Es hat nicht gereicht – an vielen Ecken und Enden

Es hat nicht gereicht – an vielen Ecken und Enden

Der Abstieg des FC St. Pauli ist die logische Folge vieler Faktoren, die in dieser Saison nicht funktioniert haben. Eine schonungslose Analyse ist nun notwendig.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Der Erfolg hat viele Väter und der Misserfolg ist ein Waisenkind, heißt es. Der Aufstieg des FC St. Pauli vor zwei Jahren war die logische Konsequenz einer guten Kaderplanung, eines passenden Trainers, einer Prise Glück, eines passenden Saisonverlaufs und weniger Verletzungen. Ähnliches kann auch über die Saison 24/25 geschrieben werden, als der FCSP am Ende den Klassenerhalt in der Bundesliga feierte.
Mit dem Misserfolg verhält es sich allerdings ganz ähnlich: Es wäre zu einfach, nur ein einziges Problem auszumachen. Verfehlt ein Fußballclub sein Saisonziel, dann ist das eigentlich auch immer ein Produkt vieler Probleme. Genau das ist dem FC St. Pauli in der Saison 25/26 passiert.

Saisonziel

Bevor in diesem Artikel einzelne Bereiche kritisch analysiert werden, müssen wir uns Gedanken machen, was in dieser Saison für den FC St. Pauli überhaupt möglich gewesen ist. Ich weiß, die alte Leier, die viele auch nervt, aber: Geld schießt Tore, zumindest in gewissen Grenzen. Gemessen an Kaderwerten und den finanziellen Rahmen der Clubs ist der FCSP vor der Saison ein sicherer Abstiegskandidat gewesen. Die Zusammensetzung der Liga hatte bereits einen gehörigen Einfluss auf die Chancen des erneuten Klassenerhalts. In der Vorsaison gab es mit Bochum, Kiel und Heidenheim drei Teams, mit denen sich der FC St. Pauli gewissermaßen in einer Liga bewegte. Nun ist davon nur noch Heidenheim übrig geblieben. Und natürlich sind es genau diese beiden Clubs, die am Saisonende abgestiegen sind.

So ist bereits der 16. Tabellenplatz für den FC St. Pauli ein ambitioniertes, aber nicht unrealistisches Ziel gewesen. Aber eben auch eines, bei dem klar war, dass der FCSP mindestens einen finanziell überlegenen Club hinter sich lassen muss. Das hätten in dieser Spielzeit gut und gerne die Clubs aus Wolfsburg, Köln oder Bremen sein können. Denn trotz aller Rahmenbedingungen, die dem FC St. Pauli eine ganz schwierige Position verschaffen, sind wir uns vermutlich alle sicher: Mindestens Platz 16 ist auch in dieser Saison drin gewesen. Das Saisonziel Klassenerhalt wurde verpasst, weil der FCSP auf vielen Ebenen nicht an sein Leistungslimit kam.

Saisonverlauf

Der Eindruck, das in dieser Spielzeit mehr für den FC St. Pauli drin gewesen ist, dürfte durch den Saisonstart verstärkt worden sein. Ganz extrem sogar. So sehr, dass dieser Start vielleicht schon als einer der Gründe genannt werden muss, warum der FCSP im weiteren Saisonverlauf seltener an sein Limit kam. Sieben Punkte holte das Team aus den ersten drei Ligaspielen, der beste Start in eine Bundesligasaison in der Geschichte des Clubs. Plötzlich rückte bei Medien und Fans das Wort „Klassenerhalt“ in den Hintergrund, zugunsten von „Europapokal“ – ja, so verrückt war das zu Saisonbeginn!

Eine Stimme, die damals ebenfalls in den Hintergrund rückte, die aber rückblickend sehr viel mehr hätte wahrgenommen werden müssen, war jene von Hauke Wahl. Der erklärte zum Beispiel nach dem Sieg gegen Augsburg am dritten Spieltag, dass der FC St. Pauli nicht so stabil sei wie in der Vorsaison, in den ersten Spielen durchaus Glück gehabt habe.
Von Glück kann in den Wochen danach nicht mehr die Rede gewesen sein. Mitte September schien die Sonne, der FC St. Pauli hatte nach drei Spieltagen sieben Punkte geholt. Erst fast drei Monate später, am Nikolaus-Tag, kam der achte Punkt hinzu. Der FCSP hatte neun Spiele in Serie verloren. Und es ist zumindest nicht ganz auszuschließen, dass der erfolgreiche Saisonstart seinen Anteil an dieser epischen Niederlagenserie hatte.

Zwei Negativserien sind eine zu viel

Es war bereits im Dezember klar, dass sich der FC St. Pauli nur eine richtige Negativ-Serie leisten kann, wenn er in der Bundesliga bleiben möchte. Dank eines starken Februars (neun Punkte aus vier Spielen), konnte sich der FCSP in eine exzellente Ausgangsposition für die letzten zehn Saisonspiele bringen. Doch leider war der Auswärtssieg in Hoffenheim Ende Februar der letzte Saisonsieg, es gab danach nur noch drei Zähler. Der FC St. Pauli erlebte also zum Ende der Spielzeit eine zweite Negativserie. Eine, die am Ende entscheidend sein sollte und die den Club auf Platz 18 führte.

Beide Halbserien des FC St. Pauli hatten also positive wie auch negative Phasen. Am Ende holte der FCSP sowohl in der Hin-, als auch in der Rückrunde jeweils 13 Punkte. Die Hinrunde wurde auf Tabellenplatz 16 beendet, in der Rückrundentabelle liegt der FCSP auf Rang 17. Das ist auch die Platzierung, die in der Heimtabelle belegt wird. Auswärts wurden lediglich neun Zähler geholt, auf fremden Plätzen ist der FC St. Pauli das schlechteste Team der Saison. Das ist ein starker Unterschied zur Vorsaison, in der die Auswärtsspiele die Stärke des FCSP waren – 24/25 wurden doppelt so viele Punkte auf fremden Plätzen geholt. Das ist insofern bemerkenswert, da dem FC St. Pauli Auswärtsspiele mit seinem veränderten Kader eigentlich noch besser hätten liegen können, da mehr Tempo für Umschaltaktionen vorhanden war. Aber oft konnte der FCSP die Partien nicht mit den genau dafür benötigten Spielern bestreiten.

Verletzungen

Womit wir beim nächsten Thema wären: Die Saison des FC St. Pauli war immer wieder von schwerwiegenden Verletzungen geprägt. Wenn wir mal beim Thema Tempo in der Offensive bleiben, dann müssen wir feststellen, dass die drei schnellsten Spieler in dieser Saison lange Zeit nicht einsatzfähig waren. Ricky-Jade Jones verletzte sich bereits in der Vorbereitung und dann gleich noch einmal, nachdem er Anfang 2026 gerade so richtig reingefunden hatte. Er war nun erst im letzten Spiel der Saison wieder im Kader. Mathias Pereira Lage war die Lunge der Offensive in der Hinrunde, hatte dann im Februar erst muskuläre Probleme, ehe er sich kurz vor der Heidenheim-Partie eine schwere Knieverletzung zuzog. Und Andréas Hountondji hatte nach starkem Saisonstart schon in der Hinrunde immer wieder körperliche Probleme, ehe ihn ein Haarriss im Fuß bis Mitte März matt setzte.

Mehr Verletzungen als in der zweiten Liga

Kleinere und größere Verletzungen zogen sich wie ein roter Faden durch die Saison des FC St. Pauli. Eine vorsichtige Analyse zeigt, dass sie in dieser Spielzeit ein größeres Problem für den FCSP als im Vorjahr gewesen sind. Was in der verlinkten Analyse nicht dargestellt ist: Von welcher Wichtigkeit die Spieler für das Team gewesen sind, die ausfielen. Immer und immer wieder musste die Innenverteidigung umgebaut werden. Nicht Karol Mets, nicht Eric Smith, nicht einmal Hauke Wahl und auch nicht Winter-Neuzugang Tomoya Andō konnten eine ausfallfreie Saison vollbringen. Mit Jackson Irvine und Manos Saliakas verpassten zudem zwei Stammspieler die so wichtige Sommervorbereitung und im weiteren Saisonverlauf einen signifikanten Anteil an Spielen. Die wohl schwerwiegendste Verletzung ist nach meinem Empfinden jene von James Sands gewesen. Weil im Kader ein direkter Ersatz auf der so wichtigen Sechser-Position fehlte (später mehr dazu). Er verletzte sich im Spiel gegen Frankfurt in der Rückrunde schwer, danach holte der FC St. Pauli noch zwei Punkte aus neun Partien.

Der Vielzahl von Verletzungen muss unbedingt auf den Grund gegangen werden. Der FC St. Pauli muss genau analysieren, wie diese Verletzungen zustandegekommen sind. Auffällig ist, dass es mit dem Bundesliga-Aufstieg eine Veränderung gab. In den Jahren zuvor waren Verletzungen kein so großes Thema. Was hat sich seitdem geändert? Fabian Hürzeler hat immer eher lange und intensiv trainieren lassen. Wie unterscheidet sich das Training von Alexander Blessin? Und wie steht es um die Entscheidungsfindung, wann Spieler die intensive Belastung nach Verletzungen wieder aufnehmen? Dass sich Spieler wie zum Beispiel Saliakas und Mets immer wieder abmelden mussten, sollte zumindest genauer unter die Lupe genommen werden. Welche Rolle spielt der vor der Saison im Stadion und zuvor auf dem Trainingsplatz verlegte Hybridrasen? Die Studienlage dazu ist komplex und alles andere als eindeutig. Viel eindeutiger ist hingegen, dass die Bundesliga aufgrund des dort gespielten Fußballs generell zu mehr Verletzungen führt. Die höhere Anzahl an Verletzungen beim FC St. Pauli in den letzten zwei Jahren könnte also auch mit der Ligazugehörigkeit zusammenhängen. Viel Konjunktiv in diesem Absatz, aber ich wiederhole gerne den ersten Satz: Der Vielzahl von Verletzungen muss unbedingt auf den Grund gegangen werden.

Hamburg, 08.03.2026, FC St. Pauli - Eintracht Frankfurt James Sands (FC St. Pauli) wird verletzt von einem Betreuer vom Feld geführt.
James Sands verletzte sich Anfang März schwer. Seitdem holte der FC St. Pauli nur noch zwei Punkte aus neun Spielen.
(c) Stefan Groenveld

Glück

Während Verletzungen ein oft genannter Grund sind, warum Fußballteams ihre Saisonziele verfehlen, ist das folgende kein sonderlich beliebtes Argument in der Sportberichterstattung. Weil „wir hatten einfach auch echt viel Pech“ schlicht keine Story ist, die nach Misserfolgen gerne gelesen wird, genauso wenig wie „wir hatten Glück“ nach Erfolgen. Viel lieber wird nach Gründen gesucht, seien sie noch so abwegig, die greifbarer sind, die im Misserfolgs-Fall als Schuldige ausgemacht werden können. Ich habe in der Woche vor dem Wolfsburg-Spiel Urlaub gemacht und hatte endlich mal wieder etwas Zeit, um ein Buch durchzulesen. „Die Tabelle lügt immer“ von Christoph Biermann. Eine der Kernaussagen des Buches: Glück und Pech beziehungsweise der Zufall spielen im Fußball eine sehr viel größere Rolle, als viele sich eingestehen möchten (das ist für die berichterstattende Zunft und die sportlich Verantwortlichen ziemlich doof, aber es sorgt dafür, dass wir diesen Sport so lieben).

Zahlen zeigen: Der FC St. Pauli steht da, wo er hingehört

Könnte der FC St. Pauli also in dieser Saison einfach etwas mehr Pech gehabt haben als in der Vorsaison? Mit Schiedsrichter-Entscheidungen? Mit dem Spielplan? Mit Verletzungen? Mit Spielverläufen? Blöd ist, dass diese Frage nicht wirklich zu beantworten ist. Aber wir können versuchen, uns anzunähern. Und diese Annäherung ist nicht wirklich erfreulich. Denn der Blick auf die xG-Werte und den daraus abgeleiteten xPoints-Wert zeigt, dass der FCSP mit Abstand das schwächste Team der Saison gewesen ist. Platz 18 bei eigenen, Platz 17 bei gegnerischen xG-Werten. Die fünf weniger erzielten Treffer als nach xG wahrscheinlich werden durch die sechs weniger gefangenen Treffer wieder ausgeglichen. Basierend auf den xPoints hat der FC St. Pauli genauso viele Punkte geholt, wie er verdient hat – und in dieser Tabelle liegt der FCSP acht Punkte hinter dem zweitschwächsten Team. Sonderlich viel Pech während der Spiele hat der Club in der Saison also nicht gehabt. Zum Vergleich: In der Vorsaison lag der FC St. Pauli mit einem xPoints-Wert von fast 40 auf Rang 14, stellte nach eigenen xG-Werten das zweitschwächste, aber nach gegnerischen xG-Werten das zehntbeste Team.

Trotzdem hätte der FC St. Pauli mindestens die Relegation erreichen können. Ein Punktgewinn in Heidenheim, kein später Ausgleich der Kölner, ein Ausgleich oder gar die Führung gegen Wolfsburg – all das war alles andere als unmöglich. Oft haben Kleinigkeiten die Spiele des FC St. Pauli entschieden. Allerdings zeigen die Zahlen, dass die geholten 26 Punkte schon sehr nahe an dem sind, was der FCSP auch an Leistung gezeigt hat. Dass oft Kleinigkeiten die Spiele des FC St. Pauli entschieden haben, lag eben auch daran, dass der FCSP am untersten Limit entlang schrammte, oft auf dieses „Spielglück“ angewiesen gewesen wäre und es eben nicht immer hatte.

Trainer

Auf dieses „Spielglück“ zu hoffen, es erzwingen zu wollen, das ist etwas, was Alexander Blessin vor vielen Spielen in dieser Saison betonte. War es richtig, dass der FC St. Pauli in den meisten Spielen versuchte, längstmöglich ein knappes Ergebnis zu halten, um dann gegen Spielende seine Chance zu suchen? Klar ist, dass diese Herangehensweise, die in der Vorsaison übrigens identisch gewesen ist, für viele Anhänger*innen unerträgliche Züge angenommen hat.

Denn die xG-Werte zeigen es ja ganz eindeutig: Der FC St. Pauli war weder defensiv stabil, noch offensiv gefährlich. Besonders die offensive Harmlosigkeit ist etwas, was nur schwer zu ertragen war. Oft gab es nach Gegentreffern bereits die Gewissheit, dass der FCSP nicht mehr kontern kann. Und Gegentreffer gab es ja leider auch genug in dieser Spielzeit. Von außen betrachtet wirkte es, als fehlte es an vielen Komponenten, deren Auswirkungen sich gegenseitig verstärkten.

Verunsicherung, Harmlosigkeit, wiederkehrende Fehler

Das Team wirkte in einigen Phasen der Saison und auch in den Spielen extrem verunsichert. Es ist auch mehr als einmal auseinandergefallen, verlor Spiele hoch oder darf sich glücklich schätzen, nicht noch höher verloren zu haben (Wie problematisch das ist? Überlegt mal, wie der letzte Spieltag ausgesehen hätte, wenn der FC St. Pauli nicht hoch zu Hause gegen Hoffenheim und Mönchengladbach verloren hätte). Diese Unsicherheit gab es in der Vorsaison nicht, vielmehr waren das selbstbewusste Auftreten und der unerschütterlich wirkende Glaube an die eigene Spielidee mitentscheidend dafür, dass der FCSP die Klasse hielt. Die Ursache dafür, warum es in dieser Spielzeit anders war, muss unbedingt identifiziert werden.

Das Team machte die gesamte Saison über immer und immer wieder die gleichen Fehler, verteilte Geschenke an die Gegner. Es ist Blessin und dem Trainerteam einfach nicht gelungen, diese hohe Fehlerquote in den Griff zu bekommen. Zwar fokussierte man sich inmitten der langen Niederlagenserie mehr auf die Defensive, wollte wieder stabiler werden. Individuelle Fehler blieben aber weiter ein entscheidender Faktor. Zwar führte der veränderte Fokus schnell dazu, dass das Team etwas weniger Chancen zuließ, aber damit ging das komplette Erliegen der ohnehin schon schwächsten Offensive der Liga einher. Im Verlauf der Rückrunde versandete der Defensivfokus dann aber wieder. Die Zahlen (Gegentore, xG-Werte, zugelassene Abschlüsse) haben auch längst wieder das Niveau davor wieder erreicht. Der Plan mit einem veränderten Fokus ist also nicht wirklich aufgegangen.

Fokus hin oder her, der FC St. Pauli hat in vielen Spielen gezeigt, dass er weit weg davon ist, eine bundesligataugliche Offensive zu haben. Die Worte von Robert Andrich (er sagte nach dem Pokal-Aus des FCSP in Leverkusen, der FC St. Pauli habe nicht die Qualität, um Leverkusen gefährlich zu werden) hallen weiter mächtig nach. Denn der Innenverteidiger berichtete offensichtlich einfach das Erlebte, erklärte einfach, dass diese Offensive des FC St. Pauli nicht gut genug ist. Das hat vielerlei Gründe (zu jenem der individuellen Qualität kommen wir im nächsten Abschnitt). Es muss auch hinterfragt werden, wie genau der FCSP in einzelnen Spielen geplant hatte, Tore zu erzielen. Nicht selten schien es, dass wenn die geplanten Offensiv-Varianten in den Spielen nicht so recht klappen wollten (und das passierte bekanntlich oft), nicht oder viel zu spät zu einem Plan B gegriffen wurde. Der Kader versprach einen Fokus auf offensive Umschaltmomente, gesehen hat man davon so gut wie nichts. Der FCSP war eines der ungefährlichsten Teams nach Umschaltmomenten. Was auch damit zusammenhing, dass es in vielen Spielen nur wenige davon gab, da der FC St. Pauli oft Rückständen hinterherlief. Und in diesen Situationen, als das Team hinten lag, wirkte es mehr als einmal so, als wenn es gar nicht genau wisse, wie es diesen Rückstand eigentlich umbiegen kann. Wie bereits geschrieben: Das war für viele nur schwer zu ertragen.

Hamburg, Deutschland, 16.05.2026, Fussball, Bundesliga, Millerntor-Stadion, FC St. Pauli - VfL Wolfsburg Alexander Blessin, Cheftrainer des FC St. Pauli, blickt vor der Partie gegen den VfL Wolfsburg ins Publikum. Copyright: Stefan Groenveld
Wie groß ist der Anteil von Alexander Blessin am Misserfolg des FC St. Pauli?
(c) Stefan Groenveld

Göttlich erklärt, mit Blessin in neue Saison gehen zu wollen

Ein Team, das immer wieder ähnliche Fehler macht, das in Phasen extrem verunsichert spielt und dem es an Ideen in der Offensive zu mangeln scheint – diese drei Themen fallen alle in den Arbeitsbereich von Alexander Blessin. Entsprechend bedeutet eine kritische Analyse der Abstiegssaison auch, dass die Arbeit des Trainers hinterfragt wird. Diese Analyse hat es wohl bereits gegeben. Zumindest hat Oke Göttlich am Sonntag beim NDR erklärt, dass Blessin nicht entlassen werden wird, dieser höchstens selbst zurücktreten könnte.

Die Entscheidung des FC St. Pauli, an Alexander Blessin im Verlauf der Saison festzuhalten, ist zweifelsohne eine besondere. Weil die Mechanismen im Profifußball eigentlich andere sind. Wichtig ist auch zu erkennen, wie groß beziehungsweise klein der Einfluss eines Trainers auf den Erfolg eines Teams in der Bundesliga ist. Der Sportökonom und -soziologe Prof. Christoph Breuer erklärte Mitte April gegenüber dem Abendblatt (€), dass der Einfluss von Trainer*innen in der Bundesliga in den letzten Jahren abgenommen habe, weil die finanziellen Unterschiede zwischen den Clubs weiter auseinandergegangen sind. Doch auch wenn der Einfluss klein sein mag, so ist es trotzdem wichtig, nach Überzeugungen zu handeln. Schließlich, so erklärten es ja auch alle, könne der FC St. Pauli nur in der Bundesliga bestehen, wenn er an sein Limit kommt. Ob er das in dieser Saison trotz oder wegen Alexander Blessin als Trainer nicht geschafft hat? Diese Frage ist nicht zu beantworten, weil die Gegenprobe fehlt. Die Verantwortlichen des FCSP haben sie für sich aber trotzdem beantwortet.

Kader

Damit kommen wir automatisch zum Kader des FC St. Pauli und der Frage nach der Qualität. Sind die wiederkehrenden Fehler, die fehlende Offensivgefahr und mentale Stabilität vielleicht auch einfach ein Ausdruck davon gewesen, dass die individuelle Qualität nicht hoch genug gewesen ist?

Neuzugänge und etablierte Spieler erreichen zu selten Bundesliganiveau

Der FC St. Pauli hat vor und während der Saison nur Spieler verpflichtet, die allesamt keinerlei Bundesligaerfahrung besaßen. Die meisten haben noch nicht einmal auf dem Niveau einer der Top5-Ligen gespielt. Es war also von Anfang an klar, dass das Wohl und Wehe des FCSP zu großen Teilen davon abhängt, wie gut die Neuzugänge mit der Bundesliga klarkommen und wie schnell das passiert. Rückblickend betrachtet muss festgestellt werden: Zu wenige der Neuzugänge haben Bundesliganiveau erreicht, bei den meisten blitzte es nur phasenweise auf.

Es ist aber auch so, dass viele der etablierten Spieler im Team des FC St. Pauli ihr Niveau der Vorsaiuson nicht erreichen konnte. Vasilj war zwar weiterhin ein sehr, sehr großer Rückhalt, aber nicht so stark wie in der Vorsaison. Irvine hatte viel mehr mit sich selbst zu tun, als allen lieb gewesen ist. Smith konnte zu selten Spiele an sich reißen und war gegen den Ball auch nicht stabil genug. Und das sind nur drei Beispiele. Keinem der Spieler des FC St. Pauli, der in der Vorsaison mit dem Team die Klasse halten konnte, ist es in dieser Spielzeit gelungen, das zuvor gezeigte Niveau nochmal zu erreichen.

Zwei Lücken im Kader wurden zum Problem

Schwerwiegend kommt hinzu, dass sich im Saisonverlauf im Kader des FC St. Pauli zwei Lücken auftaten, die nicht anderweitig geschlossen werden konnten und dadurch zum Problem wurden. Offensichtlich fehlte es im Kader an bestimmten Spielertypen. Dass der FC St. Pauli mit Weißhaupt, Saad und Afolayan sämtliche dribbelstarke Offensivspieler ziehen ließ, ist verständlich. Dass im Anschluss aber kein einziger Spieler mit solchen Qualitäten im Kader war, wurde zum Problem: Der FCSP führte die wenigsten Dribblings aller Bundesligisten. Interessant ist dabei, dass der FCSP ja durchaus gewillt war, so jemanden neu in den Kader zu holen, der Transfer von Daisuke Yokota scheiterte aber auf den letzten Metern. Es wäre zumindest spannend gewesen zu sehen, wie anders das Team gegen tiefstehende Gegner hätte agieren können, wenn es mindestens einen Spieler auf dem Platz gegeben hätte, der Situationen auch mal per Dribbling hätte lösen können.

Zum womöglich neuralgischen Punkt sollte dann eine Position werden, die eigentlich als ausreichend besetzt galt: Doch dem FC St. Pauli fehlte nach der Verletzung von James Sands ein ähnlicher Spielertyp. Jemand, der wie Sands als eine Art Staubsauger auf dieser Position agiert. Sands ist der mit Abstand zweikampfstärkste Spieler auf dieser Position gewesen, war für das Aufnehmen von zweiten Bällen extrem wichtig und überzeugte zudem mit gutem Stellungsspiel. Er verletzte sich kurz vor Ende beim 0:0 gegen Frankfurt. Rasmussen, Smith und Fujita versuchten sich seitdem auf dieser Position. Keiner dieser Spieler hat ähnliche Qualitäten wie Sands, trotz üppiger personeller Besetzung des zentralen Mittelfelds fehlte ein direkter Ersatz im Kader. Wie schwerwiegend diese Verletzung gewesen ist, ist natürlich auch schwer zu beziffern, Fakt ist aber: Der FCSP blieb seit der Sands-Verletzung in keiner Partie ohne Gegentreffer, holte nur zwei Zähler aus neun Spielen.

Fazit

Auch der Misserfolg hat also viele Väter. So ist der Abstieg des FC St. Pauli eben auch aus vielfältigen Gründen zustande gekommen. Wichtig ist dabei, dass bei der Einordnung dieser Saison nicht nur der finanzielle Unterschied als Grund angeführt wird. Der FCSP ist in den letzten Jahren dadurch stark geworden, dass er die finanziellen Unterschiede als Herausforderung begriffen hat, versuchte trotzdem in die Bundesliga zu kommen und dort zu bleiben. Nun ist dieser Unterschied nicht wegzudiskutieren, aber es darf sich auch nicht dahinter versteckt werden. Der FC St. Pauli ist nicht aufgrund der großen finanziellen Unterschiede zu anderen Bundesligisten abgestiegen, sondern weil er es auf vielen Ebenen nicht geschafft hat, ans Leistungsmaximum zu kommen. Warum das nicht gelungen ist, muss kritisch analysiert werden.

// Tim

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