FC St. Pauli – SV Sandhausen 2:1 – Entdeck the Dreck!

FC St. Pauli – SV Sandhausen 2:1 – Entdeck the Dreck!

Der FC St. Pauli gewinnt gegen den SV Sandhausen. Es war das erwartet schwere, das erwartet dreckige Spiel und ein enorm wichtiger Sieg. Und die Schönheit des Spiels wird ja von allen auch immer etwas anders definiert. Aus einem anderen Blickwinkel hat dieses Spiel nämlich durchaus viel Schönes geboten, denn der FCSP hat eine reife Leistung gezeigt.
(Titelbild: Christian Charisius/Getty Images/via OneFootball)

Die Aufstellung

Der FC St. Pauli startet im Vergleich zum Spiel in Heidenheim nur mit einer einzigen Veränderung: Sebastian Ohlsson rückt für Luca Zander in die Startelf. Ich hatte ehrlich gesagt noch mit dem Debüt von Tore Reginiussen gerechnet, besonders gegen Sandhausen.
Die Formation blieb weiterhin unberührt. Der FCSP spielte einmal mehr und dank Eric Smith noch deutlicher mit einer Mittelfeld-Raute in einem 4-4-2.

Der SV Sandhausen hingegen hatte einige Änderungen parat. Für Nauber startete Tim Kister in der Innenverteidigung, Alexander Rossipal ersetzte Diego Contento auf der linken Flügelverteidiger-Position und Daniel Keita-Ruel rückte für Patrick Schmidt in den Sturm. Es war zwar auch damit zu rechnen, dass Dennis Diekmeier wieder in die Startelf rücken würde, aber eben nicht als Außenstürmer. Das hat sicher auch den FCSP überrascht.
Der SV Sandhausen rückte damit ein wenig von dem üblicherweise gespielten 3-4-1-2 ab (da weder Biada noch Halimi fit waren, gab es auch keinen Zehner im Kader) und agierte eher in einer Art 3-4-3, wenngleich Behrens offensiv und Diekmeier defensiv die zentrale Position hinter den Spitzen übernahmen.

Sandhausen spielt und erzwingt lange Bälle

(Alle Daten von WyScout (wenn nicht, steht es dabei))
Das Spiel entwickelte sich dann ziemlich schnell in genau die erwartete Richtung: Der SV Sandhausen zeigte relativ wenig Interesse am eigenen Spiel und fokussierte sich sehr darauf das Aufbauspiel des FC St. Pauli zu stören.
Das tat er in den ersten 10-15 Minuten recht abwartend, sodass der FCSP zwar noch ohne den letzten Druck, aber doch recht flüssig in den eigenen Reihen spielen konnte. Hierbei war auffällig, dass vor allem mit Becker auf rechts häufig der tiefen Weg gesucht wurde, während sich Daniel-Kofi Kyereh für Becker auf die Achter-Position fallen ließ – eine sogenannte „Tief-Entgegen„-Bewegung, wie ich am späteren Abend im Zoom-Call des Fanladens von Loïc Favé und Fabian Hürzeler lernte. Diese war jedoch ausschließlich von Becker/Kyereh gemacht worden, zumindest habe ich das nie von Zalazar auf der Gegenseite gesehen.

Wenn der SV Sandhausen im Ballbesitz war änderte sich an deren Grundformation relativ wenig. Auffällig war jedoch, dass es vor allem Kevin Behrens war, der sich etwas aus der vorderen Reihe ins Mittelfeldzentrum löste und von dort versuchte Bälle weiterzuleiten. Es blieb meist beim Versuch.

War das Spiel in den ersten Minuten noch klar vom geordneten Ballbesitz des FCSP geprägt, änderte sich das doch recht schlagartig aufgrund einer Umstellung des SV Sandhausen: Statt den FCSP an der Mittellinie im tiefen Mittelfeldpressing zu empfangen, störte Sandhausen das Spiel nun viel früher. Hierbei nahm Dennis Diekmeier fortan Eric Smith in Manndeckung, sodass dieser im Aufbauspiel eigentlich keine große Rolle mehr spielte.
Das führte dann dazu, dass der SV Sandhausen dem FCSP recht erfolgreich genau das Spiel aufzwang, dass Teams gegen Sandhausen eigentlich vermeiden sollten: Der FC St. Pauli löste sich aus dem hohen Pressing hauptsächlich mit langen und hohen Bällen. Und da die Innenverteidiger des SV Sandhausen besonders kopfball- und zweikampfstark sind (alle drei gewannen jeweils mehr als 70% ihrer Duelle), bedeutete jeder lange Ball eigentlich einen verlorenen Ball. Eigentlich, denn es gibt ja auch noch den 2.Ball auf den ein Team spielen kann – und das kann der FCSP erstaunlich gut.

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So entwickelte sich dann ein Spiel, das sicher nicht von herausragenden Kombinationen überflutet wurde. Gerade der Kampf um die zweiten Bälle ist meist ein dreckiger, der viel (körperlichen) Einsatz verlangt, aber eben auch eine gute Positionierung. Beides bekam der FCSP offensiv recht gut hin, sonderlich viele Chancen konnte er sich daraus jedoch nicht erspielen. Meist lag das daran, dass der Raum dann doch, vor allem im Zentrum, etwas zu eng wurde. Zum einen, da Sandhausen den Raum häufig schnell und gut verknappte, aber eben auch, weil viele Pässe und Dribblings vom FCSP im Offensivdrittel nicht erfolgreich waren.

Huge Improvement: Defensive Umschaltmomente

Erfolgreicher hingegen, und das ist ein riesiger Schritt nach vorne, war der FCSP in den defensiven Umschaltmomenten. Timo Schultz hatte es im Verlauf der Hinrunde recht häufig erwähnt, dass dies die Momente im Spiel sind, die dem FCSP noch nicht gut gelingen. Gegen Sandhausen war das nicht der Fall, der FCSP bekam die eigenen Reihen nach Ballverlust immer schnell genug geschlossen, sodass der SVS im gesamten Spielverlauf aus solchen Situationen nie etwas generieren konnte. Eine echte Verbesserung im Vergleich zur Hinrunde.

So stellte sich das Spiel dann genauso dar, wie es zu befürchten war: Ein von außen betrachtet richtig zäher, dem Rasen entsprechend dreckiger Kick, der für alle Spieler auf dem Feld unglaublich intensiv war.
Der FC St. Pauli war vor allem defensiv sehr stabil, gewann über 70% seiner Defensiv-Duelle (Bestwert der Saison) und konnte offensiv gute 36 Positionsangriffe durchführen (10 davon mit Torabschluss, nahe am Saisonbestwert (38)).
Sandhausen hingegen zeigte, dass sie in der Luft schwer zu schlagen sind (58% gewonnene Duelle defensiv (in der IV deutlich über 70%), 62% offensiv).
Und noch ein Merkmal beider Teams war auch wieder in diesem Spiel zu sehen: Während Sandhausen quasi gar nicht dribbelte (insgesamt 13 Dribblings, magere vier davon erfolgreich), gewann der FCSP gute 21 seiner 40 (!) Duelle und manifestierte damit seinen Ruf als dribbelstarkes und -freudiges Team.

Mit legalen Mitteln almost unstoppable: Rodrigo Zalazar
(imago images/via OneFootball)

Zwo, eins – Risiko?

Wie hätte der FCSP gegen das taktische Verhalten von Sandhausen vorgehen können?
Grundsätzlich bedeuten geschlossene Räume auf dem Feld auch immer, dass irgendwo anders auf dem Feld welche offen sind. Dafür hätte es etwas mehr Mut gebraucht, aber der FCSP fokussierte sich in der ersten Halbzeit schon sehr darauf, defensiv stabil zu stehen und nicht in Konter zu laufen (was sie ja auch schafften).
Trotzdem war ab und an zu sehen, wie es möglich war den SVS auch per Flachpass zu knacken. Eine Möglichkeit, da Keita-Ruel und Behrens meist nur den Raum, nicht die Innenverteidiger deckten, war das Andribbeln, also das Durchlaufen der Innenverteidiger des FCSP in die Hälfte des SVS. Das hat man auch zwei-dreimal von James Lawrence gesehen und es ergab sich mehr oder minder sofort ein SVS-Hühnerhaufen.
Eine weitere Option, und auch die wurde versucht, ist die tiefe Anspielbarkeit der beiden Achter. Da Sandhausen mit zwei Sechsern spielte und davor Diekmeier nur auf Smith fokussiert war, hätten Becker und Zalazar theoretisch mit einer Bewegung zum eigenen Tor hin genügend Raum zum Aufdrehen schaffen können. Beides passierte selten, da sowohl Andribbeln der Innenverteidiger, aber auch der zentrale Pass zum Achter schon ein gewisses Risiko darstellt und der FCSP dieses meist scheute.

Ein Symbol für diese Scheu war Eric Smith. Mein Eindruck basiert zwar nur auf seinen zwei Einsätzen, aber es ist schon deutlich zu erkennen, dass Smith komplett defensiv denkt. In der zweiten Halbzeit gab es drei-vier Aufbausituationen des FCSP, bei denen er durch eine Vorwärtsbewegung von vielleicht fünf Metern völlig blank 30 Meter vor dem Tor des SVS den Ball hätte bekommen können. Diese Wege ist er aber nicht gegangen. Ob das so geplant war, weiß ich nicht, aber es zeugt davon, wie Smith seine Rolle als Sechser definiert: Als Rückversicherer“ des FCSP-Spiels (gewann knapp 80% seiner Defensiv-Duelle). Als die Person, die dafür sorgt, dass sich die anderen vorne austoben können. So sehr mich das in diesen Situationen ärgerte, so wichtig scheint Eric Smith in dieser Rolle zu sein. Das dem SV Sandhausen in Umschaltmomenten gar nichts gelang, führe ich zu einem beträchtlichen Teil auf Eric Smith zurück (er darf die nächsten Spiele trotzdem mal die ein oder andere Offensivbewegung machen).

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Endlich ein stabiles Konstrukt? Die zentrale Defensive des FCSP im Einsatz
(imago images/via One Football)

Konstant vogelwild

Aber warum sollte der FCSP auch das letzte Risiko gehen, wenn noch viel Spielzeit vorhanden und aufgrund der Erfahrungen aus den letzten Spielen klar ist, dass vorne immer was gehen wird?
Zusammen mit den Toren gegen Sandhausen hat der FCSP in den letzten fünf Spielen 13 Tore erzielt, immer mindestens zwei. Auch wenn die erste Halbzeit nur wenige Chancen (Burgstaller zu Beginn, Marmoush zum Ende der Halbzeit) bot, so konnte sich der FCSP eigentlich sicher sein, dass da über kurz oder lang was gehen würde (am Ende waren es 17 Torschüsse). Der Fokus darauf, erst einmal die eigenen Reihen zu schließen und nichts zuzulassen, ist da schon angebracht. Vor allem dann, wenn der eigene Spielaufbau (noch) nicht so sattelfest in den Abläufen ist und der Gegner sein Spiel fast ausschließlich auf solche Situationen ausrichtet.
(Wenn wir das Ding verlieren, dann hätte ich sicherlich was davon geschrieben, dass es mehr Mut im Spielaufbau gebraucht hätte, is‘ klar…)

Muss ich aber nicht, denn in der 66. Minute passiert richtig Gutes: Da kannste dir noch so ein schickes Schema und ne positionsgetreue Aufstellung zurechtfrickeln. Beim 1-0 des FC St. Pauli war kein Offensivspieler dort, wo er „hingehört“ hätte. Dieses wilde Durcheinander führte dazu, dass auch der SV Sandhausen kurzzeitig die Orientierung verlor – Rodrigo zentral? Guido und Omar im Rückraum? Becker links? Was macht der denn da?! – Ohlsson (!) und Kofi im Fünf… oh!

Ein Brustlöser. Und auch wenige Minuten später tingelte Zalazar an der rechten Eckfahne herum. Nicht nur das, Guido Burgstaller tingelte genau da herum, wo ein Mittelstürmer halt stehen muss, wenn er die Dinger richtig dreckig reinmachen will. Es ist eine große Kunst sich als Stürmer zu genau den richtigen Zeitpunkten am richtigen Ort zu befinden. Guido Burgstaller hat diese Gabe. Sein fünftes Tor im FCSP-Dress – und eines ist „schöner“ als das andere. Richtig gut.

Da, genau da musst Du als Stürmer auch mal dreckig den Fuß reinhalten.
(Christian Charisius/Getty Images /via One Football)

Doch ehe wir uns dran gewöhnen konnten, dass der FCSP vorne schon seine Tore erzielen würde und hinten den Laden mal dicht bekommt, segelte eine typische Diekmeier-Flanke in den FCSP-Strafraum. Viel zu weit, viel zu hoch, aber eben zum Mitspieler, an allen Verteidigern vorbei, die in der Folge eine schlechte Raumaufteilung zeigten – das 2-1 holte mich ziemlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück und war der Auftakt zum dreckigsten Teil des Spiels.

Denn der FCSP igelte sich in der Folge ein, stellte mit der Einwechslung von Tore Reginiussen auf eine Fünferkette um. Umschaltsituationen, eigentlich eine recht verlässliche Quelle für Torchancen des FCSP, waren in der Folge kaum noch zu sehen. Der FC St. Pauli verlor deutlich an Spielkontrolle, aber das Spiel verlor auch deutlich an Zeit (Zeitspiel – noch so eine dreckige Eigenschaft, die der FCSP für sich entdeckt hat).
Egal wie, der FCSP brachte die Führung über die Zeit. Wirkt dreckig, war es aber nicht, denn der FCSP tat genau das, was der SV Sandhausen von ihm verlangte, um das Spiel zu gewinnen. Die drei Punkte sind verdient (xG: 2.4 – 1.4). Weil der FC St. Pauli mehr in dieses Spiel investierte und eine reife Leistung zeigte und zum ersten Mal diese Saison eine beträchtliche Anzahl an Torchancen erspielte und traf, ohne auf der Gegenseite ebenso viele zuzulassen. Das Gleichgewicht zwischen offensiver Power und defensiver Stabilität, es scheint sich einzupendeln.

(imago images/via One Football)

Viel erreicht und viel zu tun!

Der FC St. Pauli gewinnt also gegen Sandhausen und holt den vierten Sieg im fünften Spiel. Die nun 22 Punkte auf der Habenseite werden zu vermehrten Falten von Nürnberg über Osnabrück bis nach Darmstadt sorgen. Vor allem die anhaltend vogelwilde und torfreudige Offensive begeistert und könnte so langsam zu so etwas wie einer „FCSP-DNA“ heranwachsen.

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Der FCSP zeigte aber auch, dass er noch ein ganze Stück davon weg ist, sich gegen destruktive Gegner im geordneten Spielaufbau Chancen zu erspielen. Allein aufgrund der Tabellensituation hinkt der Vergleich gewaltig, aber die Teams aus Fürth und Bochum zeigen, in welche Richtung das alles mal gehen soll.
Erst einmal dürfen aber alle ein wenig durchatmen. Eine Niederlage gegen Sandhausen hätte nämlich auch bedeutet, dass die tabellarischen Nöte wieder sehr viel ärger geworden wären. Nachlassen sollte der FCSP sowieso nicht: Die nächsten Gegner sind die Tabellennachbarn aus Nürnberg und Darmstadt. Und danach folgt ein weiterer Nachbar. Immer weiter vor!

// Tim

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13 thoughts on “FC St. Pauli – SV Sandhausen 2:1 – Entdeck the Dreck!

  1. Servus,
    war wirklich ein geiles Spiel. Der Eric soll bitte weiter seinen Fokus auf die Defensive legen.
    War enorm wichtig und ein offensiver Spieler geht viel öfter und risikofreudiger ins Dribbling,
    wenn er weiß, dass hinter ihm einer aufpasst.

    So, jetzt sollen die Bayern den Weltpokal holen, damit wir nächstes Jahr zum Jubiläum vllt
    wieder den eigentlich wichtigsten Titel der Fußballgeschichte holen können.
    Weltpokalsiegerbesieger!! ….heute vor 19 Jahren ….gratuliere ;))))

    Gruß
    Der Stef vom Chiemsee

  2. Bester Spielberichtstitel!!

    Ich kann Dir in allem nur zustimmen, Tim. Möchte aber noch ergänzen: wenn unser magischer FC jetzt selbst solche Spiele so gewinnt, ist alles möglich!

  3. Starker Spielbericht, Tim. Wie immer. Weiter so, Millernton. Mögen sich Eure Leidenschaft, Eure Mühen, Eure Schreibkontinuität irgendwann auch finanziell für Euch lohnen. Verdient habt Ihr es allemal. Ach ja – und herzlichen Dank für meinen Schmunzler des Tages bisher: „Hättet Ihr Rodrigo zentral? Guido und Omar im Rückraum? Becker links? Was macht der denn da?! – Ohlsson (!) und Kofi im Fünf… oh!“
    Forza! Timo

  4. Danke für die tollen Berichte! Eine Bitte hätte ich: Ich befinde mich momentan im Exil und kann die Spiele aufgrund der Zeitverschiebung kaum sehen. Daher kenne ich die Torsituationen nicht wenn ich die Berichte lese. Für Menschen, die das Spiel gesehen haben mag es sich vielleicht ein bisschen doppeln, aber könntet ihr die Tore vielleicht mit einem Satz in ihrer Entstehung beschreiben? Das wäre super!

    Braun-Weisse Grüsse

  5. Wieder einmal gelungener Bericht. Mir gefällt das Einflechten relevanter Daten echt gut. Weiter so 🙂

    A propos Daten und a propos Vogelwild: Die ersten 10 min. von Tore R. auf dem Feld machten einen „vogelwilden“ Eindruck 😉 Was sagen die Daten zu seinem Kurzeinsatz? Hatte mir mehr Ruhe und Abgeklärheit von seiner Einwechslung erhofft!?

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