„Wer langsam geht, kommt auch zu spät!“ – Die Trainersuche beim FCSP – Welcome, Timo Schultz!

Der Titel ist eine Weisheit von meinem (Tim) Opa. Und ich musste dieser Tage ständig daran denken, wenn ich mir die Trainersuche beim FCSP vorstellte. Denn wenn sich ein Klub im Sommer im Umbruch auf einer wichtigen Position befindet, dann läuft er den anderen Klubs immer etwas hinterher in Sachen Kaderplanung. Das lässt sich nicht verhindern. Und wenn man so oder so hinterherläuft, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man versucht so schnell wie möglich hinterher zu kommen. Oder man lässt sich davon nicht beirren und geht in gewohntem Tempo weiter. Mein Opa entschied sich in solchen Fällen immer für letztere Variante. Warum? Damit in der Hektik keine Fehler gemacht werden, damit z.B. ich mich als kleiner Steppke nicht im Vollsprint auf die Schnauze legte. Diesen Weg hat scheinbar auch der FCSP bei der Trainersuche gewählt. Das war vielleicht nicht optimal, aber wenn Du ohnehin hinten dran bist, dann sind wir uns wohl alle einig, dass eine ruhig und besonnen getroffene Entscheidung sehr viel bessere Chancen hat eine richtige Entscheidung zu sein, als eine hektische.
(Titelbild: Peter Boehmer)

Neues von den Alten: Timo Schultz ist also neuer Cheftrainer beim FCSP.
1977 in Wittmund geboren, kam er über TuS Esens, Werder Bremen, VfB Lübeck, Harburger TB und Holstein Kiel 2005 zum FCSP – und blieb seitdem hier.
Volle 15 Jahre!

Bis 2012 als Spieler (138x bei den Profis, 18x für die U23), seitdem als „immer mal wieder“ Co-Trainer bei den Profis (unter Frontzeck, Vrabec, Meggle und Schubert), dann drei Jahre verantwortlich für die U17 und seit 2018 für die U19. Natürlich ist auch ein Erfolg dieser Teams nicht einzig und allein der Erfolg des Trainers, das NLZ hat in den letzten Jahren einen immensen Qualitätssprung gemacht – aber die positive Entwicklung eben dieser beiden Teams in ruhiges Fahrwasser der Bundesligen gelang unter Timo Schultz. Und einige der jüngeren Spieler im Kader liefen auch schon durch genau diese Teams.
Schon letzte Saison hätte er wohl in die 2.Liga wechseln können, die Freigabe für Holstein Kiel erteilte ihm der Verein aber nicht – und jetzt soll er ein Team wieder in die Spur bringen, welches nur durch zwei Derbysiege in der vergangenen Saison die Vollkatastrophe vermeiden konnte.
Schon mal ganz uneigennützig: Viel Erfolg, Schulle!

Was man zu dieser Personalie auf jeden Fall feststellen kann: Timo Schultz wird Kredit haben. Im Verein, in der Fanszene, vielleicht auch bei den Medien. Mehr, als jeder andere, den man jetzt hätte holen können, wahrscheinlich auch mehr als jeder seiner Vorgänger seit 2011. Und angesichts eines Kaders, der nach wie vor im Umbruch ist, wird dieser Kredit auch immens wichtig sein.
(Wer mehr zur Karriere von ihm und überhaupt zum Typen Timo Schultz erfahren will, dem sei unsere Podcast-Episode 39 (2017, noch als U17-Trainer) und die Live-Folge 56 (2018, gerade U19-Trainer geworden) empfohlen. Hahaha, ja, Timo, das Internet vergisst nicht…)

Es folgen ein paar allgemeine Gedanken, die wir uns so natürlich personenunabhängig auch schon gemacht haben bevor die Personalie jetzt getroffen wurde:

Warum dauerte das so lange?
Seit der Trennung von Jos Luhukay sind zwei Wochen vergangen. Ist das nun ein Zeitraum, der als relativ lange bezeichnet werden kann, um eine solche Kernposition in einem Fußballklub zu besetzen?
Schaut man sich die branchenüblichen Zeitfenster an, so muss festgestellt werden: Ja, es ist recht viel Zeit vergangen.
Häufig geht ja mit der Entlassung eines Trainers auch gleich die Vorstellung des neuen Trainers einher. Allerdings muss hier unterschieden werden zwischen Trainerwechseln während des laufenden Spielbetriebs und eben solchen, die direkt zu Beginn der Sommerpause stattfinden. Während des laufenden Spielbetriebs muss natürlich sofort reagiert werden, damit, etwas plakativ ausgedrückt, das Team nicht führungslos die kommenden Spiele bestreitet.
Während einer Sommerpause scheint etwas mehr Zeit für die Besetzung solch einer Position vorhanden. Aber das ist natürlich auch nur scheinbar der Fall, da erst nach einer solchen Entscheidung auch weitere, den Spielerkader betreffende, Entscheidungen getroffen werden können und sollten. Entsprechend haben die Verantwortlichen auch während der Sommerpause eigentlich keine Zeit zu verlieren. Eile ist also allein schon deshalb geboten, da an der Entscheidung zur Trainerposition so viele weitere Entscheidungen hängen (Spielertransfers, Co-Trainer). Übrigens erhöht die Wahl von Timo Schultz wohl auch die Wahrscheinlichkeit, dass Mathias Hain und André Trulsen im Verein verbleiben werden, auch wenn das noch nicht bestätigt wurde. Ein externer Trainer hätte vielleicht eher sein Team mitgebracht.
Und das es nicht über die Saison hinaus mit Jos Luhukay weitergehen würde, war ja nun auch nicht erst nach dem letzten Spieltag bekannt bzw. Wochen vorher kein unrealistisches Szenario. Vermutlich haben die Gedankenspiele für die Neu-Besetzung der Trainerposition schon weit früher eingesetzt (spätestens nach dem Hannover-Spiel?) und es wurde auch schon weit früher eine Liste mit potenziellen Nachfolgern erstellt. Daher ist es schon eine auffällig lange Suche nach einem neuen Trainer.

(c) Peter Boehmer

Den Kürzeren gezogen?
Auf die Suche nach einem Nachfolger auf der Trainerposition begab sich – wenige Tage nach der Entlassung von Jos Luhukay – auch der HSV. Und es wurde schnell deutlich, dass beide Klubs in etwa einen Trainer mit ähnlichem Profil suchen, allein schon deswegen, weil sich beide Klubs in der 2.Liga befinden (wie dann auch Braunschweig und Osnabrück). Nun hat der HSV mit Daniel Thioune am letzten Montag einen Trainer vorgestellt, der auch mit dem FCSP verhandelte bzw. sich zu Gesprächen getroffen hat. Gut möglich, dass hier der FCSP als Depp aus der Nummer herausgegangen ist. Thioune war vielleicht von den Verantwortlichen als Favorit auserkoren, dieser spielte aber etwas auf Zeit, da er zeitgleich mit dem HSV sprach und sich dann schlussendlich für eben diesen entschied. Da steht der FCSP dann als recht begossener Pudel da, aber das ist ein Vorgang, der bei Transfers ständig genauso abläuft. So ist das Geschäft. Und wenn Thioune der Meinung ist, dass der HSV die bessere Wahl ist, dann, naja…
Das muss nicht so abgelaufen sein, aber sollte in die Beantwortung der Frage „Warum dauerte das so lange?“ als mögliche Erklärung mit einfließen. Aber warum wurde dann nicht einfach die Nr. 2 der Rangliste ausgewählt? Hat der FCSP etwa mehrere Male den Kürzeren gezogen? Gab es eine solches Vorgehen nicht und es wurde stattdessen wieder von vorne mit der Suche begonnen?
Eine andere, viel geschmeidigere Erklärung für die lange Zeit wäre, dass sich die Verantwortlichen einfach die nötige Zeit für die Entscheidung nahmen. Ich (Tim) stelle mir die Trainersuche immer so vor, dass aus einer Vielzahl von Kandidaten die vier-fünf Besten ausgewählt werden und diese Auswahl auf Herz und Nieren überprüft wird (natürlich auch unter Hinzuziehung aussagekräftiger Daten). Das beinhaltet auch eine Art Planspiel, ob der Kandidat zum Kader passt und welche Änderungen ggf. vorgenommen werden müssen. So ein Planspiel würde sicher nicht so schnell wie eine Runde Mau-Mau ablaufen. Hier geht es eher um unzählige Stunden. So eine Arbeit würde ich als zwingend notwendig empfinden, wenn es darum geht einen neuen Trainer für einen Klub zu finden. Die Zeit zwischen verkündetem Ende des bisherigen Trainers und Vorstellung des Nachfolgers beim HSV kann hier schon als sportlich angesehen werden.

Wird jetzt alles gut?
Es kann also sein, dass die Verantwortlichen beim FCSP bei der Trainersuche den Kürzeren gezogen haben und es deswegen länger als gewöhnlich gedauert hat. Es kann aber auch sein, dass entschieden wurde, dass der Auswahlprozess eben nicht innerhalb von Stunden abgeschlossen wird und das so eine weitreichende Entscheidung auch die nötige Ruhe bei der Entscheidung bekommen hat. Immerhin ist dies auch die erste Neubesetzung des Trainerpostens beim FCSP durch Andreas Bornemann, die Verpflichtung von Luhukay war ja vor seiner Zeit.
Klar, der Prozess der Trainersuche hätte bereits Wochen vor dem Saisonende gestartet werden können. Dann wäre man vermutlich früher zu einem Ergebnis gekommen. Aber vielleicht wurde das auch bereits gestartet und der FCSP trifft einfach eine sehr gut durchdachte Entscheidung. Wir werden es womöglich nie erfahren, am Ende aber zählt der Erfolg.

Was aber sicher nicht der Fall war, ist die in sozialen Medien vielfach geäußerte Behauptung, dass der FCSP deswegen so lange braucht, weil Präsidium und Aufsichtsrat ehrenamtlich arbeiten. Keine Entscheidung muss auf später vertagt werden, da einzelne Mitglieder „Können wir das morgen machen? Ich arbeite gerade!“ äußern. Und ganz grundsätzlich sollten wir auch generell damit aufhören, den Verantwortlichen absolute Unfähigkeit bei der Suche von Trainer und Spielern vorzuwerfen. Vor allem, da die meisten von uns nicht ansatzweise eine Ahnung davon haben, wie die Mechanismen und Abläufe auf dem Transfermarkt so sind.

Gestärkt oder geschwächt zum Start?
Gerade weil dieser Findungsprozess so lange gedauert hat, stellt sich Einigen die Frage, ob die Verantwortlichen mit der jetzigen Lösung nicht zufrieden gewesen sind und noch weiter auf der Suche waren und somit den neuen Trainer ungewollt geschwächt haben. Denn wenn Timo Schultz so gut zum FCSP und zum aktuellen Kader passt, warum wurde dann so lange mit der Verpflichtung gewartet bzw. warum wurde noch nach anderen Kandidaten Ausschau gehalten?
Das ist eine Frage der Sichtweise. Neben der gerade geäußerten ist die andere nämlich, dass die Verantwortlichen den Kandidaten bereits positiv evaluiert haben, jedoch losgezogen sind, um zu schauen, ob es noch andere, vielleicht bessere Lösungen gibt.
Ja, auch in der Sommerpause ist aus genannten Gründen Eile geboten, aber: Siehe Überschrift. Auch wenn es uns Fans seit Luhukays Abschied ewig lange vorkommen sein mag, so ist sehr wohl noch Zeit bis zum Trainingsbeginn und auch die „ganz heiße“ Transferphase dürfte noch nicht begonnen haben.

Und trotz langer Suche haben sie dann niemand Besseren für diese Position gefunden. Ist das dann eine Schwächung des neuen Trainers oder ist es eher eine Stärkung, da der Markt auch nach gründlichster Durchforstung niemanden ausgespuckt hat, der den Verantwortlichen geeigneter erschien? Wenn es denn so abgelaufen ist, dann ist das für mich (Tim) nichts anderes als ein wohl durchdachtes und höchst professionelles Vorgehen bei der Trainersuche.
Und Timo Schultz die bestmögliche Lösung.

Fakt ist: Während bei allen anderen Zweitligisten Zugänge für die neue Saison präsentiert werden (sogar bei Osnabrück, obwohl die noch gar nicht wissen wer dort neuer Trainer wird), gibt es bei uns einen Haufen Fragezeichen, der sicher teilweise auch erst jetzt abgearbeitet werden kann. Das wirkte nach außen eher nicht wirklich so, als wenn die jetzigen Schritte (auch in Sachen Spielertransfers) bereits im Februar geplant wurden, wie es im Idealfall laut eigener Aussage beim FCSP laufen soll. Aber es kam auch die Pandemie dazwischen.
Und Fakt ist halt auch, dass wir damit leben können, solange es am Ende funktioniert. Denn wir gehen stark davon aus, dass im Hintergrund an mehreren Enden (sowohl Trainer, als auch Spielertransfers) intensiv gearbeitet wurde und es dann auch zeitnah weitere Vollzugsmeldungen gibt.

Jedenfalls wünschen wir Timo Schultz viel Erfolg.
Wir bauen da auch keinen Druck auf, weisen aber darauf hin, dass die Champions League theoretisch bereits in der Saison 22/23 möglich ist, obwohl der langfristige Plan den Titel in diesem Wettbewerb ja erst für 2030 vorsah. Und durch den anstehenden DFB-Pokalsieg kann man in der Europa League ja sogar schon 2021/22 debütieren. Dann sicher ja auch wieder vor Zuschauer*innen.
Forza St.Pauli!

// Maik & Tim

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