Die Kapitäne sind von Bord

Die Kapitäne sind von Bord

Höchstwahrscheinlich wird nicht nur Jackson Irvine beim nächsten Spiel ausfallen, sondern auch noch Leart Paqarada – also gleich beide Kapitäne des FC St. Pauli. Während nicht ganz klar ist, wer Irvine im Zentrum ersetzen könnte, bietet sich auf der linken Abwehrseite nun endlich eine echte Chance für Lars Ritzka.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Das ist schon ein ziemliches Brett, welches sich da aufgebaut hat und es nun zu durchbohren gilt: Der FC St. Pauli muss beim ersten Spiel nach der Länderspielpause höchstwahrscheinlich auf seine beiden Kapitäne verzichten. Jackson Irvine wird sicher gelb-gesperrt fehlen und Leart Paqarada hat sich beim Spiel gegen Jahn Regensburg eine Muskelverletzung zugezogen und wird „bis auf Weiteres“ fehlen.

Zwei Dauerbrenner

Jackson Irvine ist seit knapp mehr als einem Jahr beim FC St. Pauli. Nach längerer Verletzungspause zu Beginn hatte sich der inzwischen 29-jährige festgespielt in der Startelf. Seit seinem ersten Einsatz in Braun-Weiß verpasste er in der Liga nur zwei Spiele (einmal verletzt, einmal gelb-gesperrt), darunter die frustrierende 0:1-Niederlage in Rostock. Keine Frage, Irvine hat sich in diesem Jahr zum absoluten Stammspieler entwickelt und ist aus dem Team eigentlich nicht mehr wegzudenken. Besonders die Formation mit einer Doppelsechs liegt ihm – man möchte sogar meinen, sie sei auf ihn zugeschnitten.

Auch Leart Paqarada hatte etwas Anlaufschwierigkeiten beim FC St. Pauli. Nachdem er im Sommer 2020 nach Hamburg kam, befand er sich erst einmal in einem Konkurrenzkampf mit Daniel Buballa (ja, ich weiß, kaum vorstellbar). Teilweise gab es seine Position im Kader auch gar nicht, als der FCSP mit einer Dreierkette spielte und dabei Buballa den linken Innenverteidiger und Dittgen den linken Flügelverteidiger gab. Kurz vor Weihnachten 2020 hatte Paqarada sich aber durchgesetzt und war fortan Stammkraft in der Viererkette.

Auch Paqarada ist ein Dauerbrenner. In der letzten Saison stand er in 33 Ligaspielen in der Startelf, wurde nur beim leider unbedeutenden letzten Saisonspiel nicht eingesetzt. Jackson Irvine und Leart Paqarada stellten damit neben Marcel Hartel echte Konstanten im Spiel des FC St. Pauli dar. Und wie das so ist mit Konstanten, hat sich um diese beiden Spieler herum eine Abhängigkeit aufgebaut, die nun eingerissen werden muss.

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Jackson Irvine (FC St. Pauli) wird mit einer Gelben Karte verwarnt beim Spiel zwischen dem FC St. Pauli und dem 1. FC Magdeburg (Copyright: Peter Boehmer)
Ein wirklich fantastisches Bild ist das.
(c) Peter Böhmer

Fragezeichen bei Irvine-Ersatz

Der FC St. Pauli ist abhängig von Jackson Irvine, weil er auf seine Physis angewiesen ist. Nur ein einziger Spieler in der ganzen Liga hat mehr Zweikämpfe gewonnen als Irvine. Kein Mittelfeldspieler führt auch nur ansatzweise so viele Kopfballduelle wie er und nur einer hat eine höhere Erfolgsquote (alles von Bundesliga.de). Nicht nur aufgrund seiner drei Kopfballtore ist er allein in der Luft nahezu unverzichtbar für den FC St. Pauli.

Entsprechend groß ist das Fragezeichen nach einem Ersatz für Jackson Irvine. Seine Position auf der Doppelsechs, also jene mit etwas mehr Offensivdrang, passt grundsätzlich zu Connor Metcalfe und mit Abstrichen zu Carlo Boukhalfa. Sicher ist aber, auch wenn besonders Metcalfe zuletzt ansteigende Form zeigte, dass der Ausfall von Irvine ein ziemlich herber Verlust sein wird. Gerade in der Luft und im läuferischen Bereich (der 1. FC Heidenheim ist seit Jahren das laufstärkste Team der Liga) wird Irvine, der kilometermäßig laufstärkste Spieler der Liga, fehlen. Ob Metcalfe oder Boukhalfa diese Rolle zumindest ansatzweise übernehmen können, erscheint mindestens fraglich.

Ausrufezeichen bei Paqarada-Ersatz

Die Frage nach Ersatz ist im Falle eines Ausfalls von Leart Paqarada sehr viel einfacher zu beantworten: Lars Ritzka steht bereit. Der Neuzugang aus der Vorsaison ist so etwas wie der klassische Back-up, hat sich augenscheinlich in diese Rolle gefügt, was aufgrund der leistungsmäßigen Übermacht von Paqarada zwangsläufig passieren musste. Und wenn man so im Schatten steht, dann wird auch leider schnell vergessen, zu welchen Leistungen Spieler fähig sind. Daher schauen wir einmal zurück in die Saison 20/21 und dafür in sein Spielerprofil:

„Die größte Stärke von Lars Ritzka ist laut Daten seine Fähigkeit Bälle abzufangen. (…) Ritzka ist deutlich der beste Ballabfänger der (3.)Liga mit 11.3 abgefangenen Bällen pro Spiel. Zudem ist Ritzka auch bemerkenswert zweikampfstark und hat knapp 69% seiner Defensivduelle gewonnen.“

aus: Wer ist Lars Ritzka? – Ein Spielerprofil

Diese Statistiken hat er in den wenigen Einsätzen der Vorsaison und auch zuletzt gegen Regensburg bestätigt. Aus über 80% der Bodenduelle ging Ritzka als Sieger hervor, womit er der zweikampfstärkste Linksverteidiger der Liga ist. Zudem zählt er auch zu den Top5, wenn es um abgefangene Pässe geht. Auch wenn die Zahlen aufgrund der geringen Spielzeit mit Vorsicht zu betrachten sind: Lars Ritzka bestätigte seine Leistungen aus der 3. Liga auch ein Stockwerk höher. Auch wenn er bisher wenig Spielzeit sammelte, kann davon ausgegangen werden, dass er das Level halten kann.

Lars Ritzka – bisher zumeist nur an der Kollaustraße oder für die U23 im Einsatz. // (c) Peter Böhmer

Was sich in den Statistiken der Vorsaison aber auch ablesen lässt, sind dann doch Ritzkas schwächere Zahlen in der Offensive im Vergleich zu Paqarada (besonders seine Flankengenauigkeit ist maximal mittelmäßig, auch schon immer gewesen bei ihm). Dabei scheint er das Passspiel ganz gut zu beherrschen (wieder aus seinem Spielerprofil): „Ritzka spielte letzte Saison die zweitmeisten Pässe ins Offensivdrittel, in den Strafraum und hatte auch die zweitmeisten ‚deep completions‘ und liegt bei der Anzahl der ‚progressive passes‘ ligaweit auf Rang sieben.“. Entsprechend erwarte ich seinen Einsatz mit großer Spannung.

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Wie lange?

Na klar, wir tappen hier ziemlich im Dunkeln. Denn die Wortwahl, dass Paqarada „bis auf Weiteres“ ausfallen wird, kann alles zwischen „in zwei Wochen wieder fit“ und „Jahr 2022 für ihn beendet“ bedeuten. Bitter ist der Ausfall besonders für Paqarada persönlich, der zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder für das Nationalteam des Kosovo berufen wurde und diese Reise nun absagen musste. Die Statistiken deuten zumindest darauf hin, dass der FC St. Pauli seinen Ausfall defensiv wird auffangen können. Völlig unklar ist aber, wie sich das eigene Aufbauspiel und damit vielleicht auch die Formation verändern wird.

Vakuum muss gefüllt werden

Wenn Leart Paqarada die Partie gegen Jahn Regensburg hätte beenden können, dann wäre er höchstwahrscheinlich wieder der Spieler mit den meisten Ballkontakten und Pässen auf dem Platz gewesen. So wie er es in dieser Saison bisher in jedem Spiel gewesen ist. Die Präsenz, die von Paqarada ausgeht ist enorm und führte unweigerlich dazu, dass das Spiel des FCSP linkslastig wurde. Das war in der Vorsaison noch extremer, hat sich aber mit Manolis Saliakas auf der rechten Abwehrseite zumindest ein wenig geändert. Trotzdem: Fast zwei Drittel der Eintritte in das Offensivdrittel fanden auch diese Saison über die linke Seite statt.

Deutschland, Hannover, 23.07.2022, Fussball 2. Bundesliga 2. Spieltag, Hannover 96 - FC St. Pauli in der Heinz von Heiden Arena   Manolis Saliakas (FC St. Pauli) im Zweikampf mit Derrick Koehn (Hannover 96) Copyright: Peter Boehmer
Manos Saliakas – ab sofort häufiger eingebunden? // (c) Peter Böhmer

So bietet der mögliche Ausfall von Leart Paqarada auch eine echte Chance für Veränderungen. Vielleicht ist es möglich, dass sich das Spiel des FCSP nicht mehr ganz so krass auf der linken Seite abspielt. Vielleicht kann das Team ohne Paqarada den Aufbau etwas ausgeglichener gestalten. Denn sicher ist, dass es gegnerischen Teams schon leichter fiel mit dem Aufbauspiel des FCSP umzugehen, weil klar war, dass dies hauptsächlich über den Fuß von Paqarada lief.

Wenn wir davon ausgehen, dass Leart Paqarada und Jackson Irvine beim nächsten Spiel fehlen werden, dann bietet sich vielleicht auch die Möglichkeit eines größeren Eingriffes in die Formation. Denn die Doppelsechs ist vor allem deshalb für den FCSP von Vorteil, weil sie am besten zu Jackson Irvine passt. Die Viererkette auch deshalb, da Leart Paqarada dabei den so spielstarken Linksverteidiger geben kann. So erscheint es auch nicht unmöglich, dass es in Sachen Formation Abweichungen geben könnte. Eine Dreierkette halte ich trotzdem für unwahrscheinlich.

Was sicher passieren wird, ist eine Neubesetzung des Kapitäns-Amtes. Da dürfte kaum ein Weg an Marcel Hartel vorbeiführen. Den kann ich mir übrigens auch ziemlich gut auf der Doppelsechs vorstellen.
// Tim

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2 thoughts on “Die Kapitäne sind von Bord

  1. Was ist eigentlich (grundsätzlich) mit Boukhalfa? Der ist doch bestimmt nicht nur geholt worden, um hier und da noch mal für zehn Minuten Dampf zu machen. Wie ist deine Einschätzung? Ist er tatsächlich zur Zeit keine Alternative oder hat er das Pech, auf Position X und Y die zweite Wahl und auf Position Z die dritte Wahl zu sein (so wie es meinem Eindruck nach gerade ein wenig der Fall bei Metcalfe ist)?

  2. Ich hoffe das der Wegfall der Kapitäne von Schulz wirklich, als Chance genutzt wird endlich die Taktik etwas flexibler zu gestalten und an die Mannschaft anzupassen und für die Spieler auch die Chance anders auszuspielen. Wir sind für die Gegner einfach viel zu leicht zu fassen, da sich immer die gleichen Abläufe im Spielaufbau zeigen.

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