Alles im Rahmen

Alles im Rahmen

Der FC St. Pauli vollzieht nach mehr als zwei Wochen Unklarheit einen zwingend notwendig erscheinenden Trainerwechsel – und war in der Zwischenzeit alles andere als untätig.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Ein Kommentar von Tim

Du bist abgestiegen, die Stimmung ist mies, viele sind sich sicher: Du benötigst einen neuen Trainer. Außerdem bist Du unter Zeitdruck, weil die Saison früher als erhofft anfängt – die Voraussetzungen für den FC St. Pauli waren äußerst bescheiden, die Pokerhand ziemlich schlecht, um aus dieser Situation gut herauszukommen. Doch das ist gelungen, sogar fast perfekt.

Denn wenn eines in der aktuellen Situation klar gewesen sein dürfte, dann, dass Alexander Blessin eigentlich nicht weiter Trainer des FC St. Pauli bleiben konnte. Zu sehr klebt auch an ihm der Abstieg. Und auch wenn es da kurz nach Saisonende noch andere Sichtweisen gegeben haben mag, so war der Abschied spätestens dann unumgänglich, nachdem es zweieinhalb Wochen Unklarheit über eine weitere Zusammenarbeit gab.
Kurz nach Saisonende verzichtete der FC St. Pauli darauf, Alexander Blessin direkt zu entlassen. Stattdessen wurde ihm öffentlich demonstrativ der Rücken gestärkt, der Verein betonte mehrfach, dass man mit Blessin weiterarbeiten wolle.

Blessin wollte in sich gehen, schauen, ob er die Energie findet, um mit dem FCSP das Projekt Wiedergutmachung anzugehen, so zumindest die Info, die der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. Mit jedem Tag, der seitdem ohne die Meldung verging, dass Blessin nun bereit sei, wuchs die öffentliche Kritik an der Situation. Weil die Zeit gegen den Verein arbeitete. Schließlich steht dem FC St. Pauli ein großer personeller Umbruch bevor und ohne Klarheit auf der Trainerposition ist es ungleich schwerer, neue Spieler für das eigene Projekt zu begeistern. Entsprechend ist jeder Tag ohne Klarheit ein verlorener Tag und die mehr als zweiwöchige Wartezeit eben viel zu lang. Und während die Kritik wuchs, sank die Wahrscheinlichkeit, dass Blessin weiter Trainer des FCSP bleiben würde. Denn ein Cheftrainer, der ja auch mit seiner Art massiv auf die Spieler einwirkt, der eine gefühlte Ewigkeit in sich gehen muss, ob er mit dem FC St. Pauli in die zweite Liga gehen möchte, versprüht vieles, aber sicher keine Aufbruchsstimmung.

Doch wer dachte, dass die Verantwortlichen beim FC St. Pauli tatsächlich so lange darauf warteten, bis und ob Alexander Blessin Energie für den FCSP findet, liegt falsch. Denn tatenlos waren die Verantwortlichen nicht in den letzten Tagen. Vielmehr wurden nach unseren Infos bereits spätestens Anfang letzter Woche Gespräche mit potenziellen Nachfolgern geführt. Was wiederum Fragen aufwirft. Denn wenn der FC St. Pauli kurz nach Saisonende Signale sendet, dass man mit Blessin weiterarbeiten möchte und spätestens eine Woche danach bereits mit anderen Übungsleitern gesprochen wird, dann hat das ein Geschmäckle, oder?

Finde ich nicht. Andreas Bornemann hatte vor zwei Wochen betont, dass es „zwei, drei Tage“ dauern werde, bis es eine Entscheidung auf der Trainerposition gibt. Er hat Blessin dann noch ein paar Tage mehr gegeben – und danach hat er offenbar gehandelt, auch wenn das nicht öffentlich wurde. Denn sonst könnte er jetzt nicht „zeitnah“ einen Nachfolger präsentieren, wie es in der Vereinsmeldung heißt. Vielleicht hat Blessin dem Club ja irgendwann letzte Woche signalisiert „Leute, das wird nichts!“ und in der Folge wurde aber entschieden, dass man die Kommunikation dazu so lange hinauszögert, weil es die Option gab, dass Blessin in dieser Phase einen neuen Job findet. Das hätte dem FCSP Geld und Blessin die Entlassung gespart. Anstatt eine nennenswerte Abfindung zahlen zu müssen, wäre Geld eingenommen worden. In dieser Zeit konnte dann auch der FC St. Pauli auf Trainersuche gehen und hat dann entsprechend auch keine Zeit verloren. Nun ist er zum Zeitpunkt der Verkündung, dass Blessin geht, bereits fündig geworden.

Vermutlich wird der Öffentlichkeit verborgen bleiben, was genau in den letzten zweieinhalb Wochen zwischen Blessin und den Geschäftsstelle auf St. Pauli (und jener in Wolfsburg?) so abgelaufen ist. Und vermutlich ist das auch ganz gut so. Aber nun ist klar, dass der FC St. Pauli nicht zum Abwarten verdammt war. Er hat diesen Eindruck ganz bewusst in Kauf genommen, war aber stattdessen sehr aktiv.

Auch wenn der vermutete Plan mit dem Transfer von Blessin nicht ganz aufgegangen ist: Der FC St. Pauli bekommt zeitnah einen neuen Trainer und hat in diesem Prozess wenig Zeit verloren. Nach dem Abgang von Fabian Hürzeler vor zwei Jahren dauerte es etwas weniger als zwei Wochen (zwölf Tage) bis der FC St. Pauli einen neuen Trainer vorstellte. Das Saisonende ist nun etwas mehr als zweieinhalb Wochen her, ein wirklicher Zeitverlust im Vergleich zur Situation im Sommer 2024 ist also nicht entstanden. Und es wird auch mehr Zeit zur Vorbereitung bleiben: Blessin blieben im Sommer 2024 ungefähr sieben Wochen bis zum Saisonbeginn. Der neue FCSP-Trainer hat ungefähr neun Wochen Zeit bis zum ersten Spieltag – es befindet sich also alles im Rahmen. Und dieser sieht nun hoffentlich vor, dass sich bis zum Beginn der Vorbereitung auch endlich mal eine Sommerpause beim FC St. Pauli einstellt.
// Tim

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8 thoughts on “Alles im Rahmen

  1. Danke Tim, da holst du mich sehr ab.

    Aber Sommerpause will Ich nicht. Ein paar fette Transfers dürfe es gerne noch geben. Forza

  2. Finde die Arbeit der verantwortlichen in den letzten Jahren sehr bemerkenswert! Alles hat Hand und Fuß, auch die Kommunikation finde ich sehr Professionell. Mit bezug auf weitere Aktionen. Es wird viel Spekuliert und am ende wird doch alles anders als wir denken! Und meistens auch ein Erfolg! Auf das die neue Saison gleich zu 100% los geht.
    🤎🤍

  3. Ich sehe kein Geschäckle. Der Schritt hätte schon früher kommen müssen. Es war für mich unverständlich wie man überhaupt auf die Idee kam mit Blessin in die 2. Liga zu gehen.

  4. Es gibt eine Sache die ich irgendwie nicht verstehe:
    Auch ich hatte schon befristete Beschäftigungsverhältnisse. Wäre ich in der Zeit zu meinen Vorgesetzten gegangen und hätte gesagt: „Irgendwie verspüre ich keine Energie mehr für den Job“… zuerst wäre ich einfach nur mit großen Fragezeichen angeschaut worden. Im Besten Fall hätte es einen Auflösungsvertrag gegeben, wahrscheinlicher wäre mir gesagt worden: „Du hast einen Arbeitsvertrag unterschrieben entweder kündigst du fristgerecht oder erfüllst den Vertrag!“
    Im Leben hätte ich keine Abfindung bekommen!

    Ich schreibe viel im Konjunktiv weil ich diese Situation nicht verstehen/nachvollziehen kann?

    1. Zunächst einmal glaube ich, dass es genug Beschäftigungsverhältnisse auch in der freien Wirtschaft gibt, wo man recht simpel eine Abfindung erhält.
      Aber gehört denn so viel Fantasie dazu, sich das auf die Fußballbranche zu übertragen und zu erkennen, dass Uhren da etwas anders ticken und die nach außen verkaufte Version vielleicht auch nicht die ganze Komplexität abdeckt?
      Wir saßen da ja alle nicht mit am Verhandlungstisch, aber ein „Okay, Andreas – hab zwei Tage drüber nachgedacht, hab wieder Bock.“ von Blessin ist ja nicht völlig unmöglich. Ebenso ein „Ja, fein Alex… aber das passt für uns jetzt doch nicht mehr.“ – und etwa tausend ähnliche Schattierungen im Gespräch in verschiedene Richtungen.
      Hätte man sich auch mit „Alles klar – Vertragsende, keine Abfindung!“ einigen können? Klar. Und dann unterschreibt Blessin zwei Tage später in Wolfsburg – was wäre dann hier los gewesen, wenn er ohne Abfindung geht?
      Umgekehrt: Blessin hat hier einen (wahrscheinlich) gut dotierten Vertrag. Warum sollte er freiwillig auf so viel Geld verzichten?
      Es ist das fantastische am Profifußball, dass man sich von außen das alles anschauen und bewerten kann und wir hier über Millionensummen diskutieren, als wäre es Spielgeld. In der konkreten Verantwortung ist es dann aber vielleicht doch ab und an etwas vielschichtiger.

      1. Danke für deine Sichtweise. Die Frage von mir war wirklich ernst gemeint ich konnte mir das nicht Vorstellen.
        Ich hatte nicht bedacht dass es anders als kommuniziert ist. Gut möglich dass auch Die Vereinsführung nicht mehr an einen weiteren Weg mit Alex geglaubt hat und die Kommunikation einer möglichen Ablöse nicht im Weg stehen sollte.
        Bin jetzt echt auf den Saisonstart gespannt und wie Marcel Rapp bei uns arbeitet

  5. Wie immer erst einmal danke für die gute Einordnung. Ich finde der Verein und hier auch A Bornemann haben wieder sehr viel richtig gemacht. Ob die Entscheidung im laufe der Saison an A Blessin festzuhalten die richtige war, werden wir nie wirklich wissen. Außer einer der Beteiligten schreibt irgendwann ein Buch und alle anderen bestätigen die Version. Ich hatte mir gerade in der ARD die Doku zur WM 1994 angeschaut. In Teil 1 ging es hauptsächlich um Berti (sowohl als Fachmann, als auch menschlich nichts vorzuwerfen) und wie eigentlich die Spieler mit Ihren Egos und bekannte Medien, den zu erwartenden Erfolg verbaut haben. Und da dachte ich auch wieder an die aktuelle Konstellation und was man so ums Team herum hört. Mir kam der Gedanke, dass es hier ähnlich gelagert sein könnte und die Verantwortlichen tatsächlich dachten, mit Blessin passt es eigentlich. Das dann einfach vieles im Hintergrund passiert und nichts an die Öffentlichkeit kommt, ist tatsächlich etwas, was ich seit ein paar Jahren bei St Pauli als Stärke empfinde. Ist es für uns außenstehende nervig – klar. Gibt es darum was zu schreiben – klar (ich möchte den Millernton hier rausnehmen, da ihr zwar ein paar Einordnungen geschrieben habt und die Tage gezählt habt, aber ihr habt das ganze halt auch immer richtig eingeordnet und nicht auf die schnelle Schlagzeile geschaut). Das die ganze Geschichte für die Hater von A. Bornemann und Oke natürlich ein gefundenes Fressen war – geschenkt.( Sie mussten ja auch mindestens 1 1/2 Jahre so richtig schweigen und dachten jetzt Bornemann und Team liegen einfach rum und genießen das gute Wetter – keine Ahnung) War der Abstieg nötig? Ich meine noch immer – nicht zwingend – trotzdem befinden wir uns jetzt, trotz Abstiegs noch immer in der erfolgreichsten Phase der Vereinsgeschichte. Ein Wiederaufstieg ist möglich. Und was hier auch ganz wichtig ist, wir gehen als finanziell gesunder Verein in die 2 Liga und sind absolut handlungsfähig.

  6. Ich bezweifle ganz stark, dass die längere Wartezeit allein auf Blessin zurückzuführen ist. Ähnlich, wie im Text angedeutet, halte auch ich es für wahrscheinlich, dass sich Bornemann und Co. leise Hoffnungen darauf gemacht haben, dass ihnen die Entscheidung durch die Herrschaften in Frankfurt und Wolfsburg abgenommen wird.

    Geld bzw. die Abfindung dürfte eine Entlassung unattraktiv gestaltet haben. Daher wurde scheinbar gepokert. Als dann aber nach Frankfurt auch Wolfsburg einen neuen Coach fand, wurde die direkte Trennung dann unausweichlich. Bis zuletzt dürfte eben gehofft worden sein, zumindest die Abfindung zu sparen – wenn nicht sogar eine kleine Ablöse einzuspielen.

    Warum die Entlassung trotz der offensichtlichen Unzulänglichkeiten der Spielanlage des Trainers nicht schon während der Saison erfolgte, stattdessen bis zum bitteren Ende der eingeschlagene Weg vorangeschritten wurde, dürfte auch mit den Lock-in-Effekten der letzten Transferperioden zutun gehabt haben.

    Bornemann hat dem Trainer letztes Jahr Spieler an die Hand gegeben, die nur im Blessin-System ansatzweise funktionieren können und mit Dapo dann im Winter noch den letzten nominellen Flügel abgegeben. Es war ein Double-Down des Managements, das einen Trainer und sinnvollerweise auch Systemwechsel im laufenden Wettbewerb quasi unmöglich gemacht hat. Die Entscheidung im vergangenen Sommer, den Kader dementsprechend eindimensional aufzustellen, obwohl Blessin in das Abenteuer Bundesliga vor zwei Jahren durch eine Abschaffung des Hürzeler-3-4-3 und dem Versuch der Implementierung seines hoch verehrten 5-2-1-2 gestartet war, dürfte einer der Punkte gewesen sein, bei denen Jackson nach dem Abstieg von kritischer Analyse sprach.

    Es ist nämlich nunmehr so, dass der neue Trainer vermutlich zwar mit fünf klassischen Mittelstürmern in die kommende Saison gehen dürfte, aber keinen einzigen Flügelspieler im bisherigen Team vorfindet. Auch im Mittelfeldzentrum gibt es eine hohe Quantität, während die Zukunft der Quoteneigengewächste Schmidt/Schmitz, des Leihrückkehrers Ahlstrand und des möglicherweise andernorts Begehrlichkeiten weckenden Vertikalspiel-Lichtblick Fujita genauso unsicher scheint wie die Perspektive des vom Millernton angezählten Jackson Irvine.

    Diese Lock-in-Effekte durch einseitige Kaderzusammenstellung ohne Plan B war es auch, die einen Trainerwechsel kategorisch ausschlossen. Nur wird der eigentlich relevanten Frage im Kommentar zum Trainertausch aus dem Weg gegangen, welchen Anteil hatte A. Bornemann an dieser Situation und muss dessen Arbeit nach dieser sportlich verheerenden Saison nicht auch auf den Prüfstand kommen.

    Denn so gut ein Aufstieg in die Bundesliga auch sein mag, so stark die erste Saison in Liga 1 am Ende lief – dieses Jahr lief wenig rund. Weder in der Bundes- noch in der Regionalliga. Vom Jugendfußball ganz zu schweigen, bei dem scheinbar final aufgegeben wurde – Teams wie Kiel und Hannover von dannen ziehen.

    Es freut mich ungemein, dass in Japan gut gescoutet wird, Bornemann immer wieder Juwelen aus dem Ärmel schüttelt (Ando, Sands, mit Abstrichen Jade Jones und natürlich Morgan Guilavogui), die Summe der das Team aufs nächste Level hebenden Transfers ist allerdings dann doch recht überschaubar. Kaars bot ein Profil, das bereits im Kader zu finden war und kostete sehr viel. Saad wurde für schmales Geld verkauft, Dapo hinterher und Noah Weißhaupt konnte man entweder nicht nochmal überzeugen/oder der Trainer wollte ihn nicht, weil Flügelspieler im neuen-alten 5-2-1-2 so unerwünscht waren, wie Pride-Flaggen am Bundestag.

    Warum trotz der offenkundigen Mängel im offensiven Output, fehlender Kreativität im Zentrum und der ungewissen Zukunft des bisweilen resigniert wirkenden Trainers dann im Winter noch ein Endzwanzigjähriger Sechser für eine Menge Schotter aus Belgien kam, weil er offenkundig der Wunschspieler des Coaches war, erschließt sich einem weniger. Denn bis dato hatte James Sands (der das exakt gleiche Profil aufweist) nur eine Partie verpasst und die Rückkehr von Jackson Irvine stand bevor. Ja, Conor Metcalf war zum Zeitpunkt der Verpflichtung angeschlagen/verletzt und ja, Eric Smith wurde defensiv gebraucht, aber wenn dieser Kader quantitativ keine Aufstockung mehr auf Positionen brauchte, dann doch im Zentrum.

    Neben den vielen Kaderspielern, die keinerlei sportliche Perspektive zu haben scheinen, verlassen einige bessere Akteure das Millerntor. Insbesondere bei Keeper Vasijl müsste eventuell mal kritisch nachgefragt werden, wie dieser heißeste aller Spieler im ganzen Kader bitte ablösefrei zu haben sein kann, weil sein Vertrag nur in Liga 1 gilt?

    Wäre da nicht eine Ausstiegsklausel bei Abstieg in den Vertrag verhandelbar gewesen? Gibt es Perspektiven in Liga 2 für die vollkommen außenvorgelassenen Spari, Robatsch, Stevens, Schmitz, Schmidt, Banks, Ahlstrand und Hara? Oder reihen sie sich in den Reigen der in der Menge teuren Missverständnisse ein, die das Arbeitszeugnis des Managers dann doch etwas eintrüben.

    Am Ende des Tages steht ein Sommer der Veränderung an, bei dem die Spielräume dazu von Bornemann beschränkt wurden – sei dies durch Personalentscheidungen oder Kaderplanung/-zusammenstellung.

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