Nach zehn Spieltagen ist einer erster Blick auf die Tabelle erlaubt: Wo steht der FC St. Pauli in der Saison 26/27? Und wo kann die Reise noch hingehen? Eine Analyse.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Ausgeglichener könnte die Bilanz eigentlich kaum sein: Der FC St. Pauli hat in dieser Saison ebenso viele Spiele gewonnen wie verloren (je zwei) und spielte sechsmal Remis. Zudem beträgt das Torverhältnis aktuell 12:12 in der Liga. Nach zehn Spieltagen ist also alles ausgeglichen beim FCSP, vorausgesetzt die Pokalniederlage in Essen wird nicht berücksichtigt. Ist also alles Mittelmaß beim FCSP? Und viel wichtiger: Ist diese Tabellenposition aufgrund der gezeigten Leistungen gerechtfertigt?
Punktemäßig muss der FC St. Pauli eher nach unten schauen
Klar sollte allen sein, dass diese Tabellensituationen durchaus gefährlich sein kann. Denn zwar ist die Bilanz des FC St. Pauli ausgeglichen, doch der Abstand zu den Aufstiegs- und Abstiegsrängen ist es nicht. Zum dritten Platz beträgt er aktuell sieben Zähler, ist also bereits verhältnismäßig groß. Auf Platz 16 hat der FC St. Pauli hingegen nur drei Zähler Vorsprung. Bereits ein einziger Spieltag würde reichen, damit der FCSP in der Tabelle in bedrohliche Regionen abrutscht.
Schauen wir uns die Zahlen nach zehn Spieltagen einmal etwas genauer an:
Ein großes Thema zu Saisonbeginn war die defensive Stabilität. Der FC St. Pauli hat einige Zeit gebraucht, um mal wieder ein Spiel ohne Gegentor zu beenden. Nachdem man über Jahre daran gewöhnt wurde, dass der FCSP besonders gegen den Ball seine Stärken hat, hatte sich das nun verändert. Zumindest schien es so.
Top-Defensive der Liga
Auch wenn die Niederlage gegen den 1. FC Nürnberg zuletzt mit 1:3 relativ deutlich ausfiel und es erstmalig in dieser Saison drei Gegentreffer in einer Partie gab, so hat sich das Team defensiv stabilisiert, wenn man auf die Anzahl an Gegentreffern blickt. Denn vor dem Nürnberg-Spiel gab es nur zwei Gegentore aus fünf Spielen.
Diesen Trend bestätigen auch die gegnerischen xG-Werte. Der Mittelwert aus den ersten vier Ligaspielen (plus das Pokalspiel) beträgt 1,64. In den sechs Partien seit dem fünften Spieltag beträgt der gegnerische xG-Wert durchschnittlich 1,28. Er ist also recht deutlich gesunken. Und dieser Wert ist sehr, sehr gut. Aktuell gibt es laut Wyscout in der Liga nur zwei Teams (Bielefeld und Hertha), die insgesamt einen niedrigeren Wert haben als der FC St. Pauli. Der Mittelwert von 1,28 pro Partie würde aber die Spitzenposition bedeuten. Diese hat der FCSP mit einem summierten xG-Wert von 12,2 bereits laut FotMob inne. Diese Zahlen passen übrigens sehr gut zu den insgesamt zugelassenen Abschlüssen (FCSP: 11,3 pro Partie, drittwenigste; Liga-Durchschnitt: 13,4).
Ursächlich für diese defensive Stabilität dürfte vor allem die Zweikampfstärke des Teams sein. Wyscout und FotMob sind sich einig: Der FC St. Pauli hat die viertbeste Zweikampfquote beziehungsweise gewinnt die viertmeisten Duelle. In der Luft ist der FCSP im Ligavergleich sogar noch besser, hat die zweitbeste Kopfballquote. Die Anzahl an abgefangenen Pässen des Gegners ist hingegen mittelmäßig (FotMob) bis schlecht (Wyscout). Die Daten deuten also darauf hin, dass der FC St. Pauli seine Gegner in Zweikämpfe verwickeln möchte, um dort die Bälle zu gewinnen, was ziemlich gut zu dem passt, was Marcel Rapp zu Saisonbeginn als Grundsatz der eigenen Defensivarbeit ausrief. Und die Daten zeigen auch, dass das ganz gut gelingt. Die Defensive des FC St. Pauli ist also nicht ursächlich dafür, dass sich der Club im Tabellenmittelfeld befindet. Womit der Fokus auf die Offensive gelenkt wird…
FC St. Pauli erzeugt zu wenig Torgefahr
Der FC St. Pauli hat bisher zu wenig Treffer erzielt. Diese Aussage ist gleich in zweifacher Hinsicht richtig. Zum einen sind zwölf Treffer nach zehn absolvierten Partien nicht genug. Abgesehen vom 1. FC Kaiserslautern, der allerdings auch erst sieben Gegentreffer gefangen hat, hat der FCSP von den Teams aus der oberen Tabellenhälfte die wenigsten Treffer erzielt. Zudem hat der FC St. Pauli auch zu wenig Treffer erzielt, wenn man sich die xG-Werte anschaut: Diese liegen bei 16,2 (FotMob) und 16,9 (Wyscout), also mehr als vier über den real erzielten Treffern. Mit diesen Werten liegt der FCSP im Mittelfeld der Liga. Aber Achtung: Die Partie gegen Nürnberg ist mit einem xG-Wert von über vier ein krasser Ausreißer, der den Durchschnittswert deutlich anhebt. Nimmt man das Spiel aus der Wertung, dann hat der FC St. Pauli pro Partie einen durchschnittlichen xG-Wert von etwas über 1,4. In der 2. Liga wird dieser Wert aktuell nur von Darmstadt unterboten.
Es ist tatsächlich so, dass die Offensive des FC St. Pauli aktuell nicht nur zu wenig Treffer erzielt, sie bietet auch zu wenig an. Die Anzahl der Abschlüsse beträgt 12,8 pro Partie (Platz zehn), jene auf das Tor pro Partie (5,1, Platz zehn) auch. Auffällig ist, dass einer der zuverlässigsten Indikatoren für Offensivgefahr verhältnismäßig niedrig ist beim FCSP: Die Anzahl an Ballkontakten im gegnerischen Strafraum liegt laut Wyscout bei 17,9 pro Partie (Platz 13), FotMob ordnet den FCSP in dieser Statistik sogar nur auf Platz 15 ein. Diese verhältnismäßig wenigen Ballkontakte im gegnerischen Strafräumen sind vor allem deshalb verwunderlich, weil der FC St. Pauli pro Partie 36,6 erfolgreiche Pässe ins gegnerische Angriffsdrittel spielt – die meisten aller Zweitligisten. Was passiert also zwischen Einfallen ins Angriffsdrittel und dem gegnerischen Strafraum?
Viele erfolglose Flanken und torlose Spieler
Sehr auffällig ist, dass der FC St. Pauli es oft über die Außenbahnen versucht, viele Flanken schlägt, die viertmeisten der Liga. Aber er ist der einzige Zweitligist, dessen Erfolgsquote bei Flanken unter 30 Prozent liegt (28,5). So gehen also viele Bälle verloren. Ebenfalls nicht so erfolgreich ist die Quote (es ist die viertschlechteste) bei den Schnittstellenpässen, von denen der FCSP die meisten spielt. Trotzdem ist auffällig, dass der subjektive Eindruck bei vielen der ist, dass der FC St. Pauli jedes Spiel genügend Chancen hat, um Treffer zu erzielen. FotMob führt den FCSP auf Platz fünf in der Rubrik „Anzahl Großchancen“ und sogar noch einen Platz besser – was es für den FCSP nicht besser macht – bei der Anzahl an vergebenen Großchancen. Womit wir bei der Frage nach der Abschlussqualität angekommen sind.
Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Beim FC St. Pauli geht von gewissen Positionen zu wenig Torgefahr aus. Schaut man sich an, wer in dieser Saison bereits getroffen hat, dann gehen neun Treffer auf das Konto von drei Offensivspielern (Ceesay, Kaars, Hara), zwei Verteidiger trafen jeweils einmal (Ritzka, Mathisen) und nur einmal traf ein Mittelfeldspieler (Fujita). Die Außenverteidiger haben in dieser Spielzeit noch nicht getroffen.
Der tiefere Blick in die Zahlen verdeutlicht das Problem: Louis Oppie hat zwar bereits 14 Schüsse abgefeuert in dieser Saison, pro 90 Minuten kommt er aber nur auf einen xG-Wert von 0,06, was Platz 21 von 29 unter allen Außenverteidigern bedeutet. Arek Pyrka kommt auf einen xG-Wert von 0,01 pro 90 Minuten und liegt auf Rang 28. Joel Fujita und Matti Rasmussen kommen auf xG-Werte von 0,1 beziehungsweise 0,09 pro Partie – Rang 17 und 21 unter 26 Spielern auf dieser Position. Connor Metcalfe kommt unter allen offensiven Mittelfeldspielern zwar auf einen ordentlichen xG-Wert von 0,26 pro Partie (Rang 9 von 19), ist aber trotz 20 Abschlüssen noch torlos. Branimir Hrgota liegt mit einem xG-Wert von 0,07 ganz am Ende dieser Rangliste.
Übrigens haben Hara und Kaars zwar beide in dieser Spielzeit bereits doppelt getroffen, liegen anhand der xG-Werte unter allen Angreifern der Liga aber ebenfalls weit hinten (Platz 28 und 29 von 33 Mittelstürmern, Niang liegt auf Platz 23, Ceesay liegt auf Platz drei).

(c) Stefan Groenveld
„Gab kein Spiel, wo wir schlechter waren als der Gegner.„
Beim FC St. Pauli ist es also vielen Spielern in den ersten zehn Saisonspielen zu selten gelungen, in gute Abschlusspositionen zu kommen. Ob das an Ungenauigkeiten (siehe Flankenquote und Schnittstellenpässe) oder aber an nicht guter Positionierung liegt, kann anhand der Statistiken und von Außen nur bedingt beziehungsweise gar nicht untersucht werden. Der Blick in die Daten zeigt aber deutlich auf, welche Baustelle es beim FCSP gibt. Daher ist auch verständlich, wie Marcel Rapp die bisherige Saison bewertet und das er direkt nach dem Nürnberg-Spiel betonte: „Wenn wir uns Chancen herausspielen, dann bin ich schonmal zufrieden.“ Der Cheftrainer des FC St. Pauli erklärte zudem, dass man in allen Ligaspielen mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar besser gewesen sei als der Gegner: „Ich glaube es gab kein Spiel, wo wir schlechter waren als der Gegner. Es war immer mindestens ausgeglichen. Tendenziell haben wir oft unentschieden gespielt und waren besser.“
Ein guter Absteiger
Auch die Spieler des FCSP sind der Ansicht, dass das Team mehr verdient hat beziehungsweise noch mehr erreichen kann als den aktuellen Tabellenplatz. Kapitän David Nemeth betonte nach der zuletzt erlittenen Niederlage, es sei gut gewesen, dass man sich stabilisiert habe, denn „es ist nicht einfach, wenn man absteigt, das hat man schon oft gesehen.“ Nemeth untertreibt an dieser Stelle und entsprechend ist es sehr wichtig, diese Aussage noch einmal mit Zahlen zu untermauern. Denn tatsächlich stellt diese Saison bisher eine große Ausnahme dar. Mit Wolfsburg, Heidenheim und dem FC St. Pauli befinden sich alle drei Absteiger nach zehn Spieltagen in der oberen Tabellenhälfte. Das gab es seit der Saison 18/19 nicht mehr. In den letzten vier Saisons war es sogar immer umgekehrt: Nach zehn Spieltagen befanden sich jeweils ALLE Absteiger in der unteren Tabellenhälfte. Seit 19/20 gab es, abgesehen von Heidenheim und Wolfsburg in der aktuellen Spielzeit, überhaupt nur zwei Absteiger die nach zehn Spieltagen besser positioniert waren als der FCSP jetzt: Stuttgart 19/20 und Schalke 21/22 – beides spätere Aufsteiger.
So mag es durchaus sein, dass der FC St. Pauli in den ersten zehn Spielen der Saison noch nicht so gespielt und gepunktet hat, wie man es sich wünscht (Nemeth: „Wir wollen vorne angreifen.“). Es gibt vor allem im Offensivspiel noch einige Baustellen und die dürfen auf gar keinen Fall kleingeredet werden. Aber es ist eben nicht der desaströse Saisonstart, den man in den letzten Jahren von Absteigern sehr oft zu sehen bekam. Und es geht aufwärts, zumindest nach Einschätzung von Rapp, der einen Trend erkennt: „Wenn man die Spiele sieht, dann steigern wir uns immer mehr. (…) Wir machen Schritte nach vorne. Ganz oft stand ich hier und habe gesagt: Wir haben viel den Ball, aber haben wenig Torchancen. Jetzt haben wir Torchancen, jetzt ist der nächste Schritt, die auch reinzumachen. Dann wäre es perfekt. Ich glaube da sind wir auf einem guten Weg.“
Dem FC St. Pauli ist es also gelungen, schnell in der zweiten Bundesliga anzukommen. Er hat sich nach mittelprächtigem Saisonstart defensiv stabilisiert. Nun sollte der nächste Schritt in Form einer verbesserten Offensive folgen. Nur dann läuft das Team nicht Gefahr, im Verlauf der Saison eher nach unten als nach oben schauen zu müssen. Somit ist nach zehn Spieltagen klar, dass noch nichts klar ist. Es ist noch nicht wirklich zu erkennen, wo die Reise für den FC St. Pauli in dieser Saison hingehen wird. Sollte es aber gelingen, weiterhin so stabil gegen den Ball zu agieren und zusätzlich die eigene Offensive richtig in Schwung zu bringen, dann richtet sich der Blick klar nach oben.
// Tim
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