Euro-Paadie, Nationalismus, Meinungsfreiheit

Euro-Paadie, Nationalismus, Meinungsfreiheit

Faschisten und Nazis bewegen sich im Rahmen eines „Fußball-Festes“ frei durch die Städte – die EM bietet Fankultur zum Abgewöhnen. Ein Kommentar.
Titelfoto: Kenzo Tribouillard / AFP via Getty Images via OneFootball

Ein Kommentar von Tim und Maik.

Große internationale Turniere fallen beim MillernTon ja eigentlich unter den großflächigen Filter des Ignorierens – wir finden: durchaus zu Recht. Allerdings gibt es Dinge, die man nicht verschweigen und ignorieren sollte, die in den breit berichtenden Medien aber kaum Erwähnung finden.

Öffentliche Darstellung

Ist Euch mal aufgefallen (wenn Ihr die Berichterstattung rund um die EM denn verfolgt), wie toll Fußballfans jetzt plötzlich sind? Fanmärsche mit Pyrotechnik ohne Ende, Pyrotechnik in den Stadien, volle Innenstädte mit Hardcore-besoffenen Gröhlfans, Verkehrs-Chaos, unfassbar hohe Polizeikosten.
Und die überwiegende Reaktion darauf? Wir fassen mal unzählige Artikel zusammen:
„Ein Fußball-Fest!“

Die Liste lässt sich problemlos erweitern: Handfeste Auseinandersetzungen im Stadion (Georgien – Türkei), teilweise temporäre Sperrungen der Fanfeste aufgrund von (stattgefundenen oder befürchteten) Ausschreitungen (so geschehen am Samstag in Hamburg nach dem Spiel Türkei – Tschechien), viele kleine Auseinandersetzungen in den Städten im Rahmen des Spieltags.
Und die überwiegende mediale Reaktion darauf? Ja, ein „Fußball-Fest“.

Das würde uns nicht so sehr stören, wenn, ja, wenn es nicht diese riesengroße Diskrepanz geben würde. Stellt Euch mal vor die Hauerei zwischen Fans aus Georgien und der Türkei in Dortmund hätte es bei einem Bundesligaspiel gegeben. Drei Wochen ARD-Brennpunkt und „Taliban der Kurve“-Gelaber hätte man durchstehen müssen, inklusive Foto-Homestory von Rainer Wendt. Glaubt ihr nicht? Dann erinnert Euch mal daran, wie der Vorfall im Gästeblock beim Spiel von Hannover 96 am Millerntor wochenlang durch die Medien geprügelt wurde.
Um nicht missverstanden zu werden: Alles gut, wenn mit weniger Aufregung über solche Vorfälle berichtet wird – macht man ja auch nicht, wenn sowas am Wochenende vor oder in einer Großraumdisko passiert. Etwas mehr Ruhe und Sachlichkeit in der Debatte tut der medialen Darstellung von Fans sicher gut. Es ist der massive Unterschied zum Ligaalltag, der uns mächtig nervt.

Vereinsliebe statt Vaterlandsliebe

Und wisst ihr, was uns auch richtig stört? Diese ganze EM besteht in großen Teilen aus Fankultur zum Abgewöhnen.

Neben dem großen Fanfest auf dem Heiligengeistfeld liegt bekanntlich Hamburgs Erstligastadion, das Millerntor. An diesem war aus der Fanszene heraus pünktlich zu Beginn der Euro ein großes „Vereinsliebe statt Vaterlandsliebe“-Banner angebracht worden, ergänzt um das Statement „Wer als Patriot*in losläuft, kommt als Faschist*in ins Ziel“.
Gut zu lesen vom Fanfest aus.

Wie tief diese doch eher harmlosen Zeilen der Meinungsäußerung ins Fleisch der stolzen Patriot*innen schnitten, zeigte sich nicht nur in den Sozialen Medien, sondern auch, als polnische Fans sich in einem Video selbst feierten, welches sie beim Entfernen der Banner zeigte. Und obwohl ziemlich eindeutig war, dass es sich dabei um Nazis handelt, war die Anzahl derer, die diese Aktion abfeierten, ziemlich groß. Ganz sicher alles unpolitische Fußballfans. Fankultur zum Abgewöhnen eben.

Nationalisten aller Länder, vereinigt euch!

Unter anderem mit der Türkei, Polen, Ungarn, Kroatien, Albanien und Serbien sind Fanszenen bei dieser EM am Start, die ihren Nationalismus sehr gerne bei Länderspielen ausleben. Auch bei England ist es nichts Neues, wird aber von den Vereinen zumindest inzwischen auch deutlicher kritisiert, Beispiel Yeovil Town. Und von Deutschland fangen wir lieber gar nicht erst an, auch wenn dies quantitativ in der Masse der Fans nur vereinzelt auffällt. Bei knapp 20% AfD-Wähler*innen im Land wäre es ja aber auch merkwürdig, wenn dem nicht so wäre.

Über die Zusammenhänge von Fußball und Nationalismus wurden wahrscheinlich schon mehr Bücher geschrieben, als die AfD bei den kommenden Landtagswahlen Mandate erringen wird. Das müssen wir hier nicht wiederholen.

In den Fanräumen fand am Montag eine Podiumsdiskussion zum Thema „Die türkische extreme Rechte im Fußball und darüber hinaus“ statt. Das ZDF berichtete über den Nationalismus bei Kroaten, Albanern und Serben, die 11Freunde, die Süddeutsche (€) und die Sportschau ebenfalls.

Auch wenn wir hier jetzt ein paar Artikel aufgelistet haben – fragt doch den/die Arbeitskolleg*in beim nächsten Euch aufgezwungenen „Wie fandest du denn das Spiel gestern?“-Smalltalk mal ganz unverfänglich, wie viel von diesen Themen denn dort angekommen ist.
Es ist nicht auszuhalten, dass sich bei dieser Europameisterschaft ohne Ende Faschisten und Nazis in den Städten und Stadien bewegen, aber der überwiegende Teil der Medien und Fans das alles weiterhin unter dem Begriff „Fußball-Fest“ laufen lässt.

Farben, Meinungsfreiheit, Polizei und UEFA

Kommen wir nochmal kurz zur Türkei zurück. Diese hatte für ihr Spiel am Mittwoch im Volkspark das Millerntor als Trainingsplatz gewählt und wurde mit „Free Kurdistan“-Statements in der Nähe des Stadions farbenfroh begrüßt. Diese Malereien wurden dann von Polizei und anderen Personen versucht zu übermalen und zu verdecken. Nach Infos der Braun-Weißen Hilfe, ordnete das die Polizei an. Was genau an den Statements nicht von der Meinungsfreiheit und damit dem Grundgesetz gedeckt ist, bleibt offen.

"Free Kurdistan - FCSP Fans against turkish fascism" Gesprüht in gelb-grün-roten Farben in der Nähe des Millerntors.
„Free Kurdistan – FCSP Fans against turkish fascism“ Gesprüht in gelb-grün-roten Farben in der Nähe des Millerntors. // (c) G.A.S.

Diese Aktion wirkt zudem wie blanker Hohn, wenn man bedenkt wie groß die Kritik von nahezu allen Seiten an einer WM in Katar gewesen ist. Menschenrechte und Arbeitsbedingungen waren dort ein Thema, aber eben auch die freie Meinungsäußerung, die dort nicht möglich sei. Nun zeigt sich wohl, dass dies auch in Deutschland nicht so einfach ist. Zumindest im Rahmen eines internationalen Turniers und wenn im Hintergrund ein solch mächtiger Verband wie die UEFA wirkt.

All dies liefert einen weiteren Grund, warum es immer mehr Menschen gibt, die dieses „Fußball-Fest“ ziemlich scheiße finden.

Vereinsliebe statt Vaterlandsliebe, Forza St. Pauli!
// Tim & Maik

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26 thoughts on “Euro-Paadie, Nationalismus, Meinungsfreiheit

    1. Diese zwanghaft positive Berichterstattung zur EM kotzt mich sowas von an. Gerade einen Bericht über die 100.000 Niederländer heute in Dortmund gesehen. Rauchtöpfe, bengalos, volles Pyrotechnikballet und die Höhe: ein älterer Niederländer schiebt seinen Kopf ungefragt einer Moderation während der Berichterstattung den Kopf zwischen die Beine und nimmt sie auf ihre Schultern. Toll diese feiernden Niederländer. Das ist auf jeden Fall sexuelle Nötigung. Unfassbar. Und das zeigen die in ihrem Gute-Laune-Bericht. Ich könnte kotzen.

  1. Danke Tim.
    Ich sehe, dass ganze als Teil eines groesseren Trends–genau wie bei der Kommerzialisierung, die irgendwann einmal den Fussball voll erfasst hatte, aber vorher schon in anderen Lebensbereichen zu spueren war.
    Der Trend, den ich meine ist die Verengung des Meinungskorridors bei bestimmten Themen.
    George Orwell hat das schon 1945 beschrieben:
    „The sinister fact about literary censorship in England is that it is largely voluntary. Unpopular ideas can be silenced, and inconvenient facts kept dark, without the need for any official ban. Anyone who has lived long in a foreign country will know of instances of sensational items of news—things which on their own merits would get the big headlines—being kept right out of the British press, not because the Government intervened but because of a general tacit agreement that ‘it wouldn’t do’ to mention that particular fact. So far as the daily newspapers go, this is easy to understand. The British press is extremely centralised, and most of it is owned by wealthy men who have every motive to be dishonest on certain important topics. But the same kind of veiled censorship also operates in books and periodicals, as well as in plays, films and radio. At any given moment there is an orthodoxy, a body of ideas which it is assumed that all right-thinking people will accept without question. It is not exactly forbidden to say this, that or the other, but it is ‘not done’ to say it, just as in mid-Victorian times it was ‘not done’ to mention trousers in the presence of a lady. Anyone who challenges the prevailing orthodoxy finds himself silenced with surprising effectiveness. A genuinely unfashionable opinion is almost never given a fair hearing, either in the popular press or in the highbrow periodicals.“

  2. Ich verstehe Euern Kommentar nicht als „Die EM ist generell total doof!“, sondern eher als „Warum wird bei Vereinsfußball bei jedem kleinen bisschen der Fußball-Fan an sich als durchweg kriminell hingestellt und bei der EM alles rosa rote Brille…“. Ich hoffe ich habe das grob richtig interpretiert und bin da absolut bei Euch: Ich finde auch, dass bei Vereinsfußball alles unfassbar kritisch gesehen und dramatisiert wird. Zudem nervt die Polizei mit ihrem Gehabe nur noch. Und dass am Millerntor wegen der EM die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird ist mit Blick auf das Grundgesetzt mehr als bedenklich.

    Ich ehrlich gesagt nehme bei der EM vieles mit, da es mir einfach Spaß macht. Hier ein paar Eindrücke: Ich war bei Kroatien vs Spanien und Tschechien vs Türkei im Stadion. Bei Kroatien hatte ich ein Spanien-Shirt an. Neben mich hat sich ein Kroate gesetzt und mich umarmt als er mein Shirt gesehen hat. Dazu ein „we are best friends“. Ich habe bei Toren von Spanien gejubelt und er hat mir danach auf die Schulter geklopft, obwohl er sichtlich frustriert war. Bei dem Türkei-Spiel saß ich im Deutschland-Trikot inmitten von Türkei-Fans (um mich herum nahezu alles Deutsche/in Deutschland lebende mit türkischen Wurzeln) und alle waren super freundlich. Hinter uns weiter oben saß sogar eine kleine Gruppe Teschechen. Ich weiß, nur subjektive Einzelbeispiele und ich habe die Türkei-Fans jetzt auch nicht gefragt, wie sie Herrn Erdogan finden oder wie sie zu der Kurdistan-Frage stehen. Aber was auffällt ist, dass auf den Tribünen alles recht durchmischt ist und fast nichts passiert (ja, mit wenigen Ausnahmen). Aber wenn ich dann im Vereinsfußball überall fett in den Stadionordnungen „KEINE FREMDEN FARBEN IM HEIMBEREICH“ lese, frage ich mich warum etwas bei der EM klappt, was im Vereinsfußball sogar verboten ist. Früher in den 90ern saßen bei Derbys auch HSV- und St. Pauli-Fans zum Teil gemischt auf den Tribünen des Volksparkstadions (bis auf die Fanblöcke in den Kurven). Geht jetzt auch nicht mehr. Warum? Weil es sonst ggf. Stress gibt? Keine Ahnung. Finde ich aber schade, dass das so ist.

    Ich laufe übrigens nicht aus „Vaterlandsliebe“ im Deutschland-Trikot rum, sondern weil ich einfach Fan der deutschen Nationalmannschaft bin und Bock hab, dass sie gewinnen. Daher kann ich mit dem Satz „Vereinsliebe statt Vaterlandsliebe“ auch nicht viel anfangen, da es (subjektiv) gefühlt alle Fußballfans von Nationen in so einen „Ich liebe mein Vaterland/Patrioten“-Topf wirft.

    1. Danke Dir für den Kommentar.
      Ich selbst war auch bei Türkei – Tschechien im Stadion und auch am Samstag (wg Blindenfußball) schon auf dem Fanfest.
      Selbstverständlich ist nicht alles Schlimm, in Bezug auf Niederlande und Schottland stimmt das mit der großen Party ja auch.

      Und jede*r der da hingeht und Spaß hat, darf den auch gerne weiterhin haben. In welchem Trikot auch immer.

    2. 2 cents: Durchmischung passiert ja durchaus auch beim Derby, bei anderen spielen noch mehr. Gerade bei knappen Ticketsituationen bringen viele fremde Farben aber natürlich auch weitere Probleme mit sich. Bei den Nationalmannschaften sind hingegen einige Partien (von der UEFA) aufgrund von (nationalistisch begründeten) Spannung komplett verboten.
      Wie Maik sage ich nicht dass man die EM nicht genießen darf, aber es halt nicht die problemfreie multikulturelle Versöhnungsparty, als die es gerne dargestellt wird. Unter den Problem generell dieser EM hat die DB mehr Aufmerksamkeit bekommen als die hier besprochenen Problemen.

  3. „Free Kurdistan“ am Heiligengeistfeld zu entfernen ist eine Entscheidung für die Sicherheit des Fanfestes „CZE-TUR“ und nicht gegen die Meinungsfreiheit. Eine sicherlich nicht ganz simple Angelegenheit aber es lässt sich durchaus vertreten den Schriftzug im Interesse der allgemeinen Sicherheit und Ordnung entfernen zu lassen. Da hat die UEFA nichts mit zu tun. Außerdem könnte man argumentieren, dass der Schriftzug seinen Zweck erfüllt hat, da er medial kontrovers diskutiert wurde und damit bekannt geworden ist.

    1. Woher weiß ich was?
      Dass es nicht die Intention war, durch das Entfernen der Farben und des Schriftzuges das alles medial zu platzieren?
      Nun… okay, weiß ich nicht. So gesehen weiß ich aber auch nicht, ob die Erde rund ist, ich nehme es nur an.

  4. Danke an Maik und Tim für diesen Artikel und danke an USP für diesen Auftritt in der Vorrunde.
    Es ist mir eine Freude mit euch allen die nächsten Aufgaben anzugehen. STP lives

  5. Danke für den Kommentar!

    Zwei Ergänzungen noch von mir:

    – Einen rechtsextremen Vorfall gab es auch bei österreichischen Fans beim Spiel gegen Polen in Berlin: https://www.derstandard.at/story/3000000225450/rechtsextremer-banner-im-fansektor-oesterreichs-oefb-sehr-betroffen

    – Am Hamburger Fanfest wird mittlerweile von Pro-Palästina-/Pro-Hamas-Aktivisten sehr deutlich Anschluss an türkische Nationalisten gesucht. Vor dem 2. Gruppenspiel gab es einen Autokorso, nach dem 3. Gruppenspiel eine Art Kundgebung auf dem Heiligengeistfeld.

  6. Top Artikel!
    Weiß jemand was wie es dazu kommt, dass die Nationalmannschaft der Türkei überhaupt im Millerntor trainieren durfte? Dachte wir hätten uns ein Vetorecht gesichert?

    1. Ein Vetorecht bedeutet ja nicht automatisch, dass man das Veto auch einlegt.
      Ursprünglich war es für Länder wire Russland und Ungarn gedacht gewesen. Die Türkei ist hier sicher schwierig, ein Veto wäre aber höchstwahrscheinlich auch nur schwer zu vermitteln gewesen.

  7. Moin.
    Ich lese und unterstütze den MillernTon schon länger und aus voller Überzeugung. Ich finde es sehr angenehm, dass Berichterstattung (einigermaßen) seriös sein kann und mehrere Aspekte beleuchtet. Dafür mal Danke!!
    Ich gehe davon aus, dass ihr als Teil der „vierten Gewalt“ entsprechend sensibel arbeitet.

    Aber 😉

    „Wer als Patriot*in losläuft, kommt als Faschist*in ins Ziel“

    Ich habe es geliebt in Hamburg zu wohnen. Ich liebe es auch in Deutschland zu wohnen; bin zwar in West-Berlin geboren und daher kein „Wessi“, aber ich fühle mich wohl hier.
    Bin ich jetzt ein Patriot?
    Und bin ich damit auf dem Weg ein Faschist zu werden? Gott bewahre 🙏

    Sind all die „Kämpfer für Freiheit“ nicht auch patriotisch?

    Meine Definition von Patriotismus wäre eher die Liebe zur Heimat, zum Wohnort, zum Viertel.
    Und nicht der Hass auf Andere

    Ob also jemand, der es liebt hier zu wohnen, gleich als Faschist ins Ziel läuft?
    Dieses Zitat grenzt mich aus.

    Zum Schluss eine offene Frage:

    Wenn Vaterlandsliebe zum Faschismus führt, spielt dann die Vereinsliebe nicht in der „gleichen Liga“?
    ☺️

    1. Zunächst einmal ist es ja nicht unsere Tapete, die dort aufgehängt wurde. Außerdem sind Tapeten natürlich immer eine Zuspitzung. Viel Message in wenig Text, das muss dann auch polarisieren.
      Dass es die richtigen getroffen hat, zeigt die Entfernung und wie es danach auf Social Media „gefeiert“ wurde.
      Den Schuh solltest Du Dir also mutmaßlich nicht anziehen müssen.

      1. Sicher trifft es auch die Richtigen (auf Social Media), allerdings sind Social-Media-Posts nicht wirklich repräsentativ. Daher trifft es eventuell auch die Falschen.

        Zunächst auch von mir vielen Dank, dass Ihr den Blick auf das medial unterbelichtete Thema „Nazis bei der EM“ werft. Das ist wichtig. Auch die Differenzen in der Polizeipräsenz scheinen mir eklatant zu sein.

        Insgesamt musste ich feststellen, dass mich (bei aller UEFA-Kritik, die ich teile) die Stimmung bei der EM positiv überrascht. Man darf auch nicht unberücksichtigt lassen, wie wichtig eine Begegnung von „normalen“ (demokratisch gesinnten) Europäerinnen und Europäern gerade jetzt ist.

        In Bezug auf die Banner tendiere ich zu Pauli. Ich halte sie nicht ausschließlich für „harmlose Zeilen der Meinungsäußerung“ sondern für kostenlose Werbung für die AfD. Denn die allermeisten der Feiernden auf dem „Fanfest“, auch wenn sie dort im Deutschland-Trikot der DFB-Elf zujubeln, sind keine Nazis und sollten nicht in deren Nähe gerückt werden. Vielleicht denken zumindest einige, „wenn die Linken mich als Faschist*in sehen, wähle ich doch gleich die AfD“ (Polarisierung). Es gibt sicher auch genug Leute, die den Begriff „Vaterland“ verwenden, die keine Nazis sind.
        Überhaupt gibt es zwischen den beiden V-Wörtern auf dem einen Banner mehr Gemeinsamkeiten als nur die Alliteration. Zu viel Liebe kann beiden Fällen zu Problemen führen. Okay. Nichtsdestotrotz scheint mir ein gewisses Maß an Liebe Grundbedingung zu sein, sich für den FCSP und/oder Deutschland, z. B. ehrenamtlich oder in Gremien/Parlamente gewählt, einzusetzen – mit dem Ziel, das Land/den Verein besser zu machen. Die Banner sind mir zu eindimensional polarisierend, pauschalisierend und populistisch.

        1. Ich würde eher sagen: Warum sollen die Leute, die die DFB-Elf feiern, sich denn überhaupt als „Patriot*innen“ fühlen? Ist das nicht genau der gefährliche Fehlschluss, also dass das Anfeuern des Teams irgendwas mit dem deutschen Staat oder (wörtlich genommen) dem Vaterland zu tun hat? Ja, in der Praxis ist das bei vielen Menschen in den meisten Ländern so. Aber es ist halt auch überall zumindest in Teilen problematisch.

          1. Sehe ich ähnlich. Ist ja erstmal grundsätzlich die Frage „Warum soll ich stolz auf das Land sein, in dem ich zufällig geboren wurde?“. Aktuell gibt es mir dazu wenig Anlass. Dann ist immer das Argument „Aber das sind doch aktuell ganz sympathische Spieler“. Das stimmt auch, nur gibts die auch bei den Mannschaften anderer Nationen und wenn man die dann noch aus dem Ligabetrieb kennt, kann ich gut mit anderen Nationen mitfiebern, wenn ich da sowieso Affinitäten hab, wie bei mir zu Österreich (familiäre Wurzeln, wobei das ist ja auch schon wieder der Zufallsaspekt) und Spanien (weil ich die seit 2008 verfolge und gut finde). Wegen mir könnte man den Nationalmannschaftskram aber auch abschaffen, wäre ich auch nicht traurig…könnte man auch ne Grundsatzdiskussion führen, warum braucht es das überhaupt?

  8. Soll ich stolz sein auf dieses Land? Ich, der mit dem Wort „Stolz“ so wenig anzufangen weiß?

    Ich bin tatsächlich ein Stück weit stolz darauf, wie sich Deutschland nach dem Ende der Nazi-Herrschaft zu einem demokratischen Staat gewandelt hat, der in vielen Bereichen vorbildlich ist. Ich bin tatsächlich stolz auf unser Grundgesetz, in dem viele großartige Gedanken zusammengefasst wurden. Auch wenn dieses Grundgesetz nicht ohne Fehler ist und einige Paragrafen ersatzlos gestrichen werden sollten. Aber ganz vorne stehen sie, die wichtigen Artikel. Großartig.

    Doch kann ich, der ich zur positiven Entwicklung dieses Landes so wenig beigetragen habe, der zufällig in dieses Land hinein geboren wurde, wirklich stolz auf Deutschland sein?

    Ändern wir doch einfach mal die Blickrichtung. Könnte ich, als jemand, der in den 50ern geboren, in den 60ern und 70ern groß geworden ist, nicht einfach auch sagen: Was interessieren mich die Gräueltaten meiner Vorfahren? Wieso soll ich Verantwortung übernehmen für Gräueltaten und Verbrechen, die aus diesem Land heraus lange vor meiner Geburt begangen wurden?
    Würde ich mich da denn nicht mit den neuen Faschisten gemein machen, die unsere Erinnerungskultur, unser Schuldbekenntnis gerne zu den Akten legen würden?

    Zurück zur EM. „Den Weltmeistertitel 1990 in Italien und die Heim-WM 2006 erlebte ich als Glücksmomente. Heute kann ich mich nicht mehr mit unserer Nationalmannschaft identifizieren“, schreibt Bernd Höcke in der „Weltwoche“, dem in der Schweiz erscheinenden Sprachrohr der rechten Deppen.

    Sollten wir nicht genau deshalb genau diese Mannschaft anfeuern und abfeiern? So wie Antonio Rüdiger seine Monstergrätsche am Ende des Spiels gegen Dänemark abgefeiert hat?

    Mein Vaterland (ein Begriff, mit dem ich tatsächlich Schwierigkeiten habe, doch zum Glück gibt es dazu die Muttersprache) ist nämlich ziemlich bunt, ziemlich freiheitlich und ziemlich vielfältig. Und es soll es auch bleiben. Mindestens.
    Was nicht ausschließt, dass ich mich auch aus alter Verbundenheit über Erfolge der Schotten freue. Oder den schönen Fußball der Spanier und Franzosen genieße.

    Oder wollen wir den Begriff „Patriotismus“ wirklich komplett den Faschisten überlassen?

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