Ein Mallorca-Kurztrip für den FCSP

Ein Mallorca-Kurztrip für den FCSP

Der FC St. Pauli reist spontan nach Mallorca, um sich auf das Spiel gegen Braunschweig vorzubereiten. Die Rasenplätze an der Kollaustraße lassen keine angemessene Spielvorbereitung zu.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Nein, es war kein typisches Hamburger Schmuddelwetter im Januar. Denn es fiel sehr viel Regen auf die Hansestadt herunter. Mehr als üblich. Fast 93 Liter pro Quadratmeter wurden gemessen. Im Vergleich zum Mittelwert (61 Liter pro Quadratmeter) sind das 139 Prozent vom langjährigen Mittel. Im Dezember 2023 waren es sogar 190 Prozent. Zudem gab es zu Beginn des Monats längere Zeit eine geschlossene Schneedecke in Hamburg. Wir erinnern uns: Bereits die Trainingseinheiten kurz vor Abreise ins Trainingslager Anfang Januar hatte der FCSP spontan ans Millerntor verlegt. Diese Witterungsbedingungen führten laut Verein dazu, dass die Trainingsplätze an der Kollaustraße stark nachgelassen haben. So sehr, dass man die kommende Trainingswoche überraschend nach Mallorca verlegt.

Anreise Montag, Abreise Freitag

Los geht es für das Team am Montag, den 12. Februar, ein trainingsfreier Tag. Auf Mallorca stehen dann, so zumindest der aktuelle Planungsstand, zwei Trainingseinheiten am Dienstag und eine am Mittwoch an. Wie auch sonst üblich, gibt es (meist) drei Tage vor dem Spiel eine Trainingspause. Am Freitag ist dann bereits wieder Abreisetag. Allerdings erst später, da zuvor noch einmal trainiert werden soll. Das Abschlusstraining am Samstag, bevor am Sonntag Eintracht Braunschweig am Millerntor zu Gast ist, findet dann wieder in Hamburg statt.

Diese Reise nach Mallorca ist natürlich alles andere als günstig. Doch nutzbare Plätze in der näheren Umgebung ließen sich laut Verein nicht finden: „Wir brauchen nicht nur Trainingsplätze, die für die sehr intensiven Einheiten geeignet sind, sondern auch eine Infrastruktur für den Trainingsbetrieb (Krafträume usw) und für die medizinische Betreuung unserer Spieler.“

Viele Clubs mit ähnlichen Problemen

Die Witterungsbedingungen und Niederschlagsmengen sind übrigens deutschlandweit relativ ähnlich gewesen. Zu Jahresbeginn waren große Teile Niedersachsens von schweren Überschwemmungen betroffen. Auch in Bayern (vor allem in Franken) gab es zu Jahresbeginn eine länger anhaltende Hochwasserlage, ebenso in Nordrhein-Westfalen. Das dürfte teilweise auch als Erklärung dienen, warum man sich für eine Reise nach Mallorca entschied, weil es eben eine erhöhte Planungssicherheit in Sachen Wetter bietet.

Auch viele andere Vereine haben aktuell aufgrund der Regenmengen Probleme. In Hamburg sind die Regionalligisten ETV und Teutonia zum Beispiel teilweise von Platzsperren betroffen. Bei Eintracht Norderstedt wird auf Kunstrasen trainiert. Der Rasenplatz in Norderstedt auf dem auch die U23 des FCSP spielt, ist auch bereits arg in Mitleidenschaft gezogen worden aufgrund der Witterung. Zweitligakonkurrent HSV hingegen hat diese Probleme nicht. Weil er über eine größere Anzahl an Rasenplätzen verfügt und teilweise sogar Hybridrasen hat, der generell belastbarer und nicht so witterungsanfällig ist. Natürlich ist nicht klar, wie die Rasenplätze beim FCSP aussehen würden, wenn das Trainingszentrum an der Kollaustraße nach den bisherigen Plänen erweitert werden würde. Allerdings könnten mehr Plätze auch mehr Ruhephasen für Rasenflächen bedeuten. Somit ist diese Reise vielleicht auch ein weiterer Anzeiger dafür, wie dringend der FC St. Pauli eine Runderneuerung der Kollaustraße benötigt.

Eine Verlegung des Trainings auf Kunstrasen ist für den FC St. Pauli nicht das Mittel der Wahl gewesen. Dabei zeigen jüngste Studien eindeutig, dass die Verletzungsgefahr auf Kunstrasen, entgegen der generellen Annahme, geringer ist als auf Naturrasen (Kuitunen et al., 2023). Allerdings muss hierbei auch beachtet werden, dass Muskelgruppen auf Kunstrasen anders beansprucht werden als auf Naturrasen und diese Umstellung Risiken birgt, ebenso wie das Trainieren auf alten Kunstrasenflächen.

Keine geeigneten Bedingungen an der Kollaustraße

In jedem Fall ist dieser Kurztrip nach Mallorca für den FC St. Pauli mit signifikanten Kosten verbunden. An der Kollaustraße soll eine Spielfläche komplett ausgetauscht werden und die zweite in der Woche so aufgepäppelt werden, dass sie bald wieder nutzbar ist. Der Austausch eines gesamten Spielfelds dürfte für den Verein eine Investition im sechsstelligen Bereich bedeuten. Dann kommen da noch die Kosten für Flug, Unterkunft, etc. der Trainingswoche auf Mallorca hinzu. Geld, das der FC St. Pauli sicher lieber an anderer Stelle ausgegeben hätte.

IMAGO / Oliver Ruhnke Philipp Treu und Hartel Marcel (FC St. Pauli) im Zweikampf auf Trainingsgelände des FC St Pauli.
Der Rasen auf dem Trainingsgelände an der Kollaustraße trägt dieser Tage viel Braun. Zu viel aus Sicht der Verantwortlichen beim FC St. Pauli.
(Oliver Ruhnke/imago images/via OneFootball)

Große Reise, vier Einheiten

Klar, dieser Kurztrip verursacht einen signifikanten CO2-Fußabdruck. Mit etwa 750 Kilogramm CO2 pro Person muss kalkuliert werden (oder dem Schmelzen von zwei Quadratmetern Meereis). Bei schätzungsweise 35 Reisenden (Spieler und Funktionsteam) kommt da schon eine ziemlich hohe Zahl zusammen. Unsere kurzfristige Anfrage, ob der FCSP die Emissionen dieser Reise kompensiert, konnte uns leider (noch) nicht beantwortet werden. Edit: Auch diese Reise wird, wie grundsätzlich alle Reisen des Profiteams, kompensiert. Dass der Verein seinen selbst formulierten Nachhaltigkeitszielen mit dem Slogan „not perfect, but better“ nicht näherkommt, dürfte aber auch klar sein.
Denn natürlich gilt in diesem Zusammenhang: Verzicht ist grundsätzlich besser als Kompensation. Immerhin nutzt der FC St. Pauli bei dieser Reise bereits vorhandene Möglichkeiten, betonte auf Anfrage, dass die „Erreichbarkeit eine große Rolle“ bei der Auswahl gespielt habe. So wird immerhin keine Maschine gechartert, die dann unter Umständen sogar noch positioniert werden muss, wie es bei den Teams der Premier League oft der Fall ist.

Die Prioritätensetzung, ob gute Trainingsbedingungen dieses Maß an Ressourcen benötigen sollten, muss sowieso grundsätzlich hinterfragt werden. Das hat aber für den gesamten Profisport, inbesondere für den Profi-Fußball, eine Allgemeingültigkeit. Klar ist: Die Vereine befinden sich in einem harten Wettbewerb und bei diesem werden die Grenzen stets ausgereizt. In diesem Fall in Form kurzfristig besserer Trainingsbedingungen. Denn diesen gesamten Aufwand betreibt der FC St. Pauli für voraussichtlich nur vier Trainingseinheiten. Das zeigt, wie wichtig dem Trainerteam solche Trainingseinheiten sind und wie schlecht diese aktuell an der Kollaustraße zu sein scheinen.

Perfekte Bedingungen für Spiel in Magdeburg

Wer Bilder der letzten Trainingstage des FCSP gesehen hat, könnte sich eventuell fragen, warum man erst nach dem Spiel in Magdeburg nach Mallorca reist. Wer allerdings das Heimspiel des 1. FC Magdeburg gegen Holstein Kiel in der letzten Woche gesehen hat, dürfte eine der Antworten bereits gefunden haben. Der Rasen in der MDCC-Arena wird dieses Jahr sicher nicht den „Pitch of the year“-Award erhalten, denn das ist ein ziemlicher Acker dort. Und da die Trainingsplätze an der Kollaustraße über ähnlich schlechte Eigenschaften verfügen, stellt ein Training auf diesen Plätzen vermutlich sogar eine bessere Vorbereitung auf das Spiel dar, als eine Woche auf grünstem Grün auf Mallorca.

Auch wenn es sich nicht um ein Trainingslager handelt: Sicher wird die Trainingswoche auf Mallorca schon ein wenig Trainingslager-Charakter haben. Die Spieler sind alle im gleichen Hotel untergebracht, Familien und Freunde werden nicht dabei sein. Entsprechend viel Zeit verbringt man miteinander. So wird sich das zwar anhand der Anzahl und Intensität der Einheiten von einem Trainingslager unterscheiden. Trotzdem bietet so eine auswärtige Trainingswoche vielleicht auch die Möglichkeit ein wenig den Spirit eines Trainingslagers aufleben zu lassen und als Team dadurch nochmal richtig Anlauf für den Rest der Saison zu nehmen.

// Tim

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11 thoughts on “Ein Mallorca-Kurztrip für den FCSP

  1. Moin,
    da ist die Pokal Kohle wahrscheinlich auch schon wieder wech…
    Bei unserem Loch im Haushalt, wiegt ein Ausscheiden im Pokal schon schwerer. Ist halt mehr als nur Prestige.

    1. Du meinst echt, die hauen für diesen Trip Millionen raus?
      Ich sehe es als Baustein und deutliches Signal, dass der Verein absolut und ernsthaft den Aufstieg packen will.

  2. Do you think it’s fair to weigh the advantages of mental health and player happines in regards to the trip? Just as it is fair to weigh the disadvantages of carbon footprint?

    Danke,
    Mike

  3. Ich finde das persönlich wirklich schwierig. Der Grund warum die Trainingsplätze nicht gut zu benutzen sind, hängen mit der globalen Klimakatastrophe zusammen. (Höhere Lufttemperatur, führt dazu das es mehr regnet, da die Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann). Das bedeute dieses Problem wird in Zukunft regelmäßig vorkommen, wird dann in dem nächsten Wintern regelmäßig auf Spanien trainiert? Dort gibt es im übrigen gerade ne Hitzewelle mit 30*C und Wassermangel.

    Ja der FCSP kann die Welt nicht retten, ja er soll das Aufstiegsrennen ernst nehmen, das Zeichen finde ich trotzdem falsch und die Vorbildfunktion ist halt da. Klar sind die Englischen Clubs schlimmer aber die sind ja auch nicht unser Vergleichswert, oder?

  4. Gerade im Kicker gelesen:
    „Im Januar fielen in der Hansestadt rund 90 Liter Niederschlag je Quadratmeter. Das ist fast die Hälfte mehr als im langjährigen Mittel. Im Dezember waren es mit gar 137 Litern pro Quadratmeter so viel wie seit Jahren nicht – zu viel für die Plätze am Trainingszentrum im Stadtteil Niendorf.“

    Schreibt ihr jetzt schon Gastartikel im Kicker oder werden hier Millerntonartikel wiederverwertet? 😀

    Zum Thema: Ich finde unter professionellen, sportlichen Gesichtspunkten ist die Reise gerechtfertigt. Man legt großes Augenmerk auf Trainingsbedingungen und will die Verletzungen minimieren. Der mögliche Aufstieg ist Prio 1.
    Trotzdem hat das ganze ein Geschmäckle. Für andere Fanszenen ist das auf Social Media gerade natürlich gefundenes Fressen. Wäre schon interessant, ob es in der näheren Umgebung wirklich keine Alternativen gegeben hätte, bzw. welche dort angefragt wurden.

  5. Idee: Der Verein könnte für jeden Flug einen Baum in der Stadt pflanzen. Da kommt über die Jahre schon ein kleines Wäldchen zusammen.

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