Erneut fing sich der FC St. Pauli ein frühes Gegentor und spielte danach schlecht. Das Aufbäumen gegen die Niederlage kam zu spät, der Abstieg droht nun mehr denn je.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Mitte der ersten Hälfte dachte ich das Gleiche, wie eine Woche zuvor, als der FC St. Pauli in Heidenheim einen blutleeren Auftritt hinlegte: Wenn denn zumindest irgendwer einfach mal jemanden umhauen würde. Dieses „Zeichen setzen“, dieses doch eher archaische Verhalten, es wäre so billig. Aber irgendwie auch notwendig. Weil dann zumindest für alle erkennbar gewesen wäre, dass die Spieler des FC St. Pauli mit der Situation auf dem Rasen auch ein Problem haben. Denn das, was man mehr als eine Stunde lang vom FCSP zu sehen bekam, war schlicht nicht bundesliga-reif.
Die Aufstellung
Zwei personelle Veränderungen gab es beim FC St. Pauli im Vergleich zur Niederlage in Heidenheim, eine geplant, eine nicht. Eric Smith ersetzte Matti Rasmussen im zentralen Mittelfeld, das war zu erwarten. Leider musste aber auch die Rechtsverteidiger-Position neu besetzt werden. Manos Saliakas ist im Training im Rasen hängen geblieben und hat Adduktorenprobleme davongetragen. Alexander Blessin erklärte nach Abpfiff, dass es sogar ein Fragezeichen hinter einem Einsatz gegen Leipzig gibt.
Der 1. FSV Mainz 05 startete mit der bestmöglichen personellen Aufstellung. Im Vergleich zur Partie gegen den FC Bayern München (3:4) fehlte einzig Dominik Kohr in der Startelf. Der Innenverteidiger wurde durch den 18-jährigen Kacper Potulski ersetzt.

FCSP: Vasilj – Andō, Wahl, Mets – Saliakas, Smith, Irvine, Pyrka – Sinani, Hountondji, Fujita
M05: Batz – da Costa, Posch, Potulski – Caci, Nebel, Sano, Amiri, Mwene – Tietz, Becker
Guter Start – Gegentor – totale Verunsicherung
Der FC St. Pauli kam gut in die Partie. Allerdings reden wir hier nur über die ersten sechs Spielminuten. Unter anderem gab es in dieser Phase zwei gefährliche Ecken, bei denen jeweils die angedachte Variante auch zum Torabschluss führte, doch Wahls Abschluss wurde letztlich von da Costa zur erneuten Ecke geklärt und jenen von Andō konnte da Costa am linken Pfosten klären. Ein vielversprechender Start also. Doch dann legte sich der FC St. Pauli leider den Ball mehr oder weniger selbst ins Netz.
Sano wird einmal zu viel gelockt – und schnappt zu
In der sechsten Minute baute der FC St. Pauli in einer 3-1-Struktur auf. Drei Innenverteidiger, davor ein Sechser. Dieser Sechser war Smith, der von Wahl auch per Pass gefunden wurde. Der 29-jährige ließ den Ball abtropfen. Er konnte nicht aufdrehen, da in direkter Nähe gleich drei Mainzer Spieler waren. Smith zeigte dann auch an, dass Wahl den Ball bitte auf die rechte Seite spielen soll, doch der entschied sich dazu erneut zu Smith zu passen. Ein gefundenes Fressen für Mainz 05. Smith rechnete nicht mit dem erneuten Anspiel und benötigte einen Bruchteil länger als Sano, um den Ball entgegen zu gehen. Genau dieser Bruchteil führte dazu, dass Sano den Passversuch von Smith, der sich offensichtlich nicht vororientiert hatte und deshalb nicht damit rechnete, dass Sano in seinem Rücken in Ballnähe war, blocken konnte. Mainz gewann den Ball, Becker wurde auf rechts blitzschnell tief geschickt, der legte ins Zentrum zu Tietz, der ein bedrohliches Maß an Freiheit genoss, weil Smith auch im Anschluss an den Ballverlust weiter in Zeitlupe spielte – 0:1.
Der FC St. Pauli verteilte also ein sehr, sehr großes Geschenk und musste erneut, wie auch gegen Heidenheim, den frühen Rückstand hinnehmen. Nach einem Fehler von Smith und Wahl, die beide an diesem Gegentreffer ihren Anteil haben. Für sämtliche Pläne und Vorhaben des FCSP in dieser Partie war das natürlich pures Gift. Vermutlich war es auch dieser Rückstand, der dafür sorgte, dass da in der Folge auf dem Platz ein extrem verunsichertes Team des FC St. Pauli stand. Die Stunde nach dem Rückstand machten jedenfalls betroffen, weil das Team extrem weit weg war von Bundesligafußball.
Nichts geht beim FC St. Pauli
Denn nach dem frühen Rückstand gelang es dem FC St. Pauli nicht einmal mehr die erste Pressinglinie der Mainzer zu überspielen. Blessin erklärte später, dass man vorgehabt habe Sano, der alleine auf der Sechs spielte, immer wieder vor Entscheidungsprobleme zu stellen, ihn von dieser Position wegzubewegen und diesen Raum dann zu nutzen. Doch statt den Mainzer Sechser von seiner Position herauszuziehen, wurde der Raum vor der Mainzer Kette regelmäßig (zu früh) von FCSP-Spielern besetzt. Sinani ließ sich häufig von der Stürmerposition fallen, Irvine schob häufig von der Sechs nach vorne. Und Sano wurde dann auch nicht mehr gelockt. So wie es vor dem 0:1 passierte, als Wahl Smith im Zentrum anspielte und Sano dann Schritte nach vorne machte, war es eigentlich geplant (also ohne den Ballverlust natürlich). Aber nachdem das vor dem 0:1 so fürchterlich in die Hose ging, schien sich der FC St. Pauli das nicht mehr zu trauen.
Auch alle anderen Vorhaben Gefahr vor dem Mainzer Tor zu erzeugen, blieben wirkungslos oder unangetastet. Fujita bot sich auf der linken Seite immer wieder etwas tiefer an, teilweise auf Höhe von Smith. Diesen Weg ging Innenverteidiger da Costa fast immer mit und da Rechtsverteidiger Widmer direkt von Ritzka gebunden wurde, öffnete diese Bewegung einen ziemlich großen Raum hinten rechts bei Mainz. Ein Raum, der ideal dafür ist, um ihn zu attackieren, in Form von Tiefenläufen. Tiefenläufe gab es von Hountondji auch immer wieder zu sehen. Allerdings ziemlich zielsicher genau nicht in den Momenten, in denen dieser Raum aufging, sondern dann, wenn solche Bewegungen nicht sonderlich vielversprechend waren. Es ist mir völlig unklar, warum Hountondji diese Räume nicht nutzte. So gab es viele Szenen zu sehen, die nur schwer zu ertragen waren. Innenverteidiger des FC St. Pauli auf der verzweifelten Suche nach Anspielstationen, lange und kurze Pässe ins Nichts, weil die Abstimmung nicht gut war, verlorene Zweikämpfe (10:19 lautete die Bilanz nach etwa 30 Minuten) – die Verunsicherung war bis in den letzten Winkel des Millerntor-Stadions spürbar. Es war wirklich grauenhafter Fußball, den der FCSP zeigte.

Mit 0:2 noch gut bedient
Doch nicht nur offensiv war der FC St. Pauli verunsichert und wenig präsent, auch in der Arbeit gegen den Ball machte das Team weiter zu einfache Fehler. Mainz gelang es immer wieder durch seitliche Überlagerungen (durch einen Innen-, einen Außenverteidiger und einen Achter) ins letzte Drittel vorzustoßen, doch verzockte sich dann zu häufig, fand nicht die einfachen Lösungen. Einfach waren hingegen die langen Bälle auf Tietz, die der Mittelstürmer ziemlich zuverlässig auch runterpflücken und verteilen konnte. Man kann sich darüber aufregen, dass Tietz das immer wieder gelang, aber diese Fähigkeit ist halt der Grund, warum er in der Bundesliga spielt. Problematischer war, dass die Zurodnung um Tietz herum nicht immer passte. So wie in der 40. Minute als Tietz einen Ball runternahm und nach rechts rauslegte zu Widmer, der von Ritzka mutterseelenallein gelassen wurde. Der Rechtsverteidiger spielte einen Querpass in den Rückraum zum anderen Mainzer Außenverteidiger und Mwene ließ sich die Chance nicht nehmen, erhöhte auf 2:0 für Mainz.
Mit diesem Ergebnis war der FC St. Pauli noch gut bedient. Nach einer Halbzeit in der das Team lange Zeit gar nichts hinbekam, kann es von Glück reden, dass der 1. FSV Mainz 05 nicht noch viel aggressiver auf Torerfolge gespielt hat. Sie hätten vermutlich Erfolg damit gehabt.
Entsprechend gab es Ungewöhnliches zur Halbzeitpause am Millerntor: Deutlich vernehmbare Pfiffe waren zu hören. Die Unzufriedenheit mit der Leistung des Teams war unüberhörbar und der Frust über das Geschehen der ersten 45 Minuten ist verständlich. Aber zielführender emotionaler Support ist das sicher nicht. Wie sich sowas wohl für Spieler und Trainer anhört, die natürlich selbst ziemlich genau wissen, dass das gequirrlte Scheiße ist, die es in den ersten 45 Minuten von ihnen zu sehen gab?
Exit mit Andō, Chaos mit Ceesay
Mit zwei personellen Veränderungen startete der FC St. Pauli in die zweite Hälfte: Connor Metcalfe ersetzte Danel Sinani auf der Zehnerposition und Adam Dźwigała kam anstelle von Lars Ritzka in die Partie, der im ersten Abschnitt bereits Rückenprobleme hatte. Dźwigała nahm die Andō-Position rechts hinten ein. Der 27-jährige rückte seinerseits auf die Rechtsverteidiger-Position, Arek Pyrka war ab sofort Linksverteidiger. Blessin erklärte später, dass man mit Andō als Rechtsverteidiger eine Exit-Option haben wollte, einen Spieler, der vorne mit langen Bällen gefunden werden kann. Es ist bezeichnend, dass Blessin hierfür einen Innenverteidiger als Rechtsverteidiger aufstellt, der sonst alles andere als ideale Voraussetzungen für diese Position besitzt. Dem FC St. Pauli fehlt ein kopfballstarker Offensivspieler, soo sehr.
Mainz verpasst frühe Entscheidung
Trotz der Umstellungen setzte die zweite Hälfte genau da an, wo die erste aufgehört hatte. Da dürfen wir keine Augenwischerei betreiben. Der FCSP fand weiterhin keine Lücken, baute das Spiel auch einfach extrem vorsichtig und dadurch zu langsam auf und erzeugte so überhaupt keine Offensivgefahr. Mainz hingegen hatte in der ersten Viertelstunde der zweiten Hälfte einige gute Gelegenheiten, um auf das Spiel endgültig den Deckel zu machen. Das geschah aber nicht. Stattdessen gab Metcalfe in der 64. Minute (ein Pass auf Fujita wäre die bessere Option gewesen) den ersten Schuss des FC St. Pauli seit Minute 16 ab. Ja, so schlimm war das. Eine Minute später gab es dann weitere personelle Wechsel: Mit der Einwechslung von Abdoulie Ceesay und Martijn Kaars, stellte der FCSP seine Formation ganz klar auf zwei Spitzen um. Im Anschluss wurde das Team dann besser und offensiv auch wieder gefährlicher.
Nun lässt sich natürlich vortrefflich darüber streiten, was genau dazu führte, dass der FC St. Pauli stärker aufkam. War es die taktische Umstellung, das frische Personal auf dem Rasen, der Mute der Verzweiflung oder vielleicht einfach eine normale Spielentwicklung, wenn ein Team mit zwei Toren führt? Was es auch war, der FCSP kam nun stärker auf, in einer Phase in der das Stadion trotzig einfach immer lauter sang. Die Ecken rund um die 70. Minute brachten nichts ein, wenige Minuten danach war Ceesay dann plötzlich frei durch. Doch der 22-jährige schien ins Grübeln zu kommen. Statt selbst abzuschließen, entschied er sich für den Querpass in Richtung Kaars. Der Pass war aber nicht präzise genug, kam etwas in den Rücken von Kaars, der aber seinerseits auch nicht gut positioniert war für einen Querpass. Und das was Kaars daraus machte, war dann leider auch mangelhaft – dahin war die Großchance und auch die Druckphase ebbte langsam ab.
Premierentreffer kommt zu spät
In der 87. Minute, als es dann eigentlich schon zu spät war, erzielte der FC St. Pauli dann doch noch den Anschlusstreffer. Kaars spielte einen feinen Schnittstellenpass auf Ceesay, der den Ball aus spitzem Winkel irgendwie unter Mainz-Torhüter Batz hindurchbekam. Sein erster Pflichtspieltreffer in Braun-Weiß, endlich. Auch wenn er nur knapp 30 Minuten auf dem Spielfeld stand, so war es der 22-jährige, der mit Abstand am meisten zur Offensivgefahr des FC St. Pauli beitrug. Ceesay erzeugt Chaos auf dem Rasen, agiert stets mit großer Energie und statt sich penibel ans geplante Anlaufen zu halten, läuft er einfach alles und jeden an, was dann nicht nur beim Gegner, sondern auch beim eigenen Team Chaos erzeugt. Aber diese Wildheit, sie tat dem FCSP gut am Sonntag und auch wenn es in dieser Saison noch nicht so weit ist, so rechne ich weiter fest damit, dass Abdoulie Ceesay irgendwann nochmal richtig viele Tore erzielen wird. Vielleicht ja schon in den kommenden drei Wochen…
Zwar versuchte der FC St. Pauli in den wenigen Minuten nach dem Anschlusstreffer noch viel, kam durch Fujita zumindest noch zu einem gefährlichen Distanzschuss, aber am Ende reichte es nicht mehr zu einem Punktgewinn. Und wenn wir ehrlich sind, dann wäre so ein Punkt aufgrund der Leistung des FCSP auch einfach nicht verdient gewesen. Dazu wurde zu lange zu schlechter Fußball gespielt und es war nicht dem FC St. Pauli, sondern Mainz zu verdanken, dass diese Partie vor dem Anschlusstreffer nicht schon längst entschieden gewesen ist.
Es wäre aber natürlich auch herzlich egal gewesen, wie genau der FC St. Pauli Punkte holt, Hauptsache er tut es. Hat er aber nicht und da der VfL Wolfsburg in Freiburg einen Zähler holte, steht der FCSP nun auf Platz 17 in der Tabelle. Also dort, wo er aufgrund der gezeigten Leistungen der letzten Wochen auch hingehört. Klingt scheiße und das ist es auch, aber ist nun eben die Wahrheit. Denn auch am Sonntag war der FC St. Pauli offensiv harmlos, defensiv anfällig und wirkte total verunsichert – wie ein Absteiger.
Damit das nun Erwartbare nicht eintritt, bedarf es einer Leistungssteigerung gegen Leipzig kommendes Wochenende. Zu verlieren hat der FC St. Pauli nichts mehr, vielleicht gibt das dem Team ja die offensichtlich notwendige Freiheit im Kopf.
Immer weiter vor!
// Tim
Alle Beiträge beim MillernTon sind gratis. Wir freuen uns aber sehr, wenn Du uns unterstützt.
Unsere Kommentare sind nur per Registrierung zugänglich. Bitte bei Bedarf eine E-Mail mit Klarnamen und gewünschtem Username an Maik@MillernTon.de schicken.
MillernTon auf BlueSky // Mastodon // Facebook // Instagram // Threads // WhatsApp // YouTube
Jo, Scheiße!
Das Spiel gegen Leipzig ist jetzt fast egal. Wir müssen hoffen, dass die Bayern noch Bock haben und wir müssen in zwei Wochen gegen Wolfsburg gewinnen.
Vielleicht tut dem Team mal ein Spiel ohne Druck ganz gut.
Jetzt haben wir nichts mehr zu verlieren.
Das ist nicht egal. Es geht um Tore gegenüber Heidenheim.
Ich will mich gar nicht groß auslassen. Wie letzte Woche fehlte es an Energie, zumindest über 70-75 Minuten. Am 32. Spieltag fehlt es dem Team an der absoluten Grundlage, Spiele gewinnen zu können, egal in welcher Liga. Und die Spieler beschwören, dass man das doch bitte über 90 Minuten auf den Platz bringen solle. Echt jetzt? Wir können jetzt selbstverständlich über die Pfiffe sprechen. Lasst uns das ruhig tun, weil wir dann mittels eine Ersatzdebatte schön ausblenden können, dass da ein Team in Basicbereichen nicht das auf den Platz bringt was es sollte. Die sind einfach durch damit.
Und der Trainer hat die nächste sieglose Serie ausgebaut. Ist allerdings gar nicht so überraschend, wenn man sich anschaut, wie das Team mit Ball agiert. Am letzten Spieltag wird es wohl nicht nur um den Sieg gehen, sondern auch noch um Tore. Was aber eh egal sein wird, denn seien wir ehrlich: Wir performen seit Wochen wie ein Absteiger und eine Mannschaft, die sich aufgegeben hat. Ich habe gestern nichts gesehen, das mir Hoffnung machen könnte. Gar nichts.
„Notwendige Freiheit im Kopf“ – das ist das Grundproblem der Mannschaft in dieser Saison.
Aber wenn das Team das nicht hinbekommt, ist doch der Trainer dafür verantwortlich, so wie Frank Schmidt es mit seinen Kommentaren geschafft hat, Heidenheim wieder ins Spiel zu bringen. Er ist sicherlich ein guter Taktiker (wenngleich er innerhalb einer Halbzeit nicht in der Lage ist, zu reagieren), aber offensichtlich kein Psychologe. Und genau den brauchen wir im Moment.
Es ist doch ein größeres Fußballwunder, dass wir mit diesen Leistungen immer noch den Verbleib in der Beletage sichern könnten.
P.S.: Was Smith in dieser Saison schon für Punkte mit Unkonzentriertheiten, Kurzschlüssen und lässigen Außenristpässen verschuldet hat! Wenn er denn so ein guter Fußballer ist, müsste das zumindest Vorne auch einmal Ertrag bringen. Aber bitte nicht mehr Smith in der letzten Reihe…
venceremos