Segeln (und eSailing) beim FC St.Pauli

Es war nur eine vergleichsweise kleine Meldung auf der Vereinshomepage letzte Woche, die dazu führte das unsere Neugier geweckt wurde.
„eSports“, kennt man ja. Konsole, Controller – und dann FIFA/Madden/F1/NBA/NHL, soweit bekannt.
Aber Segeln? Zeit, sich das mal genauer anzuschauen.

Ich traf mich also (virtuell) mit Enno, mit dem auch das Interview auf der Vereinshomepage ist.
Jeden Montag und Donnerstag ist nämlich aktuell offenes Training der Segelabteilung, ebenfalls virtuell, selbstverständlich.

Und wir geben zu: Das folgende Foto ist gestellt, Enno sitzt beim eSailing gar nicht immer in voller Montur auf Bierkisten.

Die Segelabteilung beim FC St.Pauli
Beginnen wir vielleicht mit ein paar grundlegenden Infos. Die Abteilung ist eine der jüngsten im Verein, erst im Januar 2018 wurde sie gegründet und war (und ist?) die einzige Segelabteilung eines Profi-Fußballclubs in Deutschland.
Die Abteilung war von Anfang an als aktive Abteilung angelegt, die sich auch den Zielen und Werten der Fanszene des FC St.Pauli verschrieben hat und politische und soziale Aktionen von Anfang an fest mit ins Abteilungsleben einplante.
Außerdem wollte man das Segeln aus dem Vorurteil befreien, elitär und „für Reiche“ zu sein. Der Mitgliedsbeitrag ist der einer ganz normalen Sportabteilung und damit im Vergleich zu „normalen“ Segelvereinen unschlagbar günstig. Insbesondere Kinder und Jugendliche sind schon für 5€ im Monat dabei, was einen bewusst niedrigschwelligen Zugang ermöglicht – der gerne auch noch stärker angenommen werden dürfte.
Kurse für Anfänger*innen (und eben auch Kinder und Jugendliche) werden regelmäßig angeboten – aber auch hier darf die Nachfrage gerne noch stärker werden.

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eSailing
Bevor es aber wieder zu Kursen und Segeltörns „in echt“ kommen kann, ist auch hier Corona und Lockdown. Und während jeder Sportverein und jedes Team in dieser Zwangspause versucht, die Zeit irgendwie zu überbrücken, entdeckte auch Enno eine Möglichkeit, das Abteilungsleben ins Virtuelle zu verlagern.
„Virtual Regatta ist das Zauberwort, quasi das „FIFA“-Spiel der Segler.
Man kann es kostenlos über den Browser spielen, aber auch für das mobile Endgerät als App herunterladen. Wie bei allen diesen Spiele können über In-Game Käufe auch hilfreiche Gegenstände mit realem Geld erworben werden, dies ist aber nicht zwingend nötig, insbesondere im Einstieg.

Dieses Spiel erinnert auf den ersten Blick an die klassischen Autorennspiele, ist dann aber erstaunlich realistisch – und wer sich als Laie und Landratte dann gleich über „Custom Race“ ins erste Rennen stürzt, wird Schiffbruch erleiden. Nicht im Wortsinne, kentern kann man nicht, aber zumindest meine ersten Rennen waren ein einziges Desaster.
Gegen den Wind im 40°-Winkel, mit dem Wind das zusätzliche Segel ausfahren, schnelle Wende, den anderen Booten ausweichen, richtig rum um die richtige Boje… da half das Gratis-Tutorial zwar ein klein wenig, ohne die zusätzliche fernmündliche Hilfe von Enno wäre ich aber wohl noch viel weiter abgeschlagen gewesen als eh schon.
Aber: Mit ein bisschen Übung erzielt man recht schnell Fortschritte und als ich dann (nach dem Abteilungstraining) noch ein-zwei weitere Rennen fuhr, wurde ich bei der internationalen Konkurrenz tatsächlich mehrfach Vor- oder gar Drittletzter! HA!

Neben dem Tutorial hilft es natürlich auch, wenn man schon 1-2 Rennen bei Olympia oder anderen Wettbewerben live gesehen hat, um das korrekte Überfahren der Start-Linie beim fliegenden Start zu verstehen, weitere technische Feinheiten wie Vorfahrt oder ähnliches ergeben sich dann im Spiel.

Tatsächlich wird die App momentan auch unter professionellen Seglern sehr stark frequentiert, in Ermangelung von Segelmöglichkeiten draußen. Dies liegt sicher auch daran, wie realistisch sie aufgemacht ist. Die Strecken sind den Originalstrecken nachempfunden, die Windverhältnisse sind realistisch und Wechseln auch im Verlauf eines Rennens, das Verhalten der Boote ist ebenfalls ziemlich originalgetreu.
Man wird halt weniger nass und natürlich ist das Handwerkliche an Bord hier auf die Tastatur oder den Touch-Screen beschränkt – aber man segelt dann eben recht schnell auch mal gegen echte Profis.
Zugegeben, die meisten von uns wahrscheinlich ohne es zu bemerken, mangels Namenkenntnis.

Also: Nur Mut, klickt auf diesen Link, meldet Euch an oder spielt als Gast.
Inshore-Modus, Tutorial, Custom Race und dann seht Ihr im besten Fall schon offene Rennen, denen Ihr beitreten könnt.

Der Jolly Roger Cup
Das Größte für alle Segelvereine sind natürlich eigene Regatten – und da der FC St.Pauli bisher noch keine eigene Regatta ausrichten konnte, nimmt man die Corona-Zeit auch gleich als Chance mit und startet virtuell.
„Erster Jolly Roger Cup – Virtual Regatta am 16./17.Mai“
Um dabei zu sein, meldet Ihr Euch bei der im Link angegebenen e-Mail Adresse an und nehmt vorher am besten noch an den Trainingseinheiten der Abteilung teil, die jeden Montag und Donnerstag um 19.30h angeboten werden. Wer da noch besondere Anleitung benötigt, wird dort sicher auch gut abgeholt.
Die Regatta findet dann mit Qualifikationsläufen am Samstag und den Finals am Sonntag statt, die Teilnahme ist kostenlos.

Und wenn die ganze Corona-Zeit dann irgendwann mal vorbei ist – schaut auf der Abteilungsseite vorbei und besucht die angebotenen Aktivitäten. Insbesondere (aber nicht nur) für Kinder und Jugendliche ist dies ein tolles (und günstiges) Angebot an der frischen Luft.

Danke an Enno, dass Du mich da auf den ersten Seemeilen an die Hand genommen hast, es hat mir viel Spaß gemacht!

// Maik