SV Darmstadt 98 – FC St. Pauli 0:3 – Immer weiter vor!

SV Darmstadt 98 – FC St. Pauli 0:3 – Immer weiter vor!

Der FCSP gewinnt auswärts in Darmstadt mit 3:0 und trotzt dabei einigen Schwierigkeiten zu Beginn, spielte die etwas glückliche Führung in der zweiten Halbzeit dann aber ganz fantastisch aus. Die Analyse.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Und plötzlich ist alles wieder denkbar. Das Rechnen erbeten. Die Hoffnung vorhanden. Das Träumen erlaubt. Der FC St. Pauli gewinnt das Auswärtsspiel bei Darmstadt 98 und darf sich nun angesichts von nur noch vier Punkten Rückstand auf den dritten Tabellenplatz zumindest wieder damit befassen, dass es diese Saison dank einer bisher überragenden Rückrunde eine kaum mehr für möglich gehaltene Wendung geben könnte.

Die Aufstellung

Basierend auf den Aussagen während der Pressekonferenz vor dem Spiel deutete sich bereits an, dass der Einsatz von Eric Smith unklar ist. 60 Minuten vor Anpfiff war sicher: Smith kann nicht spielen, stand gar nicht im Kader, verpasste also bereits das sechste Spiel in der Rückrunde. Ersetzt wurde er, wie üblich, durch Adam Dźwigała. Das war auch bereits letzte Woche so, und auch sonst gab es keine Veränderungen in der Startelf. Das bedeutete, dass Elias Saad auch in Darmstadt von Beginn an auf dem Platz stand, Dapo Afolayan damit auf die rechte Seite rückte.

Der SV Darmstadt 98 begrüßte zwei Rückkehrer: Zum einen kam Tobias Kempe zum ersten Mal seit seiner Verletzung zu Beginn der Rückrunde wieder von Beginn an zum Einsatz und ersetzte dort den nicht ganz fitten Mathias Honsak. Der zweite Rückkehrer war Fabian Holland, der nach vier Spielen Pause zwar nicht in der Startelf, aber zumindest auf der Bank saß. Kempe ersetzte Honsak aber nicht positionsgetreu. Stattdessen agierte er neben Fabian Schnellhardt auf der Sechs und Marvin Mehlem schob vor in den Zehnerraum.

Darmstadt, 06.05.2023, Fußball, 2. Bundesliga - Aufstellung beim Spiel SV Darmstadt 98 gegen FC St. Pauli
Aufstellung beim Spiel SV Darmstadt 98 gegen FC St. Pauli

Mut wird belohnt

Die ersten 45 Minuten waren vor allem von gegenseitigem Respekt geprägt. Beiden Teams war anzumerken, dass sie ganz genau wussten, welcher Gegner ihnen da gegenüber steht. Und wie gefährlich es ist gegen diesen Gegner in Rückstand zu geraten. Entsprechend konzentriert im und fokussiert auf das Defensivverhalten begannen beide Teams. Spannend war dabei, welch unterschiedliche Ansätze sie wählten.

Raumdeckung und Problemfall Tietz

Der FC St. Pauli setzte in der Defensive auf ein eher verhaltenes Anlaufen, erwartete die Lilien nicht selten hinter der Mittellinie. Das Team bildete dabei sein unter Hürzeler inzwischen perfektioniertes System mit einer Fünferkette als letzte Linie, aus der sich die Flügelverteidiger lösen, sobald der gegnerische Flügelverteidiger an den Ball kommt, und einem zentrumsorientierten (also im Raum verteidigenden) Fünferblock davor.

Darmstadt 98 zeigte gegen dieses Defensivverhalten ein in der ersten Halbzeit eher risikoarmes Aufbauspiel. Zu Beginn rückte häufig Emir Karic von seiner Position als linker Flügelverteidiger mit in den offensiven linken Halbraum. Das führte dazu, dass sich im Aufbauspiel meist eine Viererkette bildete, da alle weiteren Spieler aus der Lilien-Kette nachschoben und Matthias Bader dieses Offensivverhalten von Karic auf der Gegenseite nicht zeigte. Gegen Ende der ersten 45 Minuten waren die Bewegungen von Karic nicht mehr zu sehen. Stattdessen schob Christoph Zimmermann aus seiner zentralen Innenverteidiger-Position immer wieder in den Sechserraum, sodass Schnellhardt und Kempe etwas freier in ihren Bewegungen wurden, das Team aber auch leicht mehr Risiko ging.

Trotz dieses insgesamt geringen Risikos der Lilien wurde das Team bei Ballbesitzphasen zumindest nicht ungefährlich. Darmstadt gelang es schon öfter mal gefährlich im letzten Drittel an den Ball zu kommen. Das hing vor allem mit dem enorm starken Philipp Tietz zusammen, der die gebündelten Kräfte aller drei FCSP-Innenverteidiger forderte (gerade Adam Dźwigała wirkte in den ersten 30 Minuten sogar etwas überfordert – aber das Duell sollte kurz vor dem Halbzeitpfiff eine positive Wendung nehmen). Schon sehr beeindruckend, welch große Präsenz er zeigte, wie ihn seine Mitspieler immer wieder anspielen konnten, egal wie eng der Raum war. Die ganz großen Chancen konnte sich Darmstadt aber in den ersten 45 Minuten nicht erspielen.

Darmstadt, Deutschland, 06.05.2023 - Philipp Tietz (SV Darmstadt 98) im Duell mit Adam Dzwigala (FC St. Pauli) - Copyright: Christof Koepsel Getty Images
Zwar war er nicht erfolgreich, aber Philipp Tietz war ein steter Unruheherd für Darmstadt im Spiel gegen den FC St. Pauli.
(Christof Koepsel/Getty Images/via OneFootball)

Pärchen auf dem gesamten Platz

Ganz anders gestaltete sich das Spiel, wenn der FC St. Pauli im Ballbesitz war. Die Lilien nahmen die FCSP-Spieler konsequent in Manndeckung. Dazu schob Mehlem nach links raus zu Dźwigała und beide Sechser, Kempe und Schnellhardt, sehr weit hoch, um Hartel und Irvine zu erreichen. Diese Mannorientierung zog sich wirklich über den gesamten Platz. Und das brachte ein paar Probleme für Darmstadt, aber auch welche für den FCSP.

Denn grundsätzlich hat der FC St. Pauli unter Fabian Hürzeler in der Rückrunde ein Set von Lösungen gegen die Mannorientierungen der Gegner in der Hand. Die Bewegungen von Leart Paqarada in den Sechserraum zum Beispiel. Die gab es auch gegen Darmstadt zu sehen und Gegenspieler Bader ging diese Wege nie mit, sodass Paqarada sich dadurch ganz klassisch freilaufen konnte und der FCSP so eine Überzahl im Zentrum generierte. Die löste sich aber oft wieder auf, da Marcel Hartel gerne die linke Seite suchte und dort zusammen mit Elias Saad versuchte ein Mismatch gegen den kopfballstarken, aber nicht ganz so beweglichen Patric Pfeiffer auszunutzen.

Die beste Lösung, die der FC St. Pauli gegen die mannorientierte Spielweise der Lilien hatte, waren die Bewegungen von Lukas Daschner. Der ließ sich nämlich sehr oft in den Zehnerraum fallen. Da Schnellhardt und Kempe auf die Doppelsechs des FCSP vorschoben, war dieser Raum oft verwaist. Daschners Gegenspieler Zimmermann folgte ihm nicht dahin, weil er sonst das Feld für tiefe Läufe von Saad und Afolayan geöffnet hätte.
Überzahl im Zentrum durch Paqarada und Daschner, Mismatch kreiert auf der linken Seite – wieso schaffte es der FC St. Pauli nicht, diese Vorteile auszunutzen?

Darmstadt, Deutschland, 06.05.2023 - Darstellung des Spielaufbaus des FC St. Pauli (links) und SV Darmstadt 98 (rechts)
links: Bei Ballbesitz FC St. Pauli zeigten einige FCSP-Spieler Rotationen, um sich der starken Darmstädter Mannorientierung zu entledigen.
rechts: Der SV Darmstadt 98 versuchte sich mit risikoarmen Positionsverschiebungen nach vorne zu spielen.

In den ersten 20 Minuten sah das Aufbauspiel des FCSP noch sehr ordentlich aus. Große Chancen gab es zwar nicht, das Nachrückverhalten war noch eher abwartend, was zu diesem Zeitpunkt völlig ok war. Doch ab Mitte der ersten Hälfte wurde es sehr ungenau, vor allem bei Pässen im Zentrum. Gleich einige Male hatte der FC St. Pauli Glück, dass Darmstadt 98 aus diesen Ballgewinnen nichts machte. Das war schon sehr ungewohnt. Zum einen von den FCSP-Spielern, weil sie eigentlich sehr ballsicher sind, trotz Mannorientierung. Zum anderen von Darmstadt, weil sie so wenig aus den sich bietenden Chancen machten, was sie sonst in dieser Saison erfolgreicher bewerkstelligten.

1:0 ändert alles

Und so war dann auch irgendwie klar, welche Aktion der Dosenöffner für diese Partie werden würde: Ein Standard, gut herausgeholt von Elias Saad. Dieser brachte kurz vor der Pause die Führung für den FC St. Pauli. Weil Adam Dźwigała den Ball Philipp Tietz zum Einköpfen überließ. Das war zu diesem Zeitpunkt sicher etwas glücklich. Auf der anderen Seite hat sich der FCSP in gewisser Weise für seinen doch deutlich mutigeren Ansatz im Spielaufbau belohnt. Ich finde es bemerkenswert, wie sich das Team nicht hat beirren lassen, weiter mutig aufbaute, obwohl der Gegnerdruck groß und dadurch die Spielweise ungenau wurde.

Darmstadt wird mutiger – und das Spiel besser

Klar, wenn Du dann erst einmal hinten liegst und Dir bisher noch keine klaren Chancen erspielt hast, dann muss mehr Mut in der Offensive kommen. Der kam in den zweiten 45 Minuten von Darmstadt erst einmal in Form eines personellen Wechsels: Mathias Honsak ersetzte Schnellhardt und nahm klar den Part des Linksaußen ein (Mehlem rückte nominell auf die Schnellhardt-Position, agierte aber eher auf der Acht).

Kurz nach Wiederanpfiff hätte Hartel bereits das 2:0 erzielen müssen, als er völlig frei aus wenigen Metern Schuhen anköpfte. Aber diese Aktion war so etwas wie der Anzeiger dafür, dass es nun mehr Torraumszenen geben würde als noch in der ersten Halbzeit. Allerdings nicht für das nun mutigere Darmstadt, sondern für den eiskalt die Räume nutzenden FC St. Pauli. Und erneut war Elias Saad entscheidend beteiligt am Treffer, schob den Ball aus kürzester Distanz zum 2:0 über die Linie. Spätestens jetzt wurde zumindest mir persönlich klar, dass der FCSP tatsächlich ein ernsthafter Partycrasher sein könnte.

Defensiv stabil, offensiv brutal für den Gegner

Die Lilien wurden nun noch druckvoller, lösten ihre Fünferkette zugunsten eines weiteren Stürmers (Aaron Seydel kam für Zimmermann) auf. Der FC St. Pauli verteidigte den Vorsprung mit enorm viel Engagement. Aber natürlich kannst Du gegen den Spitzenreiter der 2. Bundesliga nicht alles wegverteidigen. So gab es durchaus noch die ein oder andere kritische Situation für den FCSP, die Lilien rieben sich dabei aber fast noch etwas öfter am Schiedsrichter als am Gegner.

Vielleicht war der Gegner am Ende auch etwas müde, aber mit jeder Minute mehr auf der Uhr, wurde der FCSP defensiv stabiler, sodass in der Schlussphase eigentlich gar keine Gefahr mehr für das eigene Tor entstand. Im Gegenteil – David Otto erzielte nach perfekter Vorarbeit von Daschner das 3:0 und so war bereits in der 84. Minute das Bier endgültig ausgetrunken, der Stecker der Musikanalage gezogen, die Polizei an die Tür klingelnd – nennt es, wie ihr wollt, die Party war gecrashed.

David Otto erzielte das 3:0 und damit war endgültig klar, dass der SV Darmstadt 98 an diesem Abend nicht aufsteigen würde, zeitgleich aber der FCSP seinen Hut wieder in den Ring im Kampf um eben jene Plätze an der Sonne wirft.
(c) Peter Boehmer

Schauen was passiert…

Der FC St. Pauli gewinnt also das erste Mal überhaupt in Darmstadt und darf sich für eine insgesamt sehr mutige und in der zweiten Halbzeit sehr gute Leistung feiern lassen. Das Team punktet dreifach beim bis dahin zuhause ungeschlagenen Tabellenführer und stellt den eigenen Punkterekord für eine Halbserie ein (36 Punkte). Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mich schon eher freuen würde, wenn der SV Darmstadt 98 dann halt nächste Woche in Hannover aufsteigt. Aber ich bin auch ehrlich: Das ist mir ab jetzt natürlich größtenteils wumpe, denn der Blick geht dann doch klar auf andere Vereine.

Der FC St. Pauli empfängt nächste Woche Fortuna Düsseldorf. Die Fortuna ist durch den deutlichen Erfolg gegen Holstein Kiel auch wieder in das Geschäft eingestiegen, liegt nur aufgrund des um ein Tor schlechteren Torverhältnisses hinter dem FCSP. Die beiden treffen Samstagabend aufeinander, der HSV spielt erst am Sonntag beim abstiegsbedrohten Regensburg. Und Fabian Hürzeler, eigentlich jemand, der bisher immer betonte, dass man nur auf sich und nicht auf die Tabelle schaut, hatte nach Abpfiff in Darmstadt dann doch ein paar forschere und passende Worte zum kommenden Spiel gefunden und ins Sky-Mikro platziert:

„Das ist ein Verfolgerduell um Platz 3 – wenn wir da gewinnen, dann sind wir einen Punkt dran und dann schauen wir mal was passiert.“

Choo-Choo!

Immer weiter vor!
// Tim

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4 thoughts on “SV Darmstadt 98 – FC St. Pauli 0:3 – Immer weiter vor!

  1. Danke für den Bericht aus Darmstdt, Tim
    Wer den Tabellenführer in so abgezockter Weise schlagen kann,
    der wird auch gegen Fortuna Düsseldorf die Punkte einfahren können
    Es ist angerichtet für eine spannenden Saison-Endphase und der Stadtrivale
    spürt unseren Atem
    Dieses Spiel gestern war für mich die Meisterprüfung des Teams von Fabian Hürzeler
    Nach 2 Niederlagen in Folge jetzt noch einmal so zurück zu kommen in die Saison
    Ich ziehe den Hut vor dieser Leistung….zumindest die Relegation ist rechnerisch
    immer noch machbar und bei der aktuellen Leistungskurve der Walter-Mannen nicht nur
    ein irrer Traum.
    Unser Trainer hat es angekündigt:
    „Das ist ein Verfolgerduell um Platz 3 – Wenn wir da gewinnen, dann sind wir einen Punkt dran und dann schauen wir mal was passiert.“
    Mal sehen, wer den längeren Atem hat …..

  2. Wow Tim, Sonntagmorgen schon den Bericht vor den halbgeschlossenen Augen-Respekt!
    Ehrlich: Ich dachte auch, dass wir nach den 10 gewonnenen Spielen nichts mehr reißen würden aber wie dieses Team, nach zwei vergeigten Spielen, performed fällt schon komplett aus dem gewohnten St.Pauli Rahmen.
    Darum ist für mich die Relegation dieses Jahr quasi ein Resultat der Rückrunde, würde mich schwer wundern wenn wir das nicht hinkriegen.
    Die Rauten haben das schwerere Restprogramm gegen zwei Mannschaften die im Abstiegskampf alles geben, die spielen mit Sicherheit (ich leg mich fest) keine Relegation!
    Was ´ne geile, spannende Restsaison…

  3. Ich frage mich, worüber Torsten Lieberknechts Enttäuschung größer war: über die Niederlage oder über die Tatsache, dass er anschließend bei der PK keine Frage von Tim gestellt bekommen hat. Da hat er sich seit der Hinrunde drauf gefreut, nehme ich an.

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