Die Suche nach der Null

Die Suche nach der Null

Der FC St. Pauli fängt sich zu viele Gegentore. Zeit für die Suche nach Gründen, die uns zur Innenverteidigung, dem defensiven Umschaltverhalten und den Torhütern führen wird.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Mitte dieser Woche haben wir eine Statistik-basierte Analyse zur vorherrschenden Mittelmäßigkeit beim FC St. Pauli veröffentlicht. In dieser haben wir den Fokus vor allem auf die stotternde Offensive gelegt und fast nebenbei festgestellt, dass es in der Defensive zumindest statistisch eigentlich ganz gut aussieht, denn der FCSP lässt die wenigsten gegnerischen Torschüsse zu.

Zwei Jahre Gegentorflut

Das Wort „eigentlich“ im letzten Absatz deutet aber bereits darauf hin, dass eben nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen ist. Seit Timo Schultz im Sommer 2020 als Cheftrainer beim FC St. Pauli im Amt ist, hat sein Team nur 13 von 82 Pflichtspiele ohne Gegentor beendet. Nun kommt wieder das „eigentlich“: Diese Statistik ist eigentlich ein Totschlag-Argument, wenn es um die Bewertung der Arbeit geht. Denn dem Team gelingt es seit mehr als zwei Jahren nicht defensiv stabil zu werden. Selbst in Phasen, in denen es offensiv sehr gut lief, fing sich das Team weiterhin zu viele Gegentore, konnte dieses Problem aber längere Zeit aufgrund einer noch viel stärkeren Offensive kaschieren.

Timo Schultz erklärte vor einigen Wochen, dass die Flut an Gegentoren auch mit der Umsetzung der Mittelfeldraute zusammenhängt, dass es sich bei diesem System um eines mit hohem Risiko für Gegentore handelt. Aber eben auch um eines, mit dem der eigene Torerfolg besser gelingen kann. Nun stellte sich der FC St. Pauli zuletzt immer häufiger in einem flachen 4-4-2 auf, welches vor allem als eine Reaktion auf die schwächelnde Offensive und trotzdem stetig anfällige Defensive verstanden werden darf.

Die Gegentor-Statistik zieht sich auch in die neue Saison mit hinein: In acht von neun Pflichtspielen fing sich der FCSP mindestens ein Gegentor. In sieben Spielen waren es sogar zwei oder mehr. Das sind viel zu viele und nur die 18 eigenen Tore aus diesen Spielen sorgten dafür, dass der FC St. Pauli aktuell im Liga-Mittelfeld und der zweiten Pokalrunde steht. Und trotzdem gibt es aktuell Grund an ein baldiges Ende dieser erschreckenden Statistik zu glauben.

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Wächst da was zusammen?

Es waren sicher aufregende Wochen um Jakov Medić. Denn bis zuletzt, bis das Transferfenster Anfang September schloss, hielten sich hartnäckige Wechselgerüchte rund um den Innenverteidiger. Fast ebenso hartnäckig waren die Unischerheiten von Medić in seinem Spiel. Besonders die Entscheidungsfindung führt(e) immer wieder zu Problemen. Insgesamt machen seine Statistiken aber einen ordentlichen Eindruck:

Radar-Grafik von Jakov Medić (Gelb) im Vergleich zum Liga-Median (Rot) aller Innenverteidiger nach acht Spieltagen der Saison 22/23.

Auffällig ist, dass Medić defensiv eher seltener in Erscheinung tritt als noch in der Vorsaison. Vergleicht man die Zahlen mit seinem Saisonstart 21/22, dann ist das schon ein recht deutlicher Abfall. Interessant ist aber, dass er offensiv etwas aktiver geworden ist und sehr viel häufiger die initialen Pässe nach vorne spielt als in der Vorsaison, aber auch als viele seiner Kollegen in der Innenverteidigung in der zweiten Liga. Sollte Medić auch defensiv wieder stabiler werden bzw. sein Niveau auch über die gesamte Spielzeit halten können, dann kann man einen Eindruck davon bekommen, warum er im Sommer Begehrlichkeiten geweckt hatte.

Mit Spannung war einer der teuersten Neuzugänge ever beim FC St. Pauli erwartet worden. Doch David Nemeth brauchte etwas mehr Anlauf, um sich zeigen zu können. Eine Muskelverletzung in der Vorbereitung verhinderte seinen Einsatz zum Saisonstart. Seit dem Heimspiel gegen den 1. FC Magdeburg ist er aber gesetzt. Seine Leistungen sind dabei ansteigend.

Radar-Grafik von David Nemeth (Türkis) im Vergleich zum Liga-Median (Rot) aller Innenverteidiger nach acht Spieltagen der Saison 22/23.

David Nemeth hat insgesamt doch schon eine ganze Ecke mehr erfolgreicher Defensivaktionen als Medić. Er fängt mehr Pässe als der Durchschnitt ab, gewinnt mehr Kopfballduelle und hat bisher beeindruckende 80% seiner Zweikämpfe gewonnen. Diese Quote ist überragend, wird aber von Patrick Erras aus Kiel übertroffen, der diese Saison überhaupt erst zwei direkte Bodenduelle verloren hat (zuletzt am 5. Spieltag gegen Paderborn) – ein Wahnsinnswert, der die schon sehr starke Quote von Nemeth noch deutlich übertrifft.

Das ist also wirklich vielversprechend, was David Nemeth defensiv anbietet. In Sachen Aufbauspiel kann er da (noch) nicht mithalten, ist in allen relevanten Pass-Statistiken eher unterdurchschnittlich unterwegs. Dass man in diesem Bereich mehr von ihm erwarten darf, zeigt er immer wieder punktuell (schaut euch z.B. mal seine Spieleröffnung vor dem 1:0 gegen Fürth an). Und auch wenn die Zahlen defensiv bereits gut sind, so hat man doch den Eindruck, dass da noch mehr gehen kann.

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David Nemeth und Jakov Medic (beide FC St. Pauli) diskutieren nach einem Gegentor durch Hansa Rostock.
David Nemeth und Jakov Medic diskutieren nach einem Gegentor durch Hansa Rostock.
(c) Peter Böhmer

Das Ende einer Fehlerkette

Denn was die Radar-Grafiken von beiden Innenverteidigern nicht zeigen, sind Fehler im Spiel. Und davon gab es bereits einige. Sei es das Entscheidungsverhalten, ungenaue Zuspiele oder schlechte Zweikampfführung. Das Duo Medić/Nemeth hat in seinen erst fünf gemeinsamen Spielen schon ein paar unglückliche Situationen gehabt. Diese resultierten unter anderem aus schlechter Abstimmung der beiden Innenverteidiger. Besonders bei tiefen Bällen ist es wichtig, dass man sich einig ist, welcher Spieler in den Zweikampf geht und welcher absichert. Hier ist noch Raum für Verbesserung vorhanden, wenngleich es zuletzt etwas stabiler wurde.

Timo Schultz sagt, dass seine Innenverteidiger bereits „auf konstant hohem Niveau“ seien, diese es aber häufig nicht geschafft haben über die volle Spielzeit alles „konsequent und resolut wegzuverteidigen“. Hier gehe es darum, dass „schöne Spiel auch mal hinten anzustellen, die Bälle effektiv und nicht immer schönstmöglich zu klären“. Wer Timo Schultz etwas länger verfolgt weiß, dass das schon recht deutliche Aussagen in Richtung Spieler sind. Aber der Coach betont auch, dass diese Probleme mit verbesserter Abstimmung weniger werden dürften:

„David und Jakov sind beide noch junge Spieler, aber haben auf einem gewissen Niveau schon Erfahrungen gesammelt. Ich glaube, wenn ihre Abstimmung noch besser wird, sie sich noch besser kennenlernen, dann werden wir die Fehler abstellen können und den Gegnern noch weniger Möglichkeiten bieten, als sie eh schon bekommen.“

Timo Schultz zur Zusammenarbeit von David Nemeth und Jakov Medić.

Ein weiterer wichtiger Baustein in der Verbesserung der Defensive ist auch der taktische Spielansatz. Natürlich sind es letztlich Fehler, die Nemeth und Medić machen, die dann zu Gegentoren führen. Fußball ist aber nun halt auch ein Sport, bei dem Tore meist nach Fehlern fallen. Ziel ist es daher den Raum für spielentscheidende Fehler zu minimieren. Im Fall des FC St. Pauli bedeutet dies, dass die Anzahl der Ballverluste in strategisch ungünstigen Zonen minimiert wird. Schultz nennt das „die Balance zwischen offensiver Aktivität und defensiver Absicherung“, die es hinzubekommen gilt.

Was dann letztlich nach einem Fehler der Innenverteidiger aussieht, ist nicht selten das Resultat eines Ballverlustes weiter vorne, den die Defensive in höchster Geschwindigkeit wettmachen möchte. Dass es gerade in diesen Situationen aufgrund der Geschwindigkeit vermehrt zu Fehlern kommt, ist mehr oder weniger normal. Ziel des FCSP muss es also sein die Anzahl an Ballverlusten zu minimieren und für ausreichend Absicherung zu sorgen. Gute Ansätze dafür habe Schultz beim Heimspiel gegen Sandhausen gesehen.

Jeder zweite Schuss ein Treffer

Wenn es um Gegentore geht, dann liegt der Fokus auf der Innenverteidigung. Zudem hat Timo Schultz auch die taktische Herangehensweise herausgehoben. Was nun aber noch gar nicht Thema war, ist die Arbeit der Torhüter. Die ist, gemessen an gehaltenen Schüssen in Verbindung mit den xG-Werten ziemlich ernüchternd.

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Denn wenn man sich anschaut, dass das Team den viertniedrigsten gegnerischen xG-Wert aufweist und allgemein die wenigsten gegnerischen Torschüsse zulässt, dann muss schon kritisch hinterfragt werden, wie es zu den bisher 13 Gegentoren kommen konnte. Laut wyscout waren zehn der 20 Torschüsse auf das Tor von Dennis Smarsch erfolgreich. Bei Nikola Vasilj waren es drei von sieben. Das macht also 13 von 27 Torschüssen auf das FCSP-Tor, die zu Toren führten. Ein bedenklicher Wert.

Dennis Smarsch konnte bei der Hälfte aller Torschüsse auf seinen Kasten ein Gegentor verhindern.
(c) Stefan Groenveld

Entsprechend lesen sich dann auch die Statistiken: Aus dem Vergleich der Gegentore mit den xG-Werten kann ein Wert namens „prevented Goals“ errechnet werden. Dieser ist nicht ganz fair zu Torhütern, denn es wird nicht die Güte des Torschusses mit einberechnet. Daher gibt es auch das sogenannte „post-shot“xG-Modell, für welches es aber keine Daten für die 2. Liga gibt. Der Wert „prevented Goals“ ist daher mit etwas Vorsicht zu betrachten, weil er die Güte der Torchance sowohl unter-, aber auch überschätzen kann. Einen Hinweis auf die Leistungen liefert er trotzdem.

Dennis Smarsch hat einen Wert von -0.68 bei den prevented Goals. Das bedeutet, dass er bei einem durchschnittlichen xG-Wert von 0.87 auf 1.55 Gegentore pro Spiel kommt. Das ist ziemlich erschreckend, aber wenn von 20 Torschüssen auch zehn im Kasten landen, dann ist das auch so zu erwarten. Noch mit sehr kleiner sample size ist Nikola Vasilj untewegs, der in dieser Statistik aber mit einem Wert von -0.8 noch etwas schlechter platziert ist. Dass es nicht so bleiben muss zeigte die Vorsaison, als Vasilj mit einem Wert von 0.17 ligaweit auf Platz zwei unter den Stammtorhütern gelistet wurde. Hier ist eine Verbesserung zwingend nötig, aber auch zu erwarten.

Wenn nicht jetzt…

Die zunehmend verbesserte Abstimmung der beiden Innenverteidiger, die Veränderung der taktischen Spielidee, aber auch der Blick in die Statistik von Nikola Vasilj und nicht zuletzt die geringe Anzahl an gegnerischen Torschüssen machen Hoffnung, dass demnächst endlich mal so etwas wie defensive Stabilität beim FC St. Pauli einkehren könnte. Das ist auch notwendig, da die eigene Offensive momentan nicht so produktiv ist, wie man es aus der Vorsaison gewohnt war. Vielleicht ist diese Stabilität in Form eines Spiels ohne Gegentor ja bereits gegen Jahn Regensburg zu sehen, die immerhin seit sechs Spielen auf einen Torerfolg warten.

// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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5 thoughts on “Die Suche nach der Null

  1. Moin Tim,

    Betim Fazliji hast Du gnädigerweise noch ausgespart, vermutlich aufgrund der wenigen Einsatzminuten und häufigen Einwechslungen. Ich muss aber sagen, dass ich von ihm unter den Neueinkäufen am meisten enttäuscht bin (Immerhin 450 TEUR Ablöse und ein Marktwert von 1,5 Mio. lt. Transfermarkt.de). Gegen Kaiserslautern sah er bei beiden Toren sehr schlecht aus und auch in den anderen Spielen waren zum Teil grobe Schnitzer (trotz weniger Minuten Spielzeit!) dabei. Von einem Stammspieler in der Schweizer SuperLeague in der letzten Saison hätte ich eigentlich mehr erwartet. Ich will ihn hier nicht abschreiben, vermutlich ist es auch bei ihm ein Thema der Eingewöhnung, die einfach Zeit braucht. Ich hoffe sehr, dass er zu seinem Leistungsniveau findet. Aber die Probleme der Stabilität werden noch einmal betont, wenn es (noch) keine Alternativen von der Bank gibt.

    Forza

    Jan

    1. Ja, da muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich da auch mehr erwartet hätte. Ich schiebe das mal noch auf Eingewöhnung und denke aber auch, dass er eher auf der Sechs heimisch wird.

  2. Das Thema mit den fehlenden Alternativen auf der Bank finde ich auch ein recht großes. Es gibt kaum Druck auf die Immer-Spieler, so dass hier für meinen Geschmack etwas zu wenig Konkurrenzkampf besteht. Die Startelf variiert eigentlich nur in der Frage, wer als zweiter Stürmer neben Eggestein aufläuft, alle anderen können sich sicher sein, zu spielen. Und dann fehtl vielleicht tatsächlich am Ende so etwas wie die „Gier“, die „Mentalität“; der „Wille“. Ich will diese Schlagworte gar nicht so hoch aufhängen, aber wir haben in vielen Spielen (selbst gegen Magdeburg) Ühasen gesehen, in denen wir fast überrannt wurden.

  3. Das Thema geht dann ja auch noch weiter, wenn das Niveau im Training nicht hoch ist, dann kannst Du auch nicht im Spiel auf ein hohes Niveau kommen. Da kommt es gar nicht auf die Größe des Kaders an, sondern eher auf die Qualität. Und da sehe ich an der ein oder anderen Stelle auch noch Luft.

  4. Zu geringes Trainingsniveau? Das wäre ein neuer Aspekt für mich. Ich dachte, da ist alles Tacko. Modernes junges Team, hohe individuelle Betreuung, zeitgemäße Methoden und so. Hatten wir nicht alle in den letzten Speilezeiten auf Grund der vielen Verletzungen gelegentlich den Verdacht, dass eher zu viel oder zu hart trainiert wurde?
    Das würde mich mal näher interessieren.

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