Vorbericht: FC St. Pauli – Hamburger SV (12.Spieltag, 22/23)

Vorbericht: FC St. Pauli – Hamburger SV (12.Spieltag, 22/23)

Freitagabend, Flutlicht, Stadtmeisterschaft – der FC St. Pauli empfängt den HSV am Millerntor. Zum ersten Mal seit längerer Zeit scheint dabei die Favoritenrolle recht deutlich geklärt zu sein, was aber mehr Chance als Problem für den FCSP ist. Der Vorbericht.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Zur Vorbereitung auf das Spiel empfehle ich das Gespräch von Casche mit Lasse vom Podcast Volksparkgeflüster. Das Spiel ist natürlich ausverkauft. Gästefarben sind nur im Gästeblock auf der Nordkurve und auf den Rängen H1 bis H6 erlaubt. Alkohol wird nicht ausgeschenkt.

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

Der FC St. Pauli wird für das Spiel gegen den HSV sicher auf die Dienste von David Nemeth verzichten müssen. Timo Schultz berichtete auf der Pressekonferenz, dass der Innenverteidiger Adduktorenprobleme hat, die in jedem Fall weiter untersucht werden müssen und die einen Einsatz unmöglich machen. Diese Verletzung führte dazu, dass er letzte Woche gegen Eintracht Braunschweig bereits früh ausgewechselt werden musste. Zudem wird auch Innenverteidiger Christopher Avevor fehlen, der sein letztes Pflichtspiel im November 2020 absolvierte.

Wieder einsatzbereit ist Leart Paqarada. Der hat auch schon letzte Woche Trainingseinheiten absolviert, hat diese Woche nahezu voll mittrainiert und wird sicherlich wieder in der Startelf stehen, wenn der Körper bis Freitag keine Probleme mehr bereitet.
Ebenfalls einsatzfähig könnte Jackson Irvine sein, auch wenn er aktuell nicht so aussieht. Timo Schultz sagte, dass es verschiedene Überlegungen gibt, wie man die verletzte Stelle an der Schläfe absichern kann, aber dass Helm oder Maske eher keine Option sind. Hinter dem Einsatz von Irvine steht entsprechend ein etwas größeres Fragezeichen als hinter dem von Paqarada.

Ob Jackson Irvine trotz seiner Verletzung an der Schläfe gegen den HSV auflaufen kann, ist noch nicht ganz klar.
(c) Peter Böhmer

Hamburger SV: Wer kann spielen, wer fehlt?

Fast noch besser ist die Personallage beim HSV: Trainer Tim Walter berichtete, dass Tim Leibold einen Muskelfaserriss erlitten hat und entsprechend fehlen wird. Zudem muss das Team auf die beiden Langzeitverletzten Omar Megeed und Ogechika Heil verzichten, die beide diese Saison zu Kurzeinsätzen kamen.
Das war es schon aus dem Lazarett des HSV. Neuzugang Jean-Luc Dompé hat dieses nämlich verlassen und ist laut Walter einsatzbereit für das Spiel.

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Was hat der HSV zu bieten?

Der „Walter-Ball“ ist schon eine echte Besonderheit, nicht nur in der zweiten Bundesliga. Die Teams von Trainer Tim Walter zeichnet vor allem ein recht radikales Aufbauspiel aus, bei dem die Viererkette, aber auch Torhüter Heuer Fernandes doch sehr ungewöhnliche Bewegungen vollziehen. Heuer Fernandes rückt meist weit aus seinem Tor heraus und unterstützt das Aufbauspiel als eine Art Libero. Das ist an sich noch nicht so richtig radikal, da es inzwischen doch einige Torhüter gibt, die im Aufbauspiel weit herausrücken (Reimann von Magdeburg ist ein Beispiel in der 2. Liga).

„Walter-Ball“ ist erwachsen geworden

Richtig radikal wird das Aufbauspiel durch die Bewegungen der Verteidiger, die ihre Positionen immer wieder auflösen. Sie bewegen sich von ihren Positionen in viele andere Bereiche auf dem Feld, teilweise in den Sechserraum, schieben mal ganz weit nach vorne (vor allem die Innenverteidiger), tauschen die Seiten oder überladen eine Seite, indem beide Außenverteidiger dorthin schieben.

Tim Walter ließ bisher mit allen seinen Teams so spielen, er hat es vor allem als Trainer von Holstein Kiel sehr radikal umgesetzt. Auch in der ersten Saison beim HSV wurde der „Walter-Ball“ krass gespielt. Nun, im zweiten Jahr unter Walter, scheint das Aufbauspiel etwas erwachsener geworden zu sein, hat ein wenig von seiner Radikalität verloren. Die Positionen werden nicht mehr ganz so krass aufgelöst, das Spiel scheint trotzdem reifer, da es an seiner Wirkung nur wenig verloren hat.

Ob Tim Walter hier gerade die Schwachstellen seiner Spielidee erklärt?
(c) Peter Böhmer

Ein Top-Team, aber auch das beste?

Zweifelsohne, der Hamburger SV ist eines der Top-Teams der Liga und hat mit acht Siegen, einem Unentschieden und nur zwei Niederlagen bisher 25 Punkte gesammelt. Das reicht aktuell zu Platz eins in der Tabelle und, wie eigentlich jedes Jahr im Herbst, der Aufstieg scheint nur über den HSV zu laufen. Aber die Saison ist bekanntlich noch lang, besonders das Frühjahr dürfte wieder spannend werden. Und die Statistiken zeigen, dass der HSV zwar sicher mit nach oben gehört, aber ganz an die Spitze eventuell nicht.

Auffällig ist beim HSV, dass sie sich defensiv deutlich weniger Gegentore fangen, als nach xG wahrscheinlich. Sieben Gegentore sind es bisher (Ligaspitze), knapp 14 hätten es nach xG sein können. Ein schon recht deutliches Zeichen, dass die Defensive gar nicht sooo sattelfest ist, wie es die Gegentor-Anzahl vermuten lässt. Bei der Anzahl an erzielten Toren führt die unten gezeigte Pizza-Grafik etwas in die Irre. Denn zwar liegt das Team bei der Anzahl an Toren nur auf dem achten Platz im Liga-Vergleich und bei den xG-Werten auf Platz drei, aber beide Werte unterscheiden sich nicht stark voneinander (xG: ~18; erzielte Tore: 17).

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Pizza-Grafik mit Kern-Statistiken des Hamburger SV nach elf Spieltagen der zweiten Bundesliga 22/23.

Die Auswirkungen des „Walter-Ball“ zeigen sich auch in den Statistiken des HSV. Zwar ist das Team nicht mehr ganz so dominant, wie noch in der Vorsaison („nur“ zweitmeister Ballbesitz der Liga), aber das Kernziel der Spielweise wird weiterhin verlässlich erreicht: Die offensiven Außenbahnspieler des HSV ins 1-gegen-1 zu bekommen oder aber in den offensiven Halbräumen Überzahlsituationen zu erschafffen. Dass sie es häufig in solche Duelle schaffen, zeigt die hohe Anzahl an Flanken (kein Team versucht es häufiger – was mit Robert Glatzel im Zentrum auch Sinn ergibt) und Dribblings (drittmeiste). Dass es Sinn ergibt den Ball in diese Zonen und zu den Spielern dort zu bekommen zeigt die drittbeste Erfolgsquote bei den Dribblings.

Auflösende Viererkette, flexibler Kittel

Timo Schultz betonte auf der Pressekonferenz, dass man die beiden Achter, zuletzt László Bénes und Ludovit Reis, nicht außer Acht lassen darf: „Ich zähle zu den Stärken nicht nur die schnellen Außenbahnspieler und die Vierkette, sondern auch zwei spielstarke Achter, die es immer wieder schaffen sich zwischen den Linien zu zeigen, im Dribbling Gegner auf sich zu ziehen oder Überzahl-Situationen zu kreieren.“
Besonders Ludovit Reis scheint in dieser Saison noch einmal einen großen Schritt nach vorne gemacht zu haben und ist zu einer zentralen Säule im HSV-Spiel gewachsen.

Den HSV zeichnet offensiv aber nicht nur die individuelle Qualität aus, sondern auch eine gewisse taktische Flexibilität. Wichtigster Spieler (auch qualitativ) ist hierbei Sonny Kittel, der sämtliche Offensivpositionen und sogar die Acht beim HSV spielen kann und dieses im Laufe der bisherigen Saison auch schon getan hat. Die Grundformation ist immer ein 4-3-3. Allerdings entwickelt sich dieses auch mal zu einem 4-1-3-2 oder 4-2-3-1, meist je nachdem, wo Kittel sich am häufigsten aufhält.

Wie spielt man nun gegen den HSV?

„Der HSV geht mit der Art und Weise wie sie Fußball spielen immer ein gewisses Risiko ein. Sie lassen Räume offen, die man gerade nach Ballgewinn sehr gut bespielen kann.“
Das sind die Worte, die Timo Schultz von sich gab, als er auf die Schwächen des Gegners angesprochen wurde und er trifft damit den Nagel auf den Kopf. Denn die Spielweise des Teams bedingt aufgrund der Rotationen eine besondere Anfälligkeit in defensiven Umschaltmomenten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das womöglich umschaltstärkste Team der Liga, Eintracht Braunschweig, gegen den HSV den höchsten xG-Wert hatte (2.93; 22 Torschüsse).

Timo Schultz sieht aber nicht nur in Umschaltmomenten Chancen für den FC St. Pauli, sondern ist auch davon überzeugt, dass es seinem Team gelingen kann das Offensivspiel des HSV ins Stottern zu bringen: „Auf der anderen Seite sehe ich auch die Stärke bei meiner eigenen Mannschaft, den HSV nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Ich glaube, wenn wir sie permanent in Zweikämpfe verwickeln können, sie zu stressen, dann haben wir schon viel erreicht.“
Was sie damit erreichen können, zeigte das Hinspiel aus der letzten Saison, als der FCSP mit der radikalen Spielweise des HSV erstaunlich wenig Probleme hatte, welche aber auch noch nicht ganz optimal abgestimmt war („Kriegstanz einer Luftpumpe“).

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Etienne Amenyido und Sebastian Schonlau
(c) Peter Böhmer

Mögliche Aufstellung

Durch die mögliche Rückkehr von Dompé befindet sich der HSV auf der offensiven Außenbahn in einer unfassbar luxuriösen Situation: Denn Bakery Jatta und Sonny Kittel starteten in den letzten beiden Spielen auf diesen Positionen. Mit Dompé könnte entsprechend ein richtig guter Spieler von der Bank kommen (er führt mit großem Abstand die meisten Dribblings in der ganzen Liga). Dort ist seit einiger Zeit auch Ransford-Yeboah Königsdörffer, obwohl er zumeist nach seiner Einwechslung richtig frischen Wind ins Spiel brachte.

Power von der HSV-Bank

Ein Szenario, bei dem der HSV irgendwann in der zweiten Halbzeit gegen bereits etwas müde FCSP-Außenverteidiger frische Spieler mit viel Tempo und hoher individueller Qualität in die Partie bringt, ist ziemlich wahrscheinlich und aus meiner Sicht das größte Problem für den FC St. Pauli. Timo Schultz hat dann auch eine klare Idee davon, wie man mit den tempoharten Außen umgehen muss: „Tiefe gut sichern.“

In der Startelf gehe ich jetzt mal davon aus, dass sich nicht wirklich viel verändern wird im Vergleich zum Spiel des HSV gegen den 1. FC Kaiserslautern. Daniel Heuer Fernandes dürfte ins Tor zurückkehren und Miro Muheim wird den verletzten Tim Leibold auf der linken Abwehrseite ersetzen.

Erwartete Aufstellung beim Spiel FC St. Pauli gegen den HSV.

Mehr Fragezeichen und mehr personelle Veränderungen sind da beim FC St. Pauli zumindest vorstellbar. Etwas unklar ist, wer David Nemeth in der Innenverteidigung ersetzen könnte. Sowohl Betim Fazliji, als auch Adam Dźwigała sind vorstellbar. Gegen Braunschweig kam Dźwigała in die Partie. Da der FCSP vermutlich nicht ganz so viel Ballbesitz haben dürfte (=Aufbauspiel von Fazliji nicht ganz so gefragt) und Fazliji allein aufgrund seiner Körpergröße nicht ganz so kopfballstark ist, sehe ich da leichte Vorteile bei Dźwigała.

Was passt gegen den HSV? Was zur eigenen Offensividee?

Auf der linken Abwehrseite dürfte Leart Paqarada wieder ins Team rücken. Nicht, weil Lars Ritzka es nicht gut gemacht hat, aber weil der FCSP auf die Spielstärke von Paqarada angewiesen ist und in den letzten Stadtmeisterschaften schon bewiesen hat, dass er trotz Tempo-Nachteilen ganz gut gegen Spieler wie Jatta klarkommt.

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Sollte Jackson Irvine gegen den HSV nicht spielen können, dann stünde Connor Metcalfe als positionsgetreuer Ersatz bereit. Sollte der FC St. Pauli sich aber überlegen, dass man an der Formation ein wenig was verändern möchte (Oh Tannenbaum!), dann könnte Lukas Daschner in die Startelf kommen.
Wenn es in der Defensive des HSV eine Schwachstelle gibt (neben der etwas problematischen Restverteidigung in Umschaltmomenten), dann ist es womöglich das Kopfballspiel und sicher das fehlende Tempo von Sebastian Schonlau. Etienne Amenyido und Igor Matanović hätten da womöglich die Nase vorn.

Es herrscht also einige Unklarheit in Sachen Aufstellung und Formation beim FC St. Pauli (ich bin da mal mit Daschner und einem 4-3-2-1 gegangen, aber habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob das gegen den HSV aufgeht mit deren Fokus auf die offensiven Außenbahnen). Die Unklarheit ist an sich ja ganz gut, da das Team für den Gegner dadurch nicht so leicht ausrechenbar ist. Mit dem Hamburger SV kommt ein Team ans Millerntor, welches durchaus zurecht weit oben in der Tabelle steht, aber auch eine deutliche Schwäche im defensiven Umschaltverhalten besitzt. Sowieso, die Stadtmeisterschaft hat ihre eigenen Gesetze und die Form aus den Spielen davor ist wesentlich weniger wichtig, als sonst.

Ich lass hier mal den üblichen Absatz zur Motivation weg, das ist angesichts der Rahmenbedingungen mit Flutlicht und dem Gegner nicht notwendig und hoffe darauf, dass ich am Ende des Spielberichts schreiben kann: Hamburg ist Braun-Weiß!

Forza!
// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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