flanke und nicht im Vorfeld. Damit ist auch keine vorherige Anspannung vorhanden, die notwendig ist, um den Arm überhaupt zu bewegen. Das muss man im Keller doch auch gelernt haben. Da fehlt mir mitunter die LOGIK

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