Es passt nicht mehr

Es passt nicht mehr

Alexander Blessin ist nicht mehr Trainer des FC St. Pauli. Es gibt somit einen Wechsel auf der Trainerbank, der notwendig erscheint, um nach dem Abstieg die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Saison zu schaffen.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Der Abstieg des FC St. Pauli steht bereits seit Wochen fest, aber über die Zukunft von Alexander Blessin gab es öffentlich lange keine Klarheit. Oke Göttlich und Andreas Bornemann hatten kurz nach dem letzten Spieltag medienwirksam erklärt, dass sie mit Blessin auch in die zweite Liga gehen würden. Der damalige Cheftrainer wollte sich so kurz nach dem feststehenden Abstieg allerdings nicht festlegen, wollte erstmal ein wenig in sich hineinhorchen.

Alexander Blessin verlässt den FC St. Pauli

Nun aber steht fest: Alexander Blessin wird in der kommenden Saison nicht mehr Cheftrainer des FC St. Pauli sein. Andreas Bornemann verabschiedet Blessin mit viel Lob: „Wir sind Alex für seine gute und leidenschaftliche Arbeit in den vergangenen beiden Jahren dankbar.“ Blessin habe nach dem Aufstieg „die notwendigen Anpassungen an die höhere Liga erfolgreich umgesetzt, sodass wir im ersten Jahr die Klasse halten konnten“, so Bornemann. Präsident Oke Göttlich ergänzt: „Damit ist Alex mitverantwortlich für eine der sportlich erfolgreichsten Phasen des FC St. Pauli.“

Damit verliert der FC St. Pauli einen sehr guten Trainer. Alexander Blessin hat mit dem FC St. Pauli in seiner ersten Saison den Klassenerhalt in der Bundesliga geschafft, was ein riesengroßer Erfolg war. Zuvor hat er bei Royal Union Saint-Gilloise um die Meisterschaft in Belgien gespielt und Titel gewonnen. Er dürfte sicherlich erstmal nicht mehr von der Landkarte der Trainer im europäischen Fußball verschwinden. Aus fachlicher Sicht ist ihm auch durchaus zuzutrauen, dass er ein Aufstiegsteam in der zweiten Liga formen kann. Trotzdem ist der Wechsel auf der Trainerbank beim FC St. Pauli der einzig richtige Schritt. Warum?

Dass der Trainer*innen-Posten der heißeste Stuhl im Profifußball ist, ist hinlänglich bekannt. Und auch die Gründe dafür sind es, größtenteils. Denn was sicher auch in die Entscheidungen für Trainerwechsel hineinspielt, das sind die Abnutzungserscheinungen, die es zwischen Trainer*in und Team gibt. Etwas, das völlig normal ist. Weil es ein und derselben Person nicht so leicht gelingt, für ein und dasselbe Team immer wieder neue Reize zu setzen, in Bezug auf Motivation, aber auch in Bezug auf Training und Spielweise. Zudem stellt der Abstiegskampf sicher nochmal eine besondere Belastungssituation für Trainer*innen dar. Eine Situation, die sehr viel Energie kostet, auch, vielleicht sogar in besonderem Maße bei Trainer*innen.

Es fehlt an Energie und Überzeugung

Es war wenig verwunderlich, dass Blessin nach Saisonende erklärte, dass er nun erst einmal etwas Zeit für sich benötigt. Das war ja auch schon in der Vorsaison der Fall, mit dem Ergebnis, dass Blessin beim FCSP blieb. Nun gab es aber einen großen Unterschied zur Vorsaison: Denn Energie ist etwas, was dem FC St. Pauli – anders als in der Spielzeit davor – im Saisonendspurt merklich fehlte. Sowohl auf als auch neben dem Platz wirkten viele schlicht müde und leer. Auch Blessin machte diesen Eindruck. So war es nicht nur wenig verwunderlich, dass Blessin betonte, nun erstmal den Akku wieder aufladen und sich Gedanken über seiner Zukunft machen zu wollen.

Es war auch der einzige authentische Weg. Denn Andreas Bornemann hatte in der Medienrunde skizziert, dass der FCSP in der zweiten Liga auf der Trainerbank 100 Prozent Energie und Überzeugung benötigt. Hätte Blessin kurz nach dem Abstieg gesagt: „Ja, ich bin bereit, habe total Bock auf die kommende Saison“, es wäre aufgrund seines vorherigen Wirkens total unglaubwürdig gewesen. Zu lange warten passt aber auch nicht: Wenn es eine gefühlte Ewigkeit dauert, bis man selbst zur Überzeugung kommt, dass man bereit ist für die kommende Saison beim FC St. Pauli, dann ist das auch nicht wirklich überzeugend. Entsprechend war öffentlich spätestens Ende letzter Woche höchst zweifelhaft, dass Blessin weiter FCSP-Trainer bleiben würde.

Der Abstieg klebt auch am Trainer

Zudem hat die Vergangenheit gezeigt, dass es in den oberen Etagen des Profifußballs in Deutschland selten die richtige Entscheidung war, mit dem „Abstiegs-Trainer“ eine Liga tiefer in die neue Saison zu gehen. Einzig Freiburg stellt hier eine Art Ausnahme dar. Der Verein schaffte sowohl mit Volker Finke als auch mit Christian Streich den Wiederaufstieg. Kiel und Bochum gelang das in der Vorsaison nicht. Darmstadt 24/25 auch nicht, genau so wenig wie Schalke und Hertha in der Saison davor. Es gibt unzählige weitere Beispiele von Clubs seit dem Wiederaufstieg von Freiburg vor zehn Jahren unter Streich, die trotz Abstieg am Trainer festhielten (Düsseldorf, Paderborn, nochmal Schalke, der HSV, Nürnberg, Ingolstadt, nochmal Darmstadt). Der direkte Wiederaufstieg klappte für keinen einzigen dieser Clubs. Und spätestens am Ende der Saison war dann für jeden einzelnen dieser Trainer Feierabend, in den allermeisten Fällen bereits weit früher.

Natürlich wünscht man sich Kontinuität auf möglichst allen Positionen im Club, so wie beim SC Freiburg. Aber eben auch nur dann, wenn es wirklich passt, wenn das Team davon profitiert. Davon kann man beim FC St. Pauli angesichts der letzten Saison einfach nicht überzeugt sein. Die vielen Beispiele. in denen es keinen Erfolg brachte, dass der Trainer auch nach Abstieg beim Club bleibt, zeigen, dass Clubs durchaus bereit sind, mutige Entscheidungen zu treffen und an einem in der Kritik stehenden Trainer festhalten.

In den meisten Fällen passiert das sicher aus der vollen Überzeugung, dass dieser Trainer fachlich gut genug ist, um in der Folgesaison zumindest eine gewichtige Rolle im Aufstiegsrennen zu spielen. Doch die vielen Beispiele zeigen eben auch, dass die Vorgeschichte schwer auf den Schultern zu lasten scheint. Der Abstieg klebt nicht nur an den Spielern, die bleiben, er klebt natürlich auch an den Trainern. Wenn diese nun gefordert sind, neue Reize zu setzen, gegebenenfalls ein neues System zu implementieren, dann könnten die Abnutzungserscheinungen in besonderem Maße hervortreten.

Dieses Szenario wird nun vermieden, die Wege von Alexander Blessin und dem FC St. Pauli trennen sich. Angesichts der aktuellen Situation scheint es für beide Seiten die bestmögliche Lösung zu sein. Blessin mag fachlich dazu fähig sein, ein spielstarkes Team zu formen, das einen Fußball spielt, der Teams in Richtung Spitze der zweiten Liga bringt. Aber vermutlich nicht unter den Voraussetzungen, die es beim FC St. Pauli gibt. Nicht mit der Vorgeschichte.

FC St. Pauli bereits seit einiger Zeit auf Nachfolger-Suche

Fragt sich natürlich noch, warum das alles so lange dauerte. Schließlich war es zumindest von außen betrachtet nur ganz schwer vorstellbar, dass es für Blessin beim FC St. Pauli weitergehen kann. Eben weil das Fehlen der Energie so offensichtlich war. Dabei wurde im Zuge der Verabschiedung von Blessin auch klar, dass die Zeit nicht ungenutzt blieb. Ein neuer Trainer scheint bereits gefunden.
Es ist also wahrscheinlich, dass der Verein gepokert hat, weil eine Entlassung eben auch Kosten mit sich bringt. Warum sollten diese anfallen, wenn es möglicherweise Interessenten gibt, die Blessin aus seinem Vertrag mit dem FCSP herauskaufen wollen? Das hätte klappen können, ist nun aber nicht eingetreten.

Somit endet nach fast zwei Jahren die Zeit von Alexander Blessin beim FC St. Pauli. Zwei Jahre, in denen der Club so erfolgreich war wie fast nie zuvor. Blessin hat dazu einen erheblichen Beitrag geleistet. Dass der FCSP in der ersten Saison den Klassenerhalt schaffte, ist ihm hoch anzurechnen.
Vielen Dank dafür, Alex! Und alles Gute für Deine sportliche und persönliche Zukunft!
You’ll Never Walk Alone!
// Tim

Alle Beiträge beim MillernTon sind gratis. Wir freuen uns aber sehr, wenn Du uns unterstützt.

Unsere Kommentare sind nur per Registrierung zugänglich. Bitte bei Bedarf eine E-Mail mit Klarnamen und gewünschtem Username an Maik@MillernTon.de schicken.

MillernTon auf BlueSky // Mastodon // Facebook // Instagram // Threads // WhatsApp // YouTube

2 thoughts on “Es passt nicht mehr

  1. Ich möchte mich Tim anschließen: Danke, Alex es war eine geile erste Saison back in Liga 1!! Der Derbysieg im August – die Art und Weise, wie dieser erspielt wurde – war dann der Schokostreusel auf der Kirsche auf der Sahne. Alles Gute für Deinen weiteren Weg!!

  2. Schadeschade, dass es nicht geklappt hat. Auch wenn es einige mir nicht glauben wollen, Alex war mein damaliger Wunschkandidat und umso mehr bin ich ausgeflippt, als das Gerücht aufkam und schließlich wahr wurde.

    Gerne hätte ich ihn erfolgreicher gesehen, aber sein Platz wird auf ewig in den Büchern bleiben.

    Alex, alles Gute, der Erfolg anderswo wird dir sicher sein!

Schreibe einen Kommentar