Autogramme, viele Tore, noch mehr Regen

Autogramme, viele Tore, noch mehr Regen

Der FC St. Pauli gewinnt gegen Altona 93 das erste Testspiel der neuen Saison mit 6:2 und liefert erste positive Erkenntnisse, aber zeigt auch, wo sich noch Löcher im Kader befinden.

Ein Testspiel des FC St. Pauli quasi vor meiner Haustür? Keine Frage, da musste ich hin. Und das nicht alleine, sondern mit meiner ältesten Tochter im Schlepptau. Ihres Zeichens seit diesem Dienstagabend begeisterte Autogrammjägerin und nach einer gelungenen Fotoaufnahme der Ansicht, dass Ricky-Jade Jones nicht nur der schnellste sondern auch der beste Fußballer der Welt ist.

Blöd nur in diesem Fall, dass Fußball bekanntlich größtenteils ein Freiluftsport ist. Also an sich ist das ja super, aber rund eine Stunde vor Anpfiff verdunkelte sich der Himmel über Altona so dermaßen, dass er für die folgenden Stunden nichts Gutes erahnen ließ. Die Schlangen vor den Kassen waren lang, das Spiel online lange ausverkauft. 600 Tickets sollte es noch vor Ort geben, diese dann allerdings nur in Verbindung mit einem Hamburger Sommerschauer aus dem Bilderbuch. Immerhin konnte man in der Schlange wunderbar das komplette Verkehrschaos der Griegstraße mit Hupkonzert bewundern, als die Autos sich zweispurig an den parkenden Wagen vorbeiquetschen wollten. Das AFC-Ticketcenter konnte außerdem den Jahresvorrat an roten Ponchos deutlich reduzieren, für 1€ wechselten diese den Besitz.


Am Ende kamen hoffentlich alle rein, auch wenn die Kommunikation in den Schlangen ausbaufähig war. Von Maik soll ich übrigens ausrichten, dass „Es gibt keine Schiedsrichterkarten, diese sind bei Testspielen ausgesetzt!“ ein absoluter Skandal ist.

Vier Spieler fehlen im Kader

Beim Blick auf das Handy in der Warteschlange konnte bereits festgestellt, dass vier Spieler des FC St. Pauli nicht im Kader waren. Nur bei dreien kann Entwarnung gegeben werden.
Torhüter Ben Voll fehlte erkrankt, entsprechend konnte Simon Spari die volle Spielzeit das Tor des FC St. Pauli hüten. Manos Saliakas fehlte ebenfalls, allerdings nur aus Gründen der Belastung, Sorgen sind nicht angebracht.

Viel mehr Sorgen machte mir das Fehlen von Tomoya Andō. Anfangs noch aus Sorge um eine mögliche Verletzung des Innenverteidigers. Später dann, als mir aus dem Medienteam als Ursache für das Fehlen „persönliche Gründe“ genannt wurden, wähnte ich ihn bereits in Verhandlungen mit anderen Clubs. Was zweifelsohne ein ziemlich schwerer Schlag für den FCSP sein würde. Doch Marcel Rapp sorgte nach Abpfiff für (leichte) Entspannung, sprach davon, dass Andō bald wieder zurückkehren werde. Sorgen macht hingegen das Sprunggelenk von Jannik Robatsch. „Man muss schauen, wie lange er ausfällt“, war die kurze aber nicht wirklich beruhigende Antwort von Rapp.

Entsprechend fehlten alle vier Spieler im Aufgebot des FC St. Pauli. Ein schlagkräftiges Team stand trotzdem auf dem regendurchtränktem Rasen. Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Hälfte agierte der FCSP dabei in einem 5-3-2, einer Formation mit zwei Achtern und zwei Angreifern. In den ersten 45 Minuten stand folgende Elf auf dem Rasen:
Spari – Westphal, Nemeth, Ritzka – Pyrka, Banks, Rasmussen, Klein, Ahlstrand – Ceesay, Jones.
Ja, richtig gelesen, Scott Banks agierte als rechte Acht, Ahlstrand als linker Außenverteidiger. Beide machten ihre Sache ordentlich und ich stellte einmal mehr fest, dass ich ein Fan von Banks bin und hoffe, dass er kommende Saison mehr Spielzeit beim FC St. Pauli bekommt.

Scott Banks mittendrin

Doch auch Banks konnte nicht verhindern, dass die ersten rund 20 Minuten der Partie genau das verkörperten, was dieses Spiel eben war: Ein erster Test, eine Art Aufgalopp des Teams. Das Spiel dröppelte ähnlich trist vor sich hin, wie der Regen auf den Rasen der AJK. Erst im Anschluss wurde es besser, also zumindest wurde es torreicher. Den Anfang machte ein schöner Diagonalball von Rasmussen auf die linke Seite, wo Ahlstrand den Ball in den Lauf von Klein legte. Dessen Hereingabe spielte etwas PingPong im Strafraum des AFC, ehe sie in den Füßen vom Banks landete. Sein Abschluss wurde noch entscheidend abgefälscht, bevor er im Tor landete. Wenige Minuten später war erneut erst Banks am Ball, ehe ein AFC-Flugkopfball diesen ins eigene Tor bugsierte – 2:0 für den FCSP.

Kurz danach hatte Jones eine sehr gute Gelegenheit, aber nach einer punktgenauen Flanke von Ceesay scheiterte „die Kobra“ an einer glänzenden Reaktion des AFC-Torhüters (die Begeisterung meiner Tochter für ihren neuen Lieblingsspieler wuchs unermesslich, als ich ihr berichtete, dass Jones den Spitznamen „Kobra“ trägt und beim Jubeln eine entsprechende Geste macht). Für Ceesay war die Partie wenige Minuten später bereits zu Ende. Eine „Vorsichtsmaßnahme“ (Rapp) sei das gewesen, für ihn wurde in der 31. Minute Sabah eingewechselt. Direkt im Anschluss köpfte der AFC in Person von Kobert eine gut getretene Ecke zum Ausgleich ein.

Moment! Ausgleich? Ja, ich habe selbst den Überblick beim Schreiben dieses Artikels verloren. Meine Notizen sind so chaotisch wie die Spielphase zwischen der 20. und 32. Minute. Davor und danach war es eher ein Testspiel mit entsprechendem Charakter, diese zwölf Minuten hatten aber deutlich mehr zu bieten. Denn während ich noch die Situation zum zweiten FCSP-Treffer und die starke Parade des AFC-Keepers nach dem Jones-Abschluss notierte, missglückte Lars Ritzka eine Aktion komplett. Statt den geplanten Rückpass zu spielen, war es der perfekte Pass in den Lauf von Luis Jahraus, der acht Jahre lang das NLZ des FCSP durchlaufen hatte. Dieser ließ sich diese Chance nicht nehmen und schoss zum 1:2 ein.

FCSP-Spieler sorgen für „Blutrausch“

Mit der Auswechslung von Ceesay tat sich auch neben dem Platz etwas. Der Weg des FCSP-Angreifers wurde von etlichen Kinderaugen genau beobachtet. Als er auf Höhe der Eckfahne gen Sitzplatzbereich abbog, wurde er mit Sicherheitsabstand von zwei kleinen Autogrammjägern begleitet. Wie so Löwen, die ihr Opfer in der Savanne mit etwas Abstand durch das hohe Gras beobachten, wartend auf den perfekten Moment um sich ihr Opfer zu schnappen. Dieser war gekommen, als Ceesay den sicheren Bereich des Rasenplatzes – dort wo sich der Rest seiner Herde und damit Sicherheit befand – verließ, um durch den Matsch mittig der Sitzplatztribüne den Weg in die Kabine anzutreten. Die beiden Jungs zuckten kurz, plötzlich schien sie der Mut verlassen zu haben. Beide versuchten den jeweils anderen vorzuschicken, der sich aber dagegen wehrte. Irgendwann überwog aber bei beiden die „Jetzt-oder-nie“-Erkenntnis. Sie preschten auf ihr Opfer zu, die Fangzähne in Form von dicken Stiften direkt auf den ausgelieferten Ceesay gerichtet.

Vom Sitzplatzbereich aus wurde diese Szene genauestens beobachtet. Etliche Kinderaugen fixierten ihr erstes Opfer. Auch direkt links neben mir verwandelte sich eine mir verwandte Person in ein Raubtier. Alle schauten, wie Ceesay mit den Fangzähnen umgehen würde. Würde er den Stift aufnehmen und damit sein Schicksal besiegeln? Oder würde er sie abwehren? Die Möglichkeit ist durchaus vorhanden gewesen. Schließlich sehen die zu ihm gestreckten Stifte sicher bedrohlich aus, aber mit Ignoranz ist diesen Raubtieren beizukommen. Ceesay entschied sich dafür sein Schicksal zu besiegeln.

Er nahm den Stift entgegen und kritzelte seine Unterschrift auf ein Trikot. Unruhe brach auf den Rängen aus. What The Fuck! Der tut es wirklich! Ceesay schreibt Autogramme! Nun hüpften an allen Ecken und Enden des Sitzplatzbereichs kleine (und auch große) Raubtiere auf, bewaffneten sich mit Stift und/oder Handy und kletterten durch oder über die Sitzplätze, um einen Teil der Beute zu erhalten. Ceesay war einige Minuten damit beschäftigt als Opfer hungriger Autogrammjäger*innen herzuhalten. Als dann der Halbzeitpfiff ertönte und kurz danach die FCSP-Spieler den Weg gen Kabine antraten, erinnerte mich die Szenerie an einen Blutrausch. Die Startelf des FC St. Pauli wurde Opfer dutzender Raubtiere. Sogar der Sicherheitsdienst musste einschreiten, damit die Jäger*innen ihre Opfer nicht bereits auf dem Rasen attackierten.

Ganz ähnliche Szenen spielten sich direkt nach Abpfiff ab, wenngleich der zu diesem Zeitpunkt extrem ergiebige Regen den Blutrausch etwas zu hemmen schien. Zurück blieben etliche strahlende Kinder, die ihren Eltern und Freund*innen mit glänzenden Augen auf Trikots gekritzelte Autogramme oder Fotos mit den Spielern zeigten. Und da ich zuhause nun auch so ein Trikot und auf meinem Handy auch solche Fotos habe, ist mir bewusst geworden, welch unfassbare Kraft so eine Aktion hat. Für die Spieler ist es nur ein kleines Autogramm oder Foto. Für die andere Seite ist es ein Moment, der vermutlich niemals vergessen werden wird. Ich hoffe alle Spieler sind sich im Laufe ihrer Karriere ihrer immensen Kraft bewusst. Wie bereits geschrieben: Bei uns am Küchentisch wurde auch heute morgen noch einmal bekräftigt, dass Haaland und Mbappé vielleicht getroffen haben gestern, aber Ricky-Jade Jones („Der da auf dem Foto!“) zweifelsohne der beste Fußballer der Welt sei.

Klein und Mathisen mit guten Debüts

Stichwort Mbappé, da fällt mir die Aktion von Arek Pyrka in der 40. Minute ein. Der bekam da nämlich den Ball am rechten Strafraumeck, dribbelte nach innen und schoss dann mit seinem schwächeren linken Fuß wuchtig den Ball ins linke Toreck, wie es andere nur mit ihrem starken Fuß könnten. Toller Treffer, Arek!

Zurück zur Unterschriftensammlung: Ebenfalls auf das Trikot meiner Tochter unterschrieben hat „so ein großer Blonder. Den Namen kann ich mir nicht merken, Papa!“ Sam Klein agierte in der ersten Hälfte auf der linken Achter-Position und machte dabei einen sehr engagierten Eindruck. Im Zusammenspiel mit Ahlstrand hatte er auf der linken Seite einige gute Aktionen, aber es wurde auch ersichtlich, dass ihm noch ein paar Dinge fehlen, um einen noch größeren Impact auf das Spiel zu haben. Rapps Fazit zu Klein nach dem Spiel: „Er bringt viel mit, aber ich glaube er muss noch adaptieren was Handlungsschnelligkeit angeht und Spielgeschwindigkeit. Aber er ist willig. Und ich glaube wenn man die Voraussetzungen mitbringt und auch will, dann ist alles dafür da, dass er sich entwickelt.“

Zur zweiten Hälfte konnte dann auch der zweite Neuzugang des FC St. Pauli genauer beobachtet werden: Marcus Mathisen agierte als zentraler Innenverteidiger und während es im Fall von Klein zwar gut war, aber auch noch klar ersichtlich Luft nach oben gab, erweckte Mathisen den Eindruck, dass er bereits oben ist. Sehr abgeklärt in der Arbeit gegen den Ball, einige gute Diagonalpässe nach vorne, dazu hat er stilecht eine Gelbe Karte eingesammelt, zu der er erklärte: „Es ist zwar nur ein Testspiel, aber auch da müssen wir die Dinge so machen, wie wir sie in Pflichtspielen machen. Und wenn da eine Kontersituation ist und ich ein bisschen spät dran bin, dann nehme ich die Gelbe Karte.“ Es war auf jeden Fall ein überzeugendes Debüt des Neuzugangs.

Hara lässt mit Doppelpack aufhorchen

Mathisen spielte im zweiten Abschnitt zusammen mit Dźwigała und Westphal in der Innenverteidigung. Ja, Westphal spielte auch in der ersten Hälfte, womit klar sein dürfte, dass diese Position aktuell eher unter- als überbesetzt ist. Das Mittelfeld setzte sich aus Schmitz, Fujita und Schmidt zusammen, Fujita dabei auf der Sechs, die beiden Nachwuchsspieler auf den Achter-Positionen. Da im ersten Abschnitt mit Banks ein positionsfremder Spieler dort agierte, dürfte auch hier der Bedarf deutlich geworden sein. Auf den Außenbahnen agierten nun St. John und Oppie, die Doppelspitze bildeten Kaars und Hara, Spari blieb im Tor.

Hara machte gleich auf sich aufmerksam, hatte in der 48. Minute einen ersten Abschluss. Zwei Minuten später spielte Fujita einen starken Pass in die Tiefe. Hara startete im genau richtigen Moment (und war dabei sehr dynamisch), umkurvte AFC-Keeper Müller dank eines guten ersten Kontakts und schoss zum 4:2 für den FC St. Pauli ein. Es war das erste Mal seit seiner Ankunft, dass man eine Idee davon bekommen konnte, warum Hara vom FCSP verpflichtet wurde.

In der Folge plätscherte das Spiel vor sich hin, während der Regen immer ergiebiger wurde. Erst mit Anbruch der Schlussphase fiel wieder ein Treffer: Martijn Kaars bekam den Ball auf Höhe der Sechzehnerlinie, nachdem Schmitz einen AFC-Pass abgefangen hatte. Was dann passierte, ist nicht ganz klar. Der Verein schreibt, dass der Abschluss von Kaars abgefälscht wurde, ich habe da aber weder im Stadion noch in der Wiederholung einen Kontakt eines AFC-Spielers gesehen. Jedenfalls wurde der Ball, ob von Kaars gewollt oder nicht, sehenswert in den linken Winkel gehoben.
Und während sich dann bereits wieder vor dem Spielertunnel Autogramm-hungrige Kinder versammelten, um Minuten später über völlig durchnässte Spieler herzufallen, zeigte Hara, dass er noch Bock hat: In der 89. Minute fing St. John einen Pass ab und legte ins Zentrum zum einlaufenden 27-jährigen, der den Ball mitnahm und diesen dann zum 6:2 ins lange Eck legte.

Somit verlief der erste Test des FC St. Pauli in der Saison 26/27 erfolgreich. Dass sich im Stadion trotz des maximal bescheidenen Wetters über 5.000 Leute befanden, hat nicht nur, aber insbesondere Marcel Rapp beeindruckt. Der erklärte, während aus den Boxen eine Playlist dröhnte, die ich gerne so auch am Millerntor mal hören würde: „Es war eine sehr coole Veranstaltung, ich habe nicht damit gerechnet, dass so viele Leute hier sein werden.“ und betonte, dass die Platzverhältnisse besser waren als erwartet und sich entsprechend auch erleichtert zeigte, dass sich kein Spieler verletzt hat.

Die Formation, also das sowohl in der ersten als auch in der zweiten Halbzeit praktizierte 5-3-2 mit zwei Achtern und zwei Mittelstürmern, sei zustande gekommen, weil in dieser Formation alle aktuellen Kader-Spieler auf der Position agieren können, auf der sie sich am wohlsten fühlen würden, so der Cheftrainer. Ich persönlich bin da nicht so sicher, ob das nicht vielleicht doch schon mehr ist, ob das nicht schon ein Fingerzeig sein könnte auf das, was in den kommenden Wochen folgen wird.

Was nun sicher folgt ist die nächste Phase der Vorbereitung. Nach einem freien Tag am Mittwoch ist der Aufgalopp vorbei, nun geben sich intensive Einheiten und Testspiele die Klinke in die Hand. Am Samstag steht bereits der nächste Test auf dem Programm, da ist der FC St. Pauli im Ostfriesland-Stadion gegen Kickers Emden gefordert. Das Wochenende darauf geht es ins ehrwürdige Karl-Liebknecht-Stadion nach Babelsberg. Zwischendrin wird an der Kollaustraße trainiert.

Abends am Küchentisch, als meine Tochter und ich wieder trockene Klamotten trugen, wurde zwischen Käsebroten bereits intensiv diskutiert: Es befinden sich ja schließlich „nur“ 14 Unterschriften auf ihrem Trikot. Es sind ja aber viel mehr Spieler im Kader. Und es gibt ja auch welche, die noch zurückkehren und sicher auch noch Neuzugänge. Die müssen da ja auch alle noch unterschreiben. Da nächste Woche die Sommerferien in Hamburg starten, dürfen sich die Spieler also sicher sein, dass sie diesen Sommer noch das ein oder andere Mal mehr von Autogrammjäger*innen angefallen werden.
// Tim

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