Die Auswärtsschwäche des FC St. Pauli

Die Auswärtsschwäche des FC St. Pauli

Zwei magere Punkte hat der FC St. Pauli in dieser Saison bisher auf fremden Plätzen einsammeln können. Eine schwache Bilanz. Aber erfüllt der FCSP damit einmal mehr den eigenen Mythos eines chronisch auswärtsschwachen Fußballklubs?
(Titelbild: Peter Böhmer)

Na klar, „Aufbaugegner FC St. Pauli“ hatten wir bereits vor dem Bielefeld-Spiel als Thema und vor Ort dann schmerzhaft vor Augen geführt bekommen, wie beschissen es ist auswärts beim Tabellenletzten zu verlieren. So bleibt der FCSP mit seiner Auswärtsbilanz bei zwei mickrigen Punkten in dieser Saison stecken.
Zwei Möglichkeiten gibt es noch, diese Bilanz vor der Winterpause aufzubessern: Diesen Samstag geht es nach Düsseldorf, die Woche darauf nach Karlsruhe.

Bevor der FC St. Pauli diese beiden Auswärtsreisen antritt, wollte ich die Auswärtsschwäche des FCSP etwas genauer beleuchten. Denn natürlich sind die bisher geholten zwei Punkte viel zu wenig, sie bedeuten Platz 18 in der Auswärtstabelle. Das bestätigt mal wieder mein (und wahrscheinlich unser aller) Gefühl, dass der FCSP schon seit Jahren auswärtsschwach ist. Aber stimmt das auch? Und woher kommt das eigentlich, dass Teams auswärts schwächere Leistungen zeigen als zuhause?

Phänomen Heimvorteil

Nicht nur im Fußball, nein, in sämtlichen Sportarten gibt es ihn, den Heimvorteil. Aber wieso eigentlich? Was sorgt dafür, dass Teams zuhause besser und/oder auswärts schlechter spielen? Ein Blick in die Wissenschaft zeigt erst einmal, dass es dazu unfassbar viele Studien gibt. Und dass das Phänomen abzunehmen scheint.

Hamburg, Deutschland, 29.10.2022 - Etienne Amenyido (FC St. Pauli) und Matthias Bader (SV Darmstadt 98) im Duell - Copyright: Stefan Groenveld
Zuhause ist es doch am schönsten – und auch einfacher zu gewinnen.
(c) Stefan Groenveld

Empirisch belegt

Seit Einführung der Bundesliga gibt es einen klaren Heimvorteil: In etwas mehr als 50% der Spiele gewinnt das Heimteam, Unentschieden und Auswärtssieg kommen jeweils auf knapp 25% (aus: Memmert und Raabe, 2017). Dies ist nicht nur in Deutschland so, es ist ein generelles Phänomen, welches zum Beispiel in England noch stärker ausgeprägt war (Pollard, 1986). Zudem gibt es das Phänomen nicht nur im Fußball, sondern auch in allen anderen Teamsportarten. Es ist aber im Fußball am stärksten ausgeprägt (Nevill und Holder, 1999).

Nun stellt sich natürlich die Frage, was genau zu diesem Heimvorteil führt. Mehrere Faktoren sind dabei vorstellbar und wurden teilweise auch schon durch einige Studien nachgewiesen. Wichtig ist, dass ein Heimvorteil auch zeitgleich meist einen Auswärtsnachteil darstellt. Allerdings muss teilweise unterschieden werden, dass Teams durch Faktoren in Heimspielen stärker werden und (das ist was anderes als Heimstärke) Teams durch Faktoren auswärts schwächer werden können.

Es gibt da eine ganz gute Zusammenfassung des Themas „Heimvorteil“ von Carron und Paradis (2014). Dort werden die Einflussfaktoren kurz und bündig dargestellt, die ich hier zusammenfasse, dabei aber teilweise noch um weitere Literatur ergänze:

Faktor Zuschauer

Starten wir gleich mal mit dem wohl spannendsten Faktor, weil wir uns das sowieso alle wünschen: Der FC St. Pauli ist heimstark, weil wir Zuschauer dabei sind und das Millerntor zu einer Festung machen. Zwar ist dieser Faktor der eine, der vermutlich am häufigsten genannt wird, aber Carron und Paradis stutzen ihn ziemlich zurecht und fassen den Einfluss der Zuschauer wie folgt zusammen:

  • Die reine Anzahl an Zuschauern im Stadion ergibt keinen Heimvorteil.
    Dieser Punkt steht im Kontrast zu einer Studie aus Australien: Demnach soll es zu einer knapp dreiprozentigen Steigerung des Heimvorteils bei einer zehnprozentigen Zunahme der Zuschauerzahl kommen (Goumas, 2014).
  • Die Zuschauerdichte führt zu einem Heimvorteil.
    Bedeutet also: Je voller das Stadion ist, umso erfolgreicher sind die gastgebenden Teams. Das passt sehr gut zu dem, was in einer Studie vom Spiegel erschienen ist. Dort wurden „bauliche Gegebenheiten“ als ein Einflussfaktor genannt, welcher z.B. die Heimstärke von Borussia Mönchengladbach erklären soll.
  • Das Zuschauerverhalten hat keinen Einfluss.
    Ein Punkt, den Carron und Paradis zwar anführen, aber auch mehr oder weniger gleich wieder kassieren. Denn sie schreiben, dass es hierzu sehr kontroverse Studien gibt und diese befassen sich zumeist mit psychologischen Aspekten, also dem Einfluss, den Zuschauer auf Spieler und Schiedsrichter nehmen. Was mehr oder weniger direkt zu einem der interessantesten Faktoren führt:

Faktor Schiedsrichter

Na klar, ihr kennt ihn sicher, den „Bayern-Bonus“. Der Rekordmeister wird von der Schiedsrichter-Zunft bevorteilt, das ist sogar wissenschaftlich belegt (veröffentlicht von Schewe et al., 2012). Aber werden auch Heimteams generell bevorzugt? Die Wissenschaft sagt „Ja“:

Der Grund für diesen Heimvorteil sollen die Zuschauer sein. Die Lautstärke und auch die Art des Lärms, den die Zuschauer bei kritischen Spielsituationen erzeugen, beeinflusst Schiedsrichter massiv. Sie sollen laut Nevill et al. (2002) um knapp 16% seltener auf Foul gegen das Heimteam entscheiden, im Vergleich zu einer Labor-Situation ohne Zuschauer-Lärm (es gibt unzählige weitere Studien dazu, die alle mehr oder weniger zum gleichen Ergebnis kommen).

Hamburg, Deutschland, 14.10.2022 - Schiedsrichter Deniz Aytekin zeigt Sebastian Schonlau (Hamburger SV) im Spiel gegen den FC St. Pauli die Rote Karte- - Copyright: Peter Boehmer
Platzverweis für die Gäste – Hätte es den auch für das Heimteam gegeben?
(c) Peter Boehmer

Zuschauer-Einfluss doch massiv?

Diese „Labor-Situation“ wurde durch Covid-19 gezwungenermaßen zuletzt auch direkt ins Stadion gebracht und so konnten zumindest die Studien mal richtig validiert werden. Unter anderem kam dabei heraus, dass der Heimvorteil durch Schiedsrichter-Entscheidungen ohne Zuschauer wegfällt und es auch allgemein einen deutlich geringeren Heimvorteil gibt (Sors et al., 2020).

Die verlinkte Studie kommt also zu dem Ergebnis, dass Fans einen ziemlich signifikanten Einfluss auf das Spielgeschehen haben. Das finde ich einen ziemlich schönen Gedanken, dass sich das Gesinge, Gehüpfe, teilweise auch Gepöbel und allerlei Lärm für das Heimteam lohnt und man seine Farben tatsächlich signifikant nach vorne bringen kann.
Allerdings, bevor wir hier zu romantisch werden, haben Sanchez und Lavin (2020) gezeigt, dass der Unterschied zwar vorhanden, aber gar nicht so groß ist.

Aber wie können Zuschauer und das Stadion die eigenen und gegnerischen Spieler beeinflussen? Ein Faktor dürfte ein hormoneller sein: Neave und Wolfson (2003) haben gezeigt, dass Spieler vor einem Heimspiel einen höheren Testosteronwert haben als vor einem Auswärtsspiel. Ebenfalls zeigen konnten sie übrigens, dass der Wert auch erhöht ist, wenn ein Duell gegen Rivalen (Derby, etc.) ansteht. Grund für die Ausschüttung von Testosteron sei ein gewisses „Revierverhalten“ der Spieler.

Viel schwieriger nachzuweisen, aber sicher auch mindestens ebenso wichtig, sind weitere psychologische Faktoren. Nicht umsonst betonen Profis immer wieder, wie sehr die eigenen Zuschauer sie zu Höchstleistungen pushen. Es ist also davon auszugehen, dass es hier im Bereich „Motivation“ einen Effekt gibt. Und auch der „Wohlfühlfaktor“, wenn sich Spieler in gewohnter Umgebung bewegen, muss als möglicher Faktor für den Heimvorteil beachtet werden.

Faktor Stadion und Ort

Eher seltener wird in den Studien betrachtet, wie Auswärtsteams durch die Stadien und auch die Anreise beeinflusst werden. Einen interessanten Aspekt haben van Damme und Baert (2019) herausgearbeitet: Je höher die Stadien liegen, umso größer ist der Heimvorteil. Um knapp mehr als ein Prozent soll sich dieser Wert pro 100 Meter Höhenunterschied verschieben. Das höchstgelegene Stadion im deutschen Profifußball ist das des 1. FC Heidenheim (555m ÜNN – also gut 500m höher gelegen als das Millerntor). Wie heimstark sie sind, werden wir später noch sehen.

Auch bauliche Eigenschaften sollen einen Einfluss haben. Die baulichen Gegebenheiten in Mönchengladbach, die eine besondere Nähe zum Spielfeld bedingen, hatte ich ja bereits angeführt. Zudem wurde gezeigt, dass gastgebende Teams in Stadien mit einer Laufbahn weniger erfolgreich sind, als Teams in „reinen“ Fußballstadien (Goumas, 2014).

Wie groß der Einfluss von Zuschauern in Stadien auf den Heimvorteil ist, zeigten Geisterspiele als „nature experiment“.
(c) Peter Boehmer

Faktor Auswärtsreise

Zwar von abnehmender Bedeutung, aber nicht zu verachten, ist der Faktor der Anreiselänge. Im US-Sport gilt die Faustregel „traveling west is best“, wenn es auf Auswärtsfahrt geht, da so mit der Zeit gereist wird. Dieser Einfluss wurde laut Carron und Paradis (2014) auch klar nachgewiesen, vor allem dann, wenn es sich um sehr lange Auswärtsfahrten, teilweise über mehrere Zeitzonen, handelt. Weniger deutlich ist der Effekt, wenn die Auswärtsfahrten kürzer sind, wenngleich er nicht komplett ausgeschlossen werden kann (die Studienergebnisse sind sehr unterschiedlich). Und grundsätzlich nehme dieser auch aufgrund von höherem Reisekomfort ab.

Fassen wir zusammen: Die Zuschauer, die baulichen Gegebenheiten des Stadions und das Revierverhalten von Spielern sind große Einflussfaktoren auf den Heimvorteil. Es dürfte noch viele weitere Einflussfaktoren geben, deren Unterteilung aber schwierig ist. Sicher ist aber, dass der Heimvorteil inzwischen etwas abgenommen hat, was unter anderem mit den Reisen, aber auch zum Beispiel mit verbessertem Schiedsrichter-Wesen zu erklären sein dürfte.

FC St. Pauli nur marginal auswärtsschwach

So. Eigentlich wollte ich mich nur kurz mit dem Thema Auswärtsschwäche des FC St. Pauli befassen. Dann habe ich mich aber gefragt, woher es eigentlich kommt, dass Teams einen Heimvorteil haben. Und so kam dieser „kurze“ Überblick zustande. Nun also zurück zur Frage der Auswärtsschwäche. Auch die ist aber nicht so trivial zu beantworten. Denn es muss erst einmal geklärt werden, was per Definition „auswärtsschwach“ bedeutet.

Eigentlich ist die Sache klar, sollte man denken: Wenn ein Team auswärts häufig verliert, dann ist es auswärtsschwach. Aber wenn ein Team zuhause auch häufig verliert, dann ist es nicht mehr auswärtsschwach, sondern allgemein schwach. Bedeutet im Umkehrschluss: Nur weil der FC Bayern München auswärts viele Spiele gewinnt, ist er nicht auswärtsstark. Die Ergebnisse müssen in Relation zu den Heimspielen betrachtet werden, um tatsächlich eine Schwäche auf fremden Plätzen nachzuweisen.

Daher gibt es eine Berechnungsgrundlage, die Pollard (1986) erstmals genutzt hat: Es wird geschaut, wie viele Punkte Teams zuhause und auswärts holen. Daraus ergibt sich ein Prozentwert, der auf beides hindeuten kann, Heimstärke oder Auswärtsschwäche (oder eben keines von beidem). Für die zweite Liga seit der Saison 2011/2012 (alle Teams, die vier oder mehr Saisons in dem Zeitraum dort gespielt haben) ergibt sich dabei folgende Tabelle:

ClubPunkte HeimPunkte Auswärts
1. FC Union Berlin64,8%35,2%
Erzgebirge Aue63,6%36,4%
1. FC Heidenheim61,7%38,3%
Eintracht Braunschweig60,5%39,5%
Dynamo Dresden60,1%39,9%
Hannover 9659,8%40,2%
FC St. Pauli59,7%40,3%
1. FC Kaiserslautern59,5%40,5%
SpVgg Greuther Fürth59,4%40,6%
SSV Jahn Regensburg58,2%41,8%
SV Sandhausen58,1%41,9%
VfL Bochum57,8%42,2%
SV Darmstadt 9857,6%42,4%
Karlsruher SC56,6%43,4%
Hamburger SV56,6%43,4%
1860 München56,5%43,5%
MSV Duisburg56,3%43,7%
Holstein Kiel56,1%43,9%
Fortuna Düsseldorf55,6%44,4%
Arminia Bielefeld54,8%45,2%
1. FC Nürnberg53,2%46,8%
SC Paderborn53,2%46,8%
FC Ingolstadt50,0%50,0%

Union Berlin zuhause stark

In jedem Fall einen Hinweis auf Heimstärke liefert diese Tabelle im Fall von Union Berlin, die fast 65% ihrer Punkte zuhause geholt haben. Das setzt sich noch deutlicher in der ersten Liga fort, wo sie in den letzten zwei Jahren überhaupt nur zweimal zuhause verloren haben (je einmal gegen den BVB und FCB).
Auf den Plätzen zwei und drei folgen mit Aue und Heidenheim zwei Teams deren Stadien verhältnismäßig hoch liegen (Aue: ~350m üNN; Heidenheim: 555m üNN), welches an sich ja einen Heimvorteil ergeben soll. (Und alle, die schonmal vom Millerntor aus mit dem Fanladenbus gen Heidenheim oder Aue aufgebrochen sind, dürften nun sicher laut aufschreien, dass die Länge dieser Auswärtsreise sehr wohl einen Einfluss haben dürfte.)

Von 23 Teams, die in dieser Statistik auftauchen, belegt der FC St. Pauli den siebten Platz, wenn es um den prozentualen Anteil der zuhause geholten Punkte geht. Bedeutet im Umkehrschluss: Platz 17 von 23 bei auswärts geholten Punkten. Ein Hinweis also auf besondere Heimstärke bzw. Auswärtsschwäche.
Denn der prozentuale Anteil zeigt, dass der FCSP leicht weniger Punkte auswärts holt als der Durchschnitt (40,3% vs. 42,4%). Aber wie sieht das in Punkten aus?

Grundsätzlich holt der FCSP deutlich mehr Punkte zuhause (was auch bei anderen Teams üblich ist): In neun von elf Zweitligajahren ist das der Fall gewesen. Die größten Diskrepanzen gab es in der Saison 19/20 (Heim: 30 Punkte, Auswärts: neun (!) Punkte), 14/15 (Heim: 27, Auswärts: 10), 12/13 (Heim: 29, Auswärts: 14) und 11/12 (Heim: 39(!), Auswärts: 23). Auch die letzte Saison, mit 37 Punkten zuhause und nur 20 auswärts zählt da mit rein. Es gab aber auch zwei Jahre, in denen der FCSP mehr Punkte auswärts als zuhause holte (13/14 + 16/17).

FCSP leicht unterdurchschnittlich

Durchschnittlich holte der FC St. Pauli auf fremden Plätzen in den letzten elf Zweitligajahren 19,2 Punkte pro Saison. Das ist knapp unterm Durchschnitt von 19,6 Punkten den alle 23 aufgelisteten Teams haben. Dabei gibt es Highlights wie Bielefeld 19/20 mit 34 Auswärtspunkten oder Fürth 20/21 mit 33 Punkten auf fremden Plätzen. Besonders frustrierend dürften Auswärtsfahrten für Fans des SV Sandhausen in der Saison 20/21 gewesen sein (sofern diese denn erlaubt waren): Das Team verlor 16 von 17 Spielen und holte so nur drei Punkte.

Diese Datenspielerei zeigt also, dass der FC St. Pauli auf fremden Plätzen eine leicht unterdurchschnittliche Punkteausbeute vorzuweisen hat. Von einer eklatanten Auswärtsschwäche kann dabei aber nicht gesprochen werden. Das Gefühl, welches wir alle haben, dürfte sich eher ein wenig dadurch verstärken, dass der FCSP zuhause etwas mehr Punkte als der Durchschnitt holt (28,4 pro Saison vs. 26,8).

Hamburg, Deutschland, 14.102022 - Die Spieler des FC St. Pauli feiern einen eigenen Treffer im Spiel gegen den Hamburger SV. Copyright: Stefan Groenveld
„Niemand siegt am Millerntor!“ als Grund für die gefühlte Auswärtsschwäche?
(c) Stefan Groenveld

Und das Gefühl dürfte sich auch dadurch verstärken, dass der FC St. Pauli auswärts eher in Intervallen punktet. Denn Durststrecken wie die jetzige auf fremden Plätzen sind dem Team nicht unbekannt: So wurde zum Beispiel zwischen März 2019 und Januar 2021 nur ein einziges Auswärtsspiel gewonnen – eine erschreckende Serie, wenngleich der Derbysieg am 22. Februar 2020 umso schöner war (die Anreiselänge hat sich dabei in Grenzen gehalten). Auch von April 2014 bis März 2015 (ein unfassbar wichtiger Sieg bei den so heimstarken Braunschweigern, allerdings ein Stadion mit Laufbahn, beendete die Serie) wurde nicht gewonnen. Nun also bereits wieder so eine lange Wartezeit: Seit Februar diesen Jahres hat der FCSP nicht mehr auswärts gewonnen.

Steinchen werden umgedreht

Ich gebe zu, dieser Artikel ist auf dem Weg zur Antwort nach der aktuellen Auswärtsmisere des FC St. Pauli massiv ausgeartet. Und auch wenn die Zahlen auf größerer Skala zeigen, dass der FCSP nicht viel schwächer auf fremden Plätzen ist als andere Teams und die Wissenschaft erklärt, dass dies allen Teams in gewisser Weise so geht, so kann das eben nicht über die mageren zwei Punkte auf fremden Plätzen in dieser Saison hinwegtäuschen.

Entsprechend habe ich auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf mal etwas genauer nachgefragt wie Timo Schultz die Bilanz auswärts bewertet, was die Gründe dafür sein könnten und was er mit seinem Team dagegen unternimmt. Er sagte, dass in den Abläufen rund um das Auswärtsspiel Dinge verändert und getestet werden, um „die Jungs aus ihren gewohnten Abläufen rauszuholen“, aber auch, dass geschaut wird, wie die Herangehensweise auf dem Platz verändert werden kann.

FCSP = ein Kindergarten?

Schultz betont aber, dass Auswärtsspiele in dieser Saison teilweise eine „negative Dynamik angenommen“ hätten oder sich das Team nicht belohnte für gute Leistungen. Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Zusammensetzung: Sein Team sei noch jung und „vielleicht falle es ihnen dadurch schwerer, auswärts gerade nach Rückschlägen zurückzukommen“. Zuhause falle es dem Team in solchen Momenten leichter, aufgrund der Zuschauer im Rücken, wie Schultz erklärt (und aufgrund vieler weiterer Faktoren, wie wir jetzt wissen).

Update:
Auch das Hamburger Abendblatt (€) ist der Frage nach der Auswärtsschwäche nachgegangen und hat bei Daniel Memmert nachgefragt (der dabei gleich mal den Einfluss der Zuschauer als gering einstuft – was ich natürlich anfechten möchte), von dem ich in diesem Text bereits eines Studie verlinkt habe. Er erklärt die Auswärtsschwäche auch mit dem Verhalten der Gästespieler: „Das Auftreten in Auswärtsspielen kann man mit Kindern vergleichen, die bei Freunden zum Spielen eingeladen sind“, sagt Memmert. „Die sind in der Regel zurückhaltender, wenn sie sich in einer fremden Wohnung aufhalten. Sie wirken zögerlicher und unsicherer als zu Hause. Das ist ein normaler menschlicher Charakterzug.“ Auch „negative Erfahrungen“ können die Körpersprache beeinflussen, erklärt Memmert. Das alles würde dazu passen, dass Schultz das Alter seines Teams bei dem Thema hervorhebt.

Es ist also alles andere als einfach. „Den konkreten Ansatzpunkt haben wir nicht“ sagt Schultz dann auch entsprechend und das wäre auch verwunderlich, wenn es so wäre. Sicher ist, dass der FC St. Pauli die Auswärtsmisere irgendwie zeitnah beenden muss, damit die Winterpause auf einem halbwegs beruhigendem Tabellenplatz verbracht werden kann. Vielleicht helfen da die knapp 3.500 FCSP-Fans, die in Düsseldorf dabei sein werden. Denn, zumindest das ist jetzt klar, diese können auch auswärts einen großen Einfluss auf das Spiel nehmen.
// Tim

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11 thoughts on “Die Auswärtsschwäche des FC St. Pauli

  1. Moin Tim,

    das neuerliche Fleißsternchen hast Du Dir absolut verdient. Respekt!

    Einige Anmerkungen/Überlegungen:

    Bei anderen Sportarten ist der Heimvorteil nicht so ausgeprägt, schreibst Du. Das liegt sicherlich auch mit daran, dass Fußball die wohl „ungerechteste“ Sportart ist. Eine einzige Spielsituation kann entscheiden. Beim Handball sind es Dutzende, beim Basketball und Volleyball weit über 100 Punktsituationen. Da setzt sich die bessere Mannschaft in der Regel am Ende auch durch, wie an den Tabellen recht gut ablesbar ist. Spitzenreiter in diesen Sportarten haben selten mehr als zwei oder drei Spiele verloren. Zu Hause wird allenfalls knapper verloren.
    Oder anders ausgedrückt: Wohl niemand wird behaupten, dass bei der EM 2004 mit Griechenland die beste Mannschaft des Turniers war. Das führt andererseits dazu, dass auch kleine Abweichungen (z.B. bei Schiedsrichterentscheidungen) recht große Auswirkungen haben können.

    Der Heimvorteil kommt womöglich auch daher, dass man sich im eigenen Stadion eben wohler fühlt, weil man es eben besser kennt. Sozusagen jeden Grashalm.

    Die Höhenlage der Stadien würde ich nur sehr bedingt mit ins Spiel bringen. Ein Punkt ist eher, dass Stadien wie in Aue, Heidenheim oder Sandhausen in einer sehr ländlichen Umgebung liegen, abseits der umtriebigen Städte. Hatte nicht früher mal einer gesagt, dass Mannschaften, die nach Vestenbergsgreuth kommen, erst mal einige Kilometer übers Dorf fahren müssen und den Gegner dann nicht mehr ganz so ernst nehmen?

    Interessant wäre noch der Einfluss von Spielerprotesten auf Schiedsrichterentscheidungen. Hat zwar nur indirekt mit dem Thema zu tun, doch mein Bauch sagt mir, dass brave Mannschaften in der Regel eher benachteiligt werden. Und vielleicht wird zu Hause auch gerne heftiger reklamiert – gemeinsam mit dem Publikum.

    Führt aber alles auch nicht zum Ziel, weshalb unser Team im Moment eine so schwache Punktausbeute auf fremden Plätzen hat.

    1. Moin Winnie,
      danke für den Kommentar. Das mit der „Wohlfühloase“ Millerntor wollte ich in den Text schreiben, aber ist irgendwie verschütt gegangen. Ich habe das nach deinem Kommentar mal ergänzt.
      Der Einfluss von Schiesdrichter-Entscheidungen aufgrund der geringen Anzahl an Toren ist auf jeden Fall ein sehr interessanter Ansatz, um die Unterschiede des Heimvorteils in versch. Sportarten zu erklären. Da gehe ich mit.

    2. Moin Tim,
      Vielen Dank für deine Analyse. Die geäußerte These und insbesondere den Vergleich mit Kindern, von Herrn Memmert halte ich aber für mehr als undurchdacht:
      1. Ist das Verhalten von Kindern in fremden Wohnungen etwas sehr individuelles. Das als Schnittmengenvergleich zu verwenden wirkt eher wie eine ungeglückte Metapher
      2. Haben Profifußballer das Erlebnis „Auswärtsspiel“ bereits hunderte Male während ihrer „Fußballsozialisation“ erlebt, waren teilweise diverse Male in den Stadien. Hinzu kommt, dass gerade Profifußballer deutlich größere Erfahrungen mit Stresssituationen aller Art gesammelt haben und daraufhin trainiert werden.

      Da stellt sich mir die Frage welche Gemeinsamkeiten mit dem Kind in einer fremden Wohnung am Ende bleiben um es als ernsthaften Vergleich zu wählen.

      1. Es gibt übrigens auch eine Studie, die beschreibt, wie sich der Heimvorteil verändert, wenn Spieler in Stadien selten zu Gast sind und andersrum einen Gewöhnungseffekt haben.

  2. Vielen Dank für die Analyse! Apropos Faneinfluss frag ich mich, ob der Umstand, dass St. Pauli bei vielen Ultras anderer Vereine nicht gerade beliebt ist, einen großen Einfluss auf die jüngeren Spieler hat. Zuhause gehen diese meist unter, aber auswärts kann das Überhand nehmen. Eben unter der Bedingung, dass St. Pauli unterdurchschnittlich beliebt bei anderen Fan- bzw. Ultra-Gruppierungen ist.

    Nochmals herzlichen Dank für den Artikel und gerne weiter so!

  3. Jetzt habe ich gerade eine Theorie entwickelt, warum italienische Mannschaften auswärts so unangenehm sind. Aber was das mit dem Testosteron zu tun hat und wie ich diesen tollen Artikel dazu verwenden konnte, lasse ich im Dunkeln…. 😉

  4. Hallo Tim,
    vielen Dank für diesen Artikel. Ich wollte die letzten Wochen schon immer mal nachfragen, ob es zu der Auswärtsthematik einen eigenen Artikel gibt. Der hat auf jeden Fall schon einmal weiter geholfen, die „Auswärtsschwäche“ einzuordnen. Interessieren würde mich noch, ob es Statistiken dazu gibt, wie sich die Leistungen in der Fremde im Gegensatz zu Heimspielen darstellen. Also nicht rein auf der Ergebnis bezogen, sondern bezüglich der Parameter, die du sonst bei den Spielen betrachtest (Sprints, abgefangene Bälle, Zweikämpfe, Torschüsse, gelaufene Kilometer…). Kann man da bestimmte Punkte finden, die auswärts schlechter sind (z. B. die Zweikampfquote)?

    1. Ja, die gibt es: Die Anzahl der Torschüsse zum Beispiel sind grundsätzlich höher, Auswärtsteams haben weniger Ballbesitz und noch einige weitere Statistiken sind bei Heimteams anders. Grundsätzlich würde ich das aber auch eher auf die Spielweise beziehen. Auswärtsteams haben ja eher einen passiven Spielansatz, welcher dann eben weniger Abschlüsse/Ballbesitz bedingt.

  5. Stellt sich mir die Frage, warum Auswärtsteams einen eher passiven Spielansatz wählen.

    Wird er ihnen durch die Heimstärke des Gegner quasi aufgezwungen, oder wählen sie ihn schon vor Spielbeginn bewusst, da es sich ja um ein Auswärtsspiel handelt und sie wissen, dass sie in der Fremde generell weniger Punkte holen und der Gegner zuhause mehr. Erzielen sie dann auswärts weniger Punkte, weil es eine generelle Diskrepanz zwischen Auswärtsspielen und Heimspielen gibt, oder weil sie einen passiveren Spielansatz wählen als in Heimspielen.

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