Die Hinrunde des FCSP in Zahlen

Die Hinrunde des FCSP in Zahlen

Der FC St. Pauli hat in der Hinrunde 23/24 gleich mehrere rekordverdächtige Zahlen vorzuweisen – die Statistiken zur Hinrunde des FCSP.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Sicher dürften sich viele ein etwas anderes Ende der Hinrunde des FC St. Pauli gewünscht haben – und nicht drei Unentschieden zum Abschluss. Trotzdem haben auch diese Punkte und Spiele dazu beigetragen, dass der FCSP als einer der großen Aufstiegsfavoriten in die Rückrunde gehen wird. Denn die Statistiken zur Hinrunde zeigen klar: Der FC St. Pauli ist mit das beste Team der Liga. Mindestens.

Laufstark, aber zweikampfschwach?

2063,9
Kein Club in der 2. Bundesliga hat in den 17 Spielen insgesamt mehr Kilometer abgespult als der FC St. Pauli. Das ist ein Ausdruck des Aufwands, den das Team betreibt und die Grundlage, um die Spielidee umzusetzen. Knapp mehr als zehn Prozent der gelaufenen Kilometer (genau: 215,8km) hat Marcel Hartel beigetragen. Damit ist er, wie auch schon in der Vorsaison, der laufstärkste Spieler der Liga.

49,82
Wie wenig Aussagekraft Statistiken besitzen können, wenn sie keinen Kontext haben, zeigt sich an der Zahl 49,82. Das ist nämlich die durchschnittliche Anzahl an Zweikämpfen, die der FC St. Pauli führt und es ist die niedrigste der Liga. Da die Erfolgsquote bei Defensivzweikämpfen mit knapp unter 60 Prozent unteres Mittelmaß im Ligavergleich bedeutet, ist der FCSP das Team mit den wenigsten gewonnenen Zweikämpfen. Ist das ein Problem?

Eher nicht, solange wichtige Zweikämpfe gewonnen werden. Und das passiert. Sowohl bei hohen Ballgewinnen ist das Team sehr gut dabei (die meisten Defensivzweikämpfe aller offensiven Außenbahnspieler der Liga führt übrigens ein gewisser Elias Saad). Und alle drei Innenverteidiger des FCSP stehen mit Quoten von jeweils mehr als 66 Prozent ebenfalls ligaweit gut da.

Defensiv stabil – wie sonst niemand!

7,19
Der wohl wichtigste Indikator für die Frage, ob wenige gewonnene Zweikämpfe eine Aussage über die Defensivstärke eines Teams beinhalten, zeigt sich in anderen Defensiv-Statistiken. Und die sind nahezu alle ziemlich, ziemlich gut. So zum Beispiel die 7,19 zugelassenen gegnerischen Torschüsse pro Partie. Klingt nach wenig. Ist es auch. Ziemlich, ziemlich wenig.

In dieser Saison liegt die SpVgg Fürth mit 9,9 zugelassenen gegnerischen Torschüssen auf Platz zwei. Der Abstand ist also ziemlich groß. Der FC St. Pauli hat laut dieser Statistik also die deutlich beste Defensive der Liga. Der Blick in die Vorjahre untermauert das: Seit Beginn der Datenaufzeichnung gab es nur einen Club, der einen ähnlich niedrigen Wert hatte: In der Saison 15/16 (und weiter zurück geht die Datenaufzeichnung nicht): RB Leipzig (7,6 gegnerische Torschüsse pro 90 Minuten).
Nur Hannover blieb auch mal unter einem Wert von 9 (17/18). Ansonsten gibt es rund ein halbes Dutzend Clubs mit Werten knapp unter zehn. Der FC St. Pauli stellt also nicht nur die beste Defensive der Liga, sondern die beste Defensive seit der Saison 15/16, mindestens. Das ist doch Wahnsinn.

Nur RB Leipzig…

1,04
Der Blick auf die gegnerischen xG-Werte entkräftet das auf den ersten Blick ein ganz kleines bisschen. Denn der xG von 1,04 pro 90 Minuten ist der niedrigste seit RB Leipzig in der Saison 15/16. Allerdings ist da der Wahnsinnswert von 4,4 aus dem Rostock-Spiel drin, als der FCSP zwei Elfmeter gegen sich hatte und ein xG-Wert von knapp 1,5 allein bei einer Situation in der 8. Minute zustande kam. Rechnet man dieses Spiel aus den Daten heraus, dann liegt der Wert bei 0,8 und ist damit, natürlich, der niedrigste seit Beginn der Datenaufzeichnung.

Insofern ist es verwunderlich, dass Fabian Hürzeler sowohl auf der letzten Pressekonferenz, aber auch in der Medienrunde nach der Hinrunde anmerkte, dass ein Fokus der Vorbereitung darin liege, die Arbeit gegen den Ball noch weiter zu verbessern. Aber wenn es dann in der Rückrunde erstmal ein Spiel gibt, bei dem der Gegner gar keinen Torschuss hat…

Kern-Statistiken der DEFENSIVE des FC St. Pauli nach der Hinrunde 23/24 der 2. Bundesliga.
Die Länge des deutlich gefärbten Teils des Pizzastücks zeigt, wie viele Prozent der anderen zentralen
Mittelfeldspieler schlechtere Werte oder maximal den gleichen Wert
haben. Komplett deutlich gefärbt heißt: Keiner ist besser. Steht bei der Bezeichnung der Metrik ein „NEGATIVE“, dann ist es umgekehrt, also: Je weniger deutlich eingefärbt, umso besser.

Standards als große Stärke

57
Eine Säule in der Offensive war in der Hinrunde ganz sicher die Gefahr des FC St. Pauli nach Eckbällen. Insgesamt gab es acht Treffer nach Standards, fünf davon nach einem Eckball. Auf Bundesliga.de wird der FCSP daher als das Team mit der höchsten Eckball-Gefahr gewertet. Die Gefahr, die von FCSP-Ecken auf das gegnerische Tor ausgeht, ist um 57 Prozent höher als bei durchschnittlichen Ecken der Liga.

288
Der FC St. Pauli hat nicht nur die wenigsten gegnerischen Torschüsse zugelassen, sondern hat auch selbst die meisten Torschüsse abgegeben. Mit 288 Versuchen liegt das Team deutlich vor dem HSV (262) und Kiel (246). Warum das nicht in den meisten Toren mündete, erklärt auch die nächste Zahl.

Abschlusspositionen ein Thema

0,107
Die Torwahrscheinlichkeit pro Torschuss ist beim FC St. Pauli sehr niedrig. Sie liegt bei 0,107, also 10,7 Prozent. Nur der VfL Osnabrück hat mit einem Wert von genau 10 Prozent einen niedrigeren Wert. Primus ist der 1. FC Kaiserslautern mit einem Wert von 14,4 Prozent. Um den Unterschied dieser Werte deutlich zu machen: Der FC St. Pauli hat einen absoluten xG-Wert von 30,9 – das ist ligaweit der dritte Platz, hinter dem HSV und dem FCK. Würde die Torwahrscheinlichkeit des FCSP pro Abschluss nicht bei 10,7 sondern 14,4 Prozent liegen, dann würde der xG-Wert des FCSP bei 41,5 liegen. Der Unterschied ist also riesig.

Wir betreten hier also das Thema Abschluss-Effizienz, aber auch Entscheidungsfindung im letzten Drittel. Mehr als 44 Prozent der Torschüsse des FC St. Pauli wurden außerhalb des Sechzehnmeterraumes abgegeben. Der Liga-Durchschnitt beträgt 40,6 Prozent. Der FCSP schließt also häufiger aus nicht so guten Positionen ab. Wenn mich jemand fragen würde, dann würde ich sagen, dass genau hier, beim Spiel im letzten Drittel, bei der Entscheidung, wann Abschlüsse genommen werden und wann es besser ist, den Ball weiterzuspielen, noch Arbeit notwendig ist. Zudem ist dann natürlich auch die Abschluss-Effizienz einzelner Spieler ein Thema.

Das ist alles weit entfernt von einer „Stürmerdiskussion“. Die Statistiken zeigen aber klar, dass der FC St. Pauli im Ligavergleich hier noch Nachholbedarf hat. Zumindest müssen die Gründe für das Zustandekommen dieser Zahlen genau analysiert werden. Denn vielleicht ist dieser Wert von 10,7 Prozent aber auch dadurch bedingt, dass der FCSP oft gegen tiefstehende Gegner agieren muss, sich also seltener viel klarere Torchancen erspielen kann. Dazu wäre ein Blick auf alle 288 Torschüsse des FCSP notwendig, um zu schauen, ob es bessere Optionen als den Torschuss gegeben hätte. Eine schöne Aufgabe für die Winterpause. Aber nicht für mich.

Das beste Team der Liga!

32,6
Klingt der letzte Absatz sehr negativ? So ist das gar nicht gemeint, immerhin schreibe ich hier über das mit Abstand beste Team der Liga, wenn man die Statistiken als Ganzes betrachtet. Das kulminiert bei den Expected Points, also jenem Wert, der aus den eigenen und gegnerischen xG-Werten abgeleitet wird. Demnach ist der FC St. Pauli mit seinem xP-Wert von 32,6 einsame Ligaspitze. Es folgen die SpVgg Fürth mit 29, dann der HSV mit 28,2. Wenn der FCSP diesen Schnitt beibehält, dann gab es seit der Saison 15/16 nur zwei Teams, die einen höheren Durchschnittswert hatten.

Kern-Statistiken der OFFENSIVE des FC St. Pauli nach der Hinrunde 23/24 der 2. Bundesliga.
Die Länge des deutlich gefärbten Teils des Pizzastücks zeigt, wie viele Prozent der anderen zentralen
Mittelfeldspieler schlechtere Werte oder maximal den gleichen Wert
haben. Komplett deutlich gefärbt heißt: Keiner ist besser. Steht bei der Bezeichnung der Metrik ein „NEGATIVE“, dann ist es umgekehrt, also: Je weniger deutlich eingefärbt, umso besser.

7,13
Zwar belegt der FC St. Pauli nach der Hinrunde hinter Holstein Kiel „nur“ den zweiten Platz, aber das Team hat den wohl besten Fußball der Liga gespielt, darin sind sich viele einig. Die meisten eigenen Torschüsse, die wenigsten gegnerischen Torschüsse, der höchste xP-Wert. Diese Leistungen spiegeln sich auch im Rating von FotMob. Der FC St. Pauli hat hier mit einem durchschnittlichen Wert von 7,13 (ganz knapp vor dem HSV) das höchste Rating aller Zweitligisten.

Ungeschlagen durch die Hinrunde? Aufstieg per Relegation!

3,234.400
Eine Zahl, die mit der Hinrunde in der 2. Bundesliga sehr wenig zu tun hat, für den FC St. Pauli aber wahnsinnig wichtig ist, lautet 3,234.400 €. Denn das ist die Summe, die der FCSP bisher über Prämien aus dem DFB-Pokal einnahm. Die weiteren Einnahmen (Spieltagseinnahmen teilt man sich mit dem jeweiligen Gegner) werden vermutlich mindestens die Prämien decken, die der Verein an die Spieler für die Erfolge ausschüttet. Angesichts der wirtschaftlichen Kennzahlen, die der Verein vor wenigen Wochen veröffentlichte, ist das ein ganz, ganz wichtiger Betrag, der sicher auch seine Auswirkungen auf den Ligabetrieb haben wird (weil man damit sicher auch unmoralischen Transferangeboten im Winter besser widerstehen kann).

8-9-0
Was angesichts der bisher präsentierten Zahlen eigentlich unglaublich ist, sind die neun Unentschieden, die der FC St. Pauli in der Hinrunde gesammelt hat. Der Rekord liegt übrigens bei 20 Unentschieden in einer Saison (Hallo Blau-Weiß Berlin!). Die letzten beiden Clubs, die ohne Niederlage durch die Hinrunde marschierten, waren Union Berlin und Fortuna Düsseldorf. Fortuna gelang in der Saison 11/12 eine famose 41-Punkte-Hinrunde. Nur noch 21 Punkte kamen in der Rückrunde dazu. Es reichte knapp vor dem FCSP zu Platz drei – und dem Aufstieg per Relegation. Union Berlin schaffte in der Hinrunde 18/19 sogar das Kunststück, ungeschlagen zu bleiben und dabei zehnmal Unentschieden zu spielen. Es reichte nach 17 Spielen zu Platz drei – genauso wie in der Endabrechnung. Auch Union stieg am Saisonende über die Relegation auf. Ich mache mir schonmal einen Beruhigungstee…

// Tim

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2 thoughts on “Die Hinrunde des FCSP in Zahlen

  1. Thank you Tim. Your analysis leads to a quite clear conclusion. It is absolutely not the defensive system that is at fault. I have the impression that Hürzeler states otherwise because he does not want to be dragged into a discussion about strikers, and this is clever from him, actualy. I would bet that the focus in the training camp will not be on not conceding goals, though.

    1. Yes, I also think the same about it. They want to avoid a discussion about efficiency and quality in the offense. Of course they know exactly where to put a focus on, as it is not only obvious from the stats.

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