Vorbericht: Hamburger SV – FC St. Pauli (29. Spieltag, 22/23)

Vorbericht: Hamburger SV – FC St. Pauli (29. Spieltag, 22/23)

Die Stadtmeisterschaft zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger SV steht an. Und selten war das Derby tabellarisch wichtiger, als es dieses Mal sein wird. Der Vorbericht.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Im „Vor dem Spiel“-Gespräch hat sich Luca mit Jan und Jakob vom Sechspunktespiel-Podcast unterhalten. Hört da sehr gerne rein.

Ein Blick zurück

Normalerweise kommt nun immer der große Blick zurück auf all jene Spiele zwischen dem FCSP und HSV, die wir mit dem MillernTon im Blog begleitet haben. Da gab es in den letzten Jahren bekanntermaßen meist Erfreuliches, aber auch sehr Schmerzhaftes. All diese Spiele haben wir im monumentalen Artikel: Die Hamburger Stadtmeisterschaft – was bisher geschah… zusammengefasst, daher verzichte ich auf die Zusammenstellung an dieser Stelle.

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

„Schweren Herzens muss erneut auf Eric Smith verzichtet werden“ – diesen Satz hatte ich hier in diesem Artikel-Entwurf so ungefähr als erstes reingeschrieben, nun kann ich ihn streichen. Als mich am Dienstag Nachrichten erreichten, dass Smith gerade die volle Trainingseinheit absolviert, keimte langsam Hoffnung auf. Spätestens nach der gestrigen Pressekonferenz ist klar, dass der Abwehrchef nach zwei Spielen Pause wohl wieder einsatzbereit ist. Das ist eine sehr erfreuliche Nachricht.

Somit muss der FC St. Pauli also in der Defensive „nur“ auf Innenverteidiger David Nemeth verzichten. In der Offensive fehlen Maurides, Igor Matanovic und Etienne Amenyido. Damit ist der Kader in der zentralen Offensive sicher weiterhin etwas dünn besetzt, aber ansonsten ist es eine angenehm überschaubare Liste.

Deutschland, Hamburg, 14.10.2022, Fussball 2. Bundesliga 12. Spieltag, FC St. Pauli - Hamburger SV im Millerntor-Stadion  Jubel bei Eric Smith (FC St. Pauli) nach dem Tor zum 1:0 mit Manolis Saliakas (FC St. Pauli) - Afeez Aremu (FC St. Pauli) und Marcel Hartel (FC St. Pauli)
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Im Hinspiel feierte Eric Smith nicht nur sein Debüt als Abwehrchef des FC St. Pauli, sondern trug sich auch in die prominente Liste der Derby-Torschützen des FCSP ein.
(c) Peter Boehmer

Hamburger SV: Wer kann spielen, wer fehlt?

Beim Hamburger SV ist die Personallage sogar noch deutlich entspannter. Der Club vermeldete, dass Cheftrainer Tim Walter „ausnahmslos auf alle derzeit verfügbaren HSV-Profis zurückgreifen“ konnte im Training am Mittwoch. Das bedeutet, dass auch Jonas Meffert wieder im Training mitgemischt hat. Der Sechser fehlte letztes Wochenende in Kaiserslautern aufgrund von Wadenproblemen. Auch Moritz Heyer (fehlte gegen den FCK erkältet) mischte wieder mit. Der Ausdruck „alle derzeit verfügbaren Profis“ ist aber auch eine Umschreibung dafür, dass es mit Mario Vuscovic an durchaus prominenter (und für das Team sehr wichtiger) Stelle fehlt im Kader. Er ist weiterhin gesperrt.

Was hat der HSV zu bieten?

Viel, da müssen wir der Realität ins Auge blicken. Denn auch wenn der HSV vielleicht nicht mehr den absoluten Überkader wie in den Vorjahren hat, so zählt das Team allein aufgrund seiner individuellen Fähigkeiten zu den Aufstiegskandidaten. Davon ist aber in der Rückrunde etwas weniger zu sehen, als noch im ersten Saisonabschnitt.

Acht Siege holte das Team von Tim Walter in den ersten zehn Saisonspielen, ehe es ein kleines Tief mit drei Niederlagen bis zum Ende der Hinrunde gab. Und von den ersten elf Rückrundenspielen konnte der HSV dann „nur“ noch fünf gewinnen. Der FC St. Pauli holte in dieser Zeit satte elf Punkte auf, sodass nun ein aus HSV-Sicht sicher etwas beunruhigendes Polster von sechs Punkten auf den FCSP vorhanden ist.

Pizza-Grafik mit Kern-Statistiken des Hamburger SV nach 28 Spieltagen der 2. Bundesliga 22/23

Offensiv dominant, defensiv anfällig

Die große Stärke des HSV ist die Offensive. Es gab bisher nur wenige Spiele in der Saison, in denen es dem Team nicht gelang zu nennenswerten Chancen zu kommen (das letzte Spiel stellt dabei aber einen negativen Ausreißer dar). Basierend auf den xG-Werten stellt man die zweitbeste Offensive der Liga. Dabei sticht natürlich 17-Tore-Stürmer Robert Glatzel hervor, der mit großem Abstand den höchsten eigenen xG-Wert der Liga hat (17.8; auf Platz Zwei folgt Terence Boyd mit 12.9) und die meisten Torschüsse abgab.

Dieser Wert ist natürlich bemerkenswert hoch, aber auch wenig verwunderlich, wenn man sich anschaut, wie krass das Spiel des HSV auf einen zentralen Stürmer ausgerichtet ist. Das Team schlägt die meisten Flanken und geht am häufigsten ins Dribbling, möchte immer über die offensiven Außenbahnen durchbrechen und Glatzel im Zentrum finden. Allerdings hat diese Spielweise etwas gelitten, da Jean-Luc Dompé (meiste Flanken und meiste Dribblings der Liga) zuletzt etwas mit sich und seinem Körper zu kämpfen hatte.

Walter-Ball mit Abstrichen?

Und vielleicht ist die klare Spielweise des Hamburger SV zuletzt etwas schwammiger geworden. Zumindest probierte Tim Walter, notgedrungen, statt des üblichen 4-3-3 auch mal eine Dreierkette oder ein flaches 4-4-2 aus, da Laszlo Benes nicht so richtig in Form war und Sebastian Schonlau zwischendurch immer mal wieder fehlte.
Die Spielidee, die Grundprinzipien bleiben aber, systemunabhängig, identisch: Der HSV möchte seine offensiven Außenbahnspieler in 1-gegen-1-Duelle bekommen. Fabian Hürzeler beschreibt diesen markanten Spielstil a.k.a. „Walter-Ball“ wie folgt:

„Es ist extrem viel ‚Spielen und Gehen‘. Es ist viel Flexibilität. Dadurch, dass es so flexibel ist, mit vielen Positionsändernungen, sind bestimmte Räume vorhanden. Er lässt Räume frei, wo er reinlaufen will, wo die Spieler reinlaufen können, mit oder ohne Ball. Das sieht dann sehr flexibel aus, da wird es mal eine Dreier-, mal eine Viererkette. (…) Dadurch will er Unordnung beim Gegner provozieren.“

Fabian Hürzeler erklärt den Spielstil des HSV unter Tim Walter

Am besten funktioniert dieses Freispielen der Außenspieler – die offenen Räume, die dann Belaufen werden können – wenn die beiden Achter, üblicherweise Benes und der spielerisch bärenstarke Ludovit Reis, auch immer mit vorrücken und so Gegenspieler binden. Da sich dadurch eine offensive Fünferreihe bildet, war es in der Hinrunde ziemlich „en vogue“ gegen den HSV mit einer Fünferkette zu spielen. So wie es zum Beispiel der FC St. Pauli tat, zum ersten Mal unter Timo Schultz – und 3:0 gewann. Sogar der SV Sandhausen (!!!) versuchte sich mit einer Fünferkette gegen den HSV in der Hinrunde. Zurecht, denn alle fünf HSV-Niederlagen im ersten Saisonabschnitt gab es gegen Teams, die mit einer Fünferkette spielten.

Hamburg, Deutschland, 14.10.2022 - Jackson Irvine (FC St. Pauli) im Zweikampf mit Jonas Meffert (Hambiurger SV) - Copyright: Peter Boehmer
Zu dem Zweikampf Jackson Irvine gegen Jonas Meffert dürfte es auch am Freitag wieder kommen.
(c) Peter Boehmer

Die markante Spielweise des HSV, mit den sehr weit hochschiebenden Achtern und den Rotationen in der Hintermannschaft, sowie dem weit vorschiebenden Torwart Daniel Heuer Fernandes, sorgen dafür, dass das Team zwar offensiv sehr präsent, defensiv aber durchaus anfällig ist. Der gegnerische xG-Wert ist durchschnittlich, wie auch die Anzahl an gegnerischen Torschüssen, sowie die Quoten in Zweikämpfen und Kopfballduellen.

Wenn es also Teams gelingt die offensive Spielidee des HSV gut aufzunehmen, z.B. mit einer gut abgestimmten Mannorientierung und dem Mut, dass die Innenverteidiger den Achtern auch sehr weit folgen, dann muss der „Walter-Ball“ (personell) ins Risiko gehen. Und dieses Risiko bietet den Gegnern Möglichkeiten in Form von Umschaltmomenten. Eine Blaupause dazu lieferte der 1. FC Kaiserslautern in der Vorwoche. Hürzeler findet hierzu angenehm klare Worte:

„Ich sehe es auch, dass sie einige Torchancen zulassen. Das ist natürlich unsere Chance und das ist auch ganz klar das, was ich zur Mannschaft kommunizieren werde, dass wir auch den Ball haben wollen, dass wir mutig Ballbesitzphasen haben und dann auch Chancen kreieren. Ein Erklärungsansatz für die zugelassenen Torchancen kann sein, dass sie sehr viele Offensivspieler auf dem Platz haben. Wenn du nur mit fünf defensiv denkenden Spielern spielst, dann ist natürlich der ein oder andere Raum vorhanden. Da sehen wir unsere Chance und das versuchen wir auszunutzen.“

Fabian Hürzeler sieht den HSV offensiv stark, aber mit defensiven Schwächen

Mögliche Aufstellung

Es ist relativ schwierig abzuschätzen, wie sich der HSV personell aufstellen wird. Fast sicher dürfte sein, dass Jonas Meffert in die Startelf zurückkehrt und Ludovit Reis wieder auf die Acht rückt und dort Suhonen verdrängt. Auch eine Rückkehr von Moritz Heyer ist zu erwarten. Er dürfte rechts hinten zum Einsatz kommen und dort Köln-Leihgabe Noah Katterbach verdrängen, den es dann ziemlich sicher auf die linke Abwehrseite ziehen wird (er ist definitiv einer der Lichtblicke in der Rückrunde beim HSV), sodass Miro Muheim auf die Bank muss.

Vor dem Kaiserslautern-Spiel hatte sich Sonny Kittel, nach durchwachsenem Start in die Rückrunde, wieder etwas festgespielt. Robert Glatzel und Bakery Jatta sind sowieso gesetzt, sodass Jean-Luc Dompe und Ransford-Yeboah Königsdörffer aktuell etwas hinten dran sind. Zudem ist die Offensive noch mit den jungen Spielern Andras Nemeth und Tom Sanne (kam aus der FCSP-Jugend) sehr gut besetzt und personelle Wechsel sind daher immer denkbar.

Erwartete Aufstellung beim Spiel Hamburger SV gegen den FC St. Pauli
Erwartete Aufstellung beim Spiel Hamburger SV gegen den FC St. Pauli

Formationswechsel beim FCSP?

Beim FC St. Pauli ist ein etwas größeres Fragezeichen rund um die personelle und taktische Aufstellung vorhanden, als zuletzt. Und das liegt nicht daran, dass das letzte Spiel verloren wurde, sondern eher, weil der FCSP nach der Umstellung gegen Braunschweig in einem 4-3-3 überzeugen konnte. Ob diese Formation aber gegen den HSV das Mittel der Wahl ist? Da sind aufgrund der Spielweise des Gegners Zweifel angebracht.

Und trotzdem könnte sich ein wenig was tun in Sachen Personal und Formation. Der FC St. Pauli war im Hinspiel sehr erfolgreich mit einem 5-3-2, also mit zwei Achtern und einem Sechser im Mittelfeld. Die letzten Spiele haben gezeigt, dass es andere Antworten im Aufbauspiel braucht (auch mit Smith hat es gegen Fürth nicht optimal funktioniert im Spielaufbau). Und dabei scheint es dem Team ganz gut zu tun, wenn das zentrale Mittelfeld etwas üppiger besetzt ist und das Duo Hartel/Irvine dadurch etwas mehr Freiheiten bekommt.

Denkbar wäre daher eine Formation, bei der Afeez Aremu den zuletzt etwas blassen Connor Metcalfe ersetzt und der FCSP dadurch von einem 5-2-3 auf ein 5-3-2 wechselt. Ebenfalls denkbar wäre aber auch eine „Umstellung light“, bei der Metcalfe seine offensive Rolle etwas mehr als Achter interpretiert. Dadurch wären die Muster eines 5-3-2 dann auch gegeben, ohne personelle Veränderung.
Sicher ist hingegen, dass durch die Rückkehr von Eric Smith jemand aus der Innenverteidigung weichen muss. Auch wenn er sportlich überzeugen konnte, dürfte Adam Dźwigała daher wieder auf der Bank Platz nehmen.

Das wichtigste Derby?

Fabian Hürzeler wurde gefragt, ob dieses Derby aufgrund der Tabellensituation das „wichtigste“ Derby sei. Er hat das in seiner Antwort recht cool abmoderiert. Und auch wenn es vielleicht schon Stadtmeisterschaften gab, die medial höher aufgebauscht wurden, auf die sich viele Fans vielleicht etwas mehr freuten, so kann durchaus behauptet werden, dass dieses Derby das wichtigste ist. Denn zumindest in der 2. Bundesliga gab es noch nie ein Aufeinandertreffen zu so einem späten Saisonzeitpunkt. Und das vor dem Hintergrund, dass beide Teams tabellarisch eng beieinander liegen und der Aufstieg ein relevantes Szenario ist.

Ich finde also, dass dieses Spiel durch den Zeitpunkt und die Tabellensituation noch eine besondere sportliche Brisanz bekommt. Und für mich persönlich ist ohnehin immer das kommende Derby das wichtigste.
Forza!
// Tim

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